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Erneuerbare Energien für eine inklusive Gesellschaft

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: hr

FRANKFURT AM MAIN (KOBINET) Die Kolumne im Mai befasst sich nicht mit dem Steuerbetrug des Herrn Ulrich Hoeneß. Denn es geht nicht um Gut oder Böse. Sondern was sich da beim genaueren und ehrlichen Hinschauen abbildet, das ist die herrschende gesellschaftliche Wirklichkeit des außer Rand und Band geratenen Finanzkapitalismus, der Armut und soziale Ungleichheit produziert. Diese zerstörerischen Kräfte der exklusiven Gesellschaft sind soziale Klimakiller. Sind dagegen Solidarität und Gemeinsinn Wachstumsbremsen oder erneuerbare Energien für ein soziales Gesellschaftssystem?

Großer Sport ist das nicht. Denn Sport ist Fairness und Ehrlichkeit, was gerechte Regeln für alle voraussetzt. Sportlichkeit definiert sich über die Einbindung in "soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten", wie es im Sportwissenschaftlichen Lexikon von Peter Röthig und Robert Prohl heißt. In den oberen Ligen der Gesellschaft herrschen jedoch andere Regeln. Da geht es um das große Geld und um die Profite einer exklusiven Gesellschaft. Geht es da etwa um sonst noch etwas? Nein.

Es wäre nun aber falsch, sich von dem umhergeisternden Glauben hinreißen zu lassen, dass es in einer Gesellschaft die guten und die bösen Menschen gäbe. So einfach ist es nicht. Denn dann müssten bloß die Guten über die Bösen siegen, und alles wäre gut. Böse sind immer die anderen. Wenn nun aber die anderen nicht immer die Bösen sind, wer sind dann die anderen?

Was sich da beim genaueren und ehrlichen Hinschauen abbildet, das ist die herrschende gesellschaftliche Wirklichkeit des außer Rand und Band geratenen Finanzkapitalismus. Der Finanzkapitalismus ist ein System. Und wie in jedem Gesellschaftssystem sind die Probleme systemisch. Jedes Gesellschaftssystem hat seine Struktur aus inneren Wertmaßstäben, Ordnungsprinzipien und den daraus entstehenden Handlungsmustern. Im Finanzkapitalismus, so erfahren wir es alle tagtäglich, werden die Handlungsmuster von den Wertmaßstäben der Profitmaximierung gebildet.

Alles andere, wie das Gerede von einer sozialen Marktwirtschaft, ist Selbstbetrug und Augenwischerei. Gewissermaßen eine Art Religion. Wichtiger als die Grundbedürfnisse der Menschen sind im Finanzkapitalismus unverzichtbar die Sicherungsmechanismen der Profitinteressen von Privatwirtschaft und Finanzsektor. Die Profitraten werden vornehm Renditen genannt. Gemeint ist jedoch das gleiche: dieser Motor nämlich, der nur so lange funktioniert, wie er wächst. Wobei mit Wachstum immer die Steigerung der Renditen, also der Profite gemeint ist, denn das Kapital fließt immer dorthin, wo es sich vermehrt. Niemals umgekehrt. Stillstand der Wachstumsraten bedeutet Untergang im Finanzkapitalismus, denn ohne Rendite fließt das Kapital ab. Wer den Raubtieren nichts zum Fraß vorwirft oder wer sie zu zähmen versucht, der wird womöglich selbst gefressen, oder er vertreibt sie. Und dann? An welchen Knochen sollen wir dann nagen?

So theoretisch und skurril sich das anhören mag, entspricht es doch den existenziellen Lebenserfahrungen, die die Bevölkerung jeden Tag machen muss, und wer den Kopf nicht in den Sand steckt, der erkennt darin die ebenfalls täglich gebetsmühlenartig sich wiederholenden Beschwörungsformeln jener Politiker, die uns an die angebliche "Alternativlosigkeit" der "Rettungsschirme" für den Finanzkapitalismus fesseln. Ein Dauerrettungskonzept für ein herrschaftliches Reichtumssystem, das wir bezahlen müssen mit dem fortgesetzten Abbau sozialer und demokratischer Rechte, mit Privatisierung und öffentlicher Enteignung, denn das sind aus der Sicht und der Buchführungslogik des Finanzkapitals Kosten, die das Wachstum schmälern und somit das System der Privatwirtschaft ruinieren.

Sie haben also recht: Kosten machen den Kapitalismus kaputt. Sie, das sind die Eigentümer der Großkonzerne, der Banken und Versicherungsunternehmen, ihre Interessenvertreter in der Politik, der Europäischen Zentralbank (EZB), der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Und wer sind wir? Wir sind die Kostenfaktoren: die Behinderten, die Schüler, die Studenten, die Rentner, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Hartz-IV-Bezieher und alle, die dem Kapital zu teuer sind, weil schon ihre sozialen Grundbedürfnisse die Renditen schmälern und somit das Wachstum der kapitalistischen Privatwirtschaft bremsen.

So, Ihr Wachstumsbremsen, was können wir tun? Wie wäre es mit einem moderneren Wirtschafts- und Gesellschaftssystem? Eins, in dem die Wirtschaft der Bevölkerung dient und nicht umgekehrt? Wie wäre es, wenn wir gemeinsam dafür auf die Straßen gingen und zu den Kundgebungen? Gemeinsam zu den Gewerkschaftskundgebungen der Arbeiter, gemeinsam zu den Aktionen und Protestveranstaltungen der Behinderten am 5. Mai, gemeinsam mit den Alten und mit den Jungen, gemeinsam mit den arbeitslosen Frauen und Männern, gemeinsam mit den abgezockten Mietern, gemeinsam mit den Kriegsgegnern, gemeinsam am 31. Mai und 1. Juni 2013 mit der Blockupy-Bewegung zu den europäischen Tagen des Protestes in Frankfurt am Main gegen das Krisenregime der Europäischen Union und für den Widerstand gegen die Verarmungspolitik. Nicht mehr jeder nur für sich.

Wir gemeinsam sind viele, wir gemeinsam sind die Millionen, wir gemeinsam sind die Mehrheit. Wenn wir nicht bewusstlos sein wollen, müssen auch wir Behinderten erkennen, dass wir mit unseren Verbänden und Organisationen ein Teil der gesellschaftlichen Sozialbewegung sind. Inklusion ist nämlich nicht nur eine Forderung, sondern auch eine Anforderung an uns selbst, solidarisch und kooperativ daran mitzuwirken, ein soziales Gesellschaftssystem zu schaffen.

Es geht nicht um Gut oder Böse. Es geht um soziale Gerechtigkeit und um Demokratie. Es geht um ein soziales gesellschaftliches Klima, denn Profitgier und Konkurrenz sind soziale Klimakiller und die zerstörerischen Kräfte der exklusiven Gesellschaft. Solidarität und Gemeinsinn hingegen sind erneuerbare Energien, denn sie wachsen nach und kurbeln ein nachhaltiges soziales Wachstum in einer inklusiven Gesellschaft an.

 

FRANKFURT AM MAIN (KOBINET) Kategorien Kolumne