Staufen (kobinet)
Vor 2 Jahren erschien ein besonderer Text.
Der Text war ein April-Scherz.
Ein April-Scherz ist eine erfundene Geschichte.
Man erzählt sie am 1. April als Witz.
Der Text handelte von einem erfundenen Telefon-Gespräch.
In dem Gespräch redeten Gerhard Schröder und Wladimir Putin.
Gerhard Schröder war früher Bundes-Kanzler in Deutschland.
Der Bundes-Kanzler ist der Chef der deutschen Regierung.
Wladimir Putin ist der Präsident von Russland.
Ein Präsident ist der Chef eines Landes.
Der Text erschien auf der Webseite kobinet-Nachrichten.
Kobinet-Nachrichten ist ein Magazin über Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen können mitmachen.
Jeder Mensch gehört dazu.
Ein Redakteur namens Weis hat den Text geschrieben.
Ein Redakteur schreibt Texte für Zeitungen oder Internet-Seiten.
Weis spricht für die Gruppe Krüppel gegen Kriegs-Vorbereitung.
Der Text war sehr beliebt.
Viele Menschen haben den Text gelesen.
Viele Menschen haben den Text geteilt.
Sogar die Washington Post hat nachgefragt.
Die Washington Post ist eine große Zeitung aus den USA.
Jetzt wird der Text noch einmal gezeigt.
Der erfundene Mitschnitt des Telefon-Gesprächs
Das Magazin kobinet-Nachrichten hat einen Text veröffentlicht.
Veröffentlichen bedeutet: Etwas wird für alle lesbar gemacht.
Der Text tut so, als wäre er ein echter Mitschnitt.
Ein Mitschnitt ist eine Aufnahme von einem Gespräch.
Man kann ihn sich später noch einmal anhören.
Das Gespräch zwischen Schröder und Putin ist erfunden.
Es geht um Freundschaft und Politik.
Die Nachricht auf dem Anruf-Beantworter
Schröder spricht auf Putins Anruf-Beantworter.
Ein Anruf-Beantworter nimmt Nachrichten auf.
Er springt an, wenn niemand ans Telefon geht.
Schröder sagt: Ruf mich an.
Er sagt: Ab 11 Uhr bin ich wach.
Er sagt: Die Zeiten sind schwierig für uns beide.
Das Telefon-Gespräch der alten Freunde
Die beiden Männer reden miteinander.
Sie reden über ihre Gesundheit.
Schröder sagt: Mir geht es morgens nicht gut.
Er sagt: Ich bin 80 Jahre alt.
Putin ist 10 Jahre jünger als Schröder.
Sie reden über den Krieg in der Ukraine.
Schröder nennt den Krieg eine Sonder-Operation.
Eine Sonder-Operation ist ein besonderer Einsatz.
Russland nennt seinen Krieg in der Ukraine so.
Schröder sagt: Dieser Krieg ist falsch.
Er sagt: Die USA wollen Russland schwächen.
Schröder erzählt von einem Kino-Besuch.
Er hat den Film 20 Tage in Mariupol gesehen.
Mariupol ist eine Stadt in der Ukraine.
Der Film zeigt den Krieg in Mariupol.
Der Film hat einen Oskar gewonnen.
Der Oskar ist ein bekannter Film-Preis aus den USA.
Schröder kritisiert Putins Besuch in Mariupol.
Putin besuchte die Stadt nach dem Krieg dort.
Schröder sagt: Die Stadt war wie eine Geister-Stadt.
Eine Geister-Stadt ist eine Stadt ohne Menschen.
Die Häuser sind leer.
Die Straßen waren leer.
Schröder vergleicht den Besuch mit Adolf Hitler.
Hitler besuchte Paris nach dem Krieg auf ähnliche Weise.
Sie reden über das Wort Entnazifizierung.
Entnazifizierung war ein Prozess nach dem Zweiten Welt-Krieg.
Die Sieger bestraften National-Sozialisten und entfernten sie aus wichtigen Stellen.
Putin benutzt dieses Wort für seinen Krieg in der Ukraine.
Schröder hält das für falsch.
Schröder sagt: Man sollte von den USA lernen.
Er sagt: Man sollte nicht alle Fehler der USA wiederholen.
Schröder erinnert sich an gute alte Zeiten.
Damals fuhren sie auf Putins Yacht in der Ostsee.
Eine Yacht ist ein großes und teures Boot.
Die Ostsee ist ein Meer im Norden Europas.
Sie angelten und grillten gemeinsam.
Schröder war mit seiner Freundin Doris dabei.
Schröder fragt: Was brauchst du?
Er sagt: Ich kann Waren schicken.
Das ist möglich trotz der Sanktionen.
Sanktionen sind Strafen für ein Land.
Andere Länder dürfen dann nichts mehr dorthin verkaufen.
Putin wünscht sich Medikamente.
Schröder macht einen Witz darüber.
Schröder sagt: Du brauchst Urlaub.
Er empfiehlt Sotschi.
Sotschi ist eine Stadt am Meer in Russland.
Schröder schlägt russisches Essen und Ruhe vor.
Schröder zitiert einen deutschen Philosophen.
Der Philosoph heißt Immanuel Kant.
Ein Philosoph denkt über wichtige Fragen nach.
Er sucht Antworten auf diese Fragen.
Kant wurde vor 300 Jahren in der Stadt Königs-Berg geboren.
Am Ende rauscht die Leitung sehr stark.
Sie vermuten: Jemand hört das Gespräch ab.
Schröder fragt nach dem Wetter in Moskau.
Putin sagt: Es gibt Drohnen-Angriffe.
Eine Drohne ist ein Flug-Gerät ohne Pilot.
Bei einem Drohnen-Angriff fliegt sie zu einem Ziel und greift es an.
Schröder sagt: Das Wetter über Kiew ist auch schlecht.
Er meint: Du lässt Bomben auf Kiew fallen.
Danach ist nur noch Rauschen in der Leitung zu hören.
Erklärungen zu schwierigen Wörtern
Oblomow ist eine Figur aus einem russischen Buch.
Diese Figur liegt sehr viel und tut fast nichts.
Sie ist bekannt dafür, sehr faul zu sein.
Water-boarding ist eine Folter-Methode.
Folter bedeutet: Menschen werden absichtlich verletzt.
Beim Water-boarding denkt das Opfer: Ich ertrinke.
Die USA haben diese Methode in einem Gefangenen-Lager benutzt.
Ein Gefangenen-Lager ist ein Ort, wo viele Menschen eingesperrt werden.
Die Menschen dort dürfen nicht weggehen.
Das Gefangenen-Lager heißt Guantanamo.
Es liegt auf der Insel Kuba.
Nowitschok ist ein sehr starkes Gift.
Das Gift wurde in Russland hergestellt.
Es kann Menschen töten.
Der russische Geheim-Dienst hat dieses Gift benutzt.
Ein Geheim-Dienst sammelt Nachrichten und Informationen im Verborgenen.
Damit wurden politische Gegner vergiftet.
Ein politischer Gegner ist jemand, der andere Ideen für das Land hat.
Hard Rain ist ein Lied von Bob Dylan.
Bob Dylan ist ein bekannter amerikanischer Sänger.
Das Lied handelt von einer drohenden Gefahr.
Dylan schrieb es wegen einer gefährlichen Lage im Jahr 1962.
Damals drohte fast ein Atom-Krieg.
Atom-Krieg bedeutet: Länder kämpfen mit Atom-Waffen.
Atom-Waffen sind sehr gefährlich und zerstören sehr viel.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Erstveröffentlichung vor zwei Jahren und noch immer taufrisch! Beziehungsweise brandaktuell! Am 1. April machten die kobinet-Nachrichten international Furore mit ihrem großen Lauschangriff auf ein Schröder-Putin-Telefonat. Die Duzfreunde glaubten sich unabgehört und plauderten munter drauflos. Höchst Aufschlussreiches über die bei uns im Westen gern verschwiegenen Hintergründe des Ukraine-Kriegs kommt zutage. Garniert mit pikanten Einzelheiten über die durchaus prekären gesundheitlichen Zustände der beiden alten Knacker. – Der für diesen investigativen journalistischen Recherchecoup federführende kobinet-Redakteur Weis (Sprecher von "Krüppel gegen Kriegsvorbereitung") erfährt seitdem als Putin-Versteher höchstes Lob von allen Seiten, von der Washington-Post bis zum kobinet-Redaktionsteam. Hier noch einmal der spektakuläre Original-Beitrag.
Brisante Erstveröffentlichung auf einer Behindertenplattform – geheimer Mitschnitt eines Telefonats zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin
Exklusiv liegt dem Inklusionsmagazin kobinet-Nachrichten der Livemitschnitt des Telefonats vor. Ein Geniestreich kaltblütigster Abhör-Recherche! Die „Washington Post“ hat wegen der Zweitverwertungsrechte angefragt. Persönliches und Politisches runden einander ab, eine Reallife-Dokumentation erster Güte. Die Kriegshysterie in Ost und West bekommt menschlich anrührende Züge. – Putins Stimme ist leider bis zur Unverständlichkeit verrauscht, es lässt sich jedoch aus den Einlassungen des Altkanzlers, auf das, was sie sagt, einigermaßen gut zurückschließen. Zur Einstimmung aus der alten Männerfreundschaftshymne die entscheidende Liedstrophe: „Ein Freund Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund und wenn die ganze Welt zusammenfällt.“
Prolog oder Vorspiel auf dem Kreml-AB
(Redaktioneller Hinweis: AB ist nicht die Abkürzung für Abort, sondern auch hier für Anrufbeantworter. Ein hochrangiger Kremlmitarbeiter, der nicht genannt werden will und auch nicht wird, ein Whistleblower also, hat den kobinet-Nachrichten die folgende Originalaufsprache von Putins AB zugespielt.) Hallöchen Wladimir, Gerd hier, du hattest mir gestern kurz nach Mitternacht, innerhalb der Geisterstunde, hier in Hannover auf den AB gesprochen, wir sollten mal wieder telefonieren. Finde ich ne gute Idee. Die Zeiten sind denkbar rau für unsereins, ich ein Elder Statesman, du ein mit internationalem Haft …, na ja, wäre auch noch schöner in unserem Alter, hätten wir nichts auf dem Kerbholz, mit lupenreiner Weste, wie die Unschuld vom Lande gleichsam, ist noch keiner von uns mächtigen Staatenlenkern in die Geschichte eingegangen. Kleiner Trost vorweg. Also klingel mal durch, so ab elf bin ich vormittags einigermaßen ausgeschlafen.
Wie die Duzfreunde Wladimir und Gerd trotz widrigster Umstände an ihrem Männerbund festhalten
(Mitgeschnitten am späten Vormittag des 30.Februar) Hallo, ja, jetzt, ja, ich höre, etwas verrauscht, egal, Hauptsache die Leitung steht. Halli hallo erst einmal, lange nichts voneinander gehört, wie geht es dir, alter Knabe, alles im grünen Bereich? – Deine Ohren, wie, was ist damit? Ach so, du meinst, zu viel um die Ohren die letzte Zeit über. Klar, versteh ich, Du denkst an den Krie … äh, ich meine die Sonderoperation. Wie bitte, was für ne Operation? Tatsächlich, ach Gott, was Schlimmes? Hm, hm, kleiner Eingriff nur, verstehe, na Gott sei Dank. Trotzdem, in unserem Alter, so ne OP… Ich sag dir vorneweg eins, Wlad, wir sind zwei alte weise Männer, da beißt die Maus kein Faden ab.
Wie, was das mit einer Maus zu tun hat? Ist so ne Redensart bei uns im Deutschen. Ne, hat nichts mit der Sendung mit der Maus zu tun, die kennst du? Ah ja, von deiner Zeit in Dresden. Außer Übung, verstehe, mit wem willst du jetzt noch deutsch reden. Die Merkel ruft nicht mehr bei dir an, oder? Ach so, hat sowieso russisch mit ihr gesprochen, hat ihre Russischkenntnisse bei dir aufgefrischt, alte Opportunistin.
Wie bitte, bei mir? Tja, wie schaut es bei mir aus, auch nicht gerade das Gelbe von Ei. Morgens vor allem, da geht es mir wie eurem berühmten Oblomow, würde mich nach dem Frühstück am liebsten gleich wieder aufs Ohr legen. Wenn ich mir abends mal den Luxus leiste, kräftiger zu bechern als gewöhnlich, ist es anderntags besonders schlimm, kriege nichts auf die Reihe. Die Kanzlei dümpelt so vor sich hin. Habe wenigstens keinen Oberbefehl an der Backe. Nein, auch keine OP, du Witzbold, musste mich keiner Spezialoperation unterziehen. Aber Zipperlein noch und nöcher, ich bin achtzig, du immerhin zehn Jahre jünger. Dich fit halten, sagst du, versteh ich, du willst ja noch bis 2036 durchregieren, ist ja bei dir in Russland in deine freie Wahl gestellt, verfassungsmäßig. – Reiten mit freien Oberkörper an der frischen Luft, empfiehlst du, tät mir sicher auch gut, müsst ich aber erst mal meinen inneren Schweinehund besiegen, kennst du den Ausdruck?
Mein Schweinehund kein Vergleich? Kein Vergleich damit, wen du alles besiegen musst. Allerdings. Wenn du dich da mal nicht übernommen hast mit diesem Krie … verdammt, können wir das Ding nicht endlich beim Namen nennen. Was ich davon halte, weißt du ja. Nichts. Hab ich auch diesen Pressefuzzys in Hannover gesagt, als die mich wegen dir gelöchert haben und die Wendehälse in der SPD mich aus der Partei werfen wollten, was dann gründlich in die Hosen ging. Aber zurück zu deinem Spezialdings, du und ich, wir beide sind uns einig, die Amis – was heißt die Amis, die paar Politoligarchen, die bei denen das Ding wuppen, die wollen euch Russen klein halten und uns übrige Europäer gleich mit. Und dein Dingsda kommt denen gerade …
(Anmerkung des Abhörers: Eine Art Übersteuerungsgeräusch in der Leitung) Jetzt geh doch nicht gleich in die Luft und hör mir mal zu, Herrgott, du bist schlimmer wie das HB-Männchen, das du auch nicht kennst, weil vor deiner Zeit in Ostdeutschland. – Verstehe nichts, komm erst mal runter, was sagst du? Ob das im Westfernsehen kam? Nee, im Kino, der Werbeblock, bevor es mit dem Film losging, Western oder Kriegsfilm.
Den Elder Statesman an den Nagel gehängt und in Ruhe einen Kriegsfilm angeschaut
Apropos, hörst du mir wieder zu? Gestern war ich im Kino. Geht problemlos, seitdem ich kein politisches Amt mehr bekleide, nur mehr den Gazprom-Aufsichtsratsposten, das bisschen Lobbyarbeit macht sich von allein. Also, ich stelle den Mantelkragen hoch, ziehe die Hutkrempe in die Stirn und tigere los, coole Type weißt du, Humphrey Bogart, sagt dir vielleicht was. – Was sagst du? Ach wo, nicht um irgendwelche Tussis auf mich aufmerksam zu machen, wegen dem Incognito, ich will nicht angesprochen werden. Gelingt mir sogar hier in Hannover, niemand hat mich erkannt, gestern im Gloria, hab mir in Ruhe den Film ansehen können.
Ein Western? Nein, kein Western. Auch kein Porno, Mann Wlad, ich bin achtzig, das ist so ein Alter, wie soll ich sagen, da fühlst du dich allmählich etwas weniger testosterongesteuert auf die Menschheit losgelassen, schaltest öfter mal deinen Verstand ein, lernst du auch noch kennen. Wenn du mir versprichst, dass du nicht gleich wieder an die Kremldecke gehst, verrat ich dir den Filmtitel. Letzte Woche mit nem Oskar ausgezeichnet worden, ein Kriegsfilm „20 Tage in Mariupol“, du musst ihn dir ja nicht ansehen. Läuft bestimmt auch gar nicht bei euch in den Kinos. – Was meinst du dafür lieber? Lieber der neue „Iwan Grozny“? Schrecklich, ist nicht dein Ernst, das wievielte Remake ist das bereits? Und überhaupt, vielleicht solltest du selber auch mal aufhören, Iwan der Schreckliche zu spielen, merkst du nicht, wie du damit immer auch Regieanweisungen von denen hier bedienst, aus der Traumfabrik des hiesigen politischen Hollywood.
Wo ich freundschaftsdienstlich schon dabei bin, dir die Leviten zu lesen: Dein Tagesbesuch, Halbtagsbesuch in Mariupol, ein Jahr nach den Ereignissen, von denen der Zwanzig-Tage-Film handelt, Ankunft im Helikopter, unangekündigt, offizieller Programmpunkt „Einweihung einer neu errichteten Kulturstätte“, inoffizielle Wirklichkeit, leere Straßenzüge, Besuch in einer Geisterstadt – als ich davon in der Hannover’schen Presse las, weißt du, woran mich deine Theaterkulisse erinnert hat? Nicht an potemkinsche Dörfer. An den Blitzbesuch des Führers 1940 in Paris, nach der Kapitulation Frankreichs, wie er sich im Morgengrauen, gespenstisch, die Straßen menschenleer, über die Champs Elysses hat chauffieren lassen und mittags schon wieder in Berlin landet, zurück in der Reichskanzlei. – Was, wie? Ach reg dich doch ab! Nazis sind immer die andern. Beschimpft, wer? Ich hab dich nicht Faschist genannt, andere tun das, hier bei uns. Warnen vor deinem bevorstehenden Westfeldzug, falls man dich jetzt nicht besiegt, Russland nicht militärisch niedergerungen und entwaffnet wird, dass es die nächsten 50 Jahre zu keiner militärischen Aggression mehr in der Lage ist. Eine sogenannte Russlandexpertin beim Deutschlandfunk wortwörtlich so im Radio. Und dass sie dich andernfalls bald in Ostdeutschland einmarschieren sieht und sozusagen die russische Armee wieder ihre ehemaligen Quartiere an der alten Imperiumsgrenze beziehen.
Von den USA lernen, heißt lernen, wie man es macht und besser nicht macht
Imponiert dir, nicht wahr, traut dir mächtig was zu die Frau. Ich wünschte, du hättest nicht den Funken Ehrgeiz, sie auch noch bestätigen zu wollen. Aber so ticken wir Alphamännchen halt nicht und darum, fürchte ich, ist da auch nix mehr zu retten. Wir Alten springen nicht mal so eben über den eigenen Schatten, ohne uns den Fuß zu verknacksen oder Schlimmeres, bin erst neulich in der Hannover Altstadt an der Bordsteinkante umgeknickt und um ein Haar in der Gosse gelandet. Ohne Chauffeur und Bodyguard unterwegs, wie ich inzwischen, musst nicht meinen, Privatisieren hat auch seine Schattenseiten.
Ich versteh dich wieder kaum, was? Ach nee, fang nicht wieder mit deinem Denazifikazie-Gedöns an, mir kommen ja die Tränen. Kumpel, wie oft hab ich’s dir gesagt, du warst lange genug in der DDR und erinnerst dich an die dortige politische Spruchweisheit, „von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. Heutzutage, hab ich dir erklärt, geht der Spruch anders, die Faustregel lautet, „von den USA lernen, heißt lernen, wie man es macht und besser nicht macht“. Zum Beispiel Gefangenenlager für Terroristen, die man einer peinlichen Befragung unterziehen möchte, Waterboarding oder so, auf keinen Fall im eigenen Land, stets Offshore oder am besten ganz woanders, im Irak oder in Syrien deinetwegen. Bei euch die Gulags – wie? Straflager, meinetwegen – , also Straflager in Sibirien, das ist wie Guantanamo in Alaska oder Abu-Ghuraib im Mittleren Westen. Und die Quittung dafür, die hast du jetzt.
„Der Blutsäufer Putin“, hieß es kürzlich hier bei uns im Radio, kein Politiker, ein Literaturkritiker. Weißt du, was mir durch den Kopf ging, als ich das hörte? Würde ich den Literaturkritiker auf seine Blutsäufer-Metapher hin ansprechen und ihm den Namen Madeleine Albright nennen, ehemalige UN-Botschaferin der USA und Außenministerin unter Bill Clinton, aufgrund der von ihr gegen das Regime Saddam Husseins verhängten Wirtschaftssanktionen starben im Irak schätzungsweise 500 000 Neugeborene und Kleinkinder an Unter- oder Mangelernährung – was würde dieser Kritiker wohl auf meine Frage antworten, ob er Madeleine Albright nun eine „Babyblut-Trinkerin“ nennen würde oder sie in der Vergangenheit einmal so bezeichnet hat? Das ist der ganze Unterschied, auch Doppelstandard genannt. Den hast du dir, beinahe hätte ich gesagt mutwillig, zugezogen und seitdem klebt er an dir und du bekommst ihn nicht wieder los. Also lass uns von was anderm reden.
Wie geht es deinen Lieben zuhause, alle gesund und munter? In alle Himmelsrichtungen auf eure Datschen verstreut, die gute Landluft. Glaub ich, der freie Auslauf, den Hund mal von der Leine lassen, ist keine Merkel in der Nähe. Und unterdessen hockst du mutterseelenallein in deinem Moskauer Kremlstübchen? Nein, warte, lass mich raten, du sitzt an dem großen ovalen Tisch, am oberen Ende, klopfst mit dem Bleistiftende auf die Mahagoniplatte, leicht genervt, ich hör da so ein Klopfen im Hintergrund. – Ach so, hab ich mir fast gedacht, du erwartest jemanden unten an der Kremlmauer, für kurz nach zwölf zum Lunch, alles klar, wir hören auch gleich auf. Drei alte Kameraden, sagst du, KGBler aus Geheimdiensttagen in Ostdeutschland. Sicher, das sind so Seilschaften, die halten ein Leben lang, sag ich immer. Euch wieder mal austauschen über die alten Geschichten. Kalte Kriegsgeschichten, besser als warme, versteh was du meinst, da gibts ne Menge zu erzählen.
Ostseeromantik oder Sehnsucht nach den Tagen der ausgeschütteten Friedensdividende
Wenn ich ehrlich sein soll, Kamerad, ich werd auch immer nostalgischer. Für uns Macher wirklich ein saublödes Gefühl der Gedanke, es geht dem Ende zu und du kannst nichts machen. Du hast immerhin noch einiges vor und kannst zur Not hinterm Ural in Deckung gehen, wenns auf dem europäischen Kriegsschauplatz, an Rhein und Ruhr hat man früher bei uns gesagt, dann mal so richtig knallt. Aber versetz dich mal in meine Lage, jedes Mal wenn ich morgens beim Wachwerden daran denke, wie hier in Europa alles den Bach runtergeht, strecke ich mich unter der Bettdecke umso sehnsüchtiger nach der Vergangenheit aus, nach den guten alten Friedenszeiten. Wie schön war das doch damals in den Nullerjahren, du kannst dich daran ja auch noch erinnern, als wir mit deiner Yacht in die Ostsee stachen zum gemeinsamen Fischefangen und abends an Deck braten. Du mit deiner Ludmilla oder wie hieß sie noch gleich, ich mit der Doris, ihren Hundemutter– und Hundefutterfimmel hatte sie da noch unter Kontrolle, wir so ganz unter uns, kein lästiges Sicherheitspersonal um einen her wie heut überall. Bloß wir vier vereint an der Reling, im Vollgenuss der Friedensdividende ein entspannter Blick nach Westen in den Sonnenuntergang, hat es jemals was Schöneres gegeben? Eine Atmosphäre wie „wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt“, ist mir aus meiner Kindheit im Ohr geblieben, Rudi Schuricke. Und eins darf man auch nicht vergessen, während wir so auf Deck gewesen sind, tief unter uns, am Grund der Ostsee, dort auf dem Meeresboden durch die Pipeline floss die ganze Zeit über ohne Unterlass ruhig und gleichmäßig und ohne Druckabfall friedlich der ost-westliche Ölstrom. Gab es die zu der Zeit überhaupt schon, ist glaub normal, dass in der Erinnerung was durcheinander geht, ist noch kein Alzheimer.
Macht nichts, unterbrech mich nur. Sobald ich in Nostalgie schwelge und anfange zu nerven, muss man mich manchmal einfach bremsen. Ob ich dir was besorgen kann? Kein Problem, der Kurierdienst läuft meines Wissens weiterhin einwandfrei und Frachtkosten sind für dich ja kein Thema. Woran fehlts denn? Ich hab mittlerweile den Überblick verloren, was da bis jetzt alles an Artikeln und Annehmlichkeiten auf der Sanktionsliste gelandet ist. Etwas deutlicher bitte, es rauscht mal wieder fürchterlich in der Leitung. Aha ein Fiaker, wenn ich dich richtig verstehe. Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt, Fiaker sind doch diese Wiener Pferdetaxis, in denen sich die feudalen Herrschaften zur Zeit der K.und K. Monarchie zum Prater haben kutschieren lassen. Hast du vor, lass mich ausreden, du Hobbyhistoriker, ein bisschen versteh ich auch was von Geschichte, du hast vor, einen auf Feudalautokrat zu machen und willst dich im Fiaker in Sotschi auf der Promenade zeigen, stimmts?
Nein, nu lass aber mal die Kirche im Dorf, nochmal, was sagst du? Ist nicht dein Ernst, ich lach mich kaputt, is ja zum Schenkelkloppen, dein Fiaker is, bei dir blockiert die Testosteronsteuerung, na wenn das kein Alarmsignal ist. Aber kann ich dir besorgen, wie viele Ampullen sollens denn sein? Eigentlich müsste eure chemische Industrie das auch selber hinbekommen, wie Nowitschok auch, ist doch keine Kunst und Giftküchen sind bislang keine Mangelware bei euch. Sputnikzeug? Unser Markenviagra von Biontech Pfizer das beste, sagst du, Böhringer Ingelheim geht auch?
Entspannung oder einfach mal die russische Seele baumeln lassen
Ich sag dir was anderes, was du brauchst, sind ein paar Tage Urlaub, raus aus dem Hamsterrad der Kremlroutine, mal Fünfe gerade sein lassen, vor repräsentativer Kulisse die russische Seele baumeln lassen. Ferien auf Sotschi, mit oder ohne Fiaker, dir so richtig gutgehen lassen, russische Hausmannskost, dein Leibgericht, Kaviar Sushis, wenn ich mich recht entsinne, ich selber steh nach wie vor auf Currywurst. Sushi in Sotschi unter Palmen, ich finde das wärs. Ein Wodka zum Nachspülen, die Beine ausstrecken und in den nächtlichen Sternenhimmel schauen, hinauf zu Russlands Schutzpatron am Firmament, dem Großen Bären, dazu ein erhabener Gedanke wie „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ von eurem Kaliningrader Philosophen, musikalische Untermalung „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg, Tschaikowsky tuts auch, zum Sterben schön.
Hörst du auch das Knacken in der Leitung, die Verbindung ist wirklich grottenschlecht, sind das eure Leute vom FSB oder schlafen die um diese Zeit aus. Müssen unsere sein, meinst du? Militärischer Abschirmdienst? Hm, könnten auch die schrägen Vögel von diesem behinderten Recherchenetzwerk Kreativ bei den kobinet-Nachrichten sein. Weiß der Geier, wir legen ohnehin gleich auf. Was ist denn für Wetter bei euch in Moskau? Tagsüber strenger Nachtfrost und nach Einbruch der Dunkelheit leichter Drohnenregen, sagst du. Wundert mich nicht, darfste dich nicht beschweren wegen dem Wetter, du lässt es doch genau so regnen über Kiew und Odessa. Kann man froh sein, dass dem Niederschlag kein atomarer Fallout beigemischt ist, kann uns in Zukunft auch noch blühen. „It’s a hard rain’s a-gonna fall“, Bob Dylan, sagt dir nicht viel … (Anmerkung des Abhörers: Von da an ist nurmehr Knacken, Knistern und Rauschen in der Leitung zu hören)
Stichworterläuterungen
Kreml-AB: Kreml-Abort zu lesen ausdrücklich auszuschließen erscheint ratsam, um Leserinnen die Angst vor dem Weiterlesen zu nehmen, die sich im Zusammenhang aktueller Terrorismusbe-kämpfung an eine frühere Kremlankündigung („Terroristen auf dem Scheißhaus abmurksen“) erinnern.
Duzfreunde: Anders als zwischen Wladimir und Gerd hat die Duzfreundschaft zwischen Sergej und Walter Schiffbruch erlitten (zwischen den Außenministern Lawrow und Steinmeier)
Oblomow: Der Roman des Russen Iwan Gontscharow schildert die sprichwörtlich gewordenen Lethargie eines adligen Müßiggängers im zaristischen Russland.
20 Tage in Mariupol: Oskar in der Katergorie „Bester Dokumentarfilm“. Los Angeles 2024
Iwan Grozny: Sergej Eisenstein drehte 1943/1945 auf „Geheiß Stalins“ den Zweiteiler Iwan der Schreckliche
Russlandexpertin beim Deutschlandfunk: Sabine Adler, wiederholt in Gesprächen auf dem Sender, zuletzt Feb./März 2024
Waterboarding: Foltermethode im US-Gefangenenlager Guantanamo vor Kuba.
Abu-Ghuraib: US-Gefängnis im Irak, berüchtigt wegen der Misshandlung Gefangener.
Hund von der Leine lassen: Große Männer in der Politik haben eine Schwäche für ebenso große Hunde (Es muss jedoch kein Schäferhund sein). Kolportiert findet man eine Begegnung zwischen der Hundephobikerin Merkel, dem Hundehalter Putin und seinem Tier.
Nowitschok: Bei russischen Geheimdienstlern gebräuchliches Nervengift zur Ausschaltung von Oppositionellen im Ausland.
Du Hobbyhistoriker: Anspielung auf Putins Ausflüge in die Geschichtswissenschaft. Darüber informiert sachlich zuverlässig das Buch von Michel Eltchaninoff „In Putins Kopf“ (Berlin,2022)
Kaliningrader Philosoph: Immanuel Kant, der vor 300 Jahren 1724 in Königsberg geboren wurde.
Hard Rain: „A hard rain’s a gonna fall“, Song von Bob Dylan, mit dem er poetisch bzw. lyrisch auf die Kuba-Krise von 1962 reagiert hat, als die Welt für einige Wochen am Rand eines atomaren Abgrunds stand.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Erstveröffentlichung vor zwei Jahren und noch immer taufrisch! Beziehungsweise brandaktuell! Am 1. April machten die kobinet-Nachrichten international Furore mit ihrem großen Lauschangriff auf ein Schröder-Putin-Telefonat. Die Duzfreunde glaubten sich unabgehört und plauderten munter drauflos. Höchst Aufschlussreiches über die bei uns im Westen gern verschwiegenen Hintergründe des Ukraine-Kriegs kommt zutage. Garniert mit pikanten Einzelheiten über die durchaus prekären gesundheitlichen Zustände der beiden alten Knacker. – Der für diesen investigativen journalistischen Recherchecoup federführende kobinet-Redakteur Weis (Sprecher von "Krüppel gegen Kriegsvorbereitung") erfährt seitdem als Putin-Versteher höchstes Lob von allen Seiten, von der Washington-Post bis zum kobinet-Redaktionsteam. Hier noch einmal der spektakuläre Original-Beitrag.
Brisante Erstveröffentlichung auf einer Behindertenplattform – geheimer Mitschnitt eines Telefonats zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin
Exklusiv liegt dem Inklusionsmagazin kobinet-Nachrichten der Livemitschnitt des Telefonats vor. Ein Geniestreich kaltblütigster Abhör-Recherche! Die „Washington Post“ hat wegen der Zweitverwertungsrechte angefragt. Persönliches und Politisches runden einander ab, eine Reallife-Dokumentation erster Güte. Die Kriegshysterie in Ost und West bekommt menschlich anrührende Züge. – Putins Stimme ist leider bis zur Unverständlichkeit verrauscht, es lässt sich jedoch aus den Einlassungen des Altkanzlers, auf das, was sie sagt, einigermaßen gut zurückschließen. Zur Einstimmung aus der alten Männerfreundschaftshymne die entscheidende Liedstrophe: „Ein Freund Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund und wenn die ganze Welt zusammenfällt.“
Prolog oder Vorspiel auf dem Kreml-AB
(Redaktioneller Hinweis: AB ist nicht die Abkürzung für Abort, sondern auch hier für Anrufbeantworter. Ein hochrangiger Kremlmitarbeiter, der nicht genannt werden will und auch nicht wird, ein Whistleblower also, hat den kobinet-Nachrichten die folgende Originalaufsprache von Putins AB zugespielt.) Hallöchen Wladimir, Gerd hier, du hattest mir gestern kurz nach Mitternacht, innerhalb der Geisterstunde, hier in Hannover auf den AB gesprochen, wir sollten mal wieder telefonieren. Finde ich ne gute Idee. Die Zeiten sind denkbar rau für unsereins, ich ein Elder Statesman, du ein mit internationalem Haft …, na ja, wäre auch noch schöner in unserem Alter, hätten wir nichts auf dem Kerbholz, mit lupenreiner Weste, wie die Unschuld vom Lande gleichsam, ist noch keiner von uns mächtigen Staatenlenkern in die Geschichte eingegangen. Kleiner Trost vorweg. Also klingel mal durch, so ab elf bin ich vormittags einigermaßen ausgeschlafen.
Wie die Duzfreunde Wladimir und Gerd trotz widrigster Umstände an ihrem Männerbund festhalten
(Mitgeschnitten am späten Vormittag des 30.Februar) Hallo, ja, jetzt, ja, ich höre, etwas verrauscht, egal, Hauptsache die Leitung steht. Halli hallo erst einmal, lange nichts voneinander gehört, wie geht es dir, alter Knabe, alles im grünen Bereich? – Deine Ohren, wie, was ist damit? Ach so, du meinst, zu viel um die Ohren die letzte Zeit über. Klar, versteh ich, Du denkst an den Krie … äh, ich meine die Sonderoperation. Wie bitte, was für ne Operation? Tatsächlich, ach Gott, was Schlimmes? Hm, hm, kleiner Eingriff nur, verstehe, na Gott sei Dank. Trotzdem, in unserem Alter, so ne OP… Ich sag dir vorneweg eins, Wlad, wir sind zwei alte weise Männer, da beißt die Maus kein Faden ab.
Wie, was das mit einer Maus zu tun hat? Ist so ne Redensart bei uns im Deutschen. Ne, hat nichts mit der Sendung mit der Maus zu tun, die kennst du? Ah ja, von deiner Zeit in Dresden. Außer Übung, verstehe, mit wem willst du jetzt noch deutsch reden. Die Merkel ruft nicht mehr bei dir an, oder? Ach so, hat sowieso russisch mit ihr gesprochen, hat ihre Russischkenntnisse bei dir aufgefrischt, alte Opportunistin.
Wie bitte, bei mir? Tja, wie schaut es bei mir aus, auch nicht gerade das Gelbe von Ei. Morgens vor allem, da geht es mir wie eurem berühmten Oblomow, würde mich nach dem Frühstück am liebsten gleich wieder aufs Ohr legen. Wenn ich mir abends mal den Luxus leiste, kräftiger zu bechern als gewöhnlich, ist es anderntags besonders schlimm, kriege nichts auf die Reihe. Die Kanzlei dümpelt so vor sich hin. Habe wenigstens keinen Oberbefehl an der Backe. Nein, auch keine OP, du Witzbold, musste mich keiner Spezialoperation unterziehen. Aber Zipperlein noch und nöcher, ich bin achtzig, du immerhin zehn Jahre jünger. Dich fit halten, sagst du, versteh ich, du willst ja noch bis 2036 durchregieren, ist ja bei dir in Russland in deine freie Wahl gestellt, verfassungsmäßig. – Reiten mit freien Oberkörper an der frischen Luft, empfiehlst du, tät mir sicher auch gut, müsst ich aber erst mal meinen inneren Schweinehund besiegen, kennst du den Ausdruck?
Mein Schweinehund kein Vergleich? Kein Vergleich damit, wen du alles besiegen musst. Allerdings. Wenn du dich da mal nicht übernommen hast mit diesem Krie … verdammt, können wir das Ding nicht endlich beim Namen nennen. Was ich davon halte, weißt du ja. Nichts. Hab ich auch diesen Pressefuzzys in Hannover gesagt, als die mich wegen dir gelöchert haben und die Wendehälse in der SPD mich aus der Partei werfen wollten, was dann gründlich in die Hosen ging. Aber zurück zu deinem Spezialdings, du und ich, wir beide sind uns einig, die Amis – was heißt die Amis, die paar Politoligarchen, die bei denen das Ding wuppen, die wollen euch Russen klein halten und uns übrige Europäer gleich mit. Und dein Dingsda kommt denen gerade …
(Anmerkung des Abhörers: Eine Art Übersteuerungsgeräusch in der Leitung) Jetzt geh doch nicht gleich in die Luft und hör mir mal zu, Herrgott, du bist schlimmer wie das HB-Männchen, das du auch nicht kennst, weil vor deiner Zeit in Ostdeutschland. – Verstehe nichts, komm erst mal runter, was sagst du? Ob das im Westfernsehen kam? Nee, im Kino, der Werbeblock, bevor es mit dem Film losging, Western oder Kriegsfilm.
Den Elder Statesman an den Nagel gehängt und in Ruhe einen Kriegsfilm angeschaut
Apropos, hörst du mir wieder zu? Gestern war ich im Kino. Geht problemlos, seitdem ich kein politisches Amt mehr bekleide, nur mehr den Gazprom-Aufsichtsratsposten, das bisschen Lobbyarbeit macht sich von allein. Also, ich stelle den Mantelkragen hoch, ziehe die Hutkrempe in die Stirn und tigere los, coole Type weißt du, Humphrey Bogart, sagt dir vielleicht was. – Was sagst du? Ach wo, nicht um irgendwelche Tussis auf mich aufmerksam zu machen, wegen dem Incognito, ich will nicht angesprochen werden. Gelingt mir sogar hier in Hannover, niemand hat mich erkannt, gestern im Gloria, hab mir in Ruhe den Film ansehen können.
Ein Western? Nein, kein Western. Auch kein Porno, Mann Wlad, ich bin achtzig, das ist so ein Alter, wie soll ich sagen, da fühlst du dich allmählich etwas weniger testosterongesteuert auf die Menschheit losgelassen, schaltest öfter mal deinen Verstand ein, lernst du auch noch kennen. Wenn du mir versprichst, dass du nicht gleich wieder an die Kremldecke gehst, verrat ich dir den Filmtitel. Letzte Woche mit nem Oskar ausgezeichnet worden, ein Kriegsfilm „20 Tage in Mariupol“, du musst ihn dir ja nicht ansehen. Läuft bestimmt auch gar nicht bei euch in den Kinos. – Was meinst du dafür lieber? Lieber der neue „Iwan Grozny“? Schrecklich, ist nicht dein Ernst, das wievielte Remake ist das bereits? Und überhaupt, vielleicht solltest du selber auch mal aufhören, Iwan der Schreckliche zu spielen, merkst du nicht, wie du damit immer auch Regieanweisungen von denen hier bedienst, aus der Traumfabrik des hiesigen politischen Hollywood.
Wo ich freundschaftsdienstlich schon dabei bin, dir die Leviten zu lesen: Dein Tagesbesuch, Halbtagsbesuch in Mariupol, ein Jahr nach den Ereignissen, von denen der Zwanzig-Tage-Film handelt, Ankunft im Helikopter, unangekündigt, offizieller Programmpunkt „Einweihung einer neu errichteten Kulturstätte“, inoffizielle Wirklichkeit, leere Straßenzüge, Besuch in einer Geisterstadt – als ich davon in der Hannover’schen Presse las, weißt du, woran mich deine Theaterkulisse erinnert hat? Nicht an potemkinsche Dörfer. An den Blitzbesuch des Führers 1940 in Paris, nach der Kapitulation Frankreichs, wie er sich im Morgengrauen, gespenstisch, die Straßen menschenleer, über die Champs Elysses hat chauffieren lassen und mittags schon wieder in Berlin landet, zurück in der Reichskanzlei. – Was, wie? Ach reg dich doch ab! Nazis sind immer die andern. Beschimpft, wer? Ich hab dich nicht Faschist genannt, andere tun das, hier bei uns. Warnen vor deinem bevorstehenden Westfeldzug, falls man dich jetzt nicht besiegt, Russland nicht militärisch niedergerungen und entwaffnet wird, dass es die nächsten 50 Jahre zu keiner militärischen Aggression mehr in der Lage ist. Eine sogenannte Russlandexpertin beim Deutschlandfunk wortwörtlich so im Radio. Und dass sie dich andernfalls bald in Ostdeutschland einmarschieren sieht und sozusagen die russische Armee wieder ihre ehemaligen Quartiere an der alten Imperiumsgrenze beziehen.
Von den USA lernen, heißt lernen, wie man es macht und besser nicht macht
Imponiert dir, nicht wahr, traut dir mächtig was zu die Frau. Ich wünschte, du hättest nicht den Funken Ehrgeiz, sie auch noch bestätigen zu wollen. Aber so ticken wir Alphamännchen halt nicht und darum, fürchte ich, ist da auch nix mehr zu retten. Wir Alten springen nicht mal so eben über den eigenen Schatten, ohne uns den Fuß zu verknacksen oder Schlimmeres, bin erst neulich in der Hannover Altstadt an der Bordsteinkante umgeknickt und um ein Haar in der Gosse gelandet. Ohne Chauffeur und Bodyguard unterwegs, wie ich inzwischen, musst nicht meinen, Privatisieren hat auch seine Schattenseiten.
Ich versteh dich wieder kaum, was? Ach nee, fang nicht wieder mit deinem Denazifikazie-Gedöns an, mir kommen ja die Tränen. Kumpel, wie oft hab ich’s dir gesagt, du warst lange genug in der DDR und erinnerst dich an die dortige politische Spruchweisheit, „von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. Heutzutage, hab ich dir erklärt, geht der Spruch anders, die Faustregel lautet, „von den USA lernen, heißt lernen, wie man es macht und besser nicht macht“. Zum Beispiel Gefangenenlager für Terroristen, die man einer peinlichen Befragung unterziehen möchte, Waterboarding oder so, auf keinen Fall im eigenen Land, stets Offshore oder am besten ganz woanders, im Irak oder in Syrien deinetwegen. Bei euch die Gulags – wie? Straflager, meinetwegen – , also Straflager in Sibirien, das ist wie Guantanamo in Alaska oder Abu-Ghuraib im Mittleren Westen. Und die Quittung dafür, die hast du jetzt.
„Der Blutsäufer Putin“, hieß es kürzlich hier bei uns im Radio, kein Politiker, ein Literaturkritiker. Weißt du, was mir durch den Kopf ging, als ich das hörte? Würde ich den Literaturkritiker auf seine Blutsäufer-Metapher hin ansprechen und ihm den Namen Madeleine Albright nennen, ehemalige UN-Botschaferin der USA und Außenministerin unter Bill Clinton, aufgrund der von ihr gegen das Regime Saddam Husseins verhängten Wirtschaftssanktionen starben im Irak schätzungsweise 500 000 Neugeborene und Kleinkinder an Unter- oder Mangelernährung – was würde dieser Kritiker wohl auf meine Frage antworten, ob er Madeleine Albright nun eine „Babyblut-Trinkerin“ nennen würde oder sie in der Vergangenheit einmal so bezeichnet hat? Das ist der ganze Unterschied, auch Doppelstandard genannt. Den hast du dir, beinahe hätte ich gesagt mutwillig, zugezogen und seitdem klebt er an dir und du bekommst ihn nicht wieder los. Also lass uns von was anderm reden.
Wie geht es deinen Lieben zuhause, alle gesund und munter? In alle Himmelsrichtungen auf eure Datschen verstreut, die gute Landluft. Glaub ich, der freie Auslauf, den Hund mal von der Leine lassen, ist keine Merkel in der Nähe. Und unterdessen hockst du mutterseelenallein in deinem Moskauer Kremlstübchen? Nein, warte, lass mich raten, du sitzt an dem großen ovalen Tisch, am oberen Ende, klopfst mit dem Bleistiftende auf die Mahagoniplatte, leicht genervt, ich hör da so ein Klopfen im Hintergrund. – Ach so, hab ich mir fast gedacht, du erwartest jemanden unten an der Kremlmauer, für kurz nach zwölf zum Lunch, alles klar, wir hören auch gleich auf. Drei alte Kameraden, sagst du, KGBler aus Geheimdiensttagen in Ostdeutschland. Sicher, das sind so Seilschaften, die halten ein Leben lang, sag ich immer. Euch wieder mal austauschen über die alten Geschichten. Kalte Kriegsgeschichten, besser als warme, versteh was du meinst, da gibts ne Menge zu erzählen.
Ostseeromantik oder Sehnsucht nach den Tagen der ausgeschütteten Friedensdividende
Wenn ich ehrlich sein soll, Kamerad, ich werd auch immer nostalgischer. Für uns Macher wirklich ein saublödes Gefühl der Gedanke, es geht dem Ende zu und du kannst nichts machen. Du hast immerhin noch einiges vor und kannst zur Not hinterm Ural in Deckung gehen, wenns auf dem europäischen Kriegsschauplatz, an Rhein und Ruhr hat man früher bei uns gesagt, dann mal so richtig knallt. Aber versetz dich mal in meine Lage, jedes Mal wenn ich morgens beim Wachwerden daran denke, wie hier in Europa alles den Bach runtergeht, strecke ich mich unter der Bettdecke umso sehnsüchtiger nach der Vergangenheit aus, nach den guten alten Friedenszeiten. Wie schön war das doch damals in den Nullerjahren, du kannst dich daran ja auch noch erinnern, als wir mit deiner Yacht in die Ostsee stachen zum gemeinsamen Fischefangen und abends an Deck braten. Du mit deiner Ludmilla oder wie hieß sie noch gleich, ich mit der Doris, ihren Hundemutter– und Hundefutterfimmel hatte sie da noch unter Kontrolle, wir so ganz unter uns, kein lästiges Sicherheitspersonal um einen her wie heut überall. Bloß wir vier vereint an der Reling, im Vollgenuss der Friedensdividende ein entspannter Blick nach Westen in den Sonnenuntergang, hat es jemals was Schöneres gegeben? Eine Atmosphäre wie „wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt“, ist mir aus meiner Kindheit im Ohr geblieben, Rudi Schuricke. Und eins darf man auch nicht vergessen, während wir so auf Deck gewesen sind, tief unter uns, am Grund der Ostsee, dort auf dem Meeresboden durch die Pipeline floss die ganze Zeit über ohne Unterlass ruhig und gleichmäßig und ohne Druckabfall friedlich der ost-westliche Ölstrom. Gab es die zu der Zeit überhaupt schon, ist glaub normal, dass in der Erinnerung was durcheinander geht, ist noch kein Alzheimer.
Macht nichts, unterbrech mich nur. Sobald ich in Nostalgie schwelge und anfange zu nerven, muss man mich manchmal einfach bremsen. Ob ich dir was besorgen kann? Kein Problem, der Kurierdienst läuft meines Wissens weiterhin einwandfrei und Frachtkosten sind für dich ja kein Thema. Woran fehlts denn? Ich hab mittlerweile den Überblick verloren, was da bis jetzt alles an Artikeln und Annehmlichkeiten auf der Sanktionsliste gelandet ist. Etwas deutlicher bitte, es rauscht mal wieder fürchterlich in der Leitung. Aha ein Fiaker, wenn ich dich richtig verstehe. Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt, Fiaker sind doch diese Wiener Pferdetaxis, in denen sich die feudalen Herrschaften zur Zeit der K.und K. Monarchie zum Prater haben kutschieren lassen. Hast du vor, lass mich ausreden, du Hobbyhistoriker, ein bisschen versteh ich auch was von Geschichte, du hast vor, einen auf Feudalautokrat zu machen und willst dich im Fiaker in Sotschi auf der Promenade zeigen, stimmts?
Nein, nu lass aber mal die Kirche im Dorf, nochmal, was sagst du? Ist nicht dein Ernst, ich lach mich kaputt, is ja zum Schenkelkloppen, dein Fiaker is, bei dir blockiert die Testosteronsteuerung, na wenn das kein Alarmsignal ist. Aber kann ich dir besorgen, wie viele Ampullen sollens denn sein? Eigentlich müsste eure chemische Industrie das auch selber hinbekommen, wie Nowitschok auch, ist doch keine Kunst und Giftküchen sind bislang keine Mangelware bei euch. Sputnikzeug? Unser Markenviagra von Biontech Pfizer das beste, sagst du, Böhringer Ingelheim geht auch?
Entspannung oder einfach mal die russische Seele baumeln lassen
Ich sag dir was anderes, was du brauchst, sind ein paar Tage Urlaub, raus aus dem Hamsterrad der Kremlroutine, mal Fünfe gerade sein lassen, vor repräsentativer Kulisse die russische Seele baumeln lassen. Ferien auf Sotschi, mit oder ohne Fiaker, dir so richtig gutgehen lassen, russische Hausmannskost, dein Leibgericht, Kaviar Sushis, wenn ich mich recht entsinne, ich selber steh nach wie vor auf Currywurst. Sushi in Sotschi unter Palmen, ich finde das wärs. Ein Wodka zum Nachspülen, die Beine ausstrecken und in den nächtlichen Sternenhimmel schauen, hinauf zu Russlands Schutzpatron am Firmament, dem Großen Bären, dazu ein erhabener Gedanke wie „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ von eurem Kaliningrader Philosophen, musikalische Untermalung „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg, Tschaikowsky tuts auch, zum Sterben schön.
Hörst du auch das Knacken in der Leitung, die Verbindung ist wirklich grottenschlecht, sind das eure Leute vom FSB oder schlafen die um diese Zeit aus. Müssen unsere sein, meinst du? Militärischer Abschirmdienst? Hm, könnten auch die schrägen Vögel von diesem behinderten Recherchenetzwerk Kreativ bei den kobinet-Nachrichten sein. Weiß der Geier, wir legen ohnehin gleich auf. Was ist denn für Wetter bei euch in Moskau? Tagsüber strenger Nachtfrost und nach Einbruch der Dunkelheit leichter Drohnenregen, sagst du. Wundert mich nicht, darfste dich nicht beschweren wegen dem Wetter, du lässt es doch genau so regnen über Kiew und Odessa. Kann man froh sein, dass dem Niederschlag kein atomarer Fallout beigemischt ist, kann uns in Zukunft auch noch blühen. „It’s a hard rain’s a-gonna fall“, Bob Dylan, sagt dir nicht viel … (Anmerkung des Abhörers: Von da an ist nurmehr Knacken, Knistern und Rauschen in der Leitung zu hören)
Stichworterläuterungen
Kreml-AB: Kreml-Abort zu lesen ausdrücklich auszuschließen erscheint ratsam, um Leserinnen die Angst vor dem Weiterlesen zu nehmen, die sich im Zusammenhang aktueller Terrorismusbe-kämpfung an eine frühere Kremlankündigung („Terroristen auf dem Scheißhaus abmurksen“) erinnern.
Duzfreunde: Anders als zwischen Wladimir und Gerd hat die Duzfreundschaft zwischen Sergej und Walter Schiffbruch erlitten (zwischen den Außenministern Lawrow und Steinmeier)
Oblomow: Der Roman des Russen Iwan Gontscharow schildert die sprichwörtlich gewordenen Lethargie eines adligen Müßiggängers im zaristischen Russland.
20 Tage in Mariupol: Oskar in der Katergorie „Bester Dokumentarfilm“. Los Angeles 2024
Iwan Grozny: Sergej Eisenstein drehte 1943/1945 auf „Geheiß Stalins“ den Zweiteiler Iwan der Schreckliche
Russlandexpertin beim Deutschlandfunk: Sabine Adler, wiederholt in Gesprächen auf dem Sender, zuletzt Feb./März 2024
Waterboarding: Foltermethode im US-Gefangenenlager Guantanamo vor Kuba.
Abu-Ghuraib: US-Gefängnis im Irak, berüchtigt wegen der Misshandlung Gefangener.
Hund von der Leine lassen: Große Männer in der Politik haben eine Schwäche für ebenso große Hunde (Es muss jedoch kein Schäferhund sein). Kolportiert findet man eine Begegnung zwischen der Hundephobikerin Merkel, dem Hundehalter Putin und seinem Tier.
Nowitschok: Bei russischen Geheimdienstlern gebräuchliches Nervengift zur Ausschaltung von Oppositionellen im Ausland.
Du Hobbyhistoriker: Anspielung auf Putins Ausflüge in die Geschichtswissenschaft. Darüber informiert sachlich zuverlässig das Buch von Michel Eltchaninoff „In Putins Kopf“ (Berlin,2022)
Kaliningrader Philosoph: Immanuel Kant, der vor 300 Jahren 1724 in Königsberg geboren wurde.
Hard Rain: „A hard rain’s a gonna fall“, Song von Bob Dylan, mit dem er poetisch bzw. lyrisch auf die Kuba-Krise von 1962 reagiert hat, als die Welt für einige Wochen am Rand eines atomaren Abgrunds stand.




