Dillingen (kobinet)
Viele Menschen haben am 25. November etwas gesagt.
Der 25. November ist ein besonderer Tag.
An diesem Tag wird an Gewalt gegen Frauen erinnert.
Lucienne Mindermann hat einen Text geschrieben.
Sie hat den Text extra nicht am 25. November veröffentlicht.
Warum hat sie das gemacht?
Gewalt gegen Frauen passiert das ganze Jahr.
Nicht nur an einem Tag.
Frauen mit Behinderung erleben oft Gewalt.
Das ist jeden Tag so.
Deshalb soll man jeden Tag daran denken.
Nicht nur wenn es Geschenke gibt.
Kommentar von Lucienne Mindermann
Gewalt gegen Frauen mit Behinderung ist wichtig.
Die Gewalt passiert jeden Tag.
Sie passiert überall in der Gesellschaft.
Viele Menschen schweigen über die Gewalt.
Besonders wenn es um Frauen mit Behinderung geht.
Frauen mit Behinderung werden oft vergessen.
Ich will nicht nur eine Risiko-Gruppe sein.
Eine Gruppe von Menschen ist in Gefahr.
Diese Menschen können leichter Probleme bekommen.
Ich will als politische Person gesehen werden.
Jemand arbeitet in der Politik.
Die Person macht Regeln für alle Menschen.
Ich sage laut: Diese Gewalt ist nicht normal.
Die Gewalt kommt von Sexismus.
Menschen werden unfair behandelt.
Der Grund ist: ihr Geschlecht.
Die Gewalt kommt auch von Ableismus.
Menschen mit Behinderung werden benachteiligt.
Sie werden unfair behandelt.
Der Grund ist: ihre Behinderung.
Ich bin eine junge Frau.
Ich fahre mit dem Roll-Stuhl.
Ich merke oft etwas.
Andere Menschen schauen auf meinen Körper.
Vor allem Männer machen das.
Manche Männer pfeifen mir hinterher.
Sie sagen Dinge über meinen Körper.
Sie schauen mich komisch an.
Sie fassen mich manchmal an.
Das ist nicht okay.
Das verletzt meine Grenzen.
Der Roll-Stuhl ist ein Hilfs-Mittel.
Er hilft mir beim Fahren.
Er ist aber auch ein Schutz-Raum.
Er zeigt anderen Menschen: Hier ist Abstand.
Er macht meine Grenzen sichtbar.
Diese Grenz-Überschreitungen sind ein Problem.
Jemand verletzt deine Grenzen.
Jemand tut etwas was nicht erlaubt ist.
Sie sind der Anfang von Gewalt.
Frauen mit Behinderung erleben oft Gewalt.
Wenn wir uns wehren wird das oft nicht ernst genommen.
Das zeigen auch Studien.
Das sind Untersuchungen von Forschern.
Die Studien zeigen etwas Wichtiges.
Frauen mit Behinderung erleben fast doppelt so oft Gewalt.
Das ist mehr als bei Frauen ohne Behinderung.
Menschen mit Behinderung können oft nicht überall mitmachen.
Das nennt man: eingeschränkte Teilhabe.
Du machst bei etwas mit.
Du kannst mit-bestimmen und mit-machen.
Sie können nicht überall mitmachen.
Sie können nicht alles tun.
Andere Menschen haben es leichter.
Junge Frauen trauen sich abends oft nicht raus.
Warum trauen sie sich nicht raus?
Sie haben Angst vor Übergriffen.
Jemand tut dir etwas an.
Das ist gegen deinen Willen.
Dadurch können Frauen noch weniger mitmachen.
Das ist sehr schlimm.
Es gibt das Frauen-Nacht-Taxi.
Das finde ich wichtig.
Aber ich finde es auch traurig.
Warum ist es traurig?
Frauen sollten sich frei bewegen können.
Auch am Abend im öffentlichen Raum.
Ein Ort für alle Menschen.
Jeder darf dort sein.
Niemand braucht eine Erlaubnis.
Viele Frauen können das Frauen-Nacht-Taxi nicht nutzen.
Gerade Frauen mit Behinderung.
Viele Taxi-Unternehmen können keine Roll-Stühle transportieren.
Es gibt zu wenige barriere-freie Taxis.
Das sind Taxis für Roll-Stühle.
Das muss sich ändern.
Schutz-Angebote müssen für alle sein.
Frauen mit Behinderung müssen mit-gedacht werden.
Und zwar von Anfang an.
Nur dann gibt es echte Teilhabe.
Nur dann gibt es echte Sicherheit.
Für alle Frauen.
Ich will etwas ändern.
Wir sind nicht verwundbar.
Man kann leicht verletzt werden.
Man kann sich nicht gut schützen.
Wir sind nicht hilfs-bedürftig.
Man braucht Hilfe von anderen Menschen.
Man kann nicht alles alleine machen.
Wir sind wütend.
Wir sind laut.
Wir halten zusammen.
Wir sind diejenigen die sprechen.
Wir zeigen: hinter den Zahlen stecken Menschen.
Wir benennen die Probleme.
Wir machen andere Frauen stark.
Damit sie ihre Stimme erheben.
Damit sie für ihre Rechte kämpfen.
Wir machen das in Gremien.
Arbeits-Gruppen.
Menschen treffen sich und besprechen wichtige Themen.
Sie entscheiden zusammen.
Wir machen das in Projekten.
Wir machen das auf Podien.
Veranstaltungen mit Diskussionen.
Menschen reden über ein Thema.
Das Publikum hört zu.
Überall wo es um unsere Selbst-Bestimmung geht.
Du entscheidest für dich selbst.
Niemand sagt dir was du tun sollst.
Ich poste diesen Text bewusst nicht am 25. November.
Gewalt gegen Frauen passiert nicht nur an einem Tag.
Meine Erfahrungen sind das ganze Jahr real.
Die Erfahrungen vieler Frauen mit Behinderung auch.
Deshalb soll diese Perspektive immer sichtbar sein.
Eine Sicht-Weise.
Das ist wie man etwas sieht.
Oder wie man über etwas denkt.
Jeder Mensch hat seine eigene Perspektive.
An allen Tagen im Jahr.
Ich will nicht dass das Thema untergeht.
Zwischen kleinen Geschenken.
Zwischen pinken Plakaten.
Zwischen Blumen.
Das Thema ist wichtiger.
Ich erzähle meine Geschichte.
Aber nicht für Mitleid.
Ich will zeigen: das muss sich ändern.
In Einrichtungen.
In der Pflege.
In der Assistenz.
Auch in der Justiz.
Gerichte und Polizei.
Sie sorgen für Recht und Ordnung.
Sie bestrafen Menschen die gegen Gesetze verstoßen.
Auch in Frauen-Häusern.
Das sind Schutz-Orte für Frauen.
Überall muss sich etwas ändern.
Am 25. November und an jedem anderen Tag.
Ich bin eine junge Frau mit Behinderung.
Ich bin stark.
Nicht obwohl ich eine Behinderung habe.
Sondern genau wegen meiner Erfahrungen.
Und wegen meines Widerstands.
Du wehrst dich gegen etwas.
Du gibst nicht auf.
Du kämpfst für deine Rechte.
Du lässt dich nicht unterdrücken.
Meine Botschaft ist klar.
Wir sind viele.
Wir sind organisiert.
Wir lassen uns nicht unsichtbar machen.
Wer über Gewalt an Frauen spricht muss auch über uns sprechen.
Über Frauen mit Behinderung.

Foto: privat
Dillingen (kobinet) Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November haben sich viele Akteur*innen zu Wort gemeldet. Lucienne Mindermann hat sich bewusst dagegen entscheiden, ihren für die kobinet-nachrichten verfassten Text nicht nur am 25. November zu posten, weil Gewalt gegen Frauen nicht an einem Tag im Jahr passiert. Ihre Erfahrungen und die vieler anderer Frauen mit Behinderung sind das ganze Jahr über real – deshalb will sie, dass diese Perspektive auch an allen anderen Tagen sichtbar bleibt und nicht im Aktionismus zwischen kleinen Geschenken, pinken Plakaten und Blumen untergeht, wie sie in ihrem Kommentar für die kobinet-nachrichten schreibt.
Kommentar von Lucienne Mindermann
Gewalt gegen Frauen mit Behinderung ist kein Randthema – sie passiert mitten in unserer Gesellschaft, jeden Tag, und viel zu oft wird geschwiegen, gerade wenn es um uns behinderte Frauen geht. Ich habe keine Lust mehr, nur als „besondere Risikogruppe“ vorzukommen – ich will als politische Akteurin gesehen werden, die laut sagt: Diese Gewalt ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Sexismus und Ableismus.
Wenn ich als junge Frau im Rollstuhl unterwegs bin, merke ich, wie schnell mein Körper für andere zur Projektionsfläche wird: Ja, vor allem männlich gelesene Personen pfeifen hinterher, kommentieren meinen Körper oder überschreiten Grenzen durch unangemessene Blicke und Berührungen. Für mich ist der Rollstuhl nicht nur ein Hilfsmittel, sondern auch eine Art Schutzraum, ein Abstandshalter um meinen Körper, der meine Grenzen sichtbar macht.
Genau diese Grenzüberschreitungen sind der Nährboden dafür, dass Gewalt gegen Frauen mit Behinderung so häufig ist – und dass sie oft nicht ernst genommen wird, wenn wir uns wehren. Studien zeigen, dass Frauen mit Behinderung fast doppelt so häufig von Gewalt betroffen sind wie Frauen ohne Behinderung. Die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist ohnehin eingeschränkt – und wird noch weiter eingeschränkt, wenn junge Frauen abends aus Angst vor Übergriffen nicht mehr alleine rausgehen und somit noch mehr soziale Teilhabe verloren geht. Ich finde es gleichzeitig sehr wichtig und traurig, dass es Angebote wie das Frauen-Nacht-Taxi gibt – sehr wichtig, weil sie Schutz bieten können, traurig, weil es überhaupt solche Strukturen geben muss und Frauen sich nicht selbstverständlich auch am Abend im öffentlichen Raum frei bewegen können. Es ist jedoch ebenso zu beachten, dass viele Frauen, gerade mit Behinderung, solche Angebote nicht nutzen können, weil viele Taxiunternehmen nicht in der Lage sind, Rollstühle zu transportieren, und es noch viel zu wenige barrierefreie Taxis gibt. Deshalb müssen bei solchen Schutzangeboten viel mehr Frauen mit Behinderung von Anfang an mitgedacht werden, damit echte Teilhabe und Sicherheit für alle möglich werden.
Ich will, dass wir den Spieß umdrehen: Nicht „verwundbar, abhängig, hilfsbedürftig“, sondern wütend, laut und solidarisch. Wir sind diejenigen, die Statistiken Gesichter geben, Strukturen benennen und andere Frauen empowern, damit sie ihre Stimmen erheben und für ihre Rechte kämpfen – in Gremien, in Projekten, auf Podien und überall dort, wo es um unsere Selbstbestimmung geht.
Ich entscheide mich bewusst dagegen, diesen Text nicht nur am 25. November zu posten, weil Gewalt gegen Frauen nicht an einem Tag im Jahr passiert. Meine Erfahrungen und die vieler anderer Frauen mit Behinderung sind das ganze Jahr über real – deshalb will ich, dass diese Perspektive auch an allen anderen Tagen sichtbar bleibt und nicht im Aktionismus zwischen kleinen Geschenken, pinken Plakaten und Blumen untergeht.
Für mich heißt das: Ich erzähle meine Geschichte nicht, damit man mir Mitleid schenkt, sondern damit klar wird, was sich verändern muss – in Einrichtungen, in der Pflege, in der Assistenz, in der Justiz, in der Frauenhauslandschaft. Am Tag gegen Gewalt an Frauen und an jedem anderen Tag stehe ich als junge Frau mit Behinderung nicht „trotz allem“ stark da, sondern genau wegen meiner Erfahrungen und meines Widerstands. Meine Botschaft: Wir sind viele, wir sind organisiert, wir lassen uns nicht länger unsichtbar machen – wer über Gewalt an Frauen spricht, kommt an Frauen mit Behinderung nicht mehr vorbei.

Foto: privat
Dillingen (kobinet) Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November haben sich viele Akteur*innen zu Wort gemeldet. Lucienne Mindermann hat sich bewusst dagegen entscheiden, ihren für die kobinet-nachrichten verfassten Text nicht nur am 25. November zu posten, weil Gewalt gegen Frauen nicht an einem Tag im Jahr passiert. Ihre Erfahrungen und die vieler anderer Frauen mit Behinderung sind das ganze Jahr über real – deshalb will sie, dass diese Perspektive auch an allen anderen Tagen sichtbar bleibt und nicht im Aktionismus zwischen kleinen Geschenken, pinken Plakaten und Blumen untergeht, wie sie in ihrem Kommentar für die kobinet-nachrichten schreibt.
Kommentar von Lucienne Mindermann
Gewalt gegen Frauen mit Behinderung ist kein Randthema – sie passiert mitten in unserer Gesellschaft, jeden Tag, und viel zu oft wird geschwiegen, gerade wenn es um uns behinderte Frauen geht. Ich habe keine Lust mehr, nur als „besondere Risikogruppe“ vorzukommen – ich will als politische Akteurin gesehen werden, die laut sagt: Diese Gewalt ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Sexismus und Ableismus.
Wenn ich als junge Frau im Rollstuhl unterwegs bin, merke ich, wie schnell mein Körper für andere zur Projektionsfläche wird: Ja, vor allem männlich gelesene Personen pfeifen hinterher, kommentieren meinen Körper oder überschreiten Grenzen durch unangemessene Blicke und Berührungen. Für mich ist der Rollstuhl nicht nur ein Hilfsmittel, sondern auch eine Art Schutzraum, ein Abstandshalter um meinen Körper, der meine Grenzen sichtbar macht.
Genau diese Grenzüberschreitungen sind der Nährboden dafür, dass Gewalt gegen Frauen mit Behinderung so häufig ist – und dass sie oft nicht ernst genommen wird, wenn wir uns wehren. Studien zeigen, dass Frauen mit Behinderung fast doppelt so häufig von Gewalt betroffen sind wie Frauen ohne Behinderung. Die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist ohnehin eingeschränkt – und wird noch weiter eingeschränkt, wenn junge Frauen abends aus Angst vor Übergriffen nicht mehr alleine rausgehen und somit noch mehr soziale Teilhabe verloren geht. Ich finde es gleichzeitig sehr wichtig und traurig, dass es Angebote wie das Frauen-Nacht-Taxi gibt – sehr wichtig, weil sie Schutz bieten können, traurig, weil es überhaupt solche Strukturen geben muss und Frauen sich nicht selbstverständlich auch am Abend im öffentlichen Raum frei bewegen können. Es ist jedoch ebenso zu beachten, dass viele Frauen, gerade mit Behinderung, solche Angebote nicht nutzen können, weil viele Taxiunternehmen nicht in der Lage sind, Rollstühle zu transportieren, und es noch viel zu wenige barrierefreie Taxis gibt. Deshalb müssen bei solchen Schutzangeboten viel mehr Frauen mit Behinderung von Anfang an mitgedacht werden, damit echte Teilhabe und Sicherheit für alle möglich werden.
Ich will, dass wir den Spieß umdrehen: Nicht „verwundbar, abhängig, hilfsbedürftig“, sondern wütend, laut und solidarisch. Wir sind diejenigen, die Statistiken Gesichter geben, Strukturen benennen und andere Frauen empowern, damit sie ihre Stimmen erheben und für ihre Rechte kämpfen – in Gremien, in Projekten, auf Podien und überall dort, wo es um unsere Selbstbestimmung geht.
Ich entscheide mich bewusst dagegen, diesen Text nicht nur am 25. November zu posten, weil Gewalt gegen Frauen nicht an einem Tag im Jahr passiert. Meine Erfahrungen und die vieler anderer Frauen mit Behinderung sind das ganze Jahr über real – deshalb will ich, dass diese Perspektive auch an allen anderen Tagen sichtbar bleibt und nicht im Aktionismus zwischen kleinen Geschenken, pinken Plakaten und Blumen untergeht.
Für mich heißt das: Ich erzähle meine Geschichte nicht, damit man mir Mitleid schenkt, sondern damit klar wird, was sich verändern muss – in Einrichtungen, in der Pflege, in der Assistenz, in der Justiz, in der Frauenhauslandschaft. Am Tag gegen Gewalt an Frauen und an jedem anderen Tag stehe ich als junge Frau mit Behinderung nicht „trotz allem“ stark da, sondern genau wegen meiner Erfahrungen und meines Widerstands. Meine Botschaft: Wir sind viele, wir sind organisiert, wir lassen uns nicht länger unsichtbar machen – wer über Gewalt an Frauen spricht, kommt an Frauen mit Behinderung nicht mehr vorbei.




