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Inklusion ist mehr als paralympischer Spitzensport

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Nico Wunderle
Nico Wunderle
Foto: privat

Saarbrücken (kobinet) Paralympics gelten für viele als Symbol für Inklusion, Sichtbarkeit und sportliche Höchstleistungen von Menschen mit Behinderungen. Regelmäßig wird das internationale Sportereignis als Beleg dafür genannt, dass sich gesellschaftliche Bilder von Behinderung verändern. kobinet-Redakteur Nico Wunderle wirft in seinem Kommentar jedoch einen kritischeren Blick darauf, welche Rolle die Paralympics tatsächlich für Inklusion spielen – und welche Bilder von Behinderung dabei sichtbar werden.

Inklusion ist mehr als paralympischer Spitzensport

Kommentar von kobinet-Redakteur Nico Wunderle

Als Kind habe ich immer davon geträumt, bei den Paralympics selbst anzutreten. Die Vorstellung, einmal Teil dieses großen internationalen Sportereignisses zu sein, hat mich lange begleitet. Bilder von Spitzensportler*innen im Rennrollstuhl, mit Prothesen oder mit Sehbeeinträchtigung gingen um die Welt. Sie zeigen Stärke, Leistung und Durchhaltevermögen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein großer Schritt für die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung. Trotzdem frage ich mich heute immer wieder, ob die Paralympics wirklich zur Inklusion beitragen oder ob dadurch vor allem ein sehr spezielles Bild von Behinderung entsteht.

Bei den Paralympics sieht man vor allem Menschen mit Behinderung, die außergewöhnliche sportliche Leistungen bringen. Weltrekorde, Höchstleistungen, beeindruckende Geschichten. Das ist ohne Frage beeindruckend. Gleichzeitig zeigt es nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Die meisten Menschen mit Behinderung sind keine Leistungssportler*innen. Wenn gesellschaftliche Anerkennung vor allem dort entsteht, wo Menschen „trotz Behinderung“ Außergewöhnliches leisten, entsteht schnell ein schiefes Bild.

Eine weitere Frage betrifft, welche Behinderungen überhaupt sichtbar werden und welche nicht. Die Paralympics zeigen nur einen kleinen Teil der Vielfalt von Behinderung. Sichtbar sind vor allem bestimmte Behinderungsformen wie fehlende Gliedmaßen, Sehbehinderungen oder Querschnittslähmungen, die sich relativ klar in sportliche Wettkampfsysteme einordnen lassen. Andere körperliche Behinderungen oder komplexere Bewegungsbeeinträchtigungen kommen deutlich seltener vor. Besonders Menschen mit komplexeren Behinderungen oder mit starken Spastiken sind im paralympischen Spitzensport kaum sichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, Behinderung sehe vor allem so aus wie im paralympischen Leistungssport: Leistungsfähig, trainiert und in eine klar definierte sportliche Form übersetzbar. Die tatsächliche Vielfalt von Behinderung wird dadurch nur teilweise sichtbar.
Zu diesem Bild trägt auch ein bekanntes Narrativ bei, das in der Behindertenbewegung häufig als „Supercrip“-Erzählung bezeichnet wird. Gemeint ist die Darstellung von Menschen mit Behinderung als außergewöhnliche Held*innen, die ihre Behinderung überwinden und trotz aller Widrigkeiten Höchstleistungen erbringen. Solche Geschichten können inspirierend sein. Gleichzeitig verschieben sie aber leicht den Blick. Statt über Barrieren, fehlende Zugänglichkeit oder gesellschaftliche Ungleichheiten zu sprechen, steht dann vor allem die individuelle Leistung im Mittelpunkt.

Dieses Bild kann problematisch sein. Inklusion darf nicht davon abhängen, ob sich eine Behinderung in ein sportliches Wettkampfsystem einordnen lässt.

Mediale Sichtbarkeit spielt ebenfalls eine große Rolle. Inklusion bedeutet nicht nur, dass Menschen teilnehmen dürfen. Inklusion bedeutet auch, dass sie sichtbar sind. Wenn paralympische Wettbewerbe hauptsächlich in Nebenprogrammen stattfinden, spätabends laufen oder nur im Livestream der Mediathek auftauchen, sendet das eine klare Botschaft. Dieser Sport gehört offenbar nicht selbstverständlich zur Mitte der Gesellschaft.

Die Olympischen Spiele dominieren dagegen zur besten Sendezeit Fernsehen, Nachrichten und Titelseiten. Die Paralympics wirken häufig wie ein Zusatzprogramm – etwas, das man sich anschauen kann, wenn man aktiv danach sucht. Inklusion funktioniert jedoch nicht nach dem Prinzip, dass man sie irgendwo im Internet finden kann. Wenn paralympischer Sport hauptsächlich in Mediatheken verschwindet, bleibt er für viele Menschen unsichtbar. Gerade deshalb wirkt es traurig, wie wenig Sichtbarkeit die Paralympics oft bekommen. Umso härter erscheint es, wenn durch sportpolitische Boykotte – so verständlich sie politisch manchmal sein mögen – ausgerechnet den Athlet*innen selbst ein einmaliges Erlebnis genommen wird. Für viele ist die Teilnahme an den Paralympics der Höhepunkt jahrelanger Vorbereitung.

Diese Widersprüche zeigen sich auch bei der Eröffnungsfeier. Eigentlich müsste sie der Moment sein, in dem die Athletinnen im Mittelpunkt stehen und der paralympische Sport die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. In der Realität fehlen jedoch häufig viele Sportler*innen. Manche bleiben aus politischen Gründen fern, andere verzichten auf die Teilnahme, weil die Wege zwischen Eröffnungsort und Wettkampfstätten so lang sind, dass sie ihre Kräfte für die kommenden Wettkämpfe schonen müssen. Dadurch wirkt eine Veranstaltung, die eigentlich Vielfalt und Gemeinschaft zeigen soll, manchmal erstaunlich leer und trist.

Selten diskutiert werden auch die extrem unterschiedlichen Startbedingungen weltweit. Bei den Paralympics treten Athlet*innen aus Ländern mit stabilen Sozialsystemen, moderner medizinischer Versorgung und professioneller Sportförderung gegen Menschen aus Ländern an, in denen es teilweise nicht einmal eine grundlegende Hilfsmittelversorgung gibt.

Während einige mit Hightech-Prothesen, spezialisierten Rennrollstühlen und professionellen Trainerteams trainieren, kämpfen andere bereits darum, überhaupt einen funktionierenden Rollstuhl zu bekommen – manchmal sogar einen, der mit dem vergleichbar ist, was wir hier im Alltag kennen. In manchen Ländern fehlen geeignete Hilfsmittel, Trainingsstrukturen oder medizinische Unterstützung nahezu vollständig. Was wie ein fairer sportlicher Wettbewerb aussieht, ist deshalb oft auch ein Wettbewerb zwischen sehr unterschiedlichen sozialen und materiellen Voraussetzungen.

Selbst in wohlhabenderen Ländern ist die Situation nicht wirklich vergleichbar. Die professionelle Sportförderung des paralympischen Sports liegt meist deutlich unter den Bedingungen des olympischen Spitzensports. Trainingsstrukturen, Finanzierung, Sponsoring und mediale Aufmerksamkeit sind häufig wesentlich schwächer ausgeprägt als bei den Olympischen Spielen.

Trotz all dieser Kritik gibt es auch eine andere Seite. Bei den Paralympics kommen Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen. Sie begegnen sich als Sportler*innen, treten gegeneinander an und lernen sich kennen. Dieser internationale Austausch hat einen eigenen Wert.

Gleichzeitig gilt auch: Die Tatsache, dass Menschen mit Behinderungen aus aller Welt Sport treiben und bei einem internationalen Wettbewerb zusammenkommen, macht daraus noch keine Inklusion. Inklusion zeigt sich nicht allein im Wettkampf, sondern darin, wie selbstverständlich Menschen mit Behinderung im Alltag sichtbar sind, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und ob ihre Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft möglich ist. Der mögliche Beitrag der Paralympics zur Inklusion entsteht vor allem dort, wo sie öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wenn Medien berichten, wenn Menschen die Wettkämpfe verfolgen und wenn Athlet*innen sichtbar werden, kann sich auch das gesellschaftliche Bild von Behinderung verändern. Vielleicht liegt genau darin eine Stärke der Paralympics. Gleichzeitig lohnt es sich, die bestehenden Ungleichheiten nicht zu übersehen, sondern offen darüber zu sprechen.

Die entscheidende Frage bleibt deshalb, wann die Paralympics wirklich zu einem Zeichen für Inklusion werden. Vielleicht dann, wenn sie nicht mehr als Randereignis behandelt werden, ihre Wettbewerbe selbstverständlich zur besten Sendezeit laufen und ihre Athletinnen genauso sichtbar sind wie andere Spitzensportlerinnen. Ebenso wichtig bleibt die Erinnerung daran, dass die Paralympics nur einen kleinen Ausschnitt der Realität von Behinderung zeigen.
Solange paralympischer Sport zwar stattfindet, aber oft nur am Rand der öffentlichen Wahrnehmung, zeigt sich, dass die Paralympics einen wertvollen Beitrag leisten können, wenn sie mediale Aufmerksamkeit bekommen. Der Umgang mit den Paralympics legt nahe, dass die Paralympics noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.