Staufen (kobinet)
Kar-Woche und Ostern sind besondere Tage.
Die Kar-Woche ist die letzte Woche vor Ostern.
In dieser Woche denken viele Menschen an den Tod von Jesus.
Früher haben sich viele Menschen versammelt.
Das war von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre.
Eine Bewegung hieß: Kampf dem Atom-Tod.
Atom-Tod bedeutet: Sehr viele Menschen sterben durch Atom-Waffen.
Atom-Waffen sind die gefährlichsten Waffen der Welt.
Eine andere Bewegung hieß: Oster-Marsch-Bewegung.
Bei der Oster-Marsch-Bewegung gehen viele Menschen gemeinsam durch die Straßen.
Sie wollen Frieden und keine Waffen.
Die Menschen wollten Frieden und Ab-rüstung.
Ab-rüstung bedeutet: Länder bauen weniger Waffen.
Sie wollen sicherer miteinander leben.
Die Menschen haben das damals laut gefordert.
Heute gibt es wieder Oster-Märsche.
Das ist fast 80 Jahre später.
Die Politik bereitet sich auf Krieg vor.
Deshalb sorgen sich viele Menschen um den Frieden.
Erinnern ist wichtig.
Erinnerung gibt Kraft.
Erinnerung lehrt uns etwas.
Alexander Kluge war ein wichtiger Künstler.
Er hat Kunst über wichtige Dinge aus der Vergangenheit gemacht.
So sollten Menschen diese Dinge nicht vergessen.
Er ist vor einer Woche gestorben.
Er hat auf besondere Weise erzählt und erinnert.
Alexander Kluge hatte eine wichtige Idee.
Er sagte: Menschen brauchen Geschichten.
Durch Geschichten entsteht etwas zwischen Menschen.
Das ist etwas Echtes.
Es ist nicht erfunden oder geträumt.
Das verbindet uns wie eine gemeinsame Seele.
Wir sind durch Geschichten miteinander verbunden.
Das gilt auch für unser Verhältnis zur Natur.
Verhältnis bedeutet hier: Wie wir mit der Natur umgehen.
Und wie die Natur mit uns umgeht.
2011 gab es ein großes Un-Glück in Fukushima.
Fukushima ist ein Ort in Japan.
Dort ist ein Atom-Kraft-Werk explodiert.
Ein Atom-Kraft-Werk macht Strom aus sehr kleinen Teilen.
Diese kleinen Teile heißen Atome.
Wenn ein Atom-Kraft-Werk explodiert, ist das sehr gefährlich für viele Menschen.
Kluge sagte dazu: Nach einem großen Un-Glück muss man erzählen.
Erzählen hilft uns, das Erlebte zu ver-arbeiten.
Ver-arbeiten bedeutet hier: Das Erlebte verstehen.
So kann man wieder nach vorne schauen.
Kluge war 12 Jahre alt im Zweiten Welt-Krieg.
Er erlebte einen Bomben-Angriff auf seine Stadt Halberstadt.
Bei einem Bomben-Angriff werden Bomben auf einen Ort geworfen.
Bomben sind gefährliche Waffen.
Sie zerstören und töten.
Dabei wurde sein Eltern-Haus zerstört.
Danach dachte er: Das kann ich morgen in der Schule erzählen.
Er war traurig, als die Schule ausfiel.
Das Erzählen machte für ihn die Welt wieder in Ordnung.
Kluge glaubte: Alle Erlebnisse der Menschen bilden ein Netz.
Dieses Netz ist sehr stark.
Es ist stärker als das Internet.
Wenn wir falsch erinnern, machen wir dieses Netz kaputt.
Wenn wir gar nicht erzählen, zerstören wir das Netz.
Kluge sagte: Das ist wie ein Haus der Erinnerung zerstören.
Hier gibt es eine Radio-Sendung mit Alexander Kluge.
Die Sendung ist vom SWR.
SWR bedeutet: Süd-West-Rundfunk.
Das ist ein deutsches Radio- und Fernseh-Angebot.
Das Gespräch fand zu Kluges 90. Geburts-Tag statt.
Darin spricht er über eine böse Kraft des Krieges.
Er meint: Der Krieg hat eine zerstörerische Kraft.
Diese Kraft ist schwer zu stoppen.

Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen
Staufen (kobinet) Karwoche und Ostern. An diesen Tagen versammelten sich von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre in der alten Bundesrepublik Menschen im Namen der Bewegung "Kampf dem Atomtod und der Ostermarschbewegung". Um unter den damaligen weltpolitischen Verhältnissen für Friedenserhalt und Abrüstung zu demonstrieren. Heute, bald acht Jahrzehnte danach, ist in der Bundesrepublik erneut "Ostermarsch" angesagt. Weil in Anbetracht der von der Politik forcierten Kriegsvorbereitung die Menschen allen Grund haben, sich um die Erhaltung des Friedens zu sorgen. Und sich zu erinnern, da Erinnerung eine Kraftquelle und eine Lehrmeisterin ist. – Ein in diesem Zusammenhang vorbildlicher politischer Erinnerungskünstler, Alexander Kluge, ist vor einer Woche gestorben. Seine Idee und Weise des erzählenden Erinnerns habe ich (schon vor einer Weile) für mich einmal in der folgenden Notiz festzuhalten versucht.
Alexander Kluge zufolge, bedeutet Gesellschaft und Geselligkeit, dass zwischen uns Menschen eine Erzählung entsteht, etwas Wirkliches entsteht. Der Sitz der Seele befinde sich zwischen zwei Menschen und nicht im isolierten Einzelnen. Diese seelische Verbundenheit berührt auch unser Verhältnis zur Natur,wie er 2011 unter dem Eindruck der Nuklear-Katastrophe von Fukushima ausführt. Dazu Kluge wörtlich: Man muss erzählen nach einer Katastrophe.
Als 12-jähriger Schüler erlebt Kluge den Alliierten-Bombenangriff auf Halberstadt, wobei auch sein Elternhaus zerstört wird. Im Rückblick sagt er: Als der Bombenangriff vorüber war, hab ich noch eine Stunde später gedacht, morgen ist Montag und ich kann es in der Klasse erzählen. Ich war sehr enttäuscht, dass die Schule ausfiel – das heißt, es ist das Erzählen, wodurch man die Wirklichkeit, die Haut, in der wir leben, wiederherstellt. Ein Bedürfnis, das stärker sein kann als alles objektive Geschehen.
Ich glaube, dass alle Erlebnisse, die Menschen haben, untereinander ein Netz bilden. Das stärker vernetzt ist als das Online-Netz. Und dass man gewissermaßen, wenn man falsch erinnert, etwas verdrängt oder übertrieben erinnert, oder etwas nicht erzählt, sondern immer nur bezeichnet – das war der 8. April 1945 und das weiß jeder, was es ist – wenn man es so macht, kommt das ganze Netz, dieses Kleid, indem wir leben, durcheinander. Wir zerstören dann ein Haus, indem wir leben, das Haus der Erinnerung.
Hier mein ausgewählter Link zur SWR-Sendung mit einem öffentlichen Gespräch mit Kluge anlässlich seines 90. Geburtstages, darin eine längere Gesprächssequenz über den Dämon des Kriegs.
https://castbox.fm/episode/Im-unruhigen-Garten-der-Seele.-Alexander-Kluge-im-Gespr%C3%A4ch-mit-Alexander-Wasner-id2281297-id480520565?country=de

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Staufen (kobinet) Karwoche und Ostern. An diesen Tagen versammelten sich von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre in der alten Bundesrepublik Menschen im Namen der Bewegung "Kampf dem Atomtod und der Ostermarschbewegung". Um unter den damaligen weltpolitischen Verhältnissen für Friedenserhalt und Abrüstung zu demonstrieren. Heute, bald acht Jahrzehnte danach, ist in der Bundesrepublik erneut "Ostermarsch" angesagt. Weil in Anbetracht der von der Politik forcierten Kriegsvorbereitung die Menschen allen Grund haben, sich um die Erhaltung des Friedens zu sorgen. Und sich zu erinnern, da Erinnerung eine Kraftquelle und eine Lehrmeisterin ist. – Ein in diesem Zusammenhang vorbildlicher politischer Erinnerungskünstler, Alexander Kluge, ist vor einer Woche gestorben. Seine Idee und Weise des erzählenden Erinnerns habe ich (schon vor einer Weile) für mich einmal in der folgenden Notiz festzuhalten versucht.
Alexander Kluge zufolge, bedeutet Gesellschaft und Geselligkeit, dass zwischen uns Menschen eine Erzählung entsteht, etwas Wirkliches entsteht. Der Sitz der Seele befinde sich zwischen zwei Menschen und nicht im isolierten Einzelnen. Diese seelische Verbundenheit berührt auch unser Verhältnis zur Natur,wie er 2011 unter dem Eindruck der Nuklear-Katastrophe von Fukushima ausführt. Dazu Kluge wörtlich: Man muss erzählen nach einer Katastrophe.
Als 12-jähriger Schüler erlebt Kluge den Alliierten-Bombenangriff auf Halberstadt, wobei auch sein Elternhaus zerstört wird. Im Rückblick sagt er: Als der Bombenangriff vorüber war, hab ich noch eine Stunde später gedacht, morgen ist Montag und ich kann es in der Klasse erzählen. Ich war sehr enttäuscht, dass die Schule ausfiel – das heißt, es ist das Erzählen, wodurch man die Wirklichkeit, die Haut, in der wir leben, wiederherstellt. Ein Bedürfnis, das stärker sein kann als alles objektive Geschehen.
Ich glaube, dass alle Erlebnisse, die Menschen haben, untereinander ein Netz bilden. Das stärker vernetzt ist als das Online-Netz. Und dass man gewissermaßen, wenn man falsch erinnert, etwas verdrängt oder übertrieben erinnert, oder etwas nicht erzählt, sondern immer nur bezeichnet – das war der 8. April 1945 und das weiß jeder, was es ist – wenn man es so macht, kommt das ganze Netz, dieses Kleid, indem wir leben, durcheinander. Wir zerstören dann ein Haus, indem wir leben, das Haus der Erinnerung.
Hier mein ausgewählter Link zur SWR-Sendung mit einem öffentlichen Gespräch mit Kluge anlässlich seines 90. Geburtstages, darin eine längere Gesprächssequenz über den Dämon des Kriegs.
https://castbox.fm/episode/Im-unruhigen-Garten-der-Seele.-Alexander-Kluge-im-Gespr%C3%A4ch-mit-Alexander-Wasner-id2281297-id480520565?country=de




