Saarbrücken (kobinet)
Viele Menschen sehen die Para-lympics als Zeichen für In-klu-sion.
In-klu-sion bedeutet: Alle Menschen machen überall mit.
Para-lympics sind große Sport-Spiele für Menschen mit Be-hin-de-rung.
Nico Wunderle schreibt für kobinet.
Er fragt: Helfen die Para-lympics wirklich bei der In-klu-sion?
Das ist sein Kommentar.
In-klu-sion ist mehr als para-lympischer Spitzen-Sport
Kommentar von kobinet-Redakteur Nico Wunderle
Als Kind wollte ich bei den Para-lympics mitmachen.
Dieser Traum hat mich lange begleitet.
Ich habe Bilder von Spitzen-Sport-lern gesehen.
Sie fuhren Renn-Roll-Stühle oder hatten Pro-the-sen.
Pro-the-sen sind künstliche Arme oder Beine.
Diese Bilder zeigen Stärke und Leistung.
Das wirkt gut für die Sicht-bar-keit von Menschen mit Be-hin-de-rung.
Sicht-bar-keit bedeutet: Andere Menschen sehen und bemerken dich.
Trotzdem frage ich mich heute etwas.
Helfen die Para-lympics wirklich bei der In-klu-sion?
Oder zeigen sie nur ein bestimmtes Bild von Be-hin-de-rung?
Bei den Para-lympics sieht man vor allem Leistungs-Sport-ler.
Sie bringen außer-gewöhnliche Sport-Leistungen.
Das ist ohne Frage be-ein-dru-ckend.
Aber die meisten Menschen mit Be-hin-de-rung sind keine Leistungs-Sport-ler.
An-er-ken-nung nur für außer-gewöhnliche Leistungen zeigt ein falsches Bild.
Die Para-lympics zeigen nicht alle Arten von Be-hin-de-rung.
Sichtbar sind vor allem fehlende Arme oder Beine.
Auch Seh-be-hin-de-rungen werden gezeigt.
Menschen mit starken Muskel-Krämpfen sind kaum sichtbar.
Muskel-Krämpfe bedeutet: Die Muskeln ziehen sich unkontrolliert zusammen.
So entsteht ein unvollständiges Bild von Be-hin-de-rung.
Es gibt eine bekannte Art von Geschichten über Menschen mit Be-hin-de-rung.
Diese Art nennt man Helden-Geschichte.
Helden-Geschichte bedeutet: Menschen mit Be-hin-de-rung werden als Helden dargestellt.
Sie überwinden angeblich ihre Be-hin-de-rung durch Leistung.
Solche Geschichten können an-re-gend sein.
Aber sie lenken ab von Hindernissen und fehlender Zu-gäng-lich-keit.
Hindernisse sind Dinge, die Teilnahme verhindern.
In-klu-sion darf nicht nur von Sport-Leistung abhängen.
Auch die Sicht-bar-keit in den Me-di-en ist wichtig.
Para-lympische Wett-kämpfe laufen oft nur spät-abends.
Oder sie sind nur im Internet zu finden.
Das zeigt: Dieser Sport gehört noch nicht zur Mitte der Gesellschaft.
Die Olympischen Spiele laufen zur besten Zeit im Fernsehen.
Die Para-lympics wirken dagegen oft wie ein Zusatz-Programm.
In-klu-sion funktioniert nicht so.
Man muss sie nicht erst im Internet suchen.
Wenn Para-lympischer Sport kaum gezeigt wird, bleibt er unsichtbar.
Manchmal gibt es Sport-politische Boy-kotts bei den Para-lympics.
Boy-kott bedeutet: Man nimmt aus politischen Gründen nicht teil.
Das kann politisch verständlich sein.
Aber es trifft vor allem die Sport-ler.
Für viele ist die Para-lympics-Teilnahme der Höhe-punkt ihrer Karriere.
Bei der Er-öff-nungs-Feier fehlen oft viele Sport-ler.
Manche bleiben aus politischen Gründen fern.
Andere sparen ihre Kräfte für die Wett-kämpfe.
Der Weg zwischen Er-öff-nungs-Ort und Wett-kampf-Stätte ist manchmal sehr lang.
So wirkt eine Feier für Vielfalt manchmal leer.
Die Start-Be-din-gungen weltweit sind sehr unterschiedlich.
Manche Sport-ler haben High-tech-Pro-the-sen und gute Trainer.
Andere kämpfen darum, überhaupt einen Roll-stuhl zu bekommen.
In manchen Ländern fehlen Hilfs-mittel und Training fast vollständig.
Hilfs-mittel sind zum Beispiel Roll-stühle oder Pro-the-sen.
Was wie ein fairer Wett-bewerb aussieht, ist oft auch ein Wett-bewerb der Lebens-verhältnisse.
Auch in reichen Ländern gibt es große Unterschiede.
Para-lympischer Sport bekommt meist weniger Geld als olympischer Sport.
Geld-geber und Me-di-en beachten ihn weniger.
Das macht echte Chancen-Gleichheit schwierig.
Trotz dieser Kritik gibt es auch eine andere Seite.
Bei den Para-lympics kommen Menschen aus vielen Ländern zusammen.
Sie treten als Sport-ler gegeneinander an.
Dieser internationale Austausch hat einen eigenen Wert.
Aber gemeinsamer Sport allein ist noch keine In-klu-sion.
In-klu-sion zeigt sich im Alltag.
Sind Menschen mit Be-hin-de-rung überall dabei?
Haben sie die nötigen Mittel zur Teil-habe?
Teil-habe bedeutet: Mit-machen in allen Bereichen des Lebens.
Wenn Me-di-en berichten, kann sich das Bild von Be-hin-de-rung verändern.
Die wichtige Frage bleibt: Wann sind die Para-lympics ein Zeichen für In-klu-sion?
Vielleicht dann, wenn sie kein Rand-Er-eig-nis mehr sind.
Rand-Er-eig-nis bedeutet: Etwas, das kaum jemand beachtet.
Und wenn ihre Sport-ler genauso sichtbar sind wie andere Spitzen-Sport-ler.
Die Para-lympics zeigen nur einen kleinen Teil der Realität von Be-hin-de-rung.
Darüber sollten wir offen sprechen.

Foto: privat
Saarbrücken (kobinet) Paralympics gelten für viele als Symbol für Inklusion, Sichtbarkeit und sportliche Höchstleistungen von Menschen mit Behinderungen. Regelmäßig wird das internationale Sportereignis als Beleg dafür genannt, dass sich gesellschaftliche Bilder von Behinderung verändern. kobinet-Redakteur Nico Wunderle wirft in seinem Kommentar jedoch einen kritischeren Blick darauf, welche Rolle die Paralympics tatsächlich für Inklusion spielen – und welche Bilder von Behinderung dabei sichtbar werden.
Inklusion ist mehr als paralympischer Spitzensport
Kommentar von kobinet-Redakteur Nico Wunderle
Als Kind habe ich immer davon geträumt, bei den Paralympics selbst anzutreten. Die Vorstellung, einmal Teil dieses großen internationalen Sportereignisses zu sein, hat mich lange begleitet. Bilder von Spitzensportler*innen im Rennrollstuhl, mit Prothesen oder mit Sehbeeinträchtigung gingen um die Welt. Sie zeigen Stärke, Leistung und Durchhaltevermögen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein großer Schritt für die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung. Trotzdem frage ich mich heute immer wieder, ob die Paralympics wirklich zur Inklusion beitragen oder ob dadurch vor allem ein sehr spezielles Bild von Behinderung entsteht.
Bei den Paralympics sieht man vor allem Menschen mit Behinderung, die außergewöhnliche sportliche Leistungen bringen. Weltrekorde, Höchstleistungen, beeindruckende Geschichten. Das ist ohne Frage beeindruckend. Gleichzeitig zeigt es nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Die meisten Menschen mit Behinderung sind keine Leistungssportler*innen. Wenn gesellschaftliche Anerkennung vor allem dort entsteht, wo Menschen „trotz Behinderung“ Außergewöhnliches leisten, entsteht schnell ein schiefes Bild.
Eine weitere Frage betrifft, welche Behinderungen überhaupt sichtbar werden und welche nicht. Die Paralympics zeigen nur einen kleinen Teil der Vielfalt von Behinderung. Sichtbar sind vor allem bestimmte Behinderungsformen wie fehlende Gliedmaßen, Sehbehinderungen oder Querschnittslähmungen, die sich relativ klar in sportliche Wettkampfsysteme einordnen lassen. Andere körperliche Behinderungen oder komplexere Bewegungsbeeinträchtigungen kommen deutlich seltener vor. Besonders Menschen mit komplexeren Behinderungen oder mit starken Spastiken sind im paralympischen Spitzensport kaum sichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, Behinderung sehe vor allem so aus wie im paralympischen Leistungssport: Leistungsfähig, trainiert und in eine klar definierte sportliche Form übersetzbar. Die tatsächliche Vielfalt von Behinderung wird dadurch nur teilweise sichtbar.
Zu diesem Bild trägt auch ein bekanntes Narrativ bei, das in der Behindertenbewegung häufig als „Supercrip“-Erzählung bezeichnet wird. Gemeint ist die Darstellung von Menschen mit Behinderung als außergewöhnliche Held*innen, die ihre Behinderung überwinden und trotz aller Widrigkeiten Höchstleistungen erbringen. Solche Geschichten können inspirierend sein. Gleichzeitig verschieben sie aber leicht den Blick. Statt über Barrieren, fehlende Zugänglichkeit oder gesellschaftliche Ungleichheiten zu sprechen, steht dann vor allem die individuelle Leistung im Mittelpunkt.
Dieses Bild kann problematisch sein. Inklusion darf nicht davon abhängen, ob sich eine Behinderung in ein sportliches Wettkampfsystem einordnen lässt.
Mediale Sichtbarkeit spielt ebenfalls eine große Rolle. Inklusion bedeutet nicht nur, dass Menschen teilnehmen dürfen. Inklusion bedeutet auch, dass sie sichtbar sind. Wenn paralympische Wettbewerbe hauptsächlich in Nebenprogrammen stattfinden, spätabends laufen oder nur im Livestream der Mediathek auftauchen, sendet das eine klare Botschaft. Dieser Sport gehört offenbar nicht selbstverständlich zur Mitte der Gesellschaft.
Die Olympischen Spiele dominieren dagegen zur besten Sendezeit Fernsehen, Nachrichten und Titelseiten. Die Paralympics wirken häufig wie ein Zusatzprogramm – etwas, das man sich anschauen kann, wenn man aktiv danach sucht. Inklusion funktioniert jedoch nicht nach dem Prinzip, dass man sie irgendwo im Internet finden kann. Wenn paralympischer Sport hauptsächlich in Mediatheken verschwindet, bleibt er für viele Menschen unsichtbar. Gerade deshalb wirkt es traurig, wie wenig Sichtbarkeit die Paralympics oft bekommen. Umso härter erscheint es, wenn durch sportpolitische Boykotte – so verständlich sie politisch manchmal sein mögen – ausgerechnet den Athlet*innen selbst ein einmaliges Erlebnis genommen wird. Für viele ist die Teilnahme an den Paralympics der Höhepunkt jahrelanger Vorbereitung.
Diese Widersprüche zeigen sich auch bei der Eröffnungsfeier. Eigentlich müsste sie der Moment sein, in dem die Athletinnen im Mittelpunkt stehen und der paralympische Sport die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. In der Realität fehlen jedoch häufig viele Sportler*innen. Manche bleiben aus politischen Gründen fern, andere verzichten auf die Teilnahme, weil die Wege zwischen Eröffnungsort und Wettkampfstätten so lang sind, dass sie ihre Kräfte für die kommenden Wettkämpfe schonen müssen. Dadurch wirkt eine Veranstaltung, die eigentlich Vielfalt und Gemeinschaft zeigen soll, manchmal erstaunlich leer und trist.
Selten diskutiert werden auch die extrem unterschiedlichen Startbedingungen weltweit. Bei den Paralympics treten Athlet*innen aus Ländern mit stabilen Sozialsystemen, moderner medizinischer Versorgung und professioneller Sportförderung gegen Menschen aus Ländern an, in denen es teilweise nicht einmal eine grundlegende Hilfsmittelversorgung gibt.
Während einige mit Hightech-Prothesen, spezialisierten Rennrollstühlen und professionellen Trainerteams trainieren, kämpfen andere bereits darum, überhaupt einen funktionierenden Rollstuhl zu bekommen – manchmal sogar einen, der mit dem vergleichbar ist, was wir hier im Alltag kennen. In manchen Ländern fehlen geeignete Hilfsmittel, Trainingsstrukturen oder medizinische Unterstützung nahezu vollständig. Was wie ein fairer sportlicher Wettbewerb aussieht, ist deshalb oft auch ein Wettbewerb zwischen sehr unterschiedlichen sozialen und materiellen Voraussetzungen.
Selbst in wohlhabenderen Ländern ist die Situation nicht wirklich vergleichbar. Die professionelle Sportförderung des paralympischen Sports liegt meist deutlich unter den Bedingungen des olympischen Spitzensports. Trainingsstrukturen, Finanzierung, Sponsoring und mediale Aufmerksamkeit sind häufig wesentlich schwächer ausgeprägt als bei den Olympischen Spielen.
Trotz all dieser Kritik gibt es auch eine andere Seite. Bei den Paralympics kommen Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen. Sie begegnen sich als Sportler*innen, treten gegeneinander an und lernen sich kennen. Dieser internationale Austausch hat einen eigenen Wert.
Gleichzeitig gilt auch: Die Tatsache, dass Menschen mit Behinderungen aus aller Welt Sport treiben und bei einem internationalen Wettbewerb zusammenkommen, macht daraus noch keine Inklusion. Inklusion zeigt sich nicht allein im Wettkampf, sondern darin, wie selbstverständlich Menschen mit Behinderung im Alltag sichtbar sind, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und ob ihre Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft möglich ist. Der mögliche Beitrag der Paralympics zur Inklusion entsteht vor allem dort, wo sie öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wenn Medien berichten, wenn Menschen die Wettkämpfe verfolgen und wenn Athlet*innen sichtbar werden, kann sich auch das gesellschaftliche Bild von Behinderung verändern. Vielleicht liegt genau darin eine Stärke der Paralympics. Gleichzeitig lohnt es sich, die bestehenden Ungleichheiten nicht zu übersehen, sondern offen darüber zu sprechen.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb, wann die Paralympics wirklich zu einem Zeichen für Inklusion werden. Vielleicht dann, wenn sie nicht mehr als Randereignis behandelt werden, ihre Wettbewerbe selbstverständlich zur besten Sendezeit laufen und ihre Athletinnen genauso sichtbar sind wie andere Spitzensportlerinnen. Ebenso wichtig bleibt die Erinnerung daran, dass die Paralympics nur einen kleinen Ausschnitt der Realität von Behinderung zeigen.
Solange paralympischer Sport zwar stattfindet, aber oft nur am Rand der öffentlichen Wahrnehmung, zeigt sich, dass die Paralympics einen wertvollen Beitrag leisten können, wenn sie mediale Aufmerksamkeit bekommen. Der Umgang mit den Paralympics legt nahe, dass die Paralympics noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Foto: privat
Saarbrücken (kobinet) Paralympics gelten für viele als Symbol für Inklusion, Sichtbarkeit und sportliche Höchstleistungen von Menschen mit Behinderungen. Regelmäßig wird das internationale Sportereignis als Beleg dafür genannt, dass sich gesellschaftliche Bilder von Behinderung verändern. kobinet-Redakteur Nico Wunderle wirft in seinem Kommentar jedoch einen kritischeren Blick darauf, welche Rolle die Paralympics tatsächlich für Inklusion spielen – und welche Bilder von Behinderung dabei sichtbar werden.
Inklusion ist mehr als paralympischer Spitzensport
Kommentar von kobinet-Redakteur Nico Wunderle
Als Kind habe ich immer davon geträumt, bei den Paralympics selbst anzutreten. Die Vorstellung, einmal Teil dieses großen internationalen Sportereignisses zu sein, hat mich lange begleitet. Bilder von Spitzensportler*innen im Rennrollstuhl, mit Prothesen oder mit Sehbeeinträchtigung gingen um die Welt. Sie zeigen Stärke, Leistung und Durchhaltevermögen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein großer Schritt für die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung. Trotzdem frage ich mich heute immer wieder, ob die Paralympics wirklich zur Inklusion beitragen oder ob dadurch vor allem ein sehr spezielles Bild von Behinderung entsteht.
Bei den Paralympics sieht man vor allem Menschen mit Behinderung, die außergewöhnliche sportliche Leistungen bringen. Weltrekorde, Höchstleistungen, beeindruckende Geschichten. Das ist ohne Frage beeindruckend. Gleichzeitig zeigt es nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Die meisten Menschen mit Behinderung sind keine Leistungssportler*innen. Wenn gesellschaftliche Anerkennung vor allem dort entsteht, wo Menschen „trotz Behinderung“ Außergewöhnliches leisten, entsteht schnell ein schiefes Bild.
Eine weitere Frage betrifft, welche Behinderungen überhaupt sichtbar werden und welche nicht. Die Paralympics zeigen nur einen kleinen Teil der Vielfalt von Behinderung. Sichtbar sind vor allem bestimmte Behinderungsformen wie fehlende Gliedmaßen, Sehbehinderungen oder Querschnittslähmungen, die sich relativ klar in sportliche Wettkampfsysteme einordnen lassen. Andere körperliche Behinderungen oder komplexere Bewegungsbeeinträchtigungen kommen deutlich seltener vor. Besonders Menschen mit komplexeren Behinderungen oder mit starken Spastiken sind im paralympischen Spitzensport kaum sichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, Behinderung sehe vor allem so aus wie im paralympischen Leistungssport: Leistungsfähig, trainiert und in eine klar definierte sportliche Form übersetzbar. Die tatsächliche Vielfalt von Behinderung wird dadurch nur teilweise sichtbar.
Zu diesem Bild trägt auch ein bekanntes Narrativ bei, das in der Behindertenbewegung häufig als „Supercrip“-Erzählung bezeichnet wird. Gemeint ist die Darstellung von Menschen mit Behinderung als außergewöhnliche Held*innen, die ihre Behinderung überwinden und trotz aller Widrigkeiten Höchstleistungen erbringen. Solche Geschichten können inspirierend sein. Gleichzeitig verschieben sie aber leicht den Blick. Statt über Barrieren, fehlende Zugänglichkeit oder gesellschaftliche Ungleichheiten zu sprechen, steht dann vor allem die individuelle Leistung im Mittelpunkt.
Dieses Bild kann problematisch sein. Inklusion darf nicht davon abhängen, ob sich eine Behinderung in ein sportliches Wettkampfsystem einordnen lässt.
Mediale Sichtbarkeit spielt ebenfalls eine große Rolle. Inklusion bedeutet nicht nur, dass Menschen teilnehmen dürfen. Inklusion bedeutet auch, dass sie sichtbar sind. Wenn paralympische Wettbewerbe hauptsächlich in Nebenprogrammen stattfinden, spätabends laufen oder nur im Livestream der Mediathek auftauchen, sendet das eine klare Botschaft. Dieser Sport gehört offenbar nicht selbstverständlich zur Mitte der Gesellschaft.
Die Olympischen Spiele dominieren dagegen zur besten Sendezeit Fernsehen, Nachrichten und Titelseiten. Die Paralympics wirken häufig wie ein Zusatzprogramm – etwas, das man sich anschauen kann, wenn man aktiv danach sucht. Inklusion funktioniert jedoch nicht nach dem Prinzip, dass man sie irgendwo im Internet finden kann. Wenn paralympischer Sport hauptsächlich in Mediatheken verschwindet, bleibt er für viele Menschen unsichtbar. Gerade deshalb wirkt es traurig, wie wenig Sichtbarkeit die Paralympics oft bekommen. Umso härter erscheint es, wenn durch sportpolitische Boykotte – so verständlich sie politisch manchmal sein mögen – ausgerechnet den Athlet*innen selbst ein einmaliges Erlebnis genommen wird. Für viele ist die Teilnahme an den Paralympics der Höhepunkt jahrelanger Vorbereitung.
Diese Widersprüche zeigen sich auch bei der Eröffnungsfeier. Eigentlich müsste sie der Moment sein, in dem die Athletinnen im Mittelpunkt stehen und der paralympische Sport die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. In der Realität fehlen jedoch häufig viele Sportler*innen. Manche bleiben aus politischen Gründen fern, andere verzichten auf die Teilnahme, weil die Wege zwischen Eröffnungsort und Wettkampfstätten so lang sind, dass sie ihre Kräfte für die kommenden Wettkämpfe schonen müssen. Dadurch wirkt eine Veranstaltung, die eigentlich Vielfalt und Gemeinschaft zeigen soll, manchmal erstaunlich leer und trist.
Selten diskutiert werden auch die extrem unterschiedlichen Startbedingungen weltweit. Bei den Paralympics treten Athlet*innen aus Ländern mit stabilen Sozialsystemen, moderner medizinischer Versorgung und professioneller Sportförderung gegen Menschen aus Ländern an, in denen es teilweise nicht einmal eine grundlegende Hilfsmittelversorgung gibt.
Während einige mit Hightech-Prothesen, spezialisierten Rennrollstühlen und professionellen Trainerteams trainieren, kämpfen andere bereits darum, überhaupt einen funktionierenden Rollstuhl zu bekommen – manchmal sogar einen, der mit dem vergleichbar ist, was wir hier im Alltag kennen. In manchen Ländern fehlen geeignete Hilfsmittel, Trainingsstrukturen oder medizinische Unterstützung nahezu vollständig. Was wie ein fairer sportlicher Wettbewerb aussieht, ist deshalb oft auch ein Wettbewerb zwischen sehr unterschiedlichen sozialen und materiellen Voraussetzungen.
Selbst in wohlhabenderen Ländern ist die Situation nicht wirklich vergleichbar. Die professionelle Sportförderung des paralympischen Sports liegt meist deutlich unter den Bedingungen des olympischen Spitzensports. Trainingsstrukturen, Finanzierung, Sponsoring und mediale Aufmerksamkeit sind häufig wesentlich schwächer ausgeprägt als bei den Olympischen Spielen.
Trotz all dieser Kritik gibt es auch eine andere Seite. Bei den Paralympics kommen Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen. Sie begegnen sich als Sportler*innen, treten gegeneinander an und lernen sich kennen. Dieser internationale Austausch hat einen eigenen Wert.
Gleichzeitig gilt auch: Die Tatsache, dass Menschen mit Behinderungen aus aller Welt Sport treiben und bei einem internationalen Wettbewerb zusammenkommen, macht daraus noch keine Inklusion. Inklusion zeigt sich nicht allein im Wettkampf, sondern darin, wie selbstverständlich Menschen mit Behinderung im Alltag sichtbar sind, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und ob ihre Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft möglich ist. Der mögliche Beitrag der Paralympics zur Inklusion entsteht vor allem dort, wo sie öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wenn Medien berichten, wenn Menschen die Wettkämpfe verfolgen und wenn Athlet*innen sichtbar werden, kann sich auch das gesellschaftliche Bild von Behinderung verändern. Vielleicht liegt genau darin eine Stärke der Paralympics. Gleichzeitig lohnt es sich, die bestehenden Ungleichheiten nicht zu übersehen, sondern offen darüber zu sprechen.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb, wann die Paralympics wirklich zu einem Zeichen für Inklusion werden. Vielleicht dann, wenn sie nicht mehr als Randereignis behandelt werden, ihre Wettbewerbe selbstverständlich zur besten Sendezeit laufen und ihre Athletinnen genauso sichtbar sind wie andere Spitzensportlerinnen. Ebenso wichtig bleibt die Erinnerung daran, dass die Paralympics nur einen kleinen Ausschnitt der Realität von Behinderung zeigen.
Solange paralympischer Sport zwar stattfindet, aber oft nur am Rand der öffentlichen Wahrnehmung, zeigt sich, dass die Paralympics einen wertvollen Beitrag leisten können, wenn sie mediale Aufmerksamkeit bekommen. Der Umgang mit den Paralympics legt nahe, dass die Paralympics noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.




