Staufen (kobinet)
Ronen Steinke schreibt für die Süddeutsche Zeitung.
Er ist auch Jurist.
Ein Jurist kennt sich mit Gesetzen aus.
Gesetze sind Regeln für alle Menschen.
Er hat ein Buch geschrieben.
Das Buch heißt: Meinungs-Freiheit.
Meinungs-Freiheit bedeutet: Jeder darf sagen, was er denkt.
In dem Buch geht es um Bürger und Politik.
Ein Bürger gehört zu einem Land.
Bürger dürfen mit-bestimmen.
Bürger sind manchmal sehr wütend auf Politiker.
Ein Politiker arbeitet in der Politik.
Die Bürger wählen ihn.
Diese Wut sagen sie laut und deutlich.
Steinke sagt: Das ist oft in Ordnung.
Der Staat soll nicht immer eingreifen.
Eingreifen bedeutet hier: jemanden rechtlich bestrafen.
Steinke erklärt: Politiker haben viel Macht.
Bürger haben oft wenig Macht.
Das nennt man Macht-Gefälle.
Macht-Gefälle bedeutet: Eine Person hat viel Macht.
Eine andere Person hat wenig Macht.
Dieses Gefühl macht Menschen wütend.
Ohn-Macht bedeutet: Man kann nichts ausrichten.
Diese Wut kommt dann als starke Worte heraus.
Steinke sagt: Auch starke Worte gehören zur Kritik.
Kritik an Mächtigen ist wichtig in einer Demo-Kratie.
Demo-Kratie bedeutet: Das Volk bestimmt mit.
Wörter wie Schwach-Kopf können Kritik ausdrücken.
Steinke findet: Der Staat sollte das erlauben.
Sonst wird die freie Meinung eingeschränkt.
Steinke sagt auch: Beleidigung ist kein klarer Begriff.
Eine Beleidigung ist ein Wort oder Satz, der jemanden verletzt.
Ein Beispiel: Jemand sagt, eine Politikerin ist die dümmste aller Zeiten.
Ist das eine Beleidigung oder Kritik?
Gerichte sagen derzeit: Das ist eine Beleidigung.
Steinke sieht das anders.
Steinke sagt: Politiker sollten mehr aushalten.
Wer Macht hat, muss auch Kritik ertragen.
Strafen für solche Worte findet er falsch.
Das schadet dem freien Gespräch in der Gesell-schaft.
Eine Gesell-schaft ist eine große Gruppe von Menschen.
Die Menschen leben zusammen.
Ein anderes Beispiel: Literatur-Kritik
Denis Scheck ist ein bekannter Literatur-Kritiker im Fernsehen.
Literatur-Kritiker lesen Bücher und sagen öffentlich ihre Meinung dazu.
Sie bewerten, ob ein Buch gut oder schlecht ist.
Scheck kritisierte ein Buch einer Autorin sehr hart.
Er nutzte dabei abwertende Worte.
Manche Menschen fanden das frauen-feindlich.
Frauen-feindlich bedeutet: respektlos gegenüber Frauen.
Einige forderten: Scheck soll bestraft werden.
Andere forderten: Er soll seine Sendung verlieren.
Eine Sendung ist ein Programm im Fernsehen oder Radio.
Der PEN Berlin hat dazu eine klare Meinung.
PEN Berlin ist ein Verband von Schrift-stellern.
Ein Verband ist eine Gruppe von Menschen mit dem gleichen Ziel.
Ein Schrift-steller schreibt Bücher.
Das ist sein Beruf.
Der Verband sagt: Auch harte Kritik ist erlaubt.
Literatur-Kritik lebt von klaren und scharfen Meinungen.
Der PEN Berlin sagt aber auch: Die Autorin darf zurück-schlagen.
Das bedeutet: Sie darf Scheck ebenfalls scharf kritisieren.
Den Ruf nach Entlassung von Scheck findet der Verband falsch.
Entlassung bedeutet: jemand verliert seine Arbeit.
Der Verband hofft: Die ARD hält diesem Druck stand.
ARD ist ein öffentliches Fernseh- und Radio-Programm in Deutschland.
Muss man Frauen-Hass einfach hinnehmen?
Frauen-Hass bedeutet: jemand hasst Frauen oder behandelt sie sehr schlecht.
Das wurde auch Steinke gefragt.
Steinke sagt: Das Grund-Gesetz schützt alle Meinungen.
Das Grund-Gesetz ist das wichtigste Gesetz in Deutschland.
Es enthält die wichtigsten Regeln für das Leben in Deutschland.
Auch schlechte Meinungen sind geschützt.
Die Idee ist: Alle sollen miteinander reden können.
Mehr Infos gibt es hier:
Deutsch-land-funk: Mit Sprech-verboten gewinnt man keine Debatte

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Mehr Gelassenheit und Liberalität mit an die Politik adressierten Wutäußerungen von Bürgern zieht der SZ-Autor und Jurist Ronen Steinke entgegengesetzten Reaktionen vor, insbesondere einer juristischen Ahndung. Verbalem Volkszorn rechtliche Daumenschrauben anzulegen, davon verspricht er sich keine meinungspolitische Klimaverbesserung, fürchtet eher das Gegenteil. Demokratietheoretisch wie -praktisch lässt sich Steinke bei seinen diskurspolitischen Überlegungen von einer bemerkenswerten Prämisse leiten: Noch in der sozusagen besten aller realexistierenden Demokratien besteht zwischen Regierenden und Regierten, Politikern und Bürgern ein beträchtliches Machtgefälle. Das bei den Regierten mitunter jenes Ohnmachtsempfinden bedingt und psychologisch plausibel macht und das sich dann in wüsten verbalen Attacken auf die politisch Mächtigen Bahn bricht. Und demokratisch sogar insofern gerechtfertigt erscheint, als die quasi selbstherrlich Regierenden sich nur noch auf diese rabiate Weise vom "Souverän", von Bürgern überhaupt beeindrucken lassen. – So jedenfalls mein Verständnis der Botschaft von Steinkes publizistischer Intervention, seinem Buch "Meinungsfreiheit, wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen".
Bei Beschimpfungen den Zusammenhang berücksichtigen
Im Deutschlandfunk-Gespräch verweist Ronen Steinke auf den Kontext, in dem „Politikerbeleidigungen“ durchaus legitim erscheinen: „Es geht ja um Machtkritik, es geht um einen Freiraum, den es zu verteidigen gilt und der wichtig ist. Und die Freiheit, auch zuzuspitzen und mal polemisch, mal verkürzt, mit so ner Metapher wie Pinoccio oder Schwachkopf auf den Punkt zu bringen, was man von den Mächtigen hält, die am Ende ja immer am längeren Hebel sitzen … Da ist der Staat, in der Weise, wie er sich Kritik verbittet auch machtvoller geworden und das halte ich eher für eine besorgniserregende Entwicklung.“ – Wer „Beleidigung“ verbieten wolle, weil sie vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit nicht gedeckt sei, gehe über Auslegbarkeitsfragen hinweg und mache es sich zu einfach: „Ich glaube, es ist für unseren Diskurs nichts Schlechtes, wenn zwischendurch auch jemand, der in der Gesellschaft nicht große Macht besitzt, seine Wut – ob berechtigt oder nicht – aussprechen darf. Und ich halte es nicht für eine kluge Regel, dass dann der Staat sagt, die Beleidigung eines Politikers, die Verletzung seiner Gefühle, wiegt schwerer als die Beleidigung eines Normalbürgers. Ich glaube, dass wenn man in der Position der Macht ist in der Gesellschaft, ein dickeres Fell haben sollte.“
Steinke macht meines Erachtens zurecht darauf aufmerksam, dass Beleidigung ein „schwammiger Begriff“ ist: „Wenn man sagt, die Außenministerin ist die dümmste Außenministerin aller Zeiten – das ist ein realer Fall aus Bayern –, ist das eine Beleidigung? Die Justiz sagt derzeit ja, das ist eine Beleidigung. Ich würde da ein Fragezeichen dahinter setzen. Das ist aus meiner Sicht Kritik, es fällt unter den großen Oberbegriff der Machtkritik … Ich glaube, wenn solche Fälle schon zur strafrechtlichen Reaktion führen … da verruscht etwas und das finde ich nicht gut.“
„Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“
Szenenwechsel. Diesmal keine anonyme Bürgerstimme, die auf Social Media politische Repräsentanten verbal ungebührlich traktiert, sondern ein bekannter TV-Literaturkritiker, der sich in seiner Sendung „Druckfrisch“ über Autorinnen mokiert (z.B. „intellektuelle Desasterzone“). Feministische Stimmen fordern Sanktionierung. Wegen „plump misogyner Wortwahl“. Aktivistinnen verlangen Schritte der rechtlichen Medienaufsicht gegen Moderator Denis Scheck, fordern Zensurmaßnahmen zur Verhinderung sexistischer, respektloser, unsachlicher Rezensionen der Bücher von Autorinnen.
Ausgelöst hat diesen jüngsten Feuilleton-Aufreger Schecks Abwertung – „Schnatterzone der Damentoilette“ – von „Alt genug“, einer Neuerscheinung der Autorin Ildiko von Kürthy. – Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hat sich in der Kontroverse unlängst so positioniert: Dass polemische und auch verletzende Literaturkritik vom freien Wort gedeckt sei. Letztlich lebe die Literaturkritik von dieser polemischen Schärfe. Zugleich verteidigt der Verband das Recht der Autorin, es dem Kritiker mit gleicher Münze heimzuzahlen. Problematisch sieht der PEN Berlin dagegen Forderungen, Denis Scheck als Moderator der Sendung vor die Tür zu setzen, hier hoffe man, dass die Verantwortlichen bei der ARD dem Druck standhalten.
Muss man sich am Ende also – dies fragt auch die Dlf-Moderatorin ihren Gast Ronen Steinke – Frauenfeindlichkeit und verbal geäußerten Frauenhass gefallen lassen? Hass sei doch keine Meinung. „Ein Missverständnis“, so entgegnet ihr Steinke, „Meinung im Sinne des Artikel 5 des Grundgesetzes ist keine Auszeichnung, die für besonders ehrenwerte Meinungen verliehen wird … Die Idee ist, alle sollen miteinander ins Gespräch kommen, auch dumpfe Meinungen, auch ressentimentgeladene Meinungen.“ – Dem wäre an dieser Stelle höchstens hinzuzufügen, dass Steinkes Ideal des freien Meinungsaustauschs und der Verständnissuche auch für uns auf kobinet wünschenswert erscheint.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Mehr Gelassenheit und Liberalität mit an die Politik adressierten Wutäußerungen von Bürgern zieht der SZ-Autor und Jurist Ronen Steinke entgegengesetzten Reaktionen vor, insbesondere einer juristischen Ahndung. Verbalem Volkszorn rechtliche Daumenschrauben anzulegen, davon verspricht er sich keine meinungspolitische Klimaverbesserung, fürchtet eher das Gegenteil. Demokratietheoretisch wie -praktisch lässt sich Steinke bei seinen diskurspolitischen Überlegungen von einer bemerkenswerten Prämisse leiten: Noch in der sozusagen besten aller realexistierenden Demokratien besteht zwischen Regierenden und Regierten, Politikern und Bürgern ein beträchtliches Machtgefälle. Das bei den Regierten mitunter jenes Ohnmachtsempfinden bedingt und psychologisch plausibel macht und das sich dann in wüsten verbalen Attacken auf die politisch Mächtigen Bahn bricht. Und demokratisch sogar insofern gerechtfertigt erscheint, als die quasi selbstherrlich Regierenden sich nur noch auf diese rabiate Weise vom "Souverän", von Bürgern überhaupt beeindrucken lassen. – So jedenfalls mein Verständnis der Botschaft von Steinkes publizistischer Intervention, seinem Buch "Meinungsfreiheit, wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen".
Bei Beschimpfungen den Zusammenhang berücksichtigen
Im Deutschlandfunk-Gespräch verweist Ronen Steinke auf den Kontext, in dem „Politikerbeleidigungen“ durchaus legitim erscheinen: „Es geht ja um Machtkritik, es geht um einen Freiraum, den es zu verteidigen gilt und der wichtig ist. Und die Freiheit, auch zuzuspitzen und mal polemisch, mal verkürzt, mit so ner Metapher wie Pinoccio oder Schwachkopf auf den Punkt zu bringen, was man von den Mächtigen hält, die am Ende ja immer am längeren Hebel sitzen … Da ist der Staat, in der Weise, wie er sich Kritik verbittet auch machtvoller geworden und das halte ich eher für eine besorgniserregende Entwicklung.“ – Wer „Beleidigung“ verbieten wolle, weil sie vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit nicht gedeckt sei, gehe über Auslegbarkeitsfragen hinweg und mache es sich zu einfach: „Ich glaube, es ist für unseren Diskurs nichts Schlechtes, wenn zwischendurch auch jemand, der in der Gesellschaft nicht große Macht besitzt, seine Wut – ob berechtigt oder nicht – aussprechen darf. Und ich halte es nicht für eine kluge Regel, dass dann der Staat sagt, die Beleidigung eines Politikers, die Verletzung seiner Gefühle, wiegt schwerer als die Beleidigung eines Normalbürgers. Ich glaube, dass wenn man in der Position der Macht ist in der Gesellschaft, ein dickeres Fell haben sollte.“
Steinke macht meines Erachtens zurecht darauf aufmerksam, dass Beleidigung ein „schwammiger Begriff“ ist: „Wenn man sagt, die Außenministerin ist die dümmste Außenministerin aller Zeiten – das ist ein realer Fall aus Bayern –, ist das eine Beleidigung? Die Justiz sagt derzeit ja, das ist eine Beleidigung. Ich würde da ein Fragezeichen dahinter setzen. Das ist aus meiner Sicht Kritik, es fällt unter den großen Oberbegriff der Machtkritik … Ich glaube, wenn solche Fälle schon zur strafrechtlichen Reaktion führen … da verruscht etwas und das finde ich nicht gut.“
„Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“
Szenenwechsel. Diesmal keine anonyme Bürgerstimme, die auf Social Media politische Repräsentanten verbal ungebührlich traktiert, sondern ein bekannter TV-Literaturkritiker, der sich in seiner Sendung „Druckfrisch“ über Autorinnen mokiert (z.B. „intellektuelle Desasterzone“). Feministische Stimmen fordern Sanktionierung. Wegen „plump misogyner Wortwahl“. Aktivistinnen verlangen Schritte der rechtlichen Medienaufsicht gegen Moderator Denis Scheck, fordern Zensurmaßnahmen zur Verhinderung sexistischer, respektloser, unsachlicher Rezensionen der Bücher von Autorinnen.
Ausgelöst hat diesen jüngsten Feuilleton-Aufreger Schecks Abwertung – „Schnatterzone der Damentoilette“ – von „Alt genug“, einer Neuerscheinung der Autorin Ildiko von Kürthy. – Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hat sich in der Kontroverse unlängst so positioniert: Dass polemische und auch verletzende Literaturkritik vom freien Wort gedeckt sei. Letztlich lebe die Literaturkritik von dieser polemischen Schärfe. Zugleich verteidigt der Verband das Recht der Autorin, es dem Kritiker mit gleicher Münze heimzuzahlen. Problematisch sieht der PEN Berlin dagegen Forderungen, Denis Scheck als Moderator der Sendung vor die Tür zu setzen, hier hoffe man, dass die Verantwortlichen bei der ARD dem Druck standhalten.
Muss man sich am Ende also – dies fragt auch die Dlf-Moderatorin ihren Gast Ronen Steinke – Frauenfeindlichkeit und verbal geäußerten Frauenhass gefallen lassen? Hass sei doch keine Meinung. „Ein Missverständnis“, so entgegnet ihr Steinke, „Meinung im Sinne des Artikel 5 des Grundgesetzes ist keine Auszeichnung, die für besonders ehrenwerte Meinungen verliehen wird … Die Idee ist, alle sollen miteinander ins Gespräch kommen, auch dumpfe Meinungen, auch ressentimentgeladene Meinungen.“ – Dem wäre an dieser Stelle höchstens hinzuzufügen, dass Steinkes Ideal des freien Meinungsaustauschs und der Verständnissuche auch für uns auf kobinet wünschenswert erscheint.




