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Vom Zündeln an den Strukturen zum Zündeln in der Walpurgisnacht

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alte Schreibfeder liegt auf einem Brief
Storytelling about Peers und Maikäfer
Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

Staufen (kobinet) Mehr Geschichten von und mit Behinderten, dies wünschen sich Ottmar Miles-Paul und Jennifer Sonntag (unlängst im Igel-Podcast). Ihrem Wunsch kann entsprochen werden, etwa mit der folgenden Kindheitserinnerung aus der Feder des kobinet-Kolumnisten Hans-Willi Weis. Der Autor und die Kommentarfunktion würden sich über ein Aufmerksamkeitszeichen der beiden und von weiteren Lesenden freuen.

Walpersnacht und Maikäfer fangen

Ein Leiterwagen, der am Dach hängt mit der Deichsel an der Regentraufe befestigt – hatte sich das wirklich so zugetragen? War das am Dach aufgehängte Leiterwägelchen eine wahre Geschichte? Alljährlich an Walpurgisnacht irgendwann im Laufe des Tages von meinem Vater zum Besten gegeben, um mir und meiner Mutter plastisch vor Augen zu führen, was passieren konnte, wenn man an Walpersnacht bis zum Eintritt der Dunkelheit am Haus und ums Haus Haus herum, in Hof und Garten, nicht alles niet- und nagelfest gesichert hatte. Alles draußen Herumstehende, von Tontöpfen über Gießkannen bis zu Karren-und Leiterwägelchen, nicht entweder im Keller weggeschlossen oder fest angebunden war, einschließlich der Gartentür und dem Eisentor der Hofeinfahrt, bei letzterem wurde die Sicherung mit einem stabilen Draht vorgenommen. Andernfalls musste man in dieser Nacht als Haus- und Hofeigentümer fürchten, dass einem „die Kerle“ Türen und Tore aus den Angeln hoben und irgendwohin brachten, wo man sie erst nach langem Suchen wiederfand. Falls sie nicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, wie es bei Blumentöpfen und Gießkannen leicht geschehen konnte. – Wahrscheinlich ging es schon auf Mitternacht zu, denn alle drei lagen wir längst im Bett, wenn mein Vater dann turnusmäßig nur der Sicherheit halber von meiner Mutter nochmals wissen wollte, ob sie auch auf dem Klo das Dachfenster zugemacht hatte. Man konnte nie wissen, ob die Kerle nicht eine Leiter mit sich führten, über die sie aufs Dach steigen und dort weiß der Teufel was anstellen.

Walpersnacht war überhaupt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene einer der abenteuerlichsten und ereignisreichsten Tage im ganzen Jahr und was Spannung und Überraschung anging vergleichbar nur mit Heilig Abend und seiner Bescherung. Für uns Kinder ging es bereits nachmittags los. Es galt Äste und Zweige heranzuschleppen zu der Stelle an der im Laufe des Nachmittags „der Walpershaufen“ zu stattlicher Höhe heranwuchs. Ältere Jungen führten das Kommando, die kräftigen und starken rückten ein paar dicke Stämme zurecht, deren Rund bildete das stabile Fundament des Haufens, auf dem anschließend immer neue Reisigbündel aufgeschichtet wurden. Bald schon kletterte einer von den Größeren auf das erste Stockwerk und auf seine Anweisungen hin reichten wir Kleineren und Jüngeren ihm weiteres Brennmaterial an, das er geschickt um sich her verteilte und mit den Füßen feststampfte. – Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, wurden auch in Benzin getränkte Lumpen mit verarbeitet. Und ragte in der Mitte des Haufens nicht ein Pfahl in die Höhe, an dessen oberem Ende zuletzt die Stoffpuppe angebracht wurde? Alte abgetragene Kleidungsstücke, die um Stroh und Holzwolle gewickelt waren, vermutlich der weibliche Arbeitsanteil am Gelingen des Ganzen, auch wenn ich mich an Mädchen bei dem lebhaften Hin und Her nicht erinnern kann, genäht und mit Puppen hantiert wurde ja schließlich in der Stube, oder?

Ein Werk wie dieses – wir sprachen immer vom „Walpershaufen“, nie von einem Scheiterhaufen – benötigte natürlich einen zeitlichen Vorlauf. Das heißt, bereits ein oder zwei Wochen vor Walpersnacht musste Material gesammelt und am Waldrand zusammengetragen werden. Allerhand im Unterholz und Gestrüpp umherliegendes Brennmaterial, morsche Äste und Zweige, wurde in Mulden gelagert und je nach Wettervorhersage mit einer Plane abgedeckt, um es gegen Regennässe zu schützen.

Es gab übrigens nicht nur den einen Haufen, es gab ihrer wenigsten drei im Ort. Den auf „Schachekopp“, meiner sozusagen, die B41 hinauf rechter Hand, die Kuppe der Anhöhe war von unserem Küchenfenster aus gut sichtbar. Des weiteren den Haufen am „Bassing“ oberhalb der „Strutwies“, um den sich die vom Oberdorf versammelten. Endlich der auf dem „Buresch“, der im Einzugsgebiet des Unterdorfs gelegene Haufen. Was lag bei diesen Gegebenheiten unter uns Buben näher als die wettbewerbsorientierte Frage, wer hat den größeren und welcher brennt am besten? Beziehungsweise anderntags in ausgeschlafenem Zustand rückblickend gefragt, welcher Haufen hat womöglich bloß gequalmt, weil das Reisigzeug wegen des Dauerregens der vorangegangenen Tage einfach zu feucht gewesen ist.
Schlimmer und schmählicher als ein nicht brennen wollender, sondern lediglich qualmender Walpershaufen war der Eintritt eines gleichsam umgekehrten Ereignisses, mit einem lateinischen Ausdruck aus meinem Erwachsenenwortschatz nenne ich es einmal „illuminatio präcox“. Ursache in diesem Fall war ein Zeitfenster verminderter Aufmerksamkeit bzw. Wachsamkeit. Es handelt sich um die Zeit zwischen Abendbrot und Einbruch der Dämmerung. Die beiden Stunden, da die fertigen Haufen unbeaufsichtigt im schwächer werdenden Licht der untergehenden Sonne einsam und verlassen auf ihrer jeweiligen Anhöhe gen Himmel ragen. Weil alle von der stundenlangen Arbeit an der frischen Luft hungrig gewordenen Buben am heimischen Küchentisch beim Vesperbrot sitzen, mit gesundem Appetit zulangen und sich für das nächtliche Treiben stärken.
Ebenda geschieht es. Vielleicht wirft die Mutter, es kann auch die Oma sein, gerade einen flüchtigen Blick aus dem Fenster und da entfährt ihr der Ruf, der Walpershaufen brennt! – In der Regel war es dann bereits zu spät. Um vom Tisch aufzuspringen, nach einem Spaten zu suchen, auf die Anhöhe zu eilen und die züngelnden Flammen zu ersticken. Vom Alarmieren der Freiwilligen Feuerwehr ganz zu schweigen. Zu spät auch, um den oder die Brandstifter auf frischer Tat zu ertappen. Man vermutete sie zwar nicht zu Unrecht in den Kreisen eines der konkurrierenden Haufen, aber das half nun nichts mehr, man musste die Niederlage und ihre Schmach über sich ergehen lassen.

Heute würde ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es damals je zu diesem Äußersten gekommen ist und eine versuchte Brandstiftung nicht doch noch rechtzeitig bemerkt worden wäre. Möglicherweise waren solche Geschichten auch bloß Ausgeburten einer Angstlust, dienlich einzig dem Zweck, den walpersnächtlichen Nervenkitzel zu steigern. Eventuell erklärt sich so auch das Gerücht vom Leiterwägelchen, das vom Dach baumelt. Bei diesem Dachschmuck habe es sich im übrigen um das Leiterwägelchen der Lumpen- und Alteisen-Elli aus dem Oberdorf gehandelt. Zweimal im Jahr zog sie damit durchs Dorf und machte sich lautstark mit einer Schelle und ihrer Stimme bemerkbar, Lumpen, Alteisen! Was sie an abgetragenen Kleiderstücken, Wollfetzen und ausrangiertem Kochgeschirr einsammelte, nahm ihr ein gewerbsmäßiger Schrott- und Altwarenhändler ab. Darüber hinaus hatte das Wägelchen, wie von meiner Mutter zu erfahren war, der Elli schon bei Kriegsende nützliche Dienste erwiesen, nämlich beim Transportieren von Krummbiren und auch sonst beim Hamstern. Da habe sie manch einer im Dorf um das Gefährt beneidet. Desto weniger hatte der Leiterwagen aus dem Oberdorf etwas auf einem Dach im Unterdorf zu suchen, um genau zu sein „auf dem Buresch“, dort mit der Deichsel am „Känel“, also an der Dachrinne, aufgehängt.

Wenn es sich aller Wahrscheinlichkeit nach also verhalten hat, dass die verfrühte Abfackelung, wie angstlustvoll auch immer gefürchtet, am Ende ausgeblieben ist, wie ging es am Abend nach dem Vesperbrot an Walpersnacht dann regulär weiter? Nun, sobald es dämmerte hatten wir beim Küchenfenster ein geschärftes Auge auf „Schachekopp“, vor allem meine Mutter. Es dauerte nicht lange, bis sie sagte, ich glaube, jetzt haben sie ihn angesteckt, ich seh da was. Allihopp, sagte mein Vater, zieh den Anorak an und hol die Fackel. In einer knappen Viertelstunde waren wir auf „Schachekopp“, die Fackel war noch in Zeitungspapier gewickelt, die pechschwarze Quaste an einem Stück Besenstiel fürs Anfassen fühlte sich klebrig an. Schon auf dem Weg rochen wir das Feuer und oben angekommen sahen wir, dass der Haufen in Bodennähe gleich an mehreren Stellen brannte.

Einzeln und in kleinen Grüppchen standen Jung und Alt rings um den Haufen, der sich mit seiner stattlichen Breite und der beträchtlichen Höhe wirklich sehen lassen konnte. Bald schon zischte und krachte das Feuer ganz schön laut. Mein Vater schob mich zwischen den Umherstehenden näher ans Feuer heran. Um an einer aus dem Stoß züngelnden Flammen meine Fackel zu entzünden, musste ich mich dem Ungetüm auf Armlänge nähern, ein Gefühl, als werde einem gleich das eigene Fleisch geröstet. Du musst sie richtig ins Feuer halten, sonst brennt sie nicht an, mein Vater stand hinter mir, beide Hände an meiner Schulter, kneifen ging nicht. Endlich brannte sie und glimmte nicht nur und würde, wenn ich Glück hatte, nicht sofort wieder ausgehen. Wir konnten uns einige Schritte von der Gluthitze zurückziehen. Man hatte sich überdies, je rascher und wütender das Feuer sich den Haufen emporfraß, vor plötzlichem Funkenflug in Acht zu nehmen, außer die Explosion ging nach oben und ihr Sprühregen aus Lichtpünktchen zerstob in der Dunkelheit in genügender Höhe über unseren Köpfen. – Du musst die Fackel gleichmäßig im Kreis bewegen, dann geht sie auch nicht so leicht wieder aus, ich befolgte die väterliche Anweisung, auch wenn es mir ein wenig stumpfsinnig vorkam. Das Schauspiel des mittlerweile lichterloh brennenden Haufens entschädigte einen für das monotone Fackelkreisen und wenn kurz darauf auch die Stoffpuppe Feuer fing, sich in der Flamme krümmte und in sich zusammensackte, von einem langgezogenen Ah! aus den Mündern der Zuschauer begleitet, dann war damit auch schon der Höhepunkt des Spektakels überschritten.

Wieder zuhause, hieß es sogleich, ab ins Bett. Während mein Vater noch einmal ums Haus ging und sich seiner Sicherheitsvorkehrungen vergewisserte, schaute meine Mutter ein letztes Mal aus dem Küchenfenster in Richtung „Schachekopp“, ein bisschen brennt er noch, sagte sie, aber nicht mehr lange, er ist fast bis auf den Stumpf niedergebrannt. – In allen meinen Erinnerungen an Walpersnacht bin ich klein, nicht älter als sieben, acht oder neun. Ich wüsste nicht, einmal einer von den Größeren bei so einer Walpersnachtunternehmung gewesen zu sein, erinnere mich keiner nächtlichen Streiche, die ich mit ausgeheckt hätte. Was eigenartig ist, vielleicht hätte ich dafür weiter im Dorf zur Schule gehen und Hauptschüler statt Gymnasiast sein müssen. Wie mein Klassenkamerad Klaus aus der Weihergass, der nach Abschluss der Volksschule „nur“ zur Handelsschule ging und danach „auf der Stadt“ gearbeitet hat.

Nach Walpersnacht geht es auf Maikäferfang

Auch auf Maikäferfang hat mich mein Vater begleitet. Ich bewaffnete mich mit einem Einmachglas, keinem all zu großen, vielleicht auch nur ein Honigglas mit Schraubdeckel aus Blech. In den ich zuvor mit Hammer und Nagel ein paar Löcher geklopft hatte zwecks Frischluftzufuhr. Wieder ging es auf Schachekopp, aber nicht bis ganz hinauf, nicht bis zu der kahlen Stelle, der Glatze von Schachekopp sozusagen, wo an Walpersnacht der Haufen stand, von dem man jetzt nurmehr die verkohlten Reste am Boden sehen würde, das Kreisrund grauschwarzer Asche, in der Mitte ein Häuflein verkohlter Stümpfe. Diesmal ging es gerade einmal bis auf halber Höhe, auf die Wiese mit Obstbäumen unterhalb des Spaliers von Tannen, deren dunkler Querstreifen für mich immer die Hälfte der Anhöhe markierte.

Die ideale Tageszeit, um auf Maikäferfang zu gehen, ist der Abend, die Dämmerung, man sollte noch was sehen, um die Käfer von den Blättern zu pflücken, manchmal auch von der eigenen Schulter oder vom Unterarm. Sie sind nicht die besten und elegantesten Flieger. „Maikäfer flieg“ ist beinahe zuviel gesagt für die schwerfälligen Brummer. Mein Vater erklärt mir, dass sie mitunter von den Blättern rutschen und auf den Boden fallen, wo sie auf dem Rücken landen und mit den Beinchen strampeln, um sich nur mühsam mit Pumpbewegungen wieder in die Luft zu erheben. Auf dem Weg vom Boden zurück in die tiefhängenden Zweige passiert es dann, dass sie schon einmal auf der Jacke landen oder sich in den Haaren verfangen. Alles Gelegenheiten, ihrer habhaft zu werden, hinein ins Glas und Deckel drauf.

Mit ihrer artgerechten Haltung in Gefangenschaft beginnt es dann anderntags. Zum Durchfüttern müssen zwei oder drei frisch von einem jungen Zweig getrennte grüne Blätter ins Einmachglas, vegane Ernährung also, das Wort gab es damals noch gar nicht. Daneben ist regelmäßiger Ausgang wichtig. Ich lasse sie am Küchenfenster hin und her krabbeln, sie machen kaum Anstalten, mal ein wenig umherzufliegen. Das Chlorophyll der zartgrünen Blätter und das Chitin des braunen Rückenpanzers der Tierchen verströmen anfangs eine angenehm nach Frühling- und Maiwiese riechende Duftmischung. Trotz Nachschub schrumpeln die Blätter im Glas schnell, werden welk und schlaff, die Bewohner, ohnehin bloß eine Käferkleinfamilie, Vater, Mutter und Kind, lahm und träge. Nach zwei oder drei Tagen riecht es unangenehm, bis sich eines morgens nichts mehr regt im Einmachglas. Aber da hat man als Kind das Interesse an Maikäfern für das laufende Jahr auch schon verloren und ist mit seiner Phantasie längst woanders.

P.S. Mich beschäftigt heute noch der kleine Junge mit der Fackel, die er der väterlichen Anleitung folgend stetig im Kreis bewegt. Muss das nicht langweilig gewesen sein? Wo sind am Abend beim Feuer, die Gleichaltrigen, der Manfred, der Klaus aus der Weihergass und der Karl-Werner? Nachmittags beim Aufschichten des Haufens sind sie in der Erinnerung dabei, neben den Älteren, die das Wort führen. Wäre es mit ihnen nicht lustiger und auch auf andere Weise aufregend als unter väterlicher Aufsicht? Irgendwie kommt es mir passend vor zum Einzelkindschicksal. Und dieses stupide, todlangweilige Kreisen mit der Fackel, hat es rückblickend nicht etwas Symbolhaftes? Auch dir, kleiner Junge, droht die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, selbst wenn du beim naiven Fackeldrehen im Augenblick nichts ahnen kannst von dieser symbolischen Bedeutung deines Tuns.