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Paarungszeit

Harald Reurshahn
Harald Reurshahn
Foto: hjr

UNBEKANNT (KOBINET) Ein kleines Kaleidoskop zum Frühlingserwachen mit einigen aktuellen Anspielungen auf Sonnenwinkel im Auge, über die Gefühligkeit der Lebens- und der Liebeslust, die knospt und erblüht auf sonnenseligen Himmelskörpern. Gleichwohl wollen manche Menschen schöner, schneller oder effizienter werden. Die Selbstoptimierung kommt in Mode. Schönheitsdiktate und Modestandards machen uns zu Mängelwesen, deren gegenwärtiges Fortpflanzungsgemurkse die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff für widerwärtig erklärt.

Beschnuppern, sich bezaubern lassen, gefühlig behutsam berührt sein, kosen, das ist schön und wundervoll – und es geht auch ohne Eierlegen. Gleich ob Männchen oder Weibchen, egal, wie eigentlich auch immer wir zusammen passen mögen, so möchten wir uns nun gerne zusammen begegnen lassen, "von niemandem gesehen freilich als von dem, dessen kühne Zunge die Weinbeere der Lust am zarten Gaumen zu sprengen wisse", wie es der Dichter der englischen Romantik John Keats Anfang des 19. Jahrhunderts nannte.

"Fliegen lass die Phantasie,
Denn daheim sind Wonnen nie."

Der Frühling begann in diesem Jahr am 20. März, dem "Tag des Glücks", der vor zwei Jahren von der UNO in die Welt gesetzt wurde. "Glück ist Pflicht. Wer nicht reich, gesund, erfolgreich, schlank und pumperlglücklich ist, hat zu wenig an sich gearbeitet, hat vielleicht gemeint, mit der Selbstoptimierung könne er auch noch nach den Osterferien anfangen", schrieb die Badische Zeitung. "Und jetzt gilt es unerbittlich, glücklich zu sein – bis ins Grab."

Um das zu bewerkstelligen, wollen manche Menschen schöner, schneller oder effizienter werden. Die Selbstoptimierung kommt in Mode. Es gibt Leute, für die ist die Verbesserung ihres Ichs zu einem systematischen Projekt geworden. Dazu gibt es inzwischen Apps für's Smartphone. Mittlerweile ist daraus eine Bewegung geworden: Morgens nach dem Aufwachen schaut man als Erstes auf sein Smartphone. Das hat nämlich in der Nacht die Schlafbewegungen gemessen, und die App zeigt einen Überblick über die Qualität der Nachtruhe an. Wie oft hast du unruhig geschlafen oder dich im Bett herumgedreht? Dein Smartphone zeichnet das auf und weckt dich zu der Zeit, die für dein Glück günstig ist. Dann kannst du dich auch gleich auf die Waage stellen, deinen Blutdruck messen und danach deinen Blutzucker. Deinem Smartphone machst du natürlich auch Angaben über Essen und Trinken, über deinen Stuhlgang, und wenn schon denn schon, natürlich auch ganz intim über dein Sexualleben: deinen Geschlechtsverkehr, wie oft du dich selbst befriedigst und wann du einen Orgasmus hattest. Am Tag gibst du deinen Kaffeekonsum ein, mehrmals am Tag fragt eine App nach deiner Stimmung. Ein lächelnder und ein schmollender Smiley stehen zur Auswahl, den klickst Du je nach Gemütslage an. Und wenn du dann auch noch von einem automatischen Schrittzähler unter deinen Schuhsohlen deine zu Fuß zurückgelegten Wegstrecken messen lässt, wirst du im Display deines Smartphones mit erstaunlichen Auswertungen beliefert, wie z.B. "Ich bin schlecht gelaunt, weil ich in der Mittagspause zu selten onaniere". Und dein Lebenslauf wird sich lesen wie die Bedienungsanleitung einer multifunktionalen Küchenmaschine. Nichts kann jemanden stoppen, der auf dem Weg zu sich selbst ist, sagt der Werbeslogan für eine Kette von Fitness-Studios.

"Ich veröffentliche einige meiner Gesundheitsdaten auch bei Twitter", teilte ein Mathematiker der Rheinischen Post mit. "Wenn die Werte schlecht sind, ruft mich meine Mutter sofort an." Das Vergleichen mit den Daten anderer könne motivieren, selbst mehr an sich zu arbeiten, ähnlich wie im Sport. Da seien es schließlich auch die Laufzeiten, Sprunghöhen oder Torzahlen anderer, die den Ausschlag geben, zu sagen: Das kann ich noch besser.

Wir sollten einmal die Masken abnehmen. Was würden wir sehen?

"Überall optimierte Körper - auf Bildschirmen, auf Plakaten und auf Covern. Schönheitsdiktate und Modestandards machen uns zu Mängelwesen mit kaum noch präsentablen Körpern", berichtete gestern Abend der Südwestrundfunk in dem Radioessay "Wie der Körper immer schöner wurde und ihm dabei die Utopie abhanden kam". Zwar sei unsere Gesellschaft seit den 1968er-Jahren zunehmend entspannter geworden, im Körperlichen aber umso unerbittlicher. Ein unsichtbares Korsett von Fitnessregeln, "self-tracking" und Kontrollblicken schließe uns ein. "Ein schöner Körper ist kein Ideal mehr, sondern ein Muss. Der Körper im Zeitalter seiner totalen Verfügbarkeit funktioniert, hält sich fit, ernährt sich gesund und wird immer profaner."

Das Glück sei ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd, welches schneller flieht, als dass man es festhalten könnte, sagte am 2. März Sibylle Lewitscharoff in der Veranstaltungsreihe "Dresdner Reden 2014" des Staatsschauspiels Dresden und der Sächsischen Zeitung. Die Literaturpreisträgerin hatte sich wutschäumenden Protesten entgegengesehen, weil sie radikal die Reproduktionsmedizin kritisierte. Im weitesten Sinne geht es in dieser Medizin um die künstliche Erzeugung und Manipulation von Lebewesen.

Ihr erscheine das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse widerwärtig, sagte Lewitscharoff, und sie kritisierte scharf die Spätabtreibungen von voraussichtlich behinderten Kindern: "Solche Abtreibungen sind bis zu einem sehr späten Zeitpunkt gestattet, wo ein Embryo regelrecht geschlachtet werden muss, um ihn aus dem Leib der Mutter zu entfernen." Grotesk werde es spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, in denen sich Frauen Spermien aus einem Katalog verschaffen, worin die Rasse und gewisse körperliche Merkmale sowie soziale Eigenschaften des anonymen Samenspenders verzeichnet sind.

Solches geschieht im Geiste der vermeintlichen Optimierung von Glück durch Vermeidung von Unglück. Lewitscharoff: Eltern behinderter Kinder bekommen "es obendrein mit einer scheeläugigen Gesellschaft zu tun, in der die Leute hinter vorgehaltener Hand einander zuraunen: So etwas ist heute aber wirklich nicht mehr nötig!"

Sibylle Lewitscharoffs Rede im Wortlaut: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/download/18986/dresdner_rede_sibylle_lewitscharoff_final.pdf

"Ich sehe Millionen von Menschen zugrunde gehen, auf Grund einer Logik, die deshalb entmenscht ist, weil sie die Bedürfnisse der von den Menschen produzierten Verhältnisse wichtiger nimmt als die Bedürfnisse der Menschen selbst. Die Bedürfnisse der Verhältnisse sind komplex, die der Menschen simpel." (Robert Menasse)

 

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scdtv15