Staufen (kobinet)
Unser Nachbar ist gestorben.
Der Nachbar hieß P. E.
Er hatte einen schweren Auto-Unfall.
Bei dem Unfall wurde er schwer verletzt.
Er konnte danach nicht mehr gut laufen.
P. E. wohnte in einer kleinen Wohnung.
Die Wohnung war in einem alten Haus.
Das Haus wurde umgebaut.
Der Haus-Besitzer wollte das Haus schöner machen.
Dann kann er mehr Miete verlangen.
P. E. wurde in seiner Wohnung gefunden.
P. E. war schon mehrere Tage tot.
Das war in der Advents-Zeit 2021.
Das sind die 4 Wochen vor Weihnachten.
Eine traurige Geschichte aus der Advents-Zeit
P. E. war unser Nachbar.
P. E. wohnte schräg gegenüber von uns.
P. E. hat uns immer geholfen.
P. E. half uns bei Problemen.
Dann rief P. E. uns an.
P. E. sagte uns: Das ist nicht richtig.
P. E. kam aus der DDR.
P. E. ist in den Westen geflohen.
Im Westen hatte P. E. zuerst Erfolg.
Dann hatte P. E. einen schweren Auto-Unfall.
Der Unfall war nicht seine Schuld.
Bei dem Unfall wurde sein Rücken verletzt.
Dein Rücken besteht aus vielen kleinen Knochen.
Danach hatte P. E. immer starke Schmerzen.
P. E. arbeitete am Computer.
P. E. machte Internet-Seiten.
P. E. arbeitete sehr viel.
P. E. arbeitete Tag und Nacht.
P. E. nahm Tabletten gegen die Schmerzen.
P. E. wollte Erfolg haben.
P. E. wollte dazu-gehören.
P. E. wollte anerkannt werden.
Aber das war sehr schwer für P. E.
P. E. hatte einen Voll-Bart.
P. E. trug immer die gleichen Kleider.
P. E. nannte sich selbst manchmal Edel-Clochard.
Das ist französisch.
Das bedeutet: Ein Mensch ohne Wohnung.
Der Mensch trägt aber gute Kleidung.
Der Mensch benimmt sich höflich.
Aber P. E. wohnte in einer Wohnung.
Die Wohnung hatte etwa 60 Quadrat-Meter.
P. E. wohnte dort über 10 Jahre.
Dann bekam das Haus einen neuen Besitzer.
Der neue Besitzer wollte das Haus umbauen.
Dann kann der Besitzer mehr Geld verdienen.
P. E. bekam die Kündigung.
Das bedeutet: Du musst deine Wohnung verlassen.
Du darfst nicht mehr dort wohnen.
Wir fragten P. E. oft: Hast du eine neue Wohnung?
P. E. sagte immer: Vielleicht bald.
Ich warte noch auf Bescheid.
P. E. gab die Hoffnung nicht auf.
P. E. sagte: Ich lasse mir nicht die Laune verderben.
Der Haus-Besitzer wollte P. E. raus-haben.
Der Haus-Besitzer ging vor Gericht.
Aber P. E. hoffte weiter.
P. E. sagte: Das Sozial-Amt wird mir helfen.
Das Sozial-Amt ist eine Behörde.
Eine Behörde ist ein Amt vom Staat.
Das Sozial-Amt hilft Menschen in Not.
Man kann mich nicht auf die Straße setzen.
Im Sommer begannen die Bau-Arbeiten.
Das Haus wurde umgebaut.
Über der Wohnung von P. E. war alles kaputt.
Es war sehr laut.
Wir fragten P. E.: Wie hältst du das aus?
P. E. sagte: Das macht mir nichts aus.
Es gibt Schlimmeres.
In der Advents-Zeit war kein Licht mehr bei P. E.
Mehrere Tage lang war kein Licht bei P. E.
Meine Frau Silvia rief bei P. E. an.
P. E. nahm nicht ab.
Am nächsten Tag rief P. E. auch nicht zurück.
Silvia sah 2 Männer in weißer Schutz-Kleidung.
Das ist besondere Kleidung für die Arbeit.
Die Kleidung schützt deinen Körper vor Verletzungen.
Die Männer gingen in die Wohnung von P. E.
Kurz danach erfuhren wir: P. E. ist tot.
Eine Frau hatte P. E. gefunden.
P. E. lag tot im Bett.
Die Frau kam immer einmal in der Woche.
Die Frau half P. E. im Haus-Halt.
Nach dem Tod von P. E. ging der Umbau weiter.
Der Umbau ging ohne Pause weiter.
Der Umbau ging auch an den Advents-Tagen weiter.
An Heil-Abend schaute Silvia aus dem Fenster.
Silvia hatte eine Trauer-Karte für P. E. hingestellt.
Das ist eine Karte nach einem Todes-Fall.
Man zeigt damit sein Mit-Gefühl.
Silvia hatte 2 Lichter neben die Karte gestellt.
Silvia sah einen Paket-Boten.
Der Paket-Bote trug eine Kapuze.
Plötzlich schrie der Paket-Bote: Geht's noch!
Der Paket-Bote sprang zur Seite.
Dann rannte der Paket-Bote weg.
Jemand hatte Flüssigkeit aus dem Fenster geschüttet.
Das war der Nachbar gegenüber von uns.
Vielleicht dachte der Nachbar: Das ist Silvia.
Denn der Paket-Bote hatte eine Kapuze auf.
Silvia trägt auch oft eine Kapuze.
Wir hatten jetzt wieder große Angst.
Am ersten Weihnachts-Tag war mildes Wetter.
Es war etwa 10 Grad warm.
Das Nachbar-Fenster stand weit offen.
Aber wir trauten uns nicht raus.
Wir hatten zu viel Angst.
Wir blieben in der Wohnung.
Wir hörten Musik im Radio.
Wir hörten das Weihnachts-Oratorium von Bach.
Das ist eine lange Musik für Weihnachten.
Die Musik erzählt die Geschichte von Jesus Geburt.

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Staufen (kobinet) So stellt sich ein Todesfall in der Nachbarschaft für Silvia und mich rückblickend dar. Der plötzliche Tod unseres Nachbarn P. E., dessen Invalidität von einem nicht selbst verursachten Autounfall herrührte. In der Adventszeit 2021 wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Seine kleine Mietwohnung war der letzte noch bewohnbare Teil eines bereits im Umbau befindlichen Altbaus im Staufener "Hinterstädtchen". Der neue Hauseigentümer wollte nicht länger mit den Abriss- und Umbauarbeiten warten. Der Tote wurde erst Tage nach seinem Ableben entdeckt. Nach Abschluss der Bau- und Renovierungsarbeiten konnten die drei Wohnungen des nunmehr schmucken Altstadthauses zu einem stattlichen Mietpreis an zahlungskräftige Interessenten neu vermietet werden. – Es folgt die dem vorangegangene traurige Adventsgeschichte. Ein "Best of kobinet" vom Dezember 2022.
Man sieht nur die im Licht, die im Dunkel sieht man nicht – anstelle einer Adventsgeschichte
Die Erinnerung holt mich ein, eine bestimmte Erinnerung. Vor einem Jahr, in der Vorweihnachtszeit war das, mein Gott, wie die Zeit vergeht und je älter man wird, umso mehr beschleunigt sie sich. Die Adventszeit letztes Jahr hatte, ähnlich wie dieses Jahr, wenig Adventliches, nichts hoffnungsfroh Ankommendes. Im Gegenteil, der Gesundheitsminister hatte den Bürgern gerade prophezeit, wir alle würden im kommenden Jahr, also nach dem bevorstehenden Jahreswechsel, entweder geimpft, nach einer Ansteckung genesen oder an der Pandemie gestorben sein.
Noch im alten Jahr starb dann unser Nachbar von schräg gegenüber. Gestorben ist er jedoch nicht an Corona und weil er sich nicht hat impfen lassen. Peter war unser stiller Verbündeter in der Gasse, das ist Psychoterror, Nötigung, versicherte er Silvia am Telefon, wenn wir erneut attackiert wurden und uns beiden die Worte fehlten und wir um Fassung gerungen haben. Telefonisch leistete er uns diesen moralischen Beistand, weil es für uns gefährlich gewesen wäre, spontan auf die Gasse zu treten und zu ihm hinüber zu gehen und ihm war es recht, weil er sich mit seiner Parteinahme nicht exponieren, keine öffentliche Angriffsfläche bieten wollte.
Die geschützte Position des stillen Verbündeten war ihm lieber, weil er, was ihn selber anlangte, noch nicht alle Hoffnung hatte fahren lassen. Noch immer hoffte er, der ehemalige DDR-Flüchtling, dessen bundesdeutsche Karriere in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sich durchaus vielversprechend angelassen hatte, bis ein von ihm nicht verschuldeter Verkehrsunfall ihm beinahe buchstäblich das Genick brach und ihn zum Invaliden machte –, noch immer hoffte er, diesem Schicksalsschlag zum Trotz in unserer Wettbewerbsgesellschaft zu reüssieren. Als Webdesigner, Programmersteller, der tage- und nächtelang vor dem PC sitzt, von Aufputschmitteln wachgehalten und durch die permanente Einnahme starker Schmerzmittel die von der lädierten Wirbelsäule in den Körper ausstrahlenden Schmerzen in Schach gehalten. Versprochen hat er sich von dieser Selbstkasteiung, der Ex-DDRler oder Ossi, beruflich doch noch hier anzukommen, am Ende zugehörig zu sein, von den autochthonen Wessis im Ländle als einer der ihren anerkannt.
Die Realität sah anders aus und Peter rettete sich mit seinem Humor so gut es ging über sie hinweg.
Stets war er zu Späßen aufgelegt und nannte sich auch schon mal einen „Edelclochard“. Den es aus seinem Apotheker-Elternhaus in Gotha, einem für DDR Verhältnisse in der Rückschau wohlanständigen, bürgerlich angesehenen Milieu, in den ebenso digital avancierten wie mustergültig biederen deutschen Südwesten verschlagen hatte. Zu dessen schmuckem Juste Milieu er so gerne gehört hätte und in welches aufzusteigen, sich durch unermüdlichen Fleiß hochzuarbeiten, er selbst nach Jahren und als ein chronisch Kranker die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgeben mochte. Ein Edelclochard, der fürchten musste, man sieht ihm am ergrauten Vollbart und dem ewig gleichen Habit den Abstieg ins einfache Clochariat von Jahr zu Jahr mehr an.
Die Erfolgs- und Aufstiegshoffnung verließ ihn auch nicht, als ihm zu Beginn des vergangenen Jahres – vielleicht war es auch schon im vorvergangenen Jahr – die Wohnung gekündigt wurde. Das Eckhaus schräg gegenüber, in dessen verwinkelter Erdgeschosswohnung Peter seit über einem Jahrzehnt auf etwas mehr als 60 Quadratmetern ausharrte, zur Hälfte Stauraum für Gegenstände aus besseren Tagen wie etwa eine komplette Taucherausrüstung – dieses Altbaudomizil hatte seinen Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer plante eine Grundsanierung mit entsprechender Wertsteigerung, damit sich die Immobilie rentiert und ihm möglichst bald eine angemessene Rendite abwirft. Letztes Hindernis auf diesem Weg einer ganz normalen kapitalistischen Gangart auf dem freien Immobilienmarkt war der im Erdgeschoss festsitzende Invalide. Eine widerspenstige menschliche Immobilie sozusagen, aus rein geschäftlicher Perspektive betrachtet. – Auf Silvias Frage, wie es bei ihm mit der Wohnungssuche vorangehe, antwortete Peter wiederholt, möglicherweise habe er da jetzt etwas in Aussicht, warte aber noch auf den endgültigen Bescheid und wolle sich im übrigen durch die nervige Sache nicht die Laune verderben lassen.
Und selbst da, als er längst eine Räumungsklage am Hals hatte, gab er nicht alle Hoffnung auf. Nun müsse ihm eben das Sozialamt … denn auf die Straße setzen könnten sie ihn schließlich nicht und auch weiterhin werde ihn das alles nicht verdrießen, er habe besseres zu tun, sein Projekt am PC stehe vor dem Abschluss.
Sogar nachdem gegen Ende des Sommers dem Eigentümer der Geduldsfaden gerissen war und im Herbst die Bauarbeiten begonnen hatten, ihm förmlich die Bude über dem Kopf demoliert und abgebrochen wurde, hoffte Peter anscheinend unbeirrt. Auf unsere Frage, wie er den ständigen Baulärm über sich ertrage, sagte er, der mache ihm eigentlich wenig aus, da gebe es Schlimmeres.
– Was wiederum wir uns eigentlich schlecht vorstellen konnten, so wie das Haus inzwischen aus-schaute. Vom Obergeschoss standen nurmehr die Außenwände, das Gebälk des Dachstuhls darüber ein Gerippe, so hat es Silvia mir, dem Blinden, beschrieben, vor meinem inneren Auge visualisiere ich eine Fachwerkruine, in deren Kellergewölbe sich Peter verkrochen hatte.
Und das er, gleich einem Verlies, kaum noch verlassen hat mit Beginn der Adventszeit. Dieser sprichwörtlich besinnlichen Zeit, „still erleuchtet jedes Haus, alles sieht so festlich aus“. Nicht so bei Peter, tagelang kein Licht zu sehen hinter den Scheiben. Nach dem dritten Tag ohne Licht, rief Silvia bei ihm an, er nahm nicht ab, was nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte, üblicherweise rief er erst später oder anderntags zurück, wenn er unsere Nummer auf dem Display entdeckte. – Diesmal kam auch anderntags kein Anruf von ihm. Am frühen Nachmittag beobachtete Silvia zwei Männer in weißer Schutzkleidung, die sich Zutritt zu der Erdgeschosswohnung von gegenüber verschaffen. Ich weiß noch wie sie sagte, die Plastikanzüge sind mittlerweile Standard, allein wegen Corona. Und das erste, was ich sagte, war, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hat. Kurz darauf erfahren wir, die Frau, die einmal die Woche vorbeikam und jedesmal den zotteligen Flokati auf der Gasse durch die Luft wirbelte, hatte Peter tot im Bett aufgefunden, um die Mittagszeit.
Mit dem Exit seines letzten Bewohners schritt die äußerer und innere Rundumerneuerung des Eckhauses Johannesgasse an den restlichen Adventstagen ohne Unterbrechung zügig voran.
Dann kam Heiligabend. Von unserem Fenster aus – sie schaute an diesen Tagen noch öfters als sonst nach drüben zu der Türschwelle, wo sie in der Nische die Trauerkarte für Peter mit den beiden Lichtern platziert hatte, ob die noch da waren – sah Silvia, es war später Vormittag, einen Paketausträger unten in der Gasse, der einen Moment bei der Haustür zögerte, dann aber weiterging, also nichts für uns. Sie hatte sich schon wieder ihrer Lektüre zugewandt, als draußen ein Fluchen zu hören war, ein lautes „geht’s noch“, sie sah, wie der Auslieferer, ein Kleiner mit Kapuze, nach einem Sprung zur Seite, sich kurz noch einmal umdrehte, um sich dann im Laufschritt aus der Gasse hinaus in Sicherheit zu bringen. Sein „geht’s noch“ hatte dem Nachbarn direkt gegenüber von uns gegolten, dessen Konterfei im gleichen Augenblick aus der Fensteröffnung verschwand. Auf dem Sims wie stets die überquellenden Aschenbecher und daneben die ausgelöffelten Joghurtbecher mit seinem Rotz und dem rußigen Regenwasser. Auf dem Pflaster unterhalb des Fensters die Nässespuren der Flüssigkeitsattacke. – Wir haben uns sogleich gefragt, ob der Paketzusteller nicht Opfer einer Verwechslung geworden war. Von hinten könnte der Kapuzenmann dem Flüssigkeitsattentäter oben am Fenster wie Silvia mit Kapuze und Regenjacke erschienen sein.
Am ersten Weihnachtstag, auch daran erinnere ich mich, war mildes Wetter, zehn Grad plus oder so.
Das Nachbarfenster mit den Wurfgeschossen auf dem Sims stand sperrangelweit offen. Doch nach dem Geschehnis am Vortag, das von neuem unsere nur allzu begründete Angst einmal mehr getriggert hatte, wagten wir es nicht, den Fuß vor die Tür zu setzen. Wir zogen es der Sicherheit halber vor, drinnen zu bleiben und Bachs Weihnachtsoratorium zu lauschen, das eben im Radio lief. Jauchzet und frohlocket, euch ist ein Heiland geboren.

Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen
Staufen (kobinet) So stellt sich ein Todesfall in der Nachbarschaft für Silvia und mich rückblickend dar. Der plötzliche Tod unseres Nachbarn P. E., dessen Invalidität von einem nicht selbst verursachten Autounfall herrührte. In der Adventszeit 2021 wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Seine kleine Mietwohnung war der letzte noch bewohnbare Teil eines bereits im Umbau befindlichen Altbaus im Staufener "Hinterstädtchen". Der neue Hauseigentümer wollte nicht länger mit den Abriss- und Umbauarbeiten warten. Der Tote wurde erst Tage nach seinem Ableben entdeckt. Nach Abschluss der Bau- und Renovierungsarbeiten konnten die drei Wohnungen des nunmehr schmucken Altstadthauses zu einem stattlichen Mietpreis an zahlungskräftige Interessenten neu vermietet werden. – Es folgt die dem vorangegangene traurige Adventsgeschichte. Ein "Best of kobinet" vom Dezember 2022.
Man sieht nur die im Licht, die im Dunkel sieht man nicht – anstelle einer Adventsgeschichte
Die Erinnerung holt mich ein, eine bestimmte Erinnerung. Vor einem Jahr, in der Vorweihnachtszeit war das, mein Gott, wie die Zeit vergeht und je älter man wird, umso mehr beschleunigt sie sich. Die Adventszeit letztes Jahr hatte, ähnlich wie dieses Jahr, wenig Adventliches, nichts hoffnungsfroh Ankommendes. Im Gegenteil, der Gesundheitsminister hatte den Bürgern gerade prophezeit, wir alle würden im kommenden Jahr, also nach dem bevorstehenden Jahreswechsel, entweder geimpft, nach einer Ansteckung genesen oder an der Pandemie gestorben sein.
Noch im alten Jahr starb dann unser Nachbar von schräg gegenüber. Gestorben ist er jedoch nicht an Corona und weil er sich nicht hat impfen lassen. Peter war unser stiller Verbündeter in der Gasse, das ist Psychoterror, Nötigung, versicherte er Silvia am Telefon, wenn wir erneut attackiert wurden und uns beiden die Worte fehlten und wir um Fassung gerungen haben. Telefonisch leistete er uns diesen moralischen Beistand, weil es für uns gefährlich gewesen wäre, spontan auf die Gasse zu treten und zu ihm hinüber zu gehen und ihm war es recht, weil er sich mit seiner Parteinahme nicht exponieren, keine öffentliche Angriffsfläche bieten wollte.
Die geschützte Position des stillen Verbündeten war ihm lieber, weil er, was ihn selber anlangte, noch nicht alle Hoffnung hatte fahren lassen. Noch immer hoffte er, der ehemalige DDR-Flüchtling, dessen bundesdeutsche Karriere in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sich durchaus vielversprechend angelassen hatte, bis ein von ihm nicht verschuldeter Verkehrsunfall ihm beinahe buchstäblich das Genick brach und ihn zum Invaliden machte –, noch immer hoffte er, diesem Schicksalsschlag zum Trotz in unserer Wettbewerbsgesellschaft zu reüssieren. Als Webdesigner, Programmersteller, der tage- und nächtelang vor dem PC sitzt, von Aufputschmitteln wachgehalten und durch die permanente Einnahme starker Schmerzmittel die von der lädierten Wirbelsäule in den Körper ausstrahlenden Schmerzen in Schach gehalten. Versprochen hat er sich von dieser Selbstkasteiung, der Ex-DDRler oder Ossi, beruflich doch noch hier anzukommen, am Ende zugehörig zu sein, von den autochthonen Wessis im Ländle als einer der ihren anerkannt.
Die Realität sah anders aus und Peter rettete sich mit seinem Humor so gut es ging über sie hinweg.
Stets war er zu Späßen aufgelegt und nannte sich auch schon mal einen „Edelclochard“. Den es aus seinem Apotheker-Elternhaus in Gotha, einem für DDR Verhältnisse in der Rückschau wohlanständigen, bürgerlich angesehenen Milieu, in den ebenso digital avancierten wie mustergültig biederen deutschen Südwesten verschlagen hatte. Zu dessen schmuckem Juste Milieu er so gerne gehört hätte und in welches aufzusteigen, sich durch unermüdlichen Fleiß hochzuarbeiten, er selbst nach Jahren und als ein chronisch Kranker die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgeben mochte. Ein Edelclochard, der fürchten musste, man sieht ihm am ergrauten Vollbart und dem ewig gleichen Habit den Abstieg ins einfache Clochariat von Jahr zu Jahr mehr an.
Die Erfolgs- und Aufstiegshoffnung verließ ihn auch nicht, als ihm zu Beginn des vergangenen Jahres – vielleicht war es auch schon im vorvergangenen Jahr – die Wohnung gekündigt wurde. Das Eckhaus schräg gegenüber, in dessen verwinkelter Erdgeschosswohnung Peter seit über einem Jahrzehnt auf etwas mehr als 60 Quadratmetern ausharrte, zur Hälfte Stauraum für Gegenstände aus besseren Tagen wie etwa eine komplette Taucherausrüstung – dieses Altbaudomizil hatte seinen Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer plante eine Grundsanierung mit entsprechender Wertsteigerung, damit sich die Immobilie rentiert und ihm möglichst bald eine angemessene Rendite abwirft. Letztes Hindernis auf diesem Weg einer ganz normalen kapitalistischen Gangart auf dem freien Immobilienmarkt war der im Erdgeschoss festsitzende Invalide. Eine widerspenstige menschliche Immobilie sozusagen, aus rein geschäftlicher Perspektive betrachtet. – Auf Silvias Frage, wie es bei ihm mit der Wohnungssuche vorangehe, antwortete Peter wiederholt, möglicherweise habe er da jetzt etwas in Aussicht, warte aber noch auf den endgültigen Bescheid und wolle sich im übrigen durch die nervige Sache nicht die Laune verderben lassen.
Und selbst da, als er längst eine Räumungsklage am Hals hatte, gab er nicht alle Hoffnung auf. Nun müsse ihm eben das Sozialamt … denn auf die Straße setzen könnten sie ihn schließlich nicht und auch weiterhin werde ihn das alles nicht verdrießen, er habe besseres zu tun, sein Projekt am PC stehe vor dem Abschluss.
Sogar nachdem gegen Ende des Sommers dem Eigentümer der Geduldsfaden gerissen war und im Herbst die Bauarbeiten begonnen hatten, ihm förmlich die Bude über dem Kopf demoliert und abgebrochen wurde, hoffte Peter anscheinend unbeirrt. Auf unsere Frage, wie er den ständigen Baulärm über sich ertrage, sagte er, der mache ihm eigentlich wenig aus, da gebe es Schlimmeres.
– Was wiederum wir uns eigentlich schlecht vorstellen konnten, so wie das Haus inzwischen aus-schaute. Vom Obergeschoss standen nurmehr die Außenwände, das Gebälk des Dachstuhls darüber ein Gerippe, so hat es Silvia mir, dem Blinden, beschrieben, vor meinem inneren Auge visualisiere ich eine Fachwerkruine, in deren Kellergewölbe sich Peter verkrochen hatte.
Und das er, gleich einem Verlies, kaum noch verlassen hat mit Beginn der Adventszeit. Dieser sprichwörtlich besinnlichen Zeit, „still erleuchtet jedes Haus, alles sieht so festlich aus“. Nicht so bei Peter, tagelang kein Licht zu sehen hinter den Scheiben. Nach dem dritten Tag ohne Licht, rief Silvia bei ihm an, er nahm nicht ab, was nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte, üblicherweise rief er erst später oder anderntags zurück, wenn er unsere Nummer auf dem Display entdeckte. – Diesmal kam auch anderntags kein Anruf von ihm. Am frühen Nachmittag beobachtete Silvia zwei Männer in weißer Schutzkleidung, die sich Zutritt zu der Erdgeschosswohnung von gegenüber verschaffen. Ich weiß noch wie sie sagte, die Plastikanzüge sind mittlerweile Standard, allein wegen Corona. Und das erste, was ich sagte, war, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hat. Kurz darauf erfahren wir, die Frau, die einmal die Woche vorbeikam und jedesmal den zotteligen Flokati auf der Gasse durch die Luft wirbelte, hatte Peter tot im Bett aufgefunden, um die Mittagszeit.
Mit dem Exit seines letzten Bewohners schritt die äußerer und innere Rundumerneuerung des Eckhauses Johannesgasse an den restlichen Adventstagen ohne Unterbrechung zügig voran.
Dann kam Heiligabend. Von unserem Fenster aus – sie schaute an diesen Tagen noch öfters als sonst nach drüben zu der Türschwelle, wo sie in der Nische die Trauerkarte für Peter mit den beiden Lichtern platziert hatte, ob die noch da waren – sah Silvia, es war später Vormittag, einen Paketausträger unten in der Gasse, der einen Moment bei der Haustür zögerte, dann aber weiterging, also nichts für uns. Sie hatte sich schon wieder ihrer Lektüre zugewandt, als draußen ein Fluchen zu hören war, ein lautes „geht’s noch“, sie sah, wie der Auslieferer, ein Kleiner mit Kapuze, nach einem Sprung zur Seite, sich kurz noch einmal umdrehte, um sich dann im Laufschritt aus der Gasse hinaus in Sicherheit zu bringen. Sein „geht’s noch“ hatte dem Nachbarn direkt gegenüber von uns gegolten, dessen Konterfei im gleichen Augenblick aus der Fensteröffnung verschwand. Auf dem Sims wie stets die überquellenden Aschenbecher und daneben die ausgelöffelten Joghurtbecher mit seinem Rotz und dem rußigen Regenwasser. Auf dem Pflaster unterhalb des Fensters die Nässespuren der Flüssigkeitsattacke. – Wir haben uns sogleich gefragt, ob der Paketzusteller nicht Opfer einer Verwechslung geworden war. Von hinten könnte der Kapuzenmann dem Flüssigkeitsattentäter oben am Fenster wie Silvia mit Kapuze und Regenjacke erschienen sein.
Am ersten Weihnachtstag, auch daran erinnere ich mich, war mildes Wetter, zehn Grad plus oder so.
Das Nachbarfenster mit den Wurfgeschossen auf dem Sims stand sperrangelweit offen. Doch nach dem Geschehnis am Vortag, das von neuem unsere nur allzu begründete Angst einmal mehr getriggert hatte, wagten wir es nicht, den Fuß vor die Tür zu setzen. Wir zogen es der Sicherheit halber vor, drinnen zu bleiben und Bachs Weihnachtsoratorium zu lauschen, das eben im Radio lief. Jauchzet und frohlocket, euch ist ein Heiland geboren.




