Menu Close

Kluges Erzählen: In Gefahr und größter Not bringt „mehr Waffen!“ den Tod

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
betrübt über den Tod von Alexander Kluge
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Der Multi-Media-Jongleur Alexander Kluge ist tot. Mit 94 Jahren seinem Freund Jürgen Habermas gleichsam hinterher gestorben, an den er noch vor wenigen Tagen im ZEIT-Gespräch erinnert hat (Feuilleton-Spezial zum Tod von Habermas). – "Kluge und Krieg", so ließe sich ein eigentümliches und ganz einzigartiges Erzähluniversum überschreiben. In welchem der Geschichtenerzähler Kluge mit seinem sich endlos fortspinnenden Fabuliernetz die je individuelle, subjektiven Erfahrungen der Menschen im Krieg birgt und vor dem namenlosen Vergessen bewahrt. Wer sich mit Kluge und einem ebenso kühlen Blick wie er in die Labyrinthe des Kriegs begibt und dessen unterirdische, von Tod und Verderben kündenden Verliese durchstreift, steht hernach der Ignoranz und der Hybris heutiger "Masters of War" einmal mehr fassungslos gegenüber. – Hier nochmals der im vergangenen Jahr auf kobinet erschienener Beitrag von Alexander Kluge.

Mit Erzählen, Storytelling, den Kriegsdämon bezähmen

Willis Blick nimmt einen skeptischen Ausdruck an. Klar, nichts sollte unversucht bleiben, der Menschheitsgeisel Krieg den Stecker zu ziehen.

Die Metapher passt, Krieg heute ist vor allem eine elektronische Veranstaltung. Ihr mittels Erzählen den Saft abdrehen, diese auf den ersten Blick ziemlich verrückt anmutende Idee in einem ihrer Premium-Feuilletons zu äußern, dies wird von der hiesigen Qualitätspresse nur einem Paradiesvogel wie Alexander Kluge gestattet.

Wenngleich der unbekannte kobinet-Feuilletonist Weis Kluges Ausführungen nur mit Einschränkungen zustimmen kann, so fühlt er sich doch als Autor der kriegskritischen Erzählkolumnenfolge „Wehrtauglich von der Wiege bis zur Bahre“ in seinem erzählerischen Ehrgeiz angesprochen und bestärkt. Da mag dieser alte Weise, der Erzählschamane Kluge – mittlerweile 93 Lenze zählend –, hie und da auch gerne einmal mythisierend-mystifizierend über die Stränge schlagen. Im Kern hat er recht, Krieg erweist sich, erst einmal begonnen, als ein unkontrollierbarer Selbstläufer.

Je mehr es ihm, dem Krieg gelingt, Mitspieler in sein dämonisches Spiel hineinzuziehen und zu verstricken, desto verheerender und länger vermag er zu wüten. Zu Komplizen, der für uns alle tödlichen „Dialektik des Krieges“ (Kluge) werden auch diejenigen, die sich aus edlen Motiven und schweren Herzens zum Mitmachen entschließen, die hochgerüsteten und waffenstarrenden Verteidiger von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten. Man kann ihr Verhalten nicht anders als tragisch nennen. Doch liebe Lesende, bildet euch euer eigenes Urteil, Kluge und Weis geht es gewiss nicht um wohlfeile Likes und denkfaule, selbstdenkfaule, Follower.

Hier der Link zum Gespräch mit Alexander Kluge in der Wochenzeitung DIE ZEIT https://www.zeit.de/2025/28/alexander-kluge-frieden-krieg-regisseur?freebie=f048a790