Staufen (kobinet)
Auch Männer können Femin-isten sein.
Femin-ismus bedeutet: Frauen und Männer sollen gleiche Rechte haben.
Das hat Mithu Sanyal kürzlich gesagt.
Sanyal ist eine bekannte Autorin und Aktivistin.
Eine Aktivistin kämpft für ein wichtiges Thema.
Sie will die Welt besser machen.
Sie hat das bei einer Diskussion klargestellt.
Es ging um den 70. Geburts-tag von Judith Butler.
Butler ist eine bekannte Denkerin zum Thema Geschlecht.
Aber viele Menschen haben das noch nicht verstanden.
Auch im Behin-derten-Femin-ismus nicht.
Behin-derten-Femin-ismus bedeutet: Frauen mit Behinderung kämpfen für ihre Rechte.
Sie wollen fair behandelt werden.
Der Autor dieser Kolumne ist ein Mann.
Eine Kolumne ist ein Text in einer Zeitung.
Der Autor schreibt darin seine Meinung.
Er schreibt seit Jahren über Frauen-Themen und Behinderung.
Manche Aktivistinnen haben seinen Text ignoriert.
Deshalb druckt er seinen Text vom letzten Jahr noch einmal ab.
Der Text handelt von dem Buch Easy Beauty.
Easy Beauty bedeutet auf Deutsch: Leichte Schön-heit.
Das Buch hat Chloe Cooper-Jones geschrieben.
Sie ist eine Frau mit Behinderung.
Der 8. März ist der Internationale Frauen-Tag.
Deshalb passt dieses Buch gut zu diesem Tag.
Eine Besprechung nennt man auch Rezen-sion.
Das bedeutet: Man schreibt seine Meinung über ein Buch.
Man bewertet es für andere Leser.
Der Autor empfiehlt das Buch allen Menschen.
Wessen Blicke sind gemeint?
Der Unter-titel des Buches lautet: Blicke auf meine Behinderung.
Dieser Unter-titel hat 2 Bedeutungen.
Andere Menschen blicken auf Chloe und ihre Behinderung.
Aber auch Chloe selbst blickt auf ihre Behinderung.
Ihr eigener Blick ist am wichtigsten.
Von diesem Blick hängt ihre Befreiung ab.
Befreiung bedeutet hier: sich von fremden Urteilen lösen.
Ein Urteil ist die Meinung anderer über eine Person.
Am Ende des Buches gelingt Chloe diese Befreiung.
Aber am Anfang steht eine andere Erfahrung.
Sie erlebt, wie andere Menschen sie abwertend anschauen.
Diese Blicke sind mitleidig, ablehnend oder herablassend.
Mitleidig bedeutet: Eine Person tut so, als wäre der andere schwach.
Herablassend bedeutet: Man behandelt jemanden wie ein kleines Kind.
Diese fremden Blicke dringen in Chloe ein.
Sie werden zu ihren eigenen Gedanken über sich selbst.
In der Psycho-logie nennt man das Intro-jekte.
Psycho-logie ist eine Wissenschaft über Menschen.
Sie erforscht Gefühle und Verhalten.
Intro-jekte bedeutet: Fremde Gedanken, die man als eigene übernimmt.
Das sind Stimmen im Kopf von anderen Menschen.
Diese Stimmen sagen, was man denken oder fühlen soll.
Diese Gedanken können sehr zerstörerisch sein.
Zerstörerisch bedeutet: Etwas schadet einer Person sehr.
Der Denker Sartre hat das so beschrieben: Die Hölle, das sind die anderen.
Jean-Paul Sartre war ein französischer Denker und Schriftsteller.
Er lebte von 1905 bis 1980.
Chloe beschreibt diesen Schmerz sehr genau.
Sie beobachtet, wie fremde Blicke zu Selbst-hass werden.
Selbst-hass bedeutet: Man hasst sich selbst.
Chloe entwickelt Schutz-Strategien gegen diesen Schmerz.
Schutz-Strategien sind Wege, wie Menschen sich selbst schützen.
Ganz alleine kämpft sie sich aus der Unterwerfung heraus.
Unterwerfung bedeutet hier: Man übernimmt das schlechte Bild anderer über sich selbst.
Die Leser erleben diesen langen Weg mit ihr.
Schritt für Schritt erkennt Chloe: Ihr Anders-sein ist berechtigt.
Sie muss sich nicht für ihre Behinderung schämen.
Am Ende ist sie frei vom Urteil anderer Menschen.
Sie entwickelt einen eigenen, positiven Blick auf ihre Behinderung.
Die 3 Räume auf dem Weg zur Befreiung
Das Buch beschreibt 3 verschiedene Räume.
Diese Räume sind keine echten Orte.
Sie stehen für verschiedene Schutz-Strategien.
Chloe durchläuft diese Räume auf ihrem Lebens-weg.
Dieser Weg ist schwer und schmerzhaft.
Man könnte ihn eine Helden-reise nennen.
Bei einer Helden-reise erlebt eine Person viele schwere Aufgaben.
Am Ende wird sie stärker und klüger.
Der 1. Raum heißt: Der neutrale Raum.
Neutral bedeutet: ohne Gefühle, ohne Reaktion.
In diesem Raum macht sich Chloe innerlich taub.
Das schützt sie vor verletzenden Worten und Blicken.
Das Buch zeigt ein Beispiel gleich am Anfang.
Chloe sitzt mit Freunden in einer Bar.
Ein Fremder stellt eine verletzende Frage.
Er fragt: Ist es falsch, ein behindertes Kind zu bekommen?
Chloe erträgt diese Frage kaum.
Sie zieht sich in ihren neutralen Raum zurück.
Dort hört sie die Gespräche nur noch wie ein Rauschen.
Dieser Rückzug hat aber einen hohen Preis.
Chloe tötet dabei einen Teil ihrer eigenen Gefühle ab.
Das kann auf Dauer sehr schädlich sein.
Es ist keine gute Lösung für das ganze Leben.
Der 2. Raum ist der Denk-Raum.
Chloe flüchtet hier in die Welt der Philo-sophie.
Philo-sophie bedeutet: Das Nachdenken über große Lebens-Fragen.
Menschen stellen dort Fragen über die Welt und den Menschen.
In dieser Welt gibt es keine Unvoll-kommenheit.
Unvoll-kommenheit bedeutet: Etwas ist nicht perfekt oder anders als andere.
Besonders gefällt Chloe der Denker Plotin.
Plotin war ein Denker aus dem alten Rom.
Er lebte ungefähr von 205 bis 270 nach Christus.
Plotin schrieb über das Reine und Unver-mischte.
In seiner Welt gibt es keine Mängel.
Mangel bedeutet hier: etwas fehlt oder ist anders.
Auch Chloes Behinderung spielt dort keine Rolle.
Das tut ihr innerlich gut.
Der 2. Teil dieser Besprechung folgt bald.
Dort geht es um die Befreiung in Easy Beauty.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Auch Männer können Feministen sein wie Mithu Sanyal eben erst in einer Diskussionsrunde zum 70. Geburtstag von Judith Butler klargestellt hat. Offenbar ist das noch nicht überall angekommen. Auch nicht im behindertenpolitischen Feminismus. Oder woran liegt es, dass meine im vergangenen Jahr erschienene und nun nochmals abgedruckte Frauentagskolumne dort (z.B. ISL-Weiberrrat und anderen direkt adressierten Aktivistinnen) gesilenced, totgeschwiegen, wurde? Möchten sie in ihrer vom Patriarchat lizenzierten frauenfeministischen Blase von einem männlichen Feministen nicht gestört werden? Machen wir mit der diesjährigen Wiederholung meiner letztjährigen Frauentagskolumne die Probe auf Exempel.
„Easy Beauty“, die solitäre Befreiungsbiographie
„Easy Beauty“ ist nicht ein weiteres Buch über Behinderung und schon gar nicht irgendein Buch, nein. Es ist das Buch der Stunde! Der geschichtlichen Stunde, in der die globale Verdüsterung der Horizonte die gut fünfzigjähre Geschichte der Behindertenbewegung international an ihr vorläufiges Ende bringt. Weil das Buch einer Autorin, einer Frau also, eignet sich der 8. März, der Internationale Frauentag, vorzüglich für eine Rezension. Und sei sie auch von einem Rezensenten, einem Mann also, der die Lektüre – von Buch und Rezension – allen Geschlechtern wärmstens ans Herz legt.
„Blicke auf meine Behinderung“ – wessen Blicke?
Der Untertitel des Buches könnte dank seiner treffsicheren Doppeldeutigkeit nicht besser gewählt sein. Von wessen Blicken ist die Rede, wer blickt hier? Von beiderlei Blicken handelt das Buch, von denen der anderen, als auch davon, wie die Autorin auf ihre Behinderung blickt. Und dieser Blick, ihr eigener, ist es schlussendlich, auf den es ankommt, von dem eine mögliche Befreiungserfahrung abhängt. Die in diesem Fall eine radikal individuelle ist und die ihr, der Behinderten, am Ende tatsächlich gelingt.
Geglückte Befreiung steht am Ende von Chloe Cooper-Jones autobiographischer Geschichte, ihres „Memoir“, wie diese literarische Gattung lebensgeschichtlichen Erzählens seit neustem heißt. Am Beginn ihrer Geschichte steht die gegenteilige Erfahrung, die einer Unterwerfung. Unter die Blicke der anderen nämlich, die abwertenden, missbilligenden, irritierten und schockierten, mitleidigen und bemitleidenden, herablassenden, besserwisserisch oder hilflos helfenwollenden Blicke auf ihre Behinderung. Allesamt negative, „böse Blicke“, die von früh an in sie eindringen und die Macht besitzen, sich in ihrem Inneren – Kulminationspunkt des Unglücks der Unterwerfung – festzusetzen und in ihre eigenen Blicke auf sich selbst und ihre Behinderung zu verwandeln. Psychoanalytisch werden diese eingedrungenen Fremdkörper „Introjekte“ genannt, zerstörerische, selbstzerstörerische Introjekte. Mitunter Geschossen gleich. Die damit einhergehende schmerzhafte, qualvolle Empfindung hat am prägnantesten Sartre in seinem Theaterstück „Huis clos“ (deutsch, Geschlossenen Gesellschaft) zum Ausdruck gebracht, „die Hölle, das sind die anderen“, anwesend in der Zudringlichkeit ihrer Blicke.
Nirgendwo habe ich die ableistische Höllenerfahrung bislang präziser geschildert und sprachlich sensibler dargestellt gefunden als im Buch von Chloe Cooper-Jones. Den Schmerz und die Qual, die Erniedrigung und die Vernichtung. Ein ums andere Mal verfolgt sie aufmerksam, wie ihre Psyche selbstschädigend-reaktiv die inneren Giftablagerungen der fremden Blicke zu Selbsthass, zu selbstverletzenden und selbstzerstörerischen Impulsen weiterverarbeitet. Wie sie in besonders verletzenden und schmerzhaften Situationen der Ablehnung und Stigmatisierung schon früh auch Zuflucht nimmt zu prekären Abwehrreaktionen und Selbstschutzstrategien. Und wie sie ganz auf sich allein gestellt, bar allen irdischen Beistands, sich auf diesem Weg tastend und sehr allmählich aus der Unterwerfung zu lösen beginnt, schrittweise zu distanzieren, zu deidentifizieren und sich so endlich aus der „Identifikation mit dem Aggressor“, psychoanalytisch gesprochen, befreit. – Die Leser erleben zusammen mit der Autorin das „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ einer von ihr über einen langen Zeitraum hin autonom praktizierten „Einsichtstherapie“ gewissermaßen. Der schrittweisen Einsicht in die elementare Existenzberechtigung ihres persönlichen Andersseins, „normabweichenden“ Soseins. Bestätigt somit zuletzt durch die selbstbestärkende Erfahrung der Unabhängigkeit vom Blick der anderen auf ihre Behinderung und mithin die Befreiung zu einem eigenen, positiven Blick auf dieselbe.
Die drei Räume, ein Heroes Journey individueller Behindertenbefreiung
Wer sich auf die gewiss nicht einfache Lektüre von Cooper Jones Buch einlässt, nimmt Teil an einem sehr besonderen Exerzitium in Achtsamkeit. Es geht um das achtsame Beobachten und Beschreiben von „Stadien auf dem Weg“, so würde ich diese Übung in Anlehnung an Kierkegaard charakterisieren (womit ich darauf aufmerksam mache, dass die Philosophie und ihre großen Geister in diesem Buch keine geringe Rolle spielen). Die Entwicklungsstadien auf dem individuellen Lebensweg der Körperbehinderten Chloe Cooper Jones werden von ihr als „Räume“ versinnbildlicht. Drei solche Räume begegnen ihr und durchläuft sie in dieser ihrer persönlichen Entwicklungsgeschichte. Da diese mühsam und schmerzhaft ist, voller Beschwernisse und Prüfungen, legt sich mir der Ausdruck „Heldenreise“ nahe. „Easy Beauty“ beschreibt einen „heroes journey“ (gern auch „sheroes journey“). Und insofern jede Helden- oder Heldinnenreise eine solitäre Angelegenheit vorstellt, also eine einmalige oder jedenfalls höchst individuelle Weggeschichte erzählt, möchte ich zuletzt noch hinweisen auf C.G. Jungs Rede vom „Individuationsweg“, dessen Ziel die „Selbstwerdung“ sei.
Und dementsprechend handelt es sich bei den voranstehend erwähnten Räumen um Räume des „Selbst“, wiederum mit C.G. Jung gesprochen. Räume, die dem Individuum oder Selbst quasi Obdach bieten, ein Ort, an dem es „sein“ oder sich aufhalten kann, in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien zwischen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung. – Zum ersten der drei Räume, mit denen das Buch die Leserschaft vertraut macht. Dem Raum der Neutralisierung des Angriffs. Der „neutrale Raum“, so nennt ihn die Autorin selber, schützt sie, sobald sie sich in ihn zurückgezogen hat, vor der Aggression der Blicke. In seinem gegen das Außen abschirmenden Inneren gelingt es ihr, sich taub zu stellen gegen Worte, die in letzter Konsequenz das Selbst vernichten. Der einem „white cube“ ähnelnde Raum schützt ebenso vor der Wucht und Plötzlichkeit abfälliger Gesten und irritierter Gebärden, dem Andrang stigmatisierender und diskriminierender Signale aller Art. Gleich zu Anfang des Buches werden wir das erste Mal Zeuge, wie dieser Schutzmechanismus gegen ableistische Aggression einrastet. Die Szene spielt in einer Bar, der Freund eines Freundes kommt hinzu und beginnt unvermittelt eine philosophische Fachsimpelei darüber, ob die beiden ihm nicht darin zustimmen, dass ein behindertes Kind zur Welt bringen, das Risiko seiner Geburt eingehen, eindeutig eine ethisch verwerfliche Handlung darstellt. Nach einer für sie kaum erträglichen Sequenz von Pro- und Kontra-Argumenten der beiden Freunde entzieht sich die soeben als ethisch eigentlich nicht existenzberechtigtes Lebenwesen Verworfene der Situation und dem Gespräch, indem sie gleichsam ihren Körper verlässt und durch den Rückzug in ihren „neutralen Raum“ die Umgebung ausblendet und nurmehr wie ein „Rauschen“ an sich abgleiten und vorüberziehen lässt.
Mit dem sich entkörperlichenden Rückzug in eine völlige Fühllosigkeit zahlt das angegriffene Individuum natürlich einen hohen Preis für seine elementare Selbsterhaltung. Den einer partiellen Abtötung dieses Selbst. Indem es wiederholt derart rigoros die eigene Lebendigkeit stranguliert, begeht das Individuum quasi schleichend, seelischen und psychosomatischen Selbstmord. Ähnliche Zustände katatoner Selbsterstarrung kennt man von Psychiatrieinsassen. Die selbstinduzierte hypnotische Flucht aus der Realität in den „neutralen Raum“ trägt mithin psychopathologische Züge. Der äußerst prekäre psychische Selbsterhaltungsvorteil, den das von Mal zu Mal in höchster Not aufgesuchte Refugium des neutralen Raums Behinderten bietet, lässt diese kurzfristige Überlebensstrategie für eine längerfristige Lebensperspektive untauglich erscheinen. Dauerhaft kann auf diese Weise Leben mit Behinderung nicht gelingen. – Der zweite Raum, den die Autorin nicht zuletzt dank ihrer Bildungsbiographie als positive, lebenszugewandte Alternative für sich entdeckt hat, markiert gegenüber dem neutralen Raum und dessen Notbehelf einen unbezweifelbaren Entwicklungssprung. Der abstrakte Denk- oder Reflexionsraum, wie ich ihn bezeichnen möchte, stellt nichtsdestoweniger gleichfalls einen Rückzugsraum dar. Diesmal entzieht sich das gefährdete Selbst in die Höhe geistiger Gefilde, weit oberhalb der Unmittelbarkeit, Spontaneität und ungefilterten Sinnlichkeit unseres irdischen oder alltäglichen Daseins. In dieser durch die Philosophie und ihre großen Namen repräsentierten exquisiten Sphäre der „Reinheit“ und des „Unvermischten“ sind beispielsweise die platonischen „Ideen“ beheimatet, die reinen und ungetrübten Urbilder aller auf Erden vorkommenden Dinge und Erscheinungen. Nur bei den unvollkommenen Abbildern finden sich Unzulänglichkeit und Normabweichung bis hin zu Missratenem. Weshalb die gelehrige Schülerin der Philosophie Cooper Jones – sie hätte sicher nichts dagegen, wenn ich sie eine „Liebhaberin der Weisheit“ nenne – vor allem am Neuplatoniker Plotin Gefallen findet. Aus dessen Betonung des „Reinen“ und „Unvermischten“ erhellt einmal mehr, dass in diesem sublimen Raum des „Wahren, Guten und Schönen“, des Ideal Einen, keinerlei Mangelbehaftetes bzw. Defizitäres vorkommt oder auch nur gedanklich eine Rolle spielt, worunter auch ihre realexistierende Behinderung fällt. Von daher die ungemein heilsame Wirkung, die ein Aufenthalt in diesem Raum auf das von seinen Mitmenschen malträtierte, gekränkte und gesellschaftlich vielfach ausgeschlossene Behinderten-Selbst.
(Der zweite Teil dieser Rezension und was es mit der Befreiungserfahrung von „Easy Beauty“ auf sich hat, folgt übermorgen.)

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Auch Männer können Feministen sein wie Mithu Sanyal eben erst in einer Diskussionsrunde zum 70. Geburtstag von Judith Butler klargestellt hat. Offenbar ist das noch nicht überall angekommen. Auch nicht im behindertenpolitischen Feminismus. Oder woran liegt es, dass meine im vergangenen Jahr erschienene und nun nochmals abgedruckte Frauentagskolumne dort (z.B. ISL-Weiberrrat und anderen direkt adressierten Aktivistinnen) gesilenced, totgeschwiegen, wurde? Möchten sie in ihrer vom Patriarchat lizenzierten frauenfeministischen Blase von einem männlichen Feministen nicht gestört werden? Machen wir mit der diesjährigen Wiederholung meiner letztjährigen Frauentagskolumne die Probe auf Exempel.
„Easy Beauty“, die solitäre Befreiungsbiographie
„Easy Beauty“ ist nicht ein weiteres Buch über Behinderung und schon gar nicht irgendein Buch, nein. Es ist das Buch der Stunde! Der geschichtlichen Stunde, in der die globale Verdüsterung der Horizonte die gut fünfzigjähre Geschichte der Behindertenbewegung international an ihr vorläufiges Ende bringt. Weil das Buch einer Autorin, einer Frau also, eignet sich der 8. März, der Internationale Frauentag, vorzüglich für eine Rezension. Und sei sie auch von einem Rezensenten, einem Mann also, der die Lektüre – von Buch und Rezension – allen Geschlechtern wärmstens ans Herz legt.
„Blicke auf meine Behinderung“ – wessen Blicke?
Der Untertitel des Buches könnte dank seiner treffsicheren Doppeldeutigkeit nicht besser gewählt sein. Von wessen Blicken ist die Rede, wer blickt hier? Von beiderlei Blicken handelt das Buch, von denen der anderen, als auch davon, wie die Autorin auf ihre Behinderung blickt. Und dieser Blick, ihr eigener, ist es schlussendlich, auf den es ankommt, von dem eine mögliche Befreiungserfahrung abhängt. Die in diesem Fall eine radikal individuelle ist und die ihr, der Behinderten, am Ende tatsächlich gelingt.
Geglückte Befreiung steht am Ende von Chloe Cooper-Jones autobiographischer Geschichte, ihres „Memoir“, wie diese literarische Gattung lebensgeschichtlichen Erzählens seit neustem heißt. Am Beginn ihrer Geschichte steht die gegenteilige Erfahrung, die einer Unterwerfung. Unter die Blicke der anderen nämlich, die abwertenden, missbilligenden, irritierten und schockierten, mitleidigen und bemitleidenden, herablassenden, besserwisserisch oder hilflos helfenwollenden Blicke auf ihre Behinderung. Allesamt negative, „böse Blicke“, die von früh an in sie eindringen und die Macht besitzen, sich in ihrem Inneren – Kulminationspunkt des Unglücks der Unterwerfung – festzusetzen und in ihre eigenen Blicke auf sich selbst und ihre Behinderung zu verwandeln. Psychoanalytisch werden diese eingedrungenen Fremdkörper „Introjekte“ genannt, zerstörerische, selbstzerstörerische Introjekte. Mitunter Geschossen gleich. Die damit einhergehende schmerzhafte, qualvolle Empfindung hat am prägnantesten Sartre in seinem Theaterstück „Huis clos“ (deutsch, Geschlossenen Gesellschaft) zum Ausdruck gebracht, „die Hölle, das sind die anderen“, anwesend in der Zudringlichkeit ihrer Blicke.
Nirgendwo habe ich die ableistische Höllenerfahrung bislang präziser geschildert und sprachlich sensibler dargestellt gefunden als im Buch von Chloe Cooper-Jones. Den Schmerz und die Qual, die Erniedrigung und die Vernichtung. Ein ums andere Mal verfolgt sie aufmerksam, wie ihre Psyche selbstschädigend-reaktiv die inneren Giftablagerungen der fremden Blicke zu Selbsthass, zu selbstverletzenden und selbstzerstörerischen Impulsen weiterverarbeitet. Wie sie in besonders verletzenden und schmerzhaften Situationen der Ablehnung und Stigmatisierung schon früh auch Zuflucht nimmt zu prekären Abwehrreaktionen und Selbstschutzstrategien. Und wie sie ganz auf sich allein gestellt, bar allen irdischen Beistands, sich auf diesem Weg tastend und sehr allmählich aus der Unterwerfung zu lösen beginnt, schrittweise zu distanzieren, zu deidentifizieren und sich so endlich aus der „Identifikation mit dem Aggressor“, psychoanalytisch gesprochen, befreit. – Die Leser erleben zusammen mit der Autorin das „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ einer von ihr über einen langen Zeitraum hin autonom praktizierten „Einsichtstherapie“ gewissermaßen. Der schrittweisen Einsicht in die elementare Existenzberechtigung ihres persönlichen Andersseins, „normabweichenden“ Soseins. Bestätigt somit zuletzt durch die selbstbestärkende Erfahrung der Unabhängigkeit vom Blick der anderen auf ihre Behinderung und mithin die Befreiung zu einem eigenen, positiven Blick auf dieselbe.
Die drei Räume, ein Heroes Journey individueller Behindertenbefreiung
Wer sich auf die gewiss nicht einfache Lektüre von Cooper Jones Buch einlässt, nimmt Teil an einem sehr besonderen Exerzitium in Achtsamkeit. Es geht um das achtsame Beobachten und Beschreiben von „Stadien auf dem Weg“, so würde ich diese Übung in Anlehnung an Kierkegaard charakterisieren (womit ich darauf aufmerksam mache, dass die Philosophie und ihre großen Geister in diesem Buch keine geringe Rolle spielen). Die Entwicklungsstadien auf dem individuellen Lebensweg der Körperbehinderten Chloe Cooper Jones werden von ihr als „Räume“ versinnbildlicht. Drei solche Räume begegnen ihr und durchläuft sie in dieser ihrer persönlichen Entwicklungsgeschichte. Da diese mühsam und schmerzhaft ist, voller Beschwernisse und Prüfungen, legt sich mir der Ausdruck „Heldenreise“ nahe. „Easy Beauty“ beschreibt einen „heroes journey“ (gern auch „sheroes journey“). Und insofern jede Helden- oder Heldinnenreise eine solitäre Angelegenheit vorstellt, also eine einmalige oder jedenfalls höchst individuelle Weggeschichte erzählt, möchte ich zuletzt noch hinweisen auf C.G. Jungs Rede vom „Individuationsweg“, dessen Ziel die „Selbstwerdung“ sei.
Und dementsprechend handelt es sich bei den voranstehend erwähnten Räumen um Räume des „Selbst“, wiederum mit C.G. Jung gesprochen. Räume, die dem Individuum oder Selbst quasi Obdach bieten, ein Ort, an dem es „sein“ oder sich aufhalten kann, in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien zwischen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung. – Zum ersten der drei Räume, mit denen das Buch die Leserschaft vertraut macht. Dem Raum der Neutralisierung des Angriffs. Der „neutrale Raum“, so nennt ihn die Autorin selber, schützt sie, sobald sie sich in ihn zurückgezogen hat, vor der Aggression der Blicke. In seinem gegen das Außen abschirmenden Inneren gelingt es ihr, sich taub zu stellen gegen Worte, die in letzter Konsequenz das Selbst vernichten. Der einem „white cube“ ähnelnde Raum schützt ebenso vor der Wucht und Plötzlichkeit abfälliger Gesten und irritierter Gebärden, dem Andrang stigmatisierender und diskriminierender Signale aller Art. Gleich zu Anfang des Buches werden wir das erste Mal Zeuge, wie dieser Schutzmechanismus gegen ableistische Aggression einrastet. Die Szene spielt in einer Bar, der Freund eines Freundes kommt hinzu und beginnt unvermittelt eine philosophische Fachsimpelei darüber, ob die beiden ihm nicht darin zustimmen, dass ein behindertes Kind zur Welt bringen, das Risiko seiner Geburt eingehen, eindeutig eine ethisch verwerfliche Handlung darstellt. Nach einer für sie kaum erträglichen Sequenz von Pro- und Kontra-Argumenten der beiden Freunde entzieht sich die soeben als ethisch eigentlich nicht existenzberechtigtes Lebenwesen Verworfene der Situation und dem Gespräch, indem sie gleichsam ihren Körper verlässt und durch den Rückzug in ihren „neutralen Raum“ die Umgebung ausblendet und nurmehr wie ein „Rauschen“ an sich abgleiten und vorüberziehen lässt.
Mit dem sich entkörperlichenden Rückzug in eine völlige Fühllosigkeit zahlt das angegriffene Individuum natürlich einen hohen Preis für seine elementare Selbsterhaltung. Den einer partiellen Abtötung dieses Selbst. Indem es wiederholt derart rigoros die eigene Lebendigkeit stranguliert, begeht das Individuum quasi schleichend, seelischen und psychosomatischen Selbstmord. Ähnliche Zustände katatoner Selbsterstarrung kennt man von Psychiatrieinsassen. Die selbstinduzierte hypnotische Flucht aus der Realität in den „neutralen Raum“ trägt mithin psychopathologische Züge. Der äußerst prekäre psychische Selbsterhaltungsvorteil, den das von Mal zu Mal in höchster Not aufgesuchte Refugium des neutralen Raums Behinderten bietet, lässt diese kurzfristige Überlebensstrategie für eine längerfristige Lebensperspektive untauglich erscheinen. Dauerhaft kann auf diese Weise Leben mit Behinderung nicht gelingen. – Der zweite Raum, den die Autorin nicht zuletzt dank ihrer Bildungsbiographie als positive, lebenszugewandte Alternative für sich entdeckt hat, markiert gegenüber dem neutralen Raum und dessen Notbehelf einen unbezweifelbaren Entwicklungssprung. Der abstrakte Denk- oder Reflexionsraum, wie ich ihn bezeichnen möchte, stellt nichtsdestoweniger gleichfalls einen Rückzugsraum dar. Diesmal entzieht sich das gefährdete Selbst in die Höhe geistiger Gefilde, weit oberhalb der Unmittelbarkeit, Spontaneität und ungefilterten Sinnlichkeit unseres irdischen oder alltäglichen Daseins. In dieser durch die Philosophie und ihre großen Namen repräsentierten exquisiten Sphäre der „Reinheit“ und des „Unvermischten“ sind beispielsweise die platonischen „Ideen“ beheimatet, die reinen und ungetrübten Urbilder aller auf Erden vorkommenden Dinge und Erscheinungen. Nur bei den unvollkommenen Abbildern finden sich Unzulänglichkeit und Normabweichung bis hin zu Missratenem. Weshalb die gelehrige Schülerin der Philosophie Cooper Jones – sie hätte sicher nichts dagegen, wenn ich sie eine „Liebhaberin der Weisheit“ nenne – vor allem am Neuplatoniker Plotin Gefallen findet. Aus dessen Betonung des „Reinen“ und „Unvermischten“ erhellt einmal mehr, dass in diesem sublimen Raum des „Wahren, Guten und Schönen“, des Ideal Einen, keinerlei Mangelbehaftetes bzw. Defizitäres vorkommt oder auch nur gedanklich eine Rolle spielt, worunter auch ihre realexistierende Behinderung fällt. Von daher die ungemein heilsame Wirkung, die ein Aufenthalt in diesem Raum auf das von seinen Mitmenschen malträtierte, gekränkte und gesellschaftlich vielfach ausgeschlossene Behinderten-Selbst.
(Der zweite Teil dieser Rezension und was es mit der Befreiungserfahrung von „Easy Beauty“ auf sich hat, folgt übermorgen.)




