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Kluges Erinnern: An Nuklearkatastrophe oder Bombenangriff 1945

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alte Schreibfeder liegt auf einem Brief
Kluges Erinnern mittels Erzählen
Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

Staufen (kobinet) Karwoche und Ostern. An diesen Tagen versammelten sich von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre in der alten Bundesrepublik Menschen im Namen der Bewegung "Kampf dem Atomtod und der Ostermarschbewegung". Um unter den damaligen weltpolitischen Verhältnissen für Friedenserhalt und Abrüstung zu demonstrieren. Heute, bald acht Jahrzehnte danach, ist in der Bundesrepublik erneut "Ostermarsch" angesagt. Weil in Anbetracht der von der Politik forcierten Kriegsvorbereitung die Menschen allen Grund haben, sich um die Erhaltung des Friedens zu sorgen. Und sich zu erinnern, da Erinnerung eine Kraftquelle und eine Lehrmeisterin ist. – Ein in diesem Zusammenhang vorbildlicher politischer Erinnerungskünstler, Alexander Kluge, ist vor einer Woche gestorben. Seine Idee und Weise des erzählenden Erinnerns habe ich (schon vor einer Weile) für mich einmal in der folgenden Notiz festzuhalten versucht.

Alexander Kluge zufolge, bedeutet Gesellschaft und Geselligkeit, dass zwischen uns Menschen eine Erzählung entsteht, etwas Wirkliches entsteht. Der Sitz der Seele befinde sich zwischen zwei Menschen und nicht im isolierten Einzelnen. Diese seelische Verbundenheit berührt auch unser Verhältnis zur Natur,wie er 2011 unter dem Eindruck der Nuklear-Katastrophe von Fukushima ausführt. Dazu Kluge wörtlich: Man muss erzählen nach einer Katastrophe.

Als 12-jähriger Schüler erlebt Kluge den Alliierten-Bombenangriff auf Halberstadt, wobei auch sein Elternhaus zerstört wird. Im Rückblick sagt er: Als der Bombenangriff vorüber war, hab ich noch eine Stunde später gedacht, morgen ist Montag und ich kann es in der Klasse erzählen. Ich war sehr enttäuscht, dass die Schule ausfiel – das heißt, es ist das Erzählen, wodurch man die Wirklichkeit, die Haut, in der wir leben, wiederherstellt. Ein Bedürfnis, das stärker sein kann als alles objektive Geschehen.

Ich glaube, dass alle Erlebnisse, die Menschen haben, untereinander ein Netz bilden. Das stärker vernetzt ist als das Online-Netz. Und dass man gewissermaßen, wenn man falsch erinnert, etwas verdrängt oder übertrieben erinnert, oder etwas nicht erzählt, sondern immer nur bezeichnet – das war der 8. April 1945 und das weiß jeder, was es ist – wenn man es so macht, kommt das ganze Netz, dieses Kleid, indem wir leben, durcheinander. Wir zerstören dann ein Haus, indem wir leben, das Haus der Erinnerung.

Hier mein ausgewählter Link zur SWR-Sendung mit einem öffentlichen Gespräch mit Kluge anlässlich seines 90. Geburtstages, darin eine längere Gesprächssequenz über den Dämon des Kriegs.
https://castbox.fm/episode/Im-unruhigen-Garten-der-Seele.-Alexander-Kluge-im-Gespr%C3%A4ch-mit-Alexander-Wasner-id2281297-id480520565?country=de