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Hans-Willis Top-Nachricht zum Frühjahrsbeginn

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Foto: ht

Staufen (kobinet) ist die sofortige Barrierefreiheit des Zugangs zu einer der zentralen Museumsstätten deutscher Geschichte und Politik. Die Meldung "barrierefreier Zugang zur Hohenzollerngruft" in einer der stündlichen Hauptnachrichtensendungen des Deutschlandfunk hat bei mir und gewiss auch andernorts in der Behindertencommunity eingeschlagen wie eine Bombe. Die überaus zeitgemäße Wendung beschreibt treffender als jedes andere Bild, wie es mir beim Hören der Nachricht ergangen ist: Wie ich aus dem Stand heraus oder vielmehr dem Sitz, denn obzwar behindert, bin ich weder an meinen Sessel noch einen Rollstuhl gefesselt – wie ich also aus dem Stand oder Sitz einen Luftsprung vollführt habe. Nichts habe ich mehr vermisst als den barrierefreien Zugang zur Hohenzollerngruft. Diesem Barrierefreiheitsleuchtturm im Berliner Untergrund. Mit einem im Zuge der Renovierungsarbeiten eingebauten Fahrstuhl geht es von jetzt an barrierefrei hinab in die Katakomben unter dem Berliner Dom. Wo so viele gekrönte Häupter des brandenburgischen Herrschergeschlechts ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. An die siebzig gut erhaltene Totenköpfe sollen es sein aus den Tagen von Preußens Glanz und Gloria. Ein dreifaches Hurra!

Mein Vorschlag für den Europäischen Protesttag Anfang Mai, die Hohenzollerngruft besetzen!

Mit Rollifahrenden und anderem Behindertenvolk. Schluss mit dem Behindertengejammer über unabgebaute Barrieren! Keine behindertenpolitischen Wunschlisten mehr an die Regierung, stattdessen massenhaften Gebrauch machen von Barrierefreiheit dort, wo sie besteht. Und sei es wie im Falle der Hohenzollerngruft unterirdisch. Denn was ist politisch nicht „unterirdisch“ heutzutage. – Die behindertenpolitische Besetzung der Hohenzollerngruft und damit deren Verstopfung für den normalen Besucherandrang und die Tourismusströme in der deutschen Hauptstadt wird nicht eher beendet, als bis im ganzen Land Barrierefreiheit besteht.

Was gewiss nicht in jedem Einzelfall vom Einbau eines Fahrstuhls abhängt. Dennoch haben Fahrstühle im Zusammenhang mit Barrierefreiheit eine besondere Symbolkraft gewonnen. Nicht ohne Grund heißt Raul Krauthausens Prominentenpodcast „Im Aufzug“. – Mein Vorschlag an den Spiritus Rector der Sozialhelden wäre, am Besetzungstag unten in der Gruft einen Extra-Aufzugspodcast zu produzieren. Als Gast schlage ich Stephan Laux vor, ein mit Ausnahme der kobinet-Nachrichten noch viel zu unbekannter Behindertenaktivist in der tiefsten hessischen Provinz. Bestens vertraut mit der dortigen Barriereunfreiheit. Mit Lauxens unterirdischem Auftritt im Aufzug am Besetzungstag erfüllte sich zugleich sein Wunsch nach Prominenz („einmal so berühmt zu sein wie der Aktivist Krauthausen oder der Behindertenpolitiker Miles-Paul“).

Wie wärs am Protest- und Besetzungstag mit „Feine Sahne Fischfilet“?

Musikalisch und, warum nicht, gleich auch noch kulinarisch. So eine Besetzungsaktion zehrt, der Kalorienverbrauch schnellt in die Höhe. Nicht weil es mehr zu schleppen gibt, der Fahrstuhl befördert auch das Equipment der Punkband barrierefrei in die Hohenzollerngruft. Aber wer weiß, wie lange – sicher Monate, wenn nicht gar Jahre – diese Besetzung durchgehalten werden muss, bevor aus der hintersten hessischen Provinz die erlösende Botschaft in der Hauptstadt eintrifft, „mission accomplished“, sämtliche Barrieren geschleift. – Feine Sahne Fischfilet spielen natürlich nur am Protesttag, anschließend geht es für sie oberirdisch weiter.

Für diejenigen, denen „Feine Sahne Fischfilet“ lediglich von der Speisekarte her ein Begriff ist: Der Frontmann der gleichnamigen Politband, eine buchstäblich „gewichtige“ Erscheinung war letztes Jahr Gast in Krauthausens Aufzugspodcast. Was ihn mir auf Anhieb sympathisch machte war, wie er auf Krauthausens einleitende Standardfrage, ob er schon einmal ein „awkward moment“ beim Fahrstuhlfahren gehabt habe, „was ist das“ gefragt hat. So entwaffnend schlicht fragen oder zurückfragend antworten, sagte ich mir, das kann nur ein Punk. Einer, der nicht um jeden Preis sprachlich sophisticated rüberkommen muss. Den kurzen Verlegenheitsmoment nach der Rückfrage des Punk, was denn ein „awkward moment“ sei, hatte freilich Gastgeber Krauthausen verursacht. Der bei seiner Frage nach dem awkward moment nicht bedacht hatte, was im Falle eines sich gewöhnlich der Landessprache bedienenden Politbarden und Repräsentanten für bodenständigen deutschen Ostpunk nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Dass dieser nämlich im hippen Englisch der Social-Media-Schickeria oder Instagram-Bubble nicht ebenso bewandert oder zuhause ist wie Krauthausen selber. Was lehrt, wie man durch Unbedachtheit einen awkward moment beim Podcasten erzeugt.

Diese wenn auch noch so kurze Episode vom Punk im Podcast hat uns von der Hohenzollerngruft und meiner barrierefreien Besetzungsidee weggeführt. Macht aber nichts, die Topnachricht zum meteorologischen Frühjahrsanfang ist pünktlich raus und der Bombentrichter oder Krater ihres Einschlags deutlich genug markiert, das ist die Hauptsache.

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
21.03.2026 11:35

Da etliche meiner Follower auf kobinet mir seit Stunden in den Ohren liegen, für den Aufzugspodcast am 4. Mai, den Gruftbesetzungtag also, mich doch selber als Krauthausens Podcastgast vorzuschlagen und anstelle von Laux für das Casting zu bewerben:
Gut gemeint Freunde, geht aber leider nicht. Zum einen, weil Prominenz korrumpiert, wofür es zuhauf prominente Beispiele gibt. Zum andern reagiere ich leicht klaustrophobisch auf das Eingeschlossensein in kleineren und größeren Behältnissen, zumal solchen unter der Erde, dies kann bei mir Panikattacken auslösen. Und der Aufzugspodcast anlässlich der Gruftbesetzung wird ja „Real Life“ produziert, also mit mir im Fahrstuhl der Hohenzollerngruft. Krauthausen würde bereits unten in der Gruft vor dem Fahrstuhl warten. Um beim Aufgehen der Tür zu sagen, „wer kommt denn da, oh my god“. Und dann stünde in der sich öffnenden Aufzugstür really me, bewaffnet mit Blindenstock, doch ohne Blindenhund. Ein „awkward moment“ der dritten Art, unterirdisch.
I. A. von Hans-Willi Weis