Staufen (kobinet)
Heute ist der 5. Mai.
Das ist der Europäische Protest-Tag.
Der Protest-Tag ist ein Aktions-Tag für Menschen mit Behinderung.
Eine Behinderung macht manche Sachen schwierig.
Man braucht oft mehr Hilfe als andere Menschen.
Ich bin behindert.
Ich nehme heute nicht teil.
Ich bleibe in unserer Miet-Wohnung in Staufen.
Eine Miet-Wohnung ist eine Wohnung.
Man zahlt dafür jeden Monat Geld.
Das macht mich traurig.
Interessiert das niemanden da draußen?
Ich meine damit Menschen, die mich kennen.
Sie könnten mich fragen, warum ich nicht teilnehme.
Nur 1 Person hat gefragt.
Diese Person heißt Brother Outsider.
Brother Outsider wollte sich mit mir in Berlin treffen.
Das war rund um den 5. Mai.
Brother Outsider fragte mich etwas.
Er fragte: Siehst du dich als Beobachter?
Ein Beobachter sieht zu.
Er kämpft selbst nicht für andere.
Ich sagte: Nein.
Ich sagte: Mir fehlen echte Begegnungen mit Menschen.
Eine Begegnung bedeutet: Zwei Menschen treffen sich.
Sie sind am gleichen Ort.
Ich vermisse direkte Kontakte sehr.
Telefon, Mail und Video-Gespräche helfen nicht wirklich.
Das nennt man para-soziales Leben.
Para-sozial bedeutet: Der Kontakt fühlt sich nicht echt an.
Man ist eigentlich allein.
Früher sagte man dazu: sozial tot sein.
Sozial tot bedeutet: Man hat kaum echte Kontakte.
Immer mehr Menschen leben so.
Für andere bin ich ein solcher Mensch.
Das erschreckt mich sehr.
Brother Outsider sagte mir etwas Wichtiges.
Er sagte: Du erschreckst andere Menschen.
Du berichtest von deinen Gewalt-Erfahrungen.
Eine Gewalt-Erfahrung bedeutet: Jemand hat Gewalt erlebt.
Das bleibt lange im Gedächtnis.
Viele Menschen können das nicht annehmen.
Sie schweigen dazu.
Ich habe über diese Gewalt-Erfahrungen geschrieben.
Die Texte heißen:
- Es geschieht am helllichten Tag
- Blinder Passagier und Kinderschänder
- Ewiger Faschismus in der Provinz
Ein Kinderschänder ist ein Mensch, der Kinder missbraucht.
Das ist eine sehr schwere Straftat.
Faschismus bedeutet: Ein Diktator bestimmt alles alleine.
Er handelt mit Gewalt und Unrecht.
Die Gewalt hat uns jahrelang das Leben zerstört.
Brother Outsider erklärte das Schweigen.
Er sagte: Echte Gewalt wird oft totgeschwiegen.
Totschweigen bedeutet: Niemand spricht darüber.
Das Thema wird absichtlich nicht genannt.
Menschen, denen Gewalt passiert ist, sitzen dann in einer Falle.
Sie finden kein Gehör.
Das heißt: Niemand hört ihnen zu.
Brother Outsider klang besorgt am Telefon.
Er machte sich Sorgen um mich.
Er machte sich Sorgen um meine Mit-Bewohnerin.
Sie ist auch meine Begleiterin.
Eine Begleiterin hilft einem anderen Menschen im Alltag.
Sie geht mit ihm durch den Tag.
Brother Outsider wollte das zeigen.
Ich stelle etwas fest.
Ich erlebe das bei Bekannten und in der Gemeinschaft der Behinderten.
Die Gemeinschaft der Behinderten ist eine Gruppe von Menschen mit Behinderung.
Wenn ich von der Gewalt erzähle, entsteht eine Lücke.
Die Gewalt wird nicht anerkannt.
Das nennt man De-Realisierung.
De-Realisierung bedeutet: Ein Teil der Wirklichkeit wird nicht anerkannt.
Das ist sehr belastend.
Den Verstand dabei nicht zu verlieren ist schwer.
Eine seelische Erkrankung ist dann fast unvermeidbar.
Eine seelische Erkrankung ist eine Krankheit der Gefühle und Gedanken.
Man braucht dann oft Hilfe von einem Arzt.
Unvermeidbar bedeutet: Man kann es kaum verhindern.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Heute am 5. Mai ist Europäischer Protesttag der Behinderten. Ich bin behindert und nehme daran nicht teil, an keiner der Protesttagsveranstaltungen, weder an der zentralen in Berlin vor dem Brandenburger Tor noch anderswo (beispielsweise in Kiel wie Ottmar und Sascha). Wie an allen übrigen Tagen, so halte ich mich auch heute ausschließlich in den "vier Wänden" unserer Staufener Mietwohnung auf. Was traurig ist.
Interessiert das niemanden da draußen
Mit da Draußen meine ich, der sich stets in der Wohnung aufhält, diejenigen, die von mir wissen und mich danach fragen könnten, warum ich nicht am Protesttag teilnehme. Einzig gefragt hat Brother Outsider. Ebenso wie ich durch Ottmars Worte (im IGEL-Monatsrückblick mit Sascha) darauf aufmerksam gemacht, wir Behinderten müssten bei öffentlichen Protestveranstaltungen „mehr werden“, besonders jetzt in der politisch prekären Situation. Was danach verlangt, dass Behinderte sich erklären oder rechtfertigen, wenn sie selber nicht teilnehmen.
Gern hätte sich Brother Outsider mit mir in Berlin (um den 5. Mai herum) getroffen. Ob der Grund, weshalb ich mich am Protesttag nicht beteilige, der sei, dass ich mich als „intellektueller Beobachter“ und nicht als „behindererpolitischer Aktivist“ verstünde? Nein, antworte ich und dass mir das persönliche Gespräch gerade fehlt und ich direkte Kontakte schmerzlich vermisse. Sofern Leben mit leibhafter Begegnung zu tun hat, mit sozialem Zusammensein an einem Ort, ab und zu wenigstens, existiere ich praktisch gar nicht („parasoziales“ Ersatzleben per Telefon, Mail oder Remote irrealisiert einen auf die Dauer, entwirklicht existenziell). „Sozial tot“ hieß das früher. Heute wächst die Zahl der „sozial Toten“ (möglicherweise proportional) mit der digitalen Verkehrsdichte der Netzwelt, alles Tote auf Online-Urlaub. Für andere bin ich solch ein Offline-Toter, auf nur sehr gelegentlichem Online-Urlaub, der keine realen, körperlich anwesenden Mitmenschen hat. Das erschreckt mich.
So wie umgekehrt, erwidert mir Brother Outsider, ich die Community oder Leute aus der Community mit dem erschrecke, was ich ihnen von meiner eigenen Gewalterfahrung in „Es geschieht am helllichten Tag“ (auf kobinet) auch nur andeutungsweise berichte. Viele, wenn nicht die meisten, so schätzt er, damit derart heftig erschrecke, dass sie davon nichts an sich heranließen. Eine totale Abwehrreaktion, wie sie einmal mehr ausgelöst werde durch die detaillierte Beschreibung unserer jahrelangen existenzvernichtenden Gewalterfahrung in den ausführlicheren Texten „Blinder Passagier und Kinderschänder“ und „Ewiger Faschismus in der Provinz“.
So erkläre er, Brother Outsider, sich das für uns entsetzliche Schweigen von Bekannten und Communityangehörigen zu dem darin Geschilderten. Nicht anonym zugestoßene und gleichsam fiktionalisiert berichtete Gewalt werde tabuisiert, gnadenlos totgeschwiegen. Die von diesem( wie solle er sich ausdrücken) „unmöglichen Problem“ Betroffenen säßen sozusagen in einer tödlichen Falle.
Das hörte sich für mich besorgt an, ich meine den Klang der Telefonstimme von Brother Outsider. Sollte da doch jemand sein, der Sorge um uns hat, um mich und meine Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin? Und dies auch zum Ausdruck bringen wollte.
Ich halte fest: Unter Bekannten oder innerhalb der Community erlebe ich im Gespräch oder Austausch an der Stelle des uns Zugestoßenen so etwas wie ein Loch in der Wirklichkeit, worin die geschehene Gewalt verschwunden ist, gewissermaßen verschluckt. Im Kontakt mit anderen erleben von Gewalt Betroffene so die Derealisation eines Teils ihrer Wirklichkeit. Bei dieser Entwirklichung nicht den Verstand zu verlieren und verrückt zu werden ist nicht leicht. Seelische Erkrankung infolge dieser Traumatisierung ist beinahe unvermeidlich.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Heute am 5. Mai ist Europäischer Protesttag der Behinderten. Ich bin behindert und nehme daran nicht teil, an keiner der Protesttagsveranstaltungen, weder an der zentralen in Berlin vor dem Brandenburger Tor noch anderswo (beispielsweise in Kiel wie Ottmar und Sascha). Wie an allen übrigen Tagen, so halte ich mich auch heute ausschließlich in den "vier Wänden" unserer Staufener Mietwohnung auf. Was traurig ist.
Interessiert das niemanden da draußen
Mit da Draußen meine ich, der sich stets in der Wohnung aufhält, diejenigen, die von mir wissen und mich danach fragen könnten, warum ich nicht am Protesttag teilnehme. Einzig gefragt hat Brother Outsider. Ebenso wie ich durch Ottmars Worte (im IGEL-Monatsrückblick mit Sascha) darauf aufmerksam gemacht, wir Behinderten müssten bei öffentlichen Protestveranstaltungen „mehr werden“, besonders jetzt in der politisch prekären Situation. Was danach verlangt, dass Behinderte sich erklären oder rechtfertigen, wenn sie selber nicht teilnehmen.
Gern hätte sich Brother Outsider mit mir in Berlin (um den 5. Mai herum) getroffen. Ob der Grund, weshalb ich mich am Protesttag nicht beteilige, der sei, dass ich mich als „intellektueller Beobachter“ und nicht als „behindererpolitischer Aktivist“ verstünde? Nein, antworte ich und dass mir das persönliche Gespräch gerade fehlt und ich direkte Kontakte schmerzlich vermisse. Sofern Leben mit leibhafter Begegnung zu tun hat, mit sozialem Zusammensein an einem Ort, ab und zu wenigstens, existiere ich praktisch gar nicht („parasoziales“ Ersatzleben per Telefon, Mail oder Remote irrealisiert einen auf die Dauer, entwirklicht existenziell). „Sozial tot“ hieß das früher. Heute wächst die Zahl der „sozial Toten“ (möglicherweise proportional) mit der digitalen Verkehrsdichte der Netzwelt, alles Tote auf Online-Urlaub. Für andere bin ich solch ein Offline-Toter, auf nur sehr gelegentlichem Online-Urlaub, der keine realen, körperlich anwesenden Mitmenschen hat. Das erschreckt mich.
So wie umgekehrt, erwidert mir Brother Outsider, ich die Community oder Leute aus der Community mit dem erschrecke, was ich ihnen von meiner eigenen Gewalterfahrung in „Es geschieht am helllichten Tag“ (auf kobinet) auch nur andeutungsweise berichte. Viele, wenn nicht die meisten, so schätzt er, damit derart heftig erschrecke, dass sie davon nichts an sich heranließen. Eine totale Abwehrreaktion, wie sie einmal mehr ausgelöst werde durch die detaillierte Beschreibung unserer jahrelangen existenzvernichtenden Gewalterfahrung in den ausführlicheren Texten „Blinder Passagier und Kinderschänder“ und „Ewiger Faschismus in der Provinz“.
So erkläre er, Brother Outsider, sich das für uns entsetzliche Schweigen von Bekannten und Communityangehörigen zu dem darin Geschilderten. Nicht anonym zugestoßene und gleichsam fiktionalisiert berichtete Gewalt werde tabuisiert, gnadenlos totgeschwiegen. Die von diesem( wie solle er sich ausdrücken) „unmöglichen Problem“ Betroffenen säßen sozusagen in einer tödlichen Falle.
Das hörte sich für mich besorgt an, ich meine den Klang der Telefonstimme von Brother Outsider. Sollte da doch jemand sein, der Sorge um uns hat, um mich und meine Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin? Und dies auch zum Ausdruck bringen wollte.
Ich halte fest: Unter Bekannten oder innerhalb der Community erlebe ich im Gespräch oder Austausch an der Stelle des uns Zugestoßenen so etwas wie ein Loch in der Wirklichkeit, worin die geschehene Gewalt verschwunden ist, gewissermaßen verschluckt. Im Kontakt mit anderen erleben von Gewalt Betroffene so die Derealisation eines Teils ihrer Wirklichkeit. Bei dieser Entwirklichung nicht den Verstand zu verlieren und verrückt zu werden ist nicht leicht. Seelische Erkrankung infolge dieser Traumatisierung ist beinahe unvermeidlich.




