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Me and Brother Outsider oder was meine Protesttagsteilnahme verhindert

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Abbild des Behindertenausweises vom Autor von 1988
Behindertenausweis Hans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Staufen (kobinet) Heute am 5. Mai ist Europäischer Protesttag der Behinderten. Ich bin behindert und nehme daran nicht teil, an keiner der Protesttagsveranstaltungen, weder an der zentralen in Berlin vor dem Brandenburger Tor noch anderswo (beispielsweise in Kiel wie Ottmar und Sascha). Wie an allen übrigen Tagen, so halte ich mich auch heute ausschließlich in den "vier Wänden" unserer Staufener Mietwohnung auf. Was traurig ist.

Interessiert das niemanden da draußen

Mit da Draußen meine ich, der sich stets in der Wohnung aufhält, diejenigen, die von mir wissen und mich danach fragen könnten, warum ich nicht am Protesttag teilnehme. Einzig gefragt hat Brother Outsider. Ebenso wie ich durch Ottmars Worte (im IGEL-Monatsrückblick mit Sascha) darauf aufmerksam gemacht, wir Behinderten müssten bei öffentlichen Protestveranstaltungen „mehr werden“, besonders jetzt in der politisch prekären Situation. Was danach verlangt, dass Behinderte sich erklären oder rechtfertigen, wenn sie selber nicht teilnehmen.

Gern hätte sich Brother Outsider mit mir in Berlin (um den 5. Mai herum) getroffen. Ob der Grund, weshalb ich mich am Protesttag nicht beteilige, der sei, dass ich mich als „intellektueller Beobachter“ und nicht als „behindererpolitischer Aktivist“ verstünde? Nein, antworte ich und dass mir das persönliche Gespräch gerade fehlt und ich direkte Kontakte schmerzlich vermisse. Sofern Leben mit leibhafter Begegnung zu tun hat, mit sozialem Zusammensein an einem Ort, ab und zu wenigstens, existiere ich praktisch gar nicht („parasoziales“ Ersatzleben per Telefon, Mail oder Remote irrealisiert einen auf die Dauer, entwirklicht existenziell). „Sozial tot“ hieß das früher. Heute wächst die Zahl der „sozial Toten“ (möglicherweise proportional) mit der digitalen Verkehrsdichte der Netzwelt, alles Tote auf Online-Urlaub. Für andere bin ich solch ein Offline-Toter, auf nur sehr gelegentlichem Online-Urlaub, der keine realen, körperlich anwesenden Mitmenschen hat. Das erschreckt mich.

So wie umgekehrt, erwidert mir Brother Outsider, ich die Community oder Leute aus der Community mit dem erschrecke, was ich ihnen von meiner eigenen Gewalterfahrung in „Es geschieht am helllichten Tag“ (auf kobinet) auch nur andeutungsweise berichte. Viele, wenn nicht die meisten, so schätzt er, damit derart heftig erschrecke, dass sie davon nichts an sich heranließen. Eine totale Abwehrreaktion, wie sie einmal mehr ausgelöst werde durch die detaillierte Beschreibung unserer jahrelangen existenzvernichtenden Gewalterfahrung in den ausführlicheren Texten „Blinder Passagier und Kinderschänder“ und „Ewiger Faschismus in der Provinz“.
So erkläre er, Brother Outsider, sich das für uns entsetzliche Schweigen von Bekannten und Communityangehörigen zu dem darin Geschilderten. Nicht anonym zugestoßene und gleichsam fiktionalisiert berichtete Gewalt werde tabuisiert, gnadenlos totgeschwiegen. Die von diesem( wie solle er sich ausdrücken) „unmöglichen Problem“ Betroffenen säßen sozusagen in einer tödlichen Falle.

Das hörte sich für mich besorgt an, ich meine den Klang der Telefonstimme von Brother Outsider. Sollte da doch jemand sein, der Sorge um uns hat, um mich und meine Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin? Und dies auch zum Ausdruck bringen wollte.

Ich halte fest: Unter Bekannten oder innerhalb der Community erlebe ich im Gespräch oder Austausch an der Stelle des uns Zugestoßenen so etwas wie ein Loch in der Wirklichkeit, worin die geschehene Gewalt verschwunden ist, gewissermaßen verschluckt. Im Kontakt mit anderen erleben von Gewalt Betroffene so die Derealisation eines Teils ihrer Wirklichkeit. Bei dieser Entwirklichung nicht den Verstand zu verlieren und verrückt zu werden ist nicht leicht. Seelische Erkrankung infolge dieser Traumatisierung ist beinahe unvermeidlich.