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Erinnerungen an eine inspirierende Kämpferin

Jana Hrda und Ilja Seifert bei einer Demonstration
Jana Hrda und Ilja Seifert bei einer Demonstration
Foto: André Nowak

BERLIN (KOBINET) Anstelle eines Nachrufs, den sie nicht wollte, hat Ilja Seifert ein paar Erinnerungs-Splitter an Jana Hrda aus Prag verfasst, die am 5. August 2014 verstarb und auch in Deutschland bekannt war.

Eine inspirierende Kämpferin

von Ilja Seifert

"Ach, Ilja, Dir verzeihen wir doch alles. Sogar, daß Du Kommunist bist." Diese Worte sagte Jana Hrda während einer großen Informationsveranstaltung des Europäischen Behindertenforums (EDF) in Prag. Es war ein Jahr vor dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union. Zu diesem Zeitpunkt waren Jana und ich schon mehr als ein Jahrzehnt lang gut befreundet. Der Saal war mit über hundert Interessierten voll besetzt. Jana lag in ihrem Rollstuhl ganz hinten im Raum, damit ihre Wärmedecke an eine Steckdose angeschlossen werden konnte. Ihre Stimme erschallte bekanntlich nicht sehr laut. In diesem Moment drang sie jedoch klar und deutlich an jedermanns Ohr. Mir war damit die ungeteilte – und wohlwollende – Aufmerksamkeit der Anwesenden sofort in den Schoß gelegt. Janas Autorität "adelte" mich augenblicklich. Dabei hatte ich meine Rede nur mit der Bemerkung eingeleitet, daß ich versuchen würde, tschechisch zu reden. Alle anderen EDF-Vertreter, die vor mir sprachen, taten das in Englisch. Und ich fügte hinzu: "Ich hoffe, daß Sie mir sprachliche Fehler verzeihen."

Seinerzeit war ich schon etliche Jahre lang sowohl Abgeordneter der LINKE (vorher PDS) im Deutschen Bundestag als auch innerhalb der emanzipatorischen Behindertenbewegung in Deutschland und der EU aktiv. Kennengelernt hatten wir uns Anfang der 90er Jahre in den Räumen der Prager Organisation der Rollstuhlfahrer (POV). Ich weilte damals häufiger in der Tschechischen Republik, um Erfahrungen auszutauschen. Janas Engagement für die persönliche Assistenz zeigte einige Besonderheiten, die wir in Deutschland so nicht kannten. Dennoch gab es viele Übereinstimmungen in den Grundsätzen: Selbstbestimmung, klare Entscheidungsbefugnisse bei der behinderten Person, Unabhängigkeit von Institutionen (Heimen). Von mir wiederum erfuhr sie viel über barrierefreie öffentliche Toiletten für Alle. Der Versuch, sie auch in Prag zu etablieren, scheiterte leider. Aber im Mai 2009 – während der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft, die unter dem Motto "Europa barrierefrei" stand – inspizierte sie eine dieser High-Tech-City-Toiletten sehr gründlich. Und sie war begeistert, denn selbst mit ihrem sehr langen Rollstuhl konnte sie sie gut benutzen. Anlaß ihres Berlin-Besuchs war eine große Demo des Berliner Behindertenverbandes (BBV), dessen Vorsitzender ich damals war, vor dem Brandenburger Tor. Dort hat auch die EU ihr Informationsbüro. Wir bildeten eine Menschenkette, in die auch Jana sich einreihte, und reichten einen symbolischen Euro-Schlüssel von dieser City-Toilette zum EU-Büro weiter. Dort nahm ihn der amtierende Büroleiter in Empfang. Unsere Forderung lautete: Barrierefreiheit für alle und überall!

Obwohl Jana mich für einen Kommunisten hielt, vertiefte sich nicht nur unsere persönliche Freundschaft – immerhin verbrachten wir mehrere Urlaube gemeinsam –, sondern wir ergänzten uns auch mehrfach als Dozenten an der Prager Karls-Universität. Insgesamt viermal unterrichteten wir je ein ganzes Wochenende (2 x 8 Stunden) gemeinsam. Beim ersten Mal besuchten etwa 40 Studentinnen und Studenten unser Seminar. Zuletzt wuchs ihre Anzahl auf über 60 Interessierte an. Janas Lehr-Methode war von Akkuratesse, Faktenwissen und klassischen Vortragsmodulen – in die sie gelegentlich Fragen einflocht – geprägt. Ich hingegen ziehe dialogische Didaktik vor. Ich provoziere mit Fragen oder Behauptungen. Und im Dialog mit den Studenten erarbeiten wir Standpunkte und Meinungen. Janas Ethik wurzelte tief in der christlichen Religion, meine ist aufklärerisch geprägt. Das Zusammenspiel beider Methoden erwies sich als sehr erfolgreich. Noch Jahre später – das erzählte Jana mir im vergangenen Jahr während des gemeinsamen Urlaubs – betonte beispielsweise eine unserer Studentinnen voller Stolz, daß sie aus unseren Lehrveranstaltungen viel klüger herausging als sie hineingekommen war. Sie war inzwischen zu einer leitenden Angestellten in einer ambulanten Behinderteneinrichtung avanciert, die zufällig von Jana inspiziert und – wohl weniger zufällig? – für gut befunden wurde. Was kann einer Lehrerin Besseres geschehen, als Jahre später die Früchte ihrer Arbeit so gedeihen zu sehen?

Ohne Worte sich verstehen.
Scheiden ohne bösen Blick.
Nähe über hundert Meilen.
Du liegst dort, Gedanken eilen
Mir voraus, bei Dir zurück.
Abschied heißt: sich nicht mehr sehen.

Ich verlor mit Jana Hrdas Tod eine gute Freundin. Die Tschechische Republik verlor eine (leise) Kämpferin. Die Welt verlor eine inspirierende Persönlichkeit.

BERLIN (KOBINET) Kategorien Nachrichten

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/seklo26