Hamburg (kobinet)
In Hamburg gibt es ein Zentrum.
Ein Zentrum ist ein wichtiger Ort.
Dort arbeiten viele Menschen zusammen.
Das Zentrum heißt: ZeDiS-plus.
ZeDiS-plus bedeutet: Zentrum für Disability Studies.
Disability Studies ist englisch.
Man spricht es so aus: dis-ä-bili-tie sta-dies.
Das bedeutet: Forschung über Behinderung.
Forschung bedeutet: Menschen suchen nach neuem Wissen.
Sie wollen etwas Neues lernen.
Das Zentrum soll geschlossen werden.
Das soll am 31. Dezember 2025 passieren.
Die Mit-Arbeiter vom Zentrum sind dagegen.
Die Mit-Arbeiter haben einen Brief geschrieben.
Der Brief ist an Politiker.
Der Brief ist auch an alle Menschen.
Die Mit-Arbeiter heißen: Sabine Maaß, Jürgen Homann und Siegfried Saerberg.
Sie arbeiten in Hamburg.
Das Zentrum gibt es seit 20 Jahren.
Im Zentrum arbeiten behinderte Menschen.
Sie sind Wissenschaftler.
Ein Wissenschaftler forscht an einer Uni.
Er sucht nach neuem Wissen.
Die Wissenschaftler forschen über Behinderung.
Sie lehren auch Studenten.
Das ist wichtig für behinderte Menschen.
Das Zentrum ist besonders.
Hier haben behinderte Menschen Macht.
Sie entscheiden selbst über ihre Forschung.
Die Politik sagt: Das Zentrum wird neu gemacht.
Das soll 2028 passieren.
Das soll an einer anderen Hoch-Schule sein.
Aber die Mit-Arbeiter glauben das nicht.
Sie sagen: Es gibt keinen Plan.
Es gibt kein Geld für die Zeit dazwischen.
Die Mit-Arbeiter sagen: Das ist eine Strategie.
Eine Strategie ist ein Plan.
Der Plan zeigt: So erreichen wir unser Ziel.
Die Strategie heißt: wirtschaftliche Aus-Trocknung.
Das bedeutet: Man gibt kein Geld mehr.
Dann muss das Zentrum schließen.
Dann sieht es aus wie ein Sach-Zwang.
Sach-Zwang bedeutet: Etwas muss so sein.
Es gibt keinen anderen Weg.
Das Zentrum ist mehr als eine Einrichtung.
Eine Einrichtung ist eine Organisation.
Das ist eine Gruppe von Menschen.
Die Menschen arbeiten zusammen.
Es ist ein Ort für behinderte Menschen.
Hier können sie in der Wissenschaft arbeiten.
Alle Menschen können die Kurse besuchen.
Auch ohne Abitur.
Das ist echte Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen sind dabei.
Niemand wird ausgeschlossen.
In Hamburg wurden andere Einrichtungen geschlossen.
Im Juli 2024 wurde eine Forschungs-Stelle geschlossen.
Die Forschungs-Stelle war über Kolonial-Geschichte.
Kolonial-Geschichte bedeutet: Deutschland hatte früher Kolonien.
Kolonien sind Länder in Afrika.
Deutschland hat dort schlimme Sachen gemacht.
Im September 2024 wurde eine Bibliothek geschlossen.
Die Bibliothek war für Frauen-Forschung.
Und für Gender Studies.
Gender Studies ist englisch.
Man spricht es so aus: dschen-der sta-dies.
Das bedeutet: Forschung über Geschlechter.
Die Mit-Arbeiter fragen: Kann Hamburg nicht mit kritischer Wissenschaft umgehen?
Will die Stadt keine kritische Forschung?
Kritische Wissenschaft bedeutet: Die Wissenschaftler fragen nach Macht.
Sie fragen nach Diskriminierung.
Sie zeigen Probleme auf.
Diskriminierung bedeutet: Jemand wird unfair behandelt.
Die Person wird benachteiligt.
Die Mit-Arbeiter sagen: Das ist schlimm jetzt.
Kritische Wissenschaft wird jetzt gebraucht.
In der Nazi-Zeit wurden viele behinderte Menschen ermordet.
Das waren etwa 300-tausend Menschen.
Das war systematisch organisiert.
Systematisch bedeutet: Man macht etwas nach einem Plan.
Man geht Schritt für Schritt vor.
Es gab einen Plan.
Es war keine einzelne Tat.
Es war staatlich organisiert.
Das NS-Regime hat das Euthanasie-Programm gemacht.
Euthanasie bedeutet: Töten von Menschen.
Das Regime sagte: Diese Menschen sind weniger wert.
Wissenschaftler haben dabei mit-gemacht.
Sie haben falsche Theorien entwickelt.
Sie haben gesagt: Behinderung ist vererbbar.
Etwa 400-tausend Menschen wurden zwangs-sterilisiert.
Zwangs-Sterilisation bedeutet: Menschen durften keine Kinder mehr bekommen.
Das wurde gegen ihren Willen gemacht.
Das ist Geschichte.
Aber die Geschichte ist nicht vorbei.
Die Ideen kommen immer wieder zurück.
In der Corona-Zeit gab es eine Debatte.
Die Debatte war über die Triage.
Triage bedeutet: Wer wird zuerst behandelt.
Manche Menschen sagten: Behinderte Menschen sind weniger schützens-wert.
Das ist die gleiche Logik wie in der Nazi-Zeit.
Das Bundes-Verfassungs-Gericht hat das verboten.
Das Gericht hat gesagt: Alle Menschen haben die gleichen Rechte.
Behinderte Menschen dürfen nicht benachteiligt werden.
Disability Studies sind wichtig dagegen.
Sie zeigen: Behinderung ist kein Defizit.
Defizit bedeutet: Es fehlt etwas.
Zum Beispiel: Eine Fähigkeit fehlt.
Behinderung ist eine Frage der Gesellschaft.
Die Gesellschaft muss sich ändern.
Nicht die behinderten Menschen.
Das ist der Kern von Disability Studies.
Der Senat plant eine neue Ausbildung.
Die Ausbildung heißt: Bildungs-Fach-Kräfte-Ausbildung.
Das ist aber etwas anderes als Disability Studies.
Bei der Ausbildung lernen Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.
Sie lernen von nicht-behinderten Ausbildern.
Das ist hierarchisch.
Hierarchisch bedeutet: Es gibt Macht-Unterschiede.
Die einen sind oben.
Die anderen sind unten.
Disability Studies sind anders.
Hier sind behinderte Menschen die Wissenschaftler.
Sie haben die Macht.
Sie entscheiden selbst.
Die Mit-Arbeiter sagen: Der Senat verwechselt das absichtlich.
Der Senat will sparen.
Der Senat will keine kritische Wissenschaft.
Die Wissenschafts-Behörde zahlt nicht mehr.
Das Zentrum muss schließen.
Der Träger der Ausbildung gewinnt Prestige.
Prestige bedeutet: Ansehen.
Der Träger bekommt mehr Ansehen.
Aber die Disability Studies verschwinden.
Die Mit-Arbeiter haben Forderungen.
Das sind ihre Forderungen:
1. Das Zentrum soll nicht schließen.
2. Das Zentrum braucht Geld.
3. Behinderte Wissenschaftler sollen mit-entscheiden.
4. Das Zentrum braucht eine sichere Finanzierung.
Finanzierung bedeutet: Man besorgt Geld für etwas.
Zum Beispiel: bei der Bank.
5. Hamburg soll ein großes Zentrum bauen.
Das Zentrum soll für ganz Deutschland sein.
Über 150 Wissenschaftler unterstützen das.
Über 5-tausend Menschen haben unterschrieben.
Es gibt eine Petition im Internet.
Eine Petition ist eine Bitte an Politiker.
Viele Menschen unterschreiben die Bitte.
Die Mit-Arbeiter sagen zum Schluss: Die Schließung ist ein Rück-Schritt.
Die Schließung ist gegen Menschen-Rechte.
Die UN-Behinderten-Rechts-Konvention sagt: Nichts über uns ohne uns.
Das bedeutet: Behinderte Menschen müssen mit-entscheiden.
Die Mit-Arbeiter hoffen: Die Politik ändert ihre Meinung.
Die Politik rettet das Zentrum.
In Köln gibt es auch ein Problem.
Dort wird auch eine Professur gestrichen.
Die Professur ist für Disability Studies.
Professur bedeutet: Eine Stelle für einen Professor.
Ein Professor ist ein wichtiger Wissenschaftler.
Die Mit-Arbeiter sind solidarisch mit Köln.
Solidarisch bedeutet: Menschen helfen sich gegenseitig.
Sie halten zusammen.
Sie kämpfen gemeinsam für Disability Studies.
Der Brief ist kopiert worden.
Die Kopie ging an viele Stellen.
An die Bürgerschaft.
An die Parteien: Die Linke, Grüne, SPD, CDU.
An Hoch-Schulen in Hamburg.
An das Deutsche Institut für Menschen-Rechte.
An Vereine für behinderte Menschen.
An Gedenk-Stätten.
An Medien.
Eine Gedenk-Stätte ist ein Ort zum Erinnern.
Dort wird an die Opfer der Nazi-Zeit erinnert.
Das ist wichtig gegen das Vergessen.

Foto: campact
Hamburg (kobinet) Nach der Bekanntgabe der Streichung der Professur zu Disability Studies an der Universität Köln droht auch in Hamburg die Schließung eines wichtigen Angebots aus dem Bereich der Disability Studies. "Wir wenden uns als Mitarbeiter*innen des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) an Sie und die Hamburger Öffentlichkeit. Der Senat plant die Schließung des ZeDiSplus zum 31. Dezember 2025. Wir sehen uns gezwungen, die bisher fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung und ausstehende Beteiligung der betroffenen Wissenschaftler*innen und ihrer wissenschaftlichen Fachverbände zu kommentieren und – ganz im Sinne der Forschungspraxis der Disability Studies – den wissenschaftspolitischen Umgang erneut in der Sache zu thematisieren." So heißt es in einem offenen Brief der Mitarbeiter*innen des ZeDiSplus - Sabine Maaß, Jürgen Homann und Siegfried Saerberg - vom Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg, die sich mit einem offenen Brief an zuständige Politiker*innen und an die Öffentlichkeit gewandt haben. Im Folgenden dokumentieren die kobinet-nachrichten den offenen Brief:
Offener Brief an die Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Frau Senatorin Maryam Blumenthal, und an die Staatsrätin Frau Dr. Eva Gümbel sowie die Fachabgeordneten der Hamburger Bürgerschaft
Hamburg, 8. Dezember 2025
Betreff: Zur geplanten Schließung des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) – Kehrtwende gefordert!
Sehr geehrte Frau Senatorin Blumenthal,
sehr geehrte Frau Staatsrätin Dr. Gümbel,
sehr geehrte Fachabgeordnete der Hamburger Bürgerschaft,
wir wenden uns als Mitarbeiter*innen des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) an Sie und die Hamburger Öffentlichkeit. Der Senat plant die Schließung des ZeDiSplus zum 31. Dezember 2025. Wir sehen uns gezwungen, die bisher fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung und ausstehende Beteiligung der betroffenen Wissenschaftler*innen und ihrer wissenschaftlichen Fachverbände zu kommentieren und – ganz im Sinne der Forschungspraxis der Disability Studies – den wissenschaftspolitischen Umgang erneut in der Sache zu thematisieren.
Das ZeDiSplus steht seit 20 Jahren für etwas Innovatives: Behinderte Menschen arbeiten hier nicht als Objekte von Forschung und Lehre, sondern als eigenverantwortliche Wissenschaftler*innen, Lehrende und Forschende. Behinderung wird nicht vornehmlich als medizinisches, individuelles Problem behandelt – sondern als Frage von Menschenrechten, Macht und Möglichkeiten für umfassende gesellschaftliche Partizipation: Wie muss die Gesellschaft gestaltet werden, damit alle Menschen fair behandelt werden? Hamburg hat mit dem ZeDiSplus international Maßstäbe gesetzt. Mit der geplanten Schließung gibt die Stadt nicht nur eine akademische Einrichtung auf – sie gibt auf, die Menschenrechte behinderter Menschen insbesondere gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auch wissenschaftlich ernst zu nehmen.
Das Problem mit der „Neustrukturierung“: Stilllegung durch wirtschaftliche Austrocknung
Der Senat behauptet, dass die Lehre und Forschung mit dem Profil der Disability Studies 2028 „neu strukturiert“ an der HAW Hamburg weitergehen würde. Wir halten diese Absichtserklärung für eine Mogelpackung. Es gibt weder einen Plan, noch einen Ort, noch Geld für die Jahre dazwischen. Die HAW-Professor*innen, die angeblich diese „Neustrukturierung“ verantwortlich gestalten sollen, sind gar nicht mit Disability Studies befasst. Ebenso wenig wird die Expertise des ZeDiSplus oder der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft bisher in die Planungen einbezogen.
Das ist keine Übergangspause, sondern eine Strategie der wirtschaftlichen Austrocknung: Keine Zwischenfinanzierung, kein Plan, kein Dialog, und dann ist die Einrichtung weg. Das ist eine politische Praxis, die in verschiedenen Kontexten zu beobachten ist – von autokratischen Regimen bis zu Demokratien mit autoritärer Neigung: Statt offener Entscheidungen erfolgt faktische Stilllegung durch gezielte Unterfinanzierung. Die politische Entscheidung erscheint dabei als alternativloser Sachzwang, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Unter dem Deckmantel der „Neuausrichtung“ wird so eine menschenrechtsbasierte akademische Querschnittsdisziplin zum Verschwinden gebracht.
Was wird wirklich aufgegeben?
Das ZeDiSplus ist mehr als eine gewöhnliche akademische Einrichtung. Es ist ein Ort der institutionellen Repräsentanz von behinderten Menschen in der Wissenschaft. Hier übernehmen behinderte Wissenschaftler*innen Leitungsfunktionen, hier definieren sie ihre Forschungsfragen, hier unterrichten sie Studierende aller Hamburger Hochschulen. Alle Lehrveranstaltungen sind darüber hinaus stets auch für Interessierte ohne Hochschulzugangsberechtigung allgemein zugänglich. Das ist Inklusion im starken Sinne: Nicht „Wie bringen wir Behinderte hierher?“, sondern menschenrechtsbasiert im Sinne von „Wie gestalten wir akademische Lehr- und Lernräume möglichst allgemein zugänglich und hierarchiefrei, dass von Anfang an alle, die es wollen, gleichberechtigt und gleichwertig dazugehören und partizipieren können?“
Mit der Schließung verliert Hamburg nicht nur eine akademische Einrichtung, die weit über die Landesgrenzen bekannt ist. Es verliert den sichtbaren, institutionellen Ort, an dem behinderte Menschen in der Wissenschaft Macht haben – auf Augenhöhe – und nicht nur Objekte von Forschung und Lehre sind.
Ein Muster: Kritische Wissenschaften unter Druck
Das ZeDiSplus ist davon nicht isoliert betroffen. Im Juli 2024 beschloss Hamburg die faktische Schließung der Forschungsstelle zu Hamburgs kolonialem Erbe. Im September 2024 folgte die Auflösung der bundesweit einzigartigen Bibliothek für Frauenforschung und Gender Studies. Drei kritische Forschungsstrukturen in einem Jahr – das ist kein Zufall.
Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Kann Hamburg nicht mit kritischer Wissenschaft umgehen? Will die Stadt nicht, dass Forscher*innen Machtstrukturen, Geschichte und Diskriminierungen hinterfragen? Das ist besonders brisant, weil die grüne Behördenleitung sich öffentlich wiederholt zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, zur Bekämpfung von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Ableismus sowie zu einer allgemeinen Gleichstellungspolitik verpflichtet hat. Genau diese wissenschaftlichen Strukturen, die zur Umsetzung dieser Verpflichtung beitragen, werden allerdings abgebaut.
Das signalisiert: Manche Diskriminierungsformen sind der Stadt wichtig. Andere weniger. Ableismus offenbar eher nicht. Besonders problematisch ist das Timing: Der Senat baut in Zeiten ab, in denen kritische Wissenschaft am dringendsten gebraucht wird, um gegen Diskriminierung und Machtmissbrauch anzugehen. Das schwächt die intellektuellen Abwehrkräfte gegen autoritäre Strömungen und ableistische Diskurse, die heute wieder Raum gewinnen. Diskurse, die wir aus der Geschichte kennen und überwunden glaubten.
Die Frage nach der historischen Verantwortung – richtig gestellt
Deutschland hat unter dem Nationalsozialismus etwa 300.000 behinderte Menschen im „Euthanasie“-Programm ermordet, weitere 400.000 wurden zwangssterilisiert. Das war systematisch organisiert. Das NS-Regime rechtfertigte diese Verbrechen mit pseudowissenschaftlichen Theorien wie der Erbgesundheitslehre, und Wissenschaftler*innen waren aktiv an ihrer Umsetzung beteiligt. Das war Wissenschaft im Dienste der Vernichtung und Verhinderung behinderten Lebens.
Das ist Geschichte – aber diese Geschichte ist nicht überwunden. Bei der Corona-Triage-Debatte 2020-2021 erhoben sich erneut Stimmen, die behinderte Menschen als weniger schützenswert einstufen wollten – mit vergleichbaren Argumentationsmustern wie in der NS-Zeit: utilitaristischen Kalkulationen von „Lebenswert“, „Lebensqualität“, „gesellschaftlichem Nutzen“. Das Bundesverfassungsgericht musste eingreifen, um das zu untersagen. Aktuell wird die assistierte Sterbehilfe verstärkt diskutiert, und die zunehmend selektive Pränataldiagnostik zielt darauf ab, die Zahl der behinderten Menschen zu reduzieren – paradox vor dem Hintergrund, dass alte Menschen den größten Anteil unter behinderten Menschen ausmachen.
Das ist nicht Geschichte. Das ist unsere Gegenwart.
Disability Studies sind die wissenschaftliche Gegenkraft zu diesen Tendenzen. Sie dekonstruieren die Logik der „Geringwertigkeit“, die immer wieder herangezogen wird, um behinderte Menschen zu benachteiligen, zu diskriminieren und auszugrenzen. Sie zeigen, dass Behinderung kein individuelles Defizit ist, sondern dass Gesellschaften Barrieren schaffen, die Menschen mit unterschiedlichen Körpern und Fähigkeiten benachteiligen. Sie weisen nach, dass eugenische und ableistische Praxen keine wissenschaftlichen Grundlagen haben, sondern ein Ausdruck von Machtverhältnissen sind.
Aus der deutschen Geschichte lernen bedeutet die Forderungen der UN-BRK, die internationale Anerkennung der Disability Studies, das Prinzip der emanzipatorischen Partizipation behinderter Menschen auch im akademischen Raum ernst zu nehmen. Genau deshalb ist die Schließung des ZeDiSplus ein fataler Fehler: Kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Machtverhältnisse hinterfragt, braucht es aus historischer Verantwortung. Damit behinderte Menschen nie wieder zum bloßen Forschungsobjekt anderer werden.
Die Illusion der „Bildungsfachkräfte-Lösung“
Der Senat plant an der HAW nun eine „Bildungsfachkräfte-Ausbildung mit praktischem Wissen von behinderten Menschen“. Das klingt nach Inklusion – ist aber das Gegenteil. Der Unterschied ist fundamental:
Disability Studies sind eine akademische Disziplin. Die Bildungsfachkräfte-Ausbildung ist eine Qualifizierungsmaßnahme, in der Menschen mit Lernschwierigkeiten von nicht-behinderten Expert*innen unterrichtet werden. Machthierarchien zwischen nicht-behinderten Ausbilder*innen und behinderten „Praktiker*innen“ werden zementiert. Das ist hierarchisch. Das ist paternalistisch. Das ist in keiner Weise mit den Disability Studies vergleichbar. Indem akademische Forschung durch „Erfahrungswissen“ ersetzt wird, wird suggeriert: Behinderte Menschen bräuchten keine Wissenschaft, Praxis sei ausreichend. Das ist eine De-Professionalisierung des Wissens behinderter Menschen. Der Senat nennt dies euphemistisch „Zusammenlegung“ – aber tatsächlich wird eine akademische Disziplin „unter einem Dach“ zum Anhängsel einer nicht-akademischen Qualifizierungsmaßnahme zurückgestuft. Das ist Delegitimierung und Stilllegung kritisch-emanzipatorischer Wissenschaft unter dem Deckmantel von Inklusion.
Die undurchsichtige Allianz: Sparen auf dem Rücken von kritischer Wissenschaft
Der Senat schweigt sich darüber aus, warum eine international anerkannte akademische Disziplin und ein etabliertes Institut mit einer nichtakademischen Ausbildungsmaßnahme eines Trägers der Behindertenhilfe verschmolzen werden soll. Das ergibt wissenschaftlich und inhaltlich keinen Sinn – es scheint vielmehr reine Sparpolitik zu sein: Die Wissenschaftsbehörde zahlt nicht für die Bildungsfachkräfte-Qualifizierung, spart aber mit der Schließung des ZeDiSplus die Disability Studies ein. Der Träger der Qualifizierungsmaßnahme gewinnt akademische Aufwertung und Prestige. Die Verlierer sind klar: Disability Studies und Studierende aller Hamburger Universitäten und Hochschulen sowie behinderte Menschen, die statt akademischer Bildung nur noch eine segregierende berufliche Qualifizierung erhalten. Unter dem Deckmantel von „Inklusion“ und „Neustrukturierung“ wird diese Priorisierung durchgesetzt und politische Kontinuität behauptet – wissenschaftspolitisch ist es aber eine klare Abwertung: Disability Studies werden aus der Wissenschaft in die ‚Behindertenhilfe-Infrastruktur‘ verschoben.
Disability Studies sind jedoch kein Add-On für etablierte Disziplinen. Sie sind viel mehr als einzelne Disziplinen – und sie stellen deren Grundannahmen selbst in Frage. Sie lassen sich daher nicht auf ein einzelnes Modul im Studium der Sozialen Arbeit oder als Anhängsel einer beruflichen Qualifizierung reduzieren. Sie sind eine eigenständige akademische Disziplin: theoretische Grundlage der UN-BRK, kritisch-emanzipatorische Wissenschaft, institutionelle Repräsentanz behinderter Menschen im akademischen Diskurs.
Unsere Forderungen
Folgen Sie dem internationalen Appell: Über 150 Wissenschaftler*innen und über 5.000 Unterstützer*innen fordern den Erhalt des ZeDiSplus (https://weact.campact.de/petitions/disability-studies-bedroht-kritisch-emanzipatorische-wissenschaft-schutzen-und-starken-1). Die Fachgesellschaften haben Stellungnahmen abgegeben. Diese Stimmen müssen gehört werden.
Stoppen Sie die Schließung. Finanzieren Sie das ZeDiSplus als eigenständige akademische Einrichtung weiter – mit der Unabhängigkeit, die Disability Studies brauchen. Warum ist Unabhängigkeit unverzichtbar? Weil feministische Wissenschaft in einer patriarchalisch geprägten Wissenschaftslandschaft auch nicht gedeiht, wenn sie männlich-dominierten Disziplinen untergeordnet ist. Genauso können Disability Studies nicht kritisch arbeiten, wenn sie unter Disziplinen angesiedelt sind, die sie kritisieren. Kritische Wissenschaft braucht Freiheit – sonst ist sie nicht mehr kritisch, sondern angepasst.
Echte Partizipation: Treten Sie mit uns und der Fachcommunity in einen Dialog ein. Beteiligen Sie behinderte Wissenschaftler*innen an dieser Entscheidung – nicht als Anhang, sondern mit echter Entscheidungsmacht. Das ist das Gebot der UN-BRK: „Nichts über uns ohne uns“.
Strukturelle Gleichstellung: Das ZeDiSplus braucht eine gesicherte Finanzierung aus dem Globalhaushalt der Hamburger Hochschulen – genauso wie Gender Studies. Dieser Lösungsvorschlag wurde bereits von Vertreter*innen der Wissenschaftsbehörde selbst im Dezember 2024 vorgeschlagen. Warum wird er nicht umgesetzt?
Ausbau statt Abbau: Nutzen Sie die Chance, ein nationales Zentrum für Disability Studies in Hamburg aufzubauen – mit hochschulübergreifenden, interdisziplinären Zertifikatsstudiengängen, auch für Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung.
Abschließend
Die geplante Schließung ist kein wissenschafts- und inklusionspolitischer Fortschritt – sie ist ein dramatischer Rückschritt. Eine Politik, die Menschenrechte predigt, aber kritische Stimmen marginalisiert, ist unglaubwürdig. Sie offenbart einen grundsätzlichen Widerspruch. Denn echte Menschenrechtspolitik für behinderte Menschen bedeutet: nicht ÜBER behinderte Menschen zu entscheiden – sondern MIT ihnen. Sie bedeutet, mit paternalistischen Mustern zu brechen, nicht sie zu reproduzieren. Das ist das Gegenteil von dem, was der Senat hier tut.
Wir appellieren daher an Sie – und in fester Solidarität mit den Kolleg*innen an der Universität zu Köln, deren einzige bundesdeutsche Professur für Disability Studies gerade ebenfalls gestrichen wurde: Nehmen Sie den Wert des ZeDiSplus für Hamburg, für die deutschsprachigen und internationalen Disability Studies, für die gesellschaftliche Solidarität und für die Wahrung der Menschenrechte ernst, statt ihn politisch zu zerstören! Noch können Sie diese Entscheidung überdenken und Ihrer Politik eine andere Richtung geben.
Mit freundlichen Grüßen, in tiefer Sorge um die Zukunft von Disability Studies und in der Erwartung, dass Sie unsere Forderungen ernsthaft berücksichtigen mögen und unser hiesiges Schreiben beantworten,
die Mitarbeiter*innen des ZeDiSplus
Sabine Maaß, Jürgen Homann, Siegfried Saerberg
Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg
Kopie an: Hamburgische Bürgerschaft | Wissenschaftsausschuss | Fraktionen: Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, SPD, CDU | Präsidium HAW Hamburg | Department Soziale Arbeit HAW Hamburg | Kollegium Ev. Hochschule Hamburg | Zentrum Gender & Diversity Hamburg | Deutsches Institut für Menschenrechte – Monitoring-Stelle UN-BRK | AGDS | Verein Disability Studies Deutschland e.V. | Gedenkstätte für die Opfer der „Euthanasie“-Morde in Langenhorn | Landeszentrale für Politische Bildung | Deutscher Behindertenrat | LAG für behinderte Menschen Hamburg | ISL Deutschland e.V. | autonom leben e.V. Hamburg | Medien

Foto: campact
Hamburg (kobinet) Nach der Bekanntgabe der Streichung der Professur zu Disability Studies an der Universität Köln droht auch in Hamburg die Schließung eines wichtigen Angebots aus dem Bereich der Disability Studies. "Wir wenden uns als Mitarbeiter*innen des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) an Sie und die Hamburger Öffentlichkeit. Der Senat plant die Schließung des ZeDiSplus zum 31. Dezember 2025. Wir sehen uns gezwungen, die bisher fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung und ausstehende Beteiligung der betroffenen Wissenschaftler*innen und ihrer wissenschaftlichen Fachverbände zu kommentieren und – ganz im Sinne der Forschungspraxis der Disability Studies – den wissenschaftspolitischen Umgang erneut in der Sache zu thematisieren." So heißt es in einem offenen Brief der Mitarbeiter*innen des ZeDiSplus - Sabine Maaß, Jürgen Homann und Siegfried Saerberg - vom Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg, die sich mit einem offenen Brief an zuständige Politiker*innen und an die Öffentlichkeit gewandt haben. Im Folgenden dokumentieren die kobinet-nachrichten den offenen Brief:
Offener Brief an die Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Frau Senatorin Maryam Blumenthal, und an die Staatsrätin Frau Dr. Eva Gümbel sowie die Fachabgeordneten der Hamburger Bürgerschaft
Hamburg, 8. Dezember 2025
Betreff: Zur geplanten Schließung des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) – Kehrtwende gefordert!
Sehr geehrte Frau Senatorin Blumenthal,
sehr geehrte Frau Staatsrätin Dr. Gümbel,
sehr geehrte Fachabgeordnete der Hamburger Bürgerschaft,
wir wenden uns als Mitarbeiter*innen des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) an Sie und die Hamburger Öffentlichkeit. Der Senat plant die Schließung des ZeDiSplus zum 31. Dezember 2025. Wir sehen uns gezwungen, die bisher fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung und ausstehende Beteiligung der betroffenen Wissenschaftler*innen und ihrer wissenschaftlichen Fachverbände zu kommentieren und – ganz im Sinne der Forschungspraxis der Disability Studies – den wissenschaftspolitischen Umgang erneut in der Sache zu thematisieren.
Das ZeDiSplus steht seit 20 Jahren für etwas Innovatives: Behinderte Menschen arbeiten hier nicht als Objekte von Forschung und Lehre, sondern als eigenverantwortliche Wissenschaftler*innen, Lehrende und Forschende. Behinderung wird nicht vornehmlich als medizinisches, individuelles Problem behandelt – sondern als Frage von Menschenrechten, Macht und Möglichkeiten für umfassende gesellschaftliche Partizipation: Wie muss die Gesellschaft gestaltet werden, damit alle Menschen fair behandelt werden? Hamburg hat mit dem ZeDiSplus international Maßstäbe gesetzt. Mit der geplanten Schließung gibt die Stadt nicht nur eine akademische Einrichtung auf – sie gibt auf, die Menschenrechte behinderter Menschen insbesondere gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auch wissenschaftlich ernst zu nehmen.
Das Problem mit der „Neustrukturierung“: Stilllegung durch wirtschaftliche Austrocknung
Der Senat behauptet, dass die Lehre und Forschung mit dem Profil der Disability Studies 2028 „neu strukturiert“ an der HAW Hamburg weitergehen würde. Wir halten diese Absichtserklärung für eine Mogelpackung. Es gibt weder einen Plan, noch einen Ort, noch Geld für die Jahre dazwischen. Die HAW-Professor*innen, die angeblich diese „Neustrukturierung“ verantwortlich gestalten sollen, sind gar nicht mit Disability Studies befasst. Ebenso wenig wird die Expertise des ZeDiSplus oder der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft bisher in die Planungen einbezogen.
Das ist keine Übergangspause, sondern eine Strategie der wirtschaftlichen Austrocknung: Keine Zwischenfinanzierung, kein Plan, kein Dialog, und dann ist die Einrichtung weg. Das ist eine politische Praxis, die in verschiedenen Kontexten zu beobachten ist – von autokratischen Regimen bis zu Demokratien mit autoritärer Neigung: Statt offener Entscheidungen erfolgt faktische Stilllegung durch gezielte Unterfinanzierung. Die politische Entscheidung erscheint dabei als alternativloser Sachzwang, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Unter dem Deckmantel der „Neuausrichtung“ wird so eine menschenrechtsbasierte akademische Querschnittsdisziplin zum Verschwinden gebracht.
Was wird wirklich aufgegeben?
Das ZeDiSplus ist mehr als eine gewöhnliche akademische Einrichtung. Es ist ein Ort der institutionellen Repräsentanz von behinderten Menschen in der Wissenschaft. Hier übernehmen behinderte Wissenschaftler*innen Leitungsfunktionen, hier definieren sie ihre Forschungsfragen, hier unterrichten sie Studierende aller Hamburger Hochschulen. Alle Lehrveranstaltungen sind darüber hinaus stets auch für Interessierte ohne Hochschulzugangsberechtigung allgemein zugänglich. Das ist Inklusion im starken Sinne: Nicht „Wie bringen wir Behinderte hierher?“, sondern menschenrechtsbasiert im Sinne von „Wie gestalten wir akademische Lehr- und Lernräume möglichst allgemein zugänglich und hierarchiefrei, dass von Anfang an alle, die es wollen, gleichberechtigt und gleichwertig dazugehören und partizipieren können?“
Mit der Schließung verliert Hamburg nicht nur eine akademische Einrichtung, die weit über die Landesgrenzen bekannt ist. Es verliert den sichtbaren, institutionellen Ort, an dem behinderte Menschen in der Wissenschaft Macht haben – auf Augenhöhe – und nicht nur Objekte von Forschung und Lehre sind.
Ein Muster: Kritische Wissenschaften unter Druck
Das ZeDiSplus ist davon nicht isoliert betroffen. Im Juli 2024 beschloss Hamburg die faktische Schließung der Forschungsstelle zu Hamburgs kolonialem Erbe. Im September 2024 folgte die Auflösung der bundesweit einzigartigen Bibliothek für Frauenforschung und Gender Studies. Drei kritische Forschungsstrukturen in einem Jahr – das ist kein Zufall.
Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Kann Hamburg nicht mit kritischer Wissenschaft umgehen? Will die Stadt nicht, dass Forscher*innen Machtstrukturen, Geschichte und Diskriminierungen hinterfragen? Das ist besonders brisant, weil die grüne Behördenleitung sich öffentlich wiederholt zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, zur Bekämpfung von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Ableismus sowie zu einer allgemeinen Gleichstellungspolitik verpflichtet hat. Genau diese wissenschaftlichen Strukturen, die zur Umsetzung dieser Verpflichtung beitragen, werden allerdings abgebaut.
Das signalisiert: Manche Diskriminierungsformen sind der Stadt wichtig. Andere weniger. Ableismus offenbar eher nicht. Besonders problematisch ist das Timing: Der Senat baut in Zeiten ab, in denen kritische Wissenschaft am dringendsten gebraucht wird, um gegen Diskriminierung und Machtmissbrauch anzugehen. Das schwächt die intellektuellen Abwehrkräfte gegen autoritäre Strömungen und ableistische Diskurse, die heute wieder Raum gewinnen. Diskurse, die wir aus der Geschichte kennen und überwunden glaubten.
Die Frage nach der historischen Verantwortung – richtig gestellt
Deutschland hat unter dem Nationalsozialismus etwa 300.000 behinderte Menschen im „Euthanasie“-Programm ermordet, weitere 400.000 wurden zwangssterilisiert. Das war systematisch organisiert. Das NS-Regime rechtfertigte diese Verbrechen mit pseudowissenschaftlichen Theorien wie der Erbgesundheitslehre, und Wissenschaftler*innen waren aktiv an ihrer Umsetzung beteiligt. Das war Wissenschaft im Dienste der Vernichtung und Verhinderung behinderten Lebens.
Das ist Geschichte – aber diese Geschichte ist nicht überwunden. Bei der Corona-Triage-Debatte 2020-2021 erhoben sich erneut Stimmen, die behinderte Menschen als weniger schützenswert einstufen wollten – mit vergleichbaren Argumentationsmustern wie in der NS-Zeit: utilitaristischen Kalkulationen von „Lebenswert“, „Lebensqualität“, „gesellschaftlichem Nutzen“. Das Bundesverfassungsgericht musste eingreifen, um das zu untersagen. Aktuell wird die assistierte Sterbehilfe verstärkt diskutiert, und die zunehmend selektive Pränataldiagnostik zielt darauf ab, die Zahl der behinderten Menschen zu reduzieren – paradox vor dem Hintergrund, dass alte Menschen den größten Anteil unter behinderten Menschen ausmachen.
Das ist nicht Geschichte. Das ist unsere Gegenwart.
Disability Studies sind die wissenschaftliche Gegenkraft zu diesen Tendenzen. Sie dekonstruieren die Logik der „Geringwertigkeit“, die immer wieder herangezogen wird, um behinderte Menschen zu benachteiligen, zu diskriminieren und auszugrenzen. Sie zeigen, dass Behinderung kein individuelles Defizit ist, sondern dass Gesellschaften Barrieren schaffen, die Menschen mit unterschiedlichen Körpern und Fähigkeiten benachteiligen. Sie weisen nach, dass eugenische und ableistische Praxen keine wissenschaftlichen Grundlagen haben, sondern ein Ausdruck von Machtverhältnissen sind.
Aus der deutschen Geschichte lernen bedeutet die Forderungen der UN-BRK, die internationale Anerkennung der Disability Studies, das Prinzip der emanzipatorischen Partizipation behinderter Menschen auch im akademischen Raum ernst zu nehmen. Genau deshalb ist die Schließung des ZeDiSplus ein fataler Fehler: Kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Machtverhältnisse hinterfragt, braucht es aus historischer Verantwortung. Damit behinderte Menschen nie wieder zum bloßen Forschungsobjekt anderer werden.
Die Illusion der „Bildungsfachkräfte-Lösung“
Der Senat plant an der HAW nun eine „Bildungsfachkräfte-Ausbildung mit praktischem Wissen von behinderten Menschen“. Das klingt nach Inklusion – ist aber das Gegenteil. Der Unterschied ist fundamental:
Disability Studies sind eine akademische Disziplin. Die Bildungsfachkräfte-Ausbildung ist eine Qualifizierungsmaßnahme, in der Menschen mit Lernschwierigkeiten von nicht-behinderten Expert*innen unterrichtet werden. Machthierarchien zwischen nicht-behinderten Ausbilder*innen und behinderten „Praktiker*innen“ werden zementiert. Das ist hierarchisch. Das ist paternalistisch. Das ist in keiner Weise mit den Disability Studies vergleichbar. Indem akademische Forschung durch „Erfahrungswissen“ ersetzt wird, wird suggeriert: Behinderte Menschen bräuchten keine Wissenschaft, Praxis sei ausreichend. Das ist eine De-Professionalisierung des Wissens behinderter Menschen. Der Senat nennt dies euphemistisch „Zusammenlegung“ – aber tatsächlich wird eine akademische Disziplin „unter einem Dach“ zum Anhängsel einer nicht-akademischen Qualifizierungsmaßnahme zurückgestuft. Das ist Delegitimierung und Stilllegung kritisch-emanzipatorischer Wissenschaft unter dem Deckmantel von Inklusion.
Die undurchsichtige Allianz: Sparen auf dem Rücken von kritischer Wissenschaft
Der Senat schweigt sich darüber aus, warum eine international anerkannte akademische Disziplin und ein etabliertes Institut mit einer nichtakademischen Ausbildungsmaßnahme eines Trägers der Behindertenhilfe verschmolzen werden soll. Das ergibt wissenschaftlich und inhaltlich keinen Sinn – es scheint vielmehr reine Sparpolitik zu sein: Die Wissenschaftsbehörde zahlt nicht für die Bildungsfachkräfte-Qualifizierung, spart aber mit der Schließung des ZeDiSplus die Disability Studies ein. Der Träger der Qualifizierungsmaßnahme gewinnt akademische Aufwertung und Prestige. Die Verlierer sind klar: Disability Studies und Studierende aller Hamburger Universitäten und Hochschulen sowie behinderte Menschen, die statt akademischer Bildung nur noch eine segregierende berufliche Qualifizierung erhalten. Unter dem Deckmantel von „Inklusion“ und „Neustrukturierung“ wird diese Priorisierung durchgesetzt und politische Kontinuität behauptet – wissenschaftspolitisch ist es aber eine klare Abwertung: Disability Studies werden aus der Wissenschaft in die ‚Behindertenhilfe-Infrastruktur‘ verschoben.
Disability Studies sind jedoch kein Add-On für etablierte Disziplinen. Sie sind viel mehr als einzelne Disziplinen – und sie stellen deren Grundannahmen selbst in Frage. Sie lassen sich daher nicht auf ein einzelnes Modul im Studium der Sozialen Arbeit oder als Anhängsel einer beruflichen Qualifizierung reduzieren. Sie sind eine eigenständige akademische Disziplin: theoretische Grundlage der UN-BRK, kritisch-emanzipatorische Wissenschaft, institutionelle Repräsentanz behinderter Menschen im akademischen Diskurs.
Unsere Forderungen
Folgen Sie dem internationalen Appell: Über 150 Wissenschaftler*innen und über 5.000 Unterstützer*innen fordern den Erhalt des ZeDiSplus (https://weact.campact.de/petitions/disability-studies-bedroht-kritisch-emanzipatorische-wissenschaft-schutzen-und-starken-1). Die Fachgesellschaften haben Stellungnahmen abgegeben. Diese Stimmen müssen gehört werden.
Stoppen Sie die Schließung. Finanzieren Sie das ZeDiSplus als eigenständige akademische Einrichtung weiter – mit der Unabhängigkeit, die Disability Studies brauchen. Warum ist Unabhängigkeit unverzichtbar? Weil feministische Wissenschaft in einer patriarchalisch geprägten Wissenschaftslandschaft auch nicht gedeiht, wenn sie männlich-dominierten Disziplinen untergeordnet ist. Genauso können Disability Studies nicht kritisch arbeiten, wenn sie unter Disziplinen angesiedelt sind, die sie kritisieren. Kritische Wissenschaft braucht Freiheit – sonst ist sie nicht mehr kritisch, sondern angepasst.
Echte Partizipation: Treten Sie mit uns und der Fachcommunity in einen Dialog ein. Beteiligen Sie behinderte Wissenschaftler*innen an dieser Entscheidung – nicht als Anhang, sondern mit echter Entscheidungsmacht. Das ist das Gebot der UN-BRK: „Nichts über uns ohne uns“.
Strukturelle Gleichstellung: Das ZeDiSplus braucht eine gesicherte Finanzierung aus dem Globalhaushalt der Hamburger Hochschulen – genauso wie Gender Studies. Dieser Lösungsvorschlag wurde bereits von Vertreter*innen der Wissenschaftsbehörde selbst im Dezember 2024 vorgeschlagen. Warum wird er nicht umgesetzt?
Ausbau statt Abbau: Nutzen Sie die Chance, ein nationales Zentrum für Disability Studies in Hamburg aufzubauen – mit hochschulübergreifenden, interdisziplinären Zertifikatsstudiengängen, auch für Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung.
Abschließend
Die geplante Schließung ist kein wissenschafts- und inklusionspolitischer Fortschritt – sie ist ein dramatischer Rückschritt. Eine Politik, die Menschenrechte predigt, aber kritische Stimmen marginalisiert, ist unglaubwürdig. Sie offenbart einen grundsätzlichen Widerspruch. Denn echte Menschenrechtspolitik für behinderte Menschen bedeutet: nicht ÜBER behinderte Menschen zu entscheiden – sondern MIT ihnen. Sie bedeutet, mit paternalistischen Mustern zu brechen, nicht sie zu reproduzieren. Das ist das Gegenteil von dem, was der Senat hier tut.
Wir appellieren daher an Sie – und in fester Solidarität mit den Kolleg*innen an der Universität zu Köln, deren einzige bundesdeutsche Professur für Disability Studies gerade ebenfalls gestrichen wurde: Nehmen Sie den Wert des ZeDiSplus für Hamburg, für die deutschsprachigen und internationalen Disability Studies, für die gesellschaftliche Solidarität und für die Wahrung der Menschenrechte ernst, statt ihn politisch zu zerstören! Noch können Sie diese Entscheidung überdenken und Ihrer Politik eine andere Richtung geben.
Mit freundlichen Grüßen, in tiefer Sorge um die Zukunft von Disability Studies und in der Erwartung, dass Sie unsere Forderungen ernsthaft berücksichtigen mögen und unser hiesiges Schreiben beantworten,
die Mitarbeiter*innen des ZeDiSplus
Sabine Maaß, Jürgen Homann, Siegfried Saerberg
Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg
Kopie an: Hamburgische Bürgerschaft | Wissenschaftsausschuss | Fraktionen: Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, SPD, CDU | Präsidium HAW Hamburg | Department Soziale Arbeit HAW Hamburg | Kollegium Ev. Hochschule Hamburg | Zentrum Gender & Diversity Hamburg | Deutsches Institut für Menschenrechte – Monitoring-Stelle UN-BRK | AGDS | Verein Disability Studies Deutschland e.V. | Gedenkstätte für die Opfer der „Euthanasie“-Morde in Langenhorn | Landeszentrale für Politische Bildung | Deutscher Behindertenrat | LAG für behinderte Menschen Hamburg | ISL Deutschland e.V. | autonom leben e.V. Hamburg | Medien




