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Menschen mit Assistenzbedarf melden sich zu Wort zu Kürzungsphantasien

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Foto: ISL

Berlin / Bremen (kobinet) Menschen mit Assistenzbedarf weisen die zunehmende Darstellung ihrer Rechte als vermeintliches "Kostenproblem" entschieden zurück. "Aktuelle Beiträge, wie zuletzt in der WELT unter dem Titel 'Was wir uns künftig nicht mehr leisten können' von Kristina Schröder (ehem. Ministerin, CDU, Vorstand der durch das Bundespresseamt geförderten rechtskonservativen Denkfabrik 'Republik 21'), verschieben den Fokus weg von Menschenrechten und hin zu einer rein fiskalischen Betrachtung unserer Existenz. Diese Perspektive ist nicht nur gefährlich, sondern widerspricht dem Geiste des Grundgesetzes, des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) und den Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)", heißt es u.a. in einer Positionierung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) gemeinsam mit der "Genossenschaft behinderte Arbeitgebende - bund" und der "Assistenzgenossenschaft Bremen".

„Persönliche Assistenz, Schulbegleitung, Reiseassistenz oder Unterstützungsleistungen im Alltag sind keine Luxusgüter. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Menschen mit Assistenzbedarf arbeiten, lernen, politisch aktiv sein können, Familien gründen und so ein selbstbestimmtes Leben führen können. Wer diese Rechte in Frage stellt, stellt unsere gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft insgesamt in Frage“, heißt es weiter im Positionspapier.

Für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf bedeutet persönliche Assistenz weit mehr als „Hilfe“

Persönliche Assistenz ermöglicht es, aufzustehen und ins Bett zu gehen, zu essen und zu trinken, zur Toilette zu gehen, sich zu waschen, sich fortzubewegen, zu kommunizieren, zu arbeiten, Termine wahrzunehmen oder am sozialen Leben teilzunehmen. Persönliche Assistenz ersetzt keine Selbstbestimmung – sie ist das Instrument, mit dem diese überhaupt erst möglich wird. Ohne Assistenz wären viele von uns gezwungen, in stationären Einrichtungen zu leben, von Angehörigen abhängig zu sein oder aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden. Persönliche Assistenz ist damit keine Zusatzleistung, sondern die Grundlage für Würde, Freiheit und Selbstbestimmung, heißt es im Positionspapier weiter.

Besonders problematisch sei die wiederholte Gegenüberstellung von Menschen mit Assistenzbedarf und anderen Gruppen, etwa pflegebedürftigen älteren Menschen. So würden soziale Gruppen gegeneinander ausgespielt, statt die tatsächlichen strukturellen Schwächen unseres Sozialversicherungssystems offen zu benennen.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir uns Teilhabe leisten können – sondern wie wir sie gerecht finanzieren

Es existierten längst tragfähige Reformvorschläge, die in der öffentlichen Debatte weitgehend ausgeblendet würden. „Würde die Beitragsbemessungsgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung von derzeit 66.150 Euro auf das Niveau der Rentenversicherung (96.600 Euro im Jahr 2025) angehoben, wären auch Beschäftigte mit einem monatlichen Einkommen zwischen 5.512,50 bis 8.050 Euro beitragspflichtig. Diese Einkommensgruppe ist in der Regel seltener arbeitsunfähig als Niedrigverdienende. Allein dadurch ließen sich rund 10 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen erzielen“, betonten die Initiator*innen des Positionspapiers.

Noch weitergehendes Potential entstünde durch die vollständige Einbeziehung von Selbstständigen und Beamt*innen in die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung sowie durch die Abschaffung der Beihilfe – wie es etwa in Österreich praktiziert wird. Diese Reform würde überflüssige Doppelstrukturen abbauen, Verwaltungsaufwand reduzieren und die Finanzierung der Sozialversicherungen auf eine deutlich stabilere Grundlage stellen. Sie würde es ermöglichen, die Pflegeversicherung zu einer Vollversicherung auszubauen, Beiträge zu senken und gleichzeitig Kommunen wirksam zu entlasten – insbesondere bei der „Hilfe zur Pflege“.

Irritierend sei der im oben genannten Beitrag wiederholt vorgebrachte Verweis darauf, dass selbst skandinavische Länder bei der Umsetzung von Teilhaberechten angeblich „nicht so weit gingen“ wie Deutschland. Teilhabe ist kein Wettbewerb nach unten. Wer sich bei Menschenrechten ständig an anderen orientiert, um bestehende Standards zu relativieren, gibt politischen Gestaltungswillen auf. Deutschland sollte nicht fragen, wie wenig Menschenrechte anderswo gewährt werden, sondern selbst Vorbild für eine inklusive Gesellschaft sein.

Darüber hinaus ist der Ausbau der Anstellungsverhältnisse in Privathaushalten zur Sicherung der Pflege und Assistenz ein unmittelbar wirksames Konjunkturprogramm. Er schafft zehntausende sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, baut also Arbeitslosigkeit ab und stärkt regionale Wirtschaftskreisläufe. Jeder investierte Euro fließt direkt in Löhne, Qualifizierung und Kaufkraft – und wirkt damit schneller und nachhaltiger als viele der bürokratisch aufwendigen Konjunkturhilfen der Bundesregierung. Persönliche Assistenz ist nicht nur eine Sozialleistung, sondern auch ein relevanter Wirtschaftsfaktor.

Unsere Position ist eindeutig:

„Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf sind keine Kostenstelle. Wer ernsthaft die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats planen will, muss auch Leistungen berücksichtigen, die keinen direkten Bezug zur Steigerung der Arbeitsleistung haben. Dazu sind strukturelle Reformen notwendig – menschenrechtliche Verpflichtungen zur Pflege und Teilhabe behinderter Menschen dürfen dabei nicht zur Disposition stehen. Wir verbleiben mit drei Fragen: Warum wurde ein Grundgesetz und eine UN-Behindertenrechtskonvention geschaffen, wenn jeglicher Standard nach Kassenlage fallen kann? Müssten nicht Umverteilungsprozesse sicherstellen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft menschenwürdige Lebensbedingungen vorfinden? Wer gerät nach Bürgergeldempfänger*innen, Migrant*innen und nun behinderten Menschen als nächstes in den Fokus der ‚Kostenstellen-Argumentation‘?“, heißt es in der Positionierung.

Die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL)“ ist eine menschenrechtsorientierte Selbstvertretungsorganisation und die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen. Sie wurde nach dem Vorbild der US-amerikanischen „Independent Living Movement“ gegründet, um die Selbstbestimmung behinderter Menschen auch in Deutschland durchzusetzen.

Die „Genossenschaft behinderte Arbeitgebende“ (GbA – bund) wurde im November 2025 von Menschen mit Behinderungen gegründet, die mit Persönlicher Assistenz leben. Sie nimmt ab Januar 2026 ihre Arbeit auf. Zweck der Genossenschaft ist die Lobbyarbeit und die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen: bei der Organisation Persönlicher Assistenz, im Persönlichen Budget, durch selbst beschäftigte Assistenzgebende oder im sogenannten Arbeitgeber-Modell – um behinderten Menschen eine selbstbestimmte Lebensgestaltung mit Persönlicher Assistenz zu ermöglichen. www.gba-bund.de

Die „Assistenzgenossenschaft Bremen“ (AG Bremen) entstand aus der Idee solidarischer Beratung unter behinderten Menschen. 1986 wurde die erste Beratungsstelle Selbstbestimmt Leben eröffnet. Da bestehende Hilfesysteme wenig Selbstbestimmung ermöglichten, gründeten behinderte Menschen 1990 die Assistenzgenossenschaft Bremen, um Persönliche Assistenz demokratisch und selbstbestimmt zu organisieren. Heute ist die AG Bremen der größte Assistenzanbieter Bremens und einer der größten bundesweit. Damit ist sie einer der größten Arbeitgeber im Sozialbereich Bremens. www.ag-bremen.de

Die GbA – bund und die AG Bremen sind Mitglieder der ISL.

Link zum Positionspapier Mein Leben ist keine Kostenstelle – Kommentar von Menschen mit Assistenzbedarf aus der Selbstvertretung vom 15. Dezember 2025

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Martin
20.12.2025 15:06

Es ist schon erstaunlich das ausgerechnet Frau Schröder die jetzt als damalige Familienministerin nicht sonderlich viel politisch vorzuweisen hatte weshalb sich wohl auch kaum jemand an sie erinnert mit solch gefährlichen aber eben auch ehrlich in Gedanken an die Öffentlichkeit tritt. Das Klima ist für all jene die anders sind sehr viel rauer geworden und offensichtlich braucht es nicht erst eine AFD in Regierungsverantwortung , was hoffentlich auch nie eintreten wird, das Menschen mit Behinderungen wieder mal zum Kostenfaktor degradiert werden. Dann sind wir mal ehrlich wer sich heutzutage mit Ämtern und Behörden rumschlagen muss um Teilhabe Leistungen zu erhalten sieht sich doch oft nicht immer aber eben oft genau einem solchen Gedankengut wie es jetzt propagiert wird gegenüber. Frau Schröder hat und das ist das eigentlich schlimme wahrscheinlich nur das ausgesprochen was mittlerweile viele denken. In seinem Buch Frech und Frei hat Udo Sierck Studienergebnisse zur Sicht auf Behinderung aber auch anderen sozial benachteiligten Gruppen noch einmal zusammenfassen dokumentiert und da kann einem Angst und Bange werden.

Bedenklich finde ich das zwar die Betroffenen selbst und beispielsweise die Frankfurter Rundschau oder das nd Position beziehen, wir aber von den behindertenpolitischen Sprechern der Bundestagsfraktion zumindest hier bei kobinet noch nichts vernommen haben. Das ist bedauerlich und wird sich hoffentlich noch bis zum Jahresende ändern.

Uns allen trotzdem erholsame Feiertage und alles Gute für das kommenden Jahr und wie es früher in der Werbung so schön hieß es gibt viel zu tun warten wir es ab….äh ich meine natürlich packen wir es an!

Martin Theben