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Vorwurf der Lifestyle-Teilzeit ist respektlos

drei rote Ausrufezeichen
Drei rote Ausrufezeichen
Foto: ht

Berlin (kobinet) Heute, am 8. März, dem Internationalen Frauentag, erinnern weltweit Millionen Menschen an den langen Kampf für Gleichberechtigung und bessere Arbeitsbedingungen von Frauen. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die aktuelle Debatte über Einschränkungen des Rechts auf Teilzeit nach Ansicht der VdK-Präsidentin Verena Bentele wie ein Rückschritt. Sie kritisiert den Vorwurf der "Lifestyle-Teilzeit" als realitätsfern und respektlos. Die Politische Interessenvertretung behinderter Frauen im Bundesnetzwerk Weibernetz fordert zum Internationalen Frauentag eine Stärkung der sexuellen und reproduktiven Rechte für Frauen mit Beeinträchtigungen. Denn der alte Wahlspruch der Frauenbewegung "Ob Kinder oder keine, entscheide ich alleine!" gelte für sie sehr häufig nicht, weil gesellschaftliche Strukturen dies oft verhindern.

Wie ein kürzlich erschienener Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts aufzeigt, sind es de facto vor allem Frauen, die in Deutschland in Teilzeit arbeiten. Verena Bentele ordnet dies wie folgt ein: „Frauen und Mädchen haben nicht den Wunschtraum, mit strukturellen Nachteilen zu leben. Sie verdienen weniger, erreichen seltener Führungspositionen und leisten deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit in Familien, zum Beispiel bei der Pflege Angehöriger oder in der Kinderbetreuung. Gerade diese unbezahlte Care-Arbeit zwingt viele Frauen in Teilzeit – nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern weil Alternativen fehlen. Diese Teilzeitbiografien mindern nicht nur das Einkommen, sondern führen häufiger zu Altersarmut. Teilzeit als bloße Lebensstilfrage zu bezeichnen, ist realitätsfern und respektlos. Die unbezahlte Sorgearbeit von Frauen muss gesellschaftlich endlich anerkannt und von der Politik stärker berücksichtigt werden. Es braucht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr sozialversicherungspflichtige Jobs statt Minijobs sowie eine gerechtere Aufteilung der unbezahlten Sorgearbeit für die Familie zwischen Frauen und Männern. Ich fordere ganz konkret, die Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur auszubauen, um Familien zu entlasten, sowie partnerschaftliche Modelle mit geteilter Sorgearbeit zu fördern – zum Beispiel durch eine Reform des Elterngeldes und den Ersatz des Ehegattensplittings durch ein Besteuerungsmodell für Familien. Darüber hinaus braucht es ein armutsfestes Rentensystem, das auch unbezahlte Arbeit wertschätzt.“

Zum Internationalen Frauentag fordern Frauen und ihre Verbündeten Gleichberechtigung auf allen Ebenen. „Zwar sichern uns internationale Menschenrechtsabkommen und die deutsche Verfassung eine Gleichberechtigung der Geschlechter zu. De facto beobachten wir jedoch weltweit einen Backlash, indem Frauen- und Diversitymaßnahmen verstärkt zurückgenommen oder in Frage gestellt werden“, erklärte Beatrice Gómez, Referentin beim Verein Weibernetz. Beispielhaft benennt das Weibernetz, dass Frauen mit Beeinträchtigungen gemäß Artikel 23 und 25 der UN-Behindertenrechtskonvention das gleiche Recht wie alle anderen Menschen auf sexuelle und reproduktive Gesundheit haben. Sie dürfen und sollen Entscheidungen über ihr Sexualleben, Partner*innenschaft und Familie selbstbestimmt treffen. „In der Praxis sieht es bei uns in Deutschland jedoch ganz anders aus“, empört sich Beatrice Gómez und erläuterte konkrete Mängel: „Flächendeckend vollumfänglich barrierefreie gynäkologische Praxen sind Mangelware und in ganz Deutschland gibt es lediglich 5 eingeschränkt barrierefreie gynäkologische Spezialambulanzen. Auch bei Geburtsvorbereitungskursen sind uns bundesweit nur 2 barrierefreie Angebote bekannt. Wohn- und Unterstützungsmöglichkeiten für Mütter und Elternpaare mit Lernschwierigkeiten sind kaum vorhanden und das Selbstbestimmungsrecht für die Wahl von Verhütungsmethoden wird häufig untergraben, denn noch immer sind Frauen mit Lernschwierigkeiten 11 Mal häufiger sterilisiert als andere Frauen.
Das ist unerträglich und ein echtes Armutszeugnis für Deutschland!“

Um Abhilfe zu schaffen, fordert das Weibernetz verschiedenste Ebenen auf, zu handeln:

  • Die Bundesregierung muss im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) private Anbieter*innen, zu denen auch Arztpraxen gehören, zu Barrierefreiheit verpflichten.
  • Geburtsvorbereitungskurse müssen flächendeckend vorgehalten werden. Hebammen und Anbieter*innen von Geburtsvorbereitungskursen müssen von den Krankenkassen zusätzliche Gelder für barrierefreie Angebote und die Möglichkeit, sich beeinträchtigungsspezifisches Wissen anzueignen, erhalten.
  • In allen Bundesländern müssen Wohn- und Unterstützungsangebote für Mütter und Eltern mit Lernschwierigkeiten in Form von begleiteter Elternschaft geschaffen werden.
  • Gesamtgesellschaftlich muss ableistischen Vorbehalten gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen hinsichtlich sexueller und reproduktiver Selbstbestimmung entgegengewirkt werden.

Die bundesweite Politische Interessenvertretung behinderter Frauen im Weibernetz streitet für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigung. Sie setzt sich gezielt für den Schutz vor Gewalt gegen Frauen mit Behinderung, Intersektionalität und gegen Sexismus und Ableismus ein.

„Der Internationale Frauentag entstand aus der Arbeiterinnen- und Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Vereinigten Staaten protestierten 1908 Frauen für bessere Arbeitsbedingungen und das Wahlrecht. 1910 schlug Clara Zetkin auf einer Konferenz in Kopenhagen einen internationalen Frauentag vor. 1911 wurde er erstmals in mehreren europäischen Ländern gefeiert. Das heutige Datum, der 8. März, geht auf einen Frauenstreik 1917 in Russland zurück. Heute steht der Tag weltweit für Gleichberechtigung und Frauenrechte“, erläuterte Verena Bentele die Geschichte des Internationalen Frauentags.