Menu Close

Zwischen Verwaltung, Dunkeltraining und Perspektivenwechsel: Praktikum an der Hochschule der Polizei

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Seitentür eines Autos mit der Aufschrift Polizei
Polizei im Einsatz
Foto: TechLine In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

Wittlich-Wengerohr (kobinet) "Zwischen Verwaltung, Dunkeltraining und Perspektivenwechsel: Mein Praktikum an der Hochschule der Polizei", so hat der 17jährige, von Geburt an erblindete, Jeremy Retterbush seinen Bericht über ein zweiwöchiges Praktikum an der rehinland-pfälzischen Hochschule der Polizei getitelt. Im Folgenden veröffentlichen die kobinet-nachrichten seinen Bericht verbunden mit der Hoffnung, dass mehr behinderte Menschen solche Chancen bekommen, die Berufspraxis und -ausbildung in verschiedenen Bereichen kennenzulernen.

Zwischen Verwaltung, Dunkeltraining und Perspektivenwechsel: Mein Praktikum an der Hochschule der Polizei

Bericht von Jeremy Retterbush

Wie sieht der Alltag an der Hochschule der Polizei aus? Welche Aufgaben übernehmen die Mitarbeitenden hinter den Kulissen, und wie wird der polizeiliche Nachwuchs eigentlich auf den Ernstfall vorbereitet? Diesen Fragen durfte ich während meines zweiwöchigen Praktikums an der Hochschule der Polizei (HdP) am Standort Wittlich-Wengerohr auf den Grund gehen. Ich bin 17 Jahre alt, besuche derzeit die gymnasiale Oberstufe und steuere zielstrebig auf mein Abitur zu. Da ich von Geburt an blind bin, war ich besonders gespannt darauf, welche Eindrücke und Erfahrungen mich an einer Einrichtung erwarten würden, die sich mit Ausbildung, Sicherheit und Praxisnähe beschäftigt.

Ein Blick hinter die Kulissen der Polizeiausbildung

Schon am ersten Tag wurde ich von den Mitarbeitenden unglaublich herzlich aufgenommen und sofort in das Team integriert. Mein Schwerpunkt lag im Verwaltungsbereich. Dort blickte ich hinter die organisatorischen Kulissen und lernte die Zahnräder kennen, die den Betrieb einer Hochschule dieser Größenordnung überhaupt erst am Laufen halten. Dabei wurde mir schnell klar: Hinter der Ausbildung angehender Polizistinnen und Polizisten steckt weitaus mehr als „nur“ Vorlesungen, Schießen, Einsatztraining und Sportprüfungen. Es ist ein riesiges, gut geöltes Getriebe aus Verwaltung, Lehre, Training und Logistik.

Doch es blieb nicht nur bei der Theorie am Schreibtisch. Ich hatte auch die Gelegenheit, die Studierenden hautnah bei ihren praktischen Ausbildungsinhalten zu begleiten. Zwei Highlights sind mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:

• Eine hochspannende Durchsuchungsübung
• Ein intensives Dunkeltraining

Es war faszinierend zu erleben, wie akribisch und praxisnah die Studierenden auf die unterschiedlichsten Einsatzsituationen vorbereitet werden und wie wichtig dabei ein geschärftes Bewusstsein für die Umgebung ist.
Besonders interessant war für mich die Frage, wie polizeiliche Maßnahmen gegenüber blinden Menschen verständlich und transparent erklärt werden können. Im Rahmen von Gesprächen mit Studierenden wurde beispielsweise thematisiert, wie eine Durchsuchung für eine blinde Person nachvollziehbar gestaltet werden kann. Während sehende Menschen viele Abläufe direkt beobachten können, sind blinde Menschen auf verbale Informationen angewiesen. Deshalb ist es wichtig, Maßnahmen Schritt für Schritt anzukündigen und zu erklären, etwa welche Gegenstände kontrolliert werden, welche Handlungen als Nächstes erfolgen und aus welchem Grund die Maßnahme durchgeführt wird. Solche Aspekte zeigen, wie wichtig Kommunikation und Sensibilität im Polizeiberuf sind.

Rollentausch: Mein Vortrag über Barrierefreiheit und Inklusion

Ein absoluter Höhepunkt meines Praktikums war jedoch ein Rollentausch: Ich durfte selbst als „Dozent“ vor drei verschiedene Studiengruppen treten. In meinen Vorträgen nahm ich die Studierenden mit in meine Welt und sprach über die Themen Blindheit, Sehbeeinträchtigung und Barrierefreiheit. Mir war es eine Herzensangelegenheit, den angehenden Beamtinnen und Beamten zu zeigen, wie der Alltag als blinder Mensch aussieht – mit all seinen Hürden, aber auch den erstaunlichen technischen Möglichkeiten.

Neben persönlichen Anekdoten hatte ich auch verschiedene Alltags-Hilfsmittel im Gepäck. Die Studierenden durften diese nicht nur bestaunen, sondern direkt selbst ausprobieren. Dadurch brach das Eis blitzschnell. Es entwickelten sich hochengagierte, respektvolle und ehrliche Gespräche über Inklusion und den sensiblen Umgang mit Menschen mit Behinderungen – Themen, die im späteren Polizeialltag schließlich eine entscheidende Rolle spielen können. Die Offenheit und die echte, unvoreingenommene Neugier, die mir sowohl von den Studierenden als auch von den Lehrenden entgegengebracht wurde, haben mich tief beeindruckt.

Mein Fazit: Eine bereichernde Erfahrung

Rückblickend waren die zwei Wochen an der Hochschule der Polizei eine unglaublich wertvolle und lehrreiche Zeit. Ich habe nicht nur viel über die Polizeiarbeit gelernt, sondern konnte auch neue Perspektiven eröffnen – und gleichzeitig selbst jede Menge neue Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Mein besonderer Dank gilt den Herren Richard Kaufmann und Frank Schäfer, welche mein Praktikum betreut haben. Durch ihre Unterstützung, die hervorragende Organisation und die Möglichkeit, verschiedene Bereiche der Hochschule kennenzulernen, wurde diese Zeit für mich zu einer besonders bereichernden Erfahrung. Dieses Praktikum hat mir gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten ist. Die gewonnenen Eindrücke werden mich deshalb noch lange begleiten und in positiver Erinnerung bleiben.

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Lesermeinungen
Neueste
Älteste
0
Wir würden gerne Ihre Meinung lesen, schreiben Sie einen Leserbrief!x