Menu Close

Nachrichten aus der Provinz / „Teilhabe ist nichts für Feiglinge“ 10 Fragen an Jan Pfeiffer.

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Symbol Fragezeichen
Fragen sollen zu Antworten werden
Foto: ht

Villmar - Weyer (kobinet) Wer sich in der Region Limburg an der Lahn für Inklusion und Barrierefreiheit interessiert, kommt an dem Namen Jan Pfeiffer nicht vorbei. Jan hat den Weg durch die Institutionen gewagt. Nicht nur um sich sein persönliches Budget zu erkämpfen. Er hat den Verein Querschnitte e. V. gegründet und ist dessen Vorsitzender. In seiner Heimatgemeinde bringt er sich ins Vereinsleben ein. Und seit 2022 ist er der 1. Vorsitzende des Behindertenbeirates in Limburg. Jan hat ausführlich auf meine Fragen geantwortet und das ist gut so! Die Antworten geben einen vortrefflichen Eindruck von behindertenpolitischem Engagement in der mittelhessischen Provinz und werden nicht das letzte sein was wir von Ihm erfahren. Jan Pfeiffers Buch liegt in den letzten Zügen. "Mein Buch ist kein ‚armes-Ich‘-Roman und schon gar kein Aufruf zum Bedauern. Es ist böse, schwarz, zynisch und ehrlich. Und wer glaubt, über Menschen mit Behinderung dürfe man keine Witze machen, der sollte dieses Buch gar nicht erst aufschlagen." Wir dürfen gespannt sein!

  1. Lieber Jan, Du bist Arbeitgeber, Netzwerker und Aktivist. Engagierst Dich ehrenamtlich in Selbsthilfegruppen und kommunalpolitisch in Limburg und überregional. Du arbeitest mit Schulen zusammen und als Peer-Berater. Wirst Du manchmal gefragt, wie Du das trotz Deiner Beeinträchtigung hinbekommst?

In den vergangenen Jahren hat das Ehrenamt schon viel Zeit verschlungen – Zeit, die oft schön war, weil man sehen konnte, dass man etwas bewirken kann, wenn man auf Augenhöhe miteinander spricht. In solchen Momenten vergisst man schnell das eigene Handicap, und die Frage, ob man es hinbekommt, stellt sich gar nicht. Man macht es einfach. Aber manchmal geht das Leben seinen eigenen Weg. Dann kann man noch so motiviert aufstehen, doch der Körper – oder wie ich es nenne, das „Gammelfleisch“ – macht einfach nicht mehr mit. Das ist ein Zwiespalt: Der Wille ist da, aber der Körper sagt Nein. Ja, ich werde das oft gefragt. Und in letzter Zeit muss ich ehrlich sagen: Ich weiß es nicht mehr. Manchmal funktioniert man einfach, so wie eine Mutter, die krank ist und trotzdem für ihr Kind da sein muss.

  1. Siehst Du Deine eigene Betroffenheit als Ressource für Dein Engagement?

Ja, ich sehe meine eigene Betroffenheit durchaus als Ressource. Ich als Betroffener kann und muss mein bester Berater sein. Wenn ich das für mich selbst bin, dann ergibt sich daraus fast zwangsläufig, auch für andere da zu sein, besonders für diejenigen, die nicht für sich selbst sprechen können.

  1. Limburg hat gerade durch die Neugestaltung des zentral gelegenen Neumarktes einen barrierearmen Impuls gesetzt. Seit 2022 arbeitest Du im Behindertenbeirat Limburg. Wie wirksam war die Zusammenarbeit mit dem Magistrat bis heute?

Auch wenn manche Stimmen behaupten, die Stadt Limburg sei gelegentlich „taub auf dem Ohr“, wenn es um Barrierefreiheit geht, ich persönlich sehe das anders. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit einer offenen und lösungsorientierten Haltung mehr erreicht als mit ständigen Forderungen. Für mich ist es entscheidend, im Dialog zu bleiben, die eigenen Positionen auch einmal kritisch zu hinterfragen und alle Beteiligten einzubeziehen – unseren Bürgermeister, den Magistrat, die Verwaltung, den Stadtrat, die Ortsbeiräte und natürlich die politische Ebene insgesamt. Nur wenn Politik, Verwaltung und Betroffene gemeinsam an einem Tisch sitzen, entsteht ein echtes Miteinander, das Barrieren abbauen kann, nicht nur bauliche, sondern auch in den Köpfen.

Seit ich 2022 in den Behindertenbeirat Limburg berufen wurde, hat sich gezeigt, wie wichtig dieser Austausch ist. Politik lebt vom Gespräch, und genau das versuchen wir im Beirat vorzuleben: nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wir suchen gemeinsam mit den politischen Entscheidungsträgern nach Wegen, wie Barrierefreiheit und Inklusion stärker in die kommunale Planung eingebettet werden können, sei es bei der Stadtentwicklung, in der Mobilität, in Schulen oder bei kulturellen Angeboten.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Neugestaltung des Neumarktes, die einen wichtigen Impuls für eine barriereärmere Innenstadt gesetzt hat. Dabei geht es nicht nur um Rampen und taktile Leitsysteme, sondern um das Bewusstsein, dass Inklusion ein Grundprinzip kommunaler Politik sein muss. Natürlich wird nicht jeder Vorschlag sofort umgesetzt, und es braucht oft Geduld und Überzeugungsarbeit. Aber ich spüre, dass die Bereitschaft wächst, sowohl in der Verwaltung als auch in der politischen Landschaft, die Belange von Menschen mit Behinderung ernsthaft mitzudenken.

Barrierefreiheit und Inklusion sind keine Randthemen, sondern Querschnittsaufgaben. Wenn wir diese Haltung weiter stärken, kann Limburg zu einer Stadt werden, in der Politik, Gesellschaft und Betroffene gemeinsam Verantwortung übernehmen, für eine Stadt, in der jeder Mensch die gleichen Chancen hat, am Leben teilzuhaben.

  1. Im Landkreis Limburg-Weilburg gibt es über 80 Selbsthilfegruppen, die im engeren oder erweiterten Sinne mit Barrierefreiheit und Inklusion konfrontiert sind und sich dafür engagieren. Siehst Du das auch als ein Zeichen dafür, dass offizielle Stellen, Verantwortliche und die Kommunalpolitik mit den Themen überfordert sind?

Zunächst einmal sollte man betonen: Über 80 Selbsthilfegruppen im Landkreis Limburg-Weilburg, das ist etwas wirklich Großartiges. Es zeigt, wie viel ehrenamtliches Engagement, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein in unserer Region vorhanden sind. Zahlreiche Menschen setzen sich tagtäglich für andere ein, hören zu, unterstützen, beraten und leisten damit einen unschätzbaren Beitrag zum sozialen Zusammenhalt, oft ohne Rücksicht auf ihre eigenen Belastungen. Das verdient großen Respekt und Anerkennung und ist in keiner Weise negativ zu sehen, im Gegenteil, es ist ein Zeichen einer lebendigen Zivilgesellschaft.

Gleichzeitig muss man aber auch ehrlich sagen: Ja, offizielle Stellen, Verwaltungen und auch die Kommunalpolitik sind mit diesen Themen häufig überfordert. Das liegt nicht an mangelndem Willen, sondern daran, dass Barrierefreiheit und Inklusion unglaublich komplexe Querschnittsaufgaben sind. Sie betreffen alle Lebensbereiche, von der Stadtplanung über Bildung und Verkehr bis hin zur digitalen Teilhabe. Und oft fehlen schlicht die Erfahrung und das Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich Barrieren wahrgenommen werden können.

Ein einfaches Beispiel: Ein Bordstein kann für einen Rollstuhlfahrer ein Hindernis sein, für einen sehbehinderten Menschen hingegen eine wertvolle Orientierungshilfe. Hier zeigt sich, dass es keine universellen Lösungen gibt, sondern differenziertes Denken braucht. Genau das fällt schwer, wenn man selbst nicht betroffen ist. Der Blickwinkel entscheidet, und dieser lässt sich nur verändern, wenn man bereit ist, ihn zu erweitern.

Deshalb sind die Selbsthilfegruppen so wichtig. Sie bringen die Perspektiven der Betroffenen in den öffentlichen Diskurs ein, machen auf Missstände aufmerksam und bieten praxisnahe Lösungsansätze. Sie sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Politik, Verwaltung und Bevölkerung. Aber um wirklich voranzukommen, müssen auch die sogenannten offiziellen Stellen lernen, diese Expertise stärker einzubinden, nicht erst am Ende eines Prozesses, sondern von Anfang an.

Barrierefreiheit beginnt im Kopf. Wenn es gelingt, die Denkmuster in Verwaltungen und Politik zu öffnen und Menschen mit Beeinträchtigungen als gleichwertige Partner auf Augenhöhe einzubeziehen, dann können aus Barrieren Chancen werden, Chancen für mehr Verständnis, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

  1. Fehlt es an einer „inklusiven Haltung“ in Behörden, bei Entscheidungsträger*innen und kommunalpolitisch Verantwortlichen?

Im Grunde beantwortet schon die vorherige Frage vieles davon, aber ja, es fehlt oft noch an einer wirklich inklusiven Haltung in Behörden, bei Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sowie in der Kommunalpolitik. Diese Haltung entsteht nicht automatisch durch Gesetze oder Verordnungen, sondern durch Bewusstsein, Erfahrung und Begegnung. Wer selbst nie mit Barrieren konfrontiert war, kann sich ihre Wirkung häufig nur schwer vorstellen. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass Menschen mit Behinderung ihre Perspektive immer wieder einbringen, sichtbar machen, wo es hakt, und erklären, was Teilhabe in der Praxis bedeutet.

Als ich im Behindertenbeirat anfing, hatte ich zunächst vor allem meine eigene Situation im Kopf, als querschnittsgelähmter Tetraplegiker im Rollstuhl. Ich dachte, es ginge vor allem darum, die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern zu vertreten. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass Inklusion viel weitergeht. Es gibt so viele Behinderungen, die man nicht sieht, und trotzdem sind sie da. Diese Menschen wollen genauso gehört werden, auch von mir, der selbst betroffen ist. Genau das hat meine Sicht verändert. Ich habe verstanden, dass es nicht darum geht, für sich selbst zu sprechen, sondern für ein Miteinander, in dem jeder Mensch die Chance hat, gehört und verstanden zu werden.

Und ja, ich gebe zu: Ich mag das Wort behindert nicht. Thomas Gottschalk hat einmal gesagt, wir seien Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Das trifft es zum Teil, aber ich würde noch weiter gehen: Wir sind alle Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Jeder Mensch kann etwas, was ein anderer nicht kann. Der Unterschied liegt darin, ob man die Fähigkeit hat, Barrieren nicht nur zu sehen, sondern sie im Kopf zu überwinden. Dieses Denken ohne Barrieren muss man lernen, und es beginnt genau dort, wo man bereit ist, die Perspektive eines anderen einzunehmen.

Wir vom Behindertenbeirat und viele andere Betroffene sehen es als unsere Aufgabe, immer wieder auf Missstände aufmerksam zu machen, aber auf eine Art, die Brücken baut statt Mauern. Denn nur, wenn wir respektvoll und offen miteinander sprechen, entsteht Veränderung. Ich habe erlebt, dass das Interesse in Verwaltung und Politik größer ist, als man oft denkt. Viele wollen etwas bewegen, sie brauchen nur Menschen, die ihnen zeigen, wo sie anfangen können.

Inklusion ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Wenn Barrierefreiheit irgendwann nicht mehr als Sonderthema gilt, sondern als Selbstverständlichkeit in jeder politischen Entscheidung mitgedacht wird, dann haben wir wirklich etwas erreicht. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion: dass wir alle lernen müssen, ohne Barrieren im Kopf zu denken, egal ob mit oder ohne Behinderung.

  1. Ist eine solche Haltung nicht auch Voraussetzung, um ein Bewusstsein in öffentlichen und gesellschaftlichen Bereichen, wie Arztpraxen, der Gastronomie und dem Einzelhandel in einer Stadt wie Limburg zu schaffen?

Natürlich ist eine inklusive Haltung die Grundlage, um in allen Bereichen einer Stadt Bewusstsein zu schaffen, in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Arztpraxen, in der Kultur oder im öffentlichen Verkehr. Aber wenn ich auf Limburg blicke, sehe ich, dass Theorie und Praxis oft meilenweit auseinanderliegen.

Gerade die Gastronomie ist für mich ein besonders trauriges Beispiel. Es geht längst nicht mehr nur um fehlende Rampen oder enge Eingänge. Es geht um das, was passiert, wenn Barrieren in den Köpfen stehen bleiben. Immer wieder erlebe ich Situationen, in denen man als Rollstuhlfahrer schlicht ausgeschlossen wird. Da werden monatelang Gespräche geführt, Pläne besprochen, Lösungen entwickelt und am Ende wird doch wieder alles verworfen. Dann heißt es, es sei zu aufwendig, zu teuer oder nicht umsetzbar. Das Ergebnis ist, dass Menschen wie ich draußen stehen, während andere drinnen essen und feiern.

Das ist keine Kleinigkeit, das ist Ausgrenzung. Wer in einer Stadt lebt, sollte auch an ihr teilhaben können, spontan, selbstverständlich und gleichberechtigt. Aber in Limburg passiert genau das nicht. Viele Gastronomiebetriebe denken gar nicht darüber nach, dass Barrierefreiheit mehr bedeutet als eine Rampe am Eingang. Es geht um Bewegungsfreiheit, um das Sitzen an einem Tisch, um den Zugang zu einer Toilette und um das Gefühl, willkommen zu sein. Stattdessen hat man als Rollstuhlfahrer oft das Gefühl, ein Störfaktor zu sein. Wenn man Glück hat, wird man auf eine Terrasse gesetzt oder an den Rand geschoben, Hauptsache, man ist irgendwie untergebracht. Das ist keine Gastfreundschaft, das ist Ausschluss.

Ich empfinde das als respektlos. Vor allem, weil die Hindernisse, über die wir reden, oft gar keine großen baulichen Veränderungen erfordern würden. Man müsste nur wollen. Ein paar Tische austauschen, Wege verbreitern, Türen anpassen und vor allem das Denken verändern. Barrierefreiheit ist keine Sonderleistung, sie ist ein Menschenrecht. Wenn man weiß, dass ein Mensch regelmäßig ausgeschlossen wird, obwohl man es leicht ändern könnte, dann ist das keine Nachlässigkeit mehr, sondern Ignoranz.

Ein weiteres Beispiel ist die Stadthalle Limburg. Dort gibt es inzwischen feste Plätze für Rollstuhlfahrer, angeblich aus Sicherheitsgründen, weil man 30 Meter vom Notausgang entfernt sein müsse. Das bedeutet keine freie Platzwahl, schlechte Sicht und keine Teilhabe wie alle anderen. So wird das Gleichstellungsgesetz faktisch ausgehebelt. Ich empfinde das als Diskriminierung, weil man den Gleichberechtigungsgrundsatz dem Sicherheitsdenken unterordnet, statt beide Aspekte sinnvoll zu verbinden.

Noch schlimmer ist, dass sich dieses Muster wiederholt. Es scheint, als müsse man immer wieder um Rechte kämpfen, die längst selbstverständlich sein sollten. Das macht müde, aber es zeigt auch, wie wichtig es ist, laut zu bleiben.

Positiv erwähnen möchte ich die neuen Kinosäle in Limburg. Sie sind fertiggestellt und sollen barrierefrei nutzbar sein. Ich freue mich darauf, das selbst zu testen, und hoffe, dass dort wirklich mitgedacht wurde, gemeinsam mit Betroffenen. Wenn das so ist, dann ist das ein gutes Beispiel dafür, wie Inklusion funktionieren kann, nicht von oben beschlossen, sondern gemeinsam entwickelt.

Zum Thema Arztpraxen möchte ich mich eigentlich gar nicht ausführlich äußern, weil es mich jedes Mal wütend macht. Dass rund 80 Prozent der Praxen in Limburg weder barrierefrei noch rollstuhlgerecht sind, ist ein Skandal. Gerade die medizinische Grundversorgung sollte für alle zugänglich sein, unabhängig von körperlichen Voraussetzungen.

Auch im Nahverkehr gibt es Licht und Schatten. Der LahnStar ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Mobilität durch barrierefreie Fahrzeuge positiv gestalten kann. Bei den Linienbussen dagegen scheitert es oft an der Menschlichkeit. Manchmal hat der Fahrer keine Lust, manchmal Rücken, manchmal ist der Platz zu eng, und am Ende bleibt man draußen stehen.

Ich finde es traurig, dass man immer noch erklären muss, dass Barrierefreiheit kein Luxus und keine Gefälligkeit ist, sondern ein Recht. Solange man für seine Teilhabe kämpfen muss, ist Inklusion nicht erreicht. Limburg hat Potenzial, aber solange Ausgrenzung in der Gastronomie oder in öffentlichen Einrichtungen alltäglich ist, bleibt der Weg dahin noch weit.

  1. Was sind aus Deiner Sicht die größten Erfolge des Behindertenbeirates in Limburg?

Fangen wir mit dem Einfachsten an: Der Behindertenbeirat der Stadt Limburg ist ein beratendes Gremium. Unser größter Erfolg liegt darin, dass wir zunehmend ernst genommen und aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Wir sind längst kein Alibi-Gremium mehr, das man nur anhört, um eine Pflicht zu erfüllen, sondern ein Kreis von Menschen, deren Wissen, Erfahrung und Perspektive geschätzt werden. Das ist für mich ein wichtiger Schritt in Richtung echter Beteiligung und gelebter Inklusion.

Ein weiterer Erfolg ist, dass das Bewusstsein für Barrierefreiheit in der Stadtverwaltung und der Politik spürbar gewachsen ist. Inzwischen werden viele Projekte im Vorfeld mit uns abgestimmt oder zumindest mitgedacht. Es geht nicht nur um Rampen oder Aufzüge, sondern um eine ganzheitliche Betrachtung von Teilhabe. Dabei spielt auch eine Rolle, dass es heute deutlich mehr Fördermöglichkeiten gibt, um Maßnahmen für Barrierefreiheit und Inklusion finanziell zu unterstützen. Diese Mittel sind ein wichtiger Anreiz für die Stadt, solche Themen aktiv anzugehen, und genau hier kommen wir ins Spiel. Wir können den Stein ins Rollen bringen, indem wir zeigen, wo Handlungsbedarf besteht, und Impulse geben, wie man Gelder sinnvoll einsetzen kann.

Sichtbare Ergebnisse gibt es inzwischen einige. Der neu gestaltete Neumarkt mit seiner barrierefreien Toilette im Pavillon ist ein gutes Beispiel dafür, dass man aus Gesprächen konkrete Maßnahmen ableiten kann. Auch bei den Parkplätzen hat sich etwas bewegt. Es gibt nicht mehr nur symbolische Behindertenparkplätze, sondern tatsächlich barrieregerechte Stellflächen, die ihren Namen verdienen. Die neue Arztpraxis-Werkstatt mit Aufzügen, die hoffentlich zuverlässiger funktionieren als ihre Vorgänger, ist ebenfalls ein Fortschritt, der vielen Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtert.

Ebenso wichtig wie die baulichen Veränderungen ist für mich, dass wir im Behindertenbeirat dazu beitragen konnten, den Blickwinkel vieler Bürgerinnen und Bürger zu verändern. Inklusion beginnt immer mit Haltung, und die verändert sich langsam, aber spürbar. Immer mehr Menschen verstehen, dass Barrierefreiheit kein Sonderthema ist, sondern allen zugutekommt.

Das gilt auch für die Politik in Limburg. Besonders positiv hervorheben möchte ich, dass wir beim Projekt Sportpark in der Südstadt frühzeitig eingebunden wurden. Es war wichtig, dass unsere Perspektiven von Anfang an berücksichtigt wurden, und genau das hat gezeigt, wie konstruktive Zusammenarbeit funktionieren kann. Wenn man rechtzeitig miteinander spricht, lassen sich Lösungen finden, die allen gerecht werden, ohne später kostspielige Nachbesserungen vornehmen zu müssen.

Wenn ich also auf die Arbeit des Behindertenbeirats blicke, sehe ich viele kleine, aber nachhaltige Fortschritte. Noch sind wir nicht am Ziel, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Der größte Erfolg ist für mich, dass sich etwas bewegt, in den Köpfen, in den Strukturen und sichtbar im Stadtbild von Limburg.

  1. Dieses Gremium wird in Limburg und den meisten Kommunen ernannt. Was hältst Du von der Idee, solche Beiräte von Betroffenen demokratisch wählen zu lassen?

Demokratisch wählen ist grundsätzlich immer der richtige Weg. Eine Wahl gibt Menschen das Gefühl, ernst genommen zu werden, und sorgt für mehr Transparenz und Legitimation. Insofern wäre es auch für Behindertenbeiräte ein schönes Signal, wenn Betroffene selbst darüber entscheiden könnten, wer sie vertritt.

Aber die Realität sieht oft anders aus. Es gibt gar nicht so viele Menschen mit Behinderungen, die bereit oder in der Lage wären, diese Aufgabe zu übernehmen. Das liegt nicht daran, dass es sie nicht gibt, sondern häufig an den Lebensumständen. Viele haben schlicht nicht die Kraft oder die gesundheitliche Stabilität, sich zusätzlich zu ihrer eigenen Situation regelmäßig ehrenamtlich zu engagieren. Dazu kommt, dass solche Ämter Zeit, Verantwortung und manchmal auch eine gewisse Belastbarkeit erfordern, die nicht jeder aufbringen kann.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass es – wie in der allgemeinen Politik – auch Menschen gibt, die sich zwar als Sprecher einer Minderheit verstehen, am Ende aber vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen. Ich sage das ganz offen: Nicht jeder, der betroffen ist, ist automatisch die beste Vertretung für andere Betroffene. Es gibt leider auch in diesem Bereich Personen, die das Amt eher als Bühne oder persönlichen Vorteil sehen. Dann steht nicht mehr die Sache im Vordergrund, sondern das Ego. Das schadet der Glaubwürdigkeit und dem eigentlichen Ziel eines solchen Beirats, nämlich die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung gemeinsam zu verbessern.

Ich vergleiche das manchmal so: Man kann eine elektrische Feststellbremse für das Auto bekommen, obwohl man auch mit einer mechanischen gut zurechtkommt. Das Recht auf die elektrische Bremse mag bestehen, aber wenn ich sie gar nicht brauche, warum sollte ich darauf bestehen? Dann überlasse ich sie lieber jemandem, der sie wirklich benötigt. Dieses Denken fehlt mir oft – das Bewusstsein dafür, dass Teilhabe auch Verantwortung bedeutet.

Demokratie ist ein hohes Gut, aber sie funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind, sie aktiv zu gestalten und nicht für eigene Zwecke zu nutzen. Deshalb halte ich eine Wahl für grundsätzlich sinnvoll, aber sie muss mit der Bereitschaft einhergehen, Verantwortung ehrlich und uneigennützig zu übernehmen. Mir ist wichtiger, dass Menschen mit echter Überzeugung, Erfahrung und Empathie in einem Beirat mitarbeiten, als dass ein Gremium nur formal „demokratisch legitimiert“ ist.

Im Idealfall sollten wir beides verbinden: mehr Beteiligung durch Wahlen und gleichzeitig mehr Bewusstsein dafür, dass es in solchen Ämtern nicht um persönliche Vorteile geht, sondern darum, anderen eine Stimme zu geben, die sie selbst vielleicht nicht erheben können.

  1. In meiner Wahrnehmung und der Wahrnehmung mancher Aktivist*innen kanalisiert sich die Arbeit und die Mitbestimmung von Beiräten für Menschen mit Behinderungen oft in dem Thema Barrierefreiheit im klassischen Sinne (abgesenkte Bordsteine, Blindenleitsysteme, leichte Sprache, Gebärdendolmetscher*innen usw.)

Gibt es (kommunal-)politische Themen, die Menschen mit Behinderungen nicht betreffen?

Nein, es gibt keine kommunalpolitischen Themen, die Menschen mit Behinderungen nicht betreffen. Warum auch? Wir sind Teil dieser Gesellschaft, leben in denselben Städten und nutzen dieselben Straßen, Schulen, Verkehrsmittel und öffentlichen Räume. Wenn wir von echter Gleichberechtigung sprechen, dann darf es keine Trennung zwischen Themen für Menschen mit Behinderung und Themen für alle anderen geben.

Umgekehrt wird es noch deutlicher: Gibt es Themen, die Menschen ohne Behinderung nicht betreffen? Natürlich nicht. Politik betrifft immer alle, nur die Perspektiven unterscheiden sich. Genau darin liegt der Wert von Vielfalt. Menschen mit Behinderungen bringen Erfahrungen, Blickwinkel und Kompetenzen ein, die in politischen Prozessen oft fehlen, aber dringend gebraucht werden.

Wenn man Gleichberechtigung ernst meint, dann müssen Menschen mit Behinderungen in allen kommunalen Themen mitgedacht werden, von Stadtplanung über Bildung und Kultur bis hin zu Sicherheit, Digitalisierung und sozialer Teilhabe. Es geht nicht darum, sich auf Barrierefreiheit im engeren Sinn zu beschränken, sondern um das volle Mitspracherecht in allen Lebensbereichen.

Gleichberechtigung heißt, dass wir alle an denselben Themen teilhaben, dieselben Rechte haben und dieselbe Verantwortung tragen. Wer Menschen mit Behinderungen aus bestimmten Bereichen der Politik ausschließt, grenzt sie bewusst aus, und das ist genau das Gegenteil von Inklusion.

  1. In unserem Landkreis kann man zurzeit, fast schon eine Welle von Rücktritten aus den Beiräten für Menschen mit Behinderungen beobachten. Auch Du hast Deinen Rücktritt im November angekündigt. Meist werden persönliche und gesundheitliche Gründe für den Rückzug angegeben. Wie belastend kann so ein ehrenamtliches kommunalpolitisches Amt sein? Und was sind die Gründe dafür?

Ja, das stimmt. Ich habe meinen Rücktritt im November für Ende des Jahres angekündigt, und das war keine leichte Entscheidung. Es sind in erster Linie gesundheitliche Gründe, die mich dazu bewegen, aber ehrlich gesagt kommt vieles zusammen. Manchmal hat das Leben einfach andere Pläne, als man selbst sich vorgenommen hat. Und manchmal sind es persönliche Rückschläge, die einem zeigen, dass auch Engagement seine Grenzen hat.

Dieses Ehrenamt bedeutet Verantwortung, Leidenschaft und Herzblut. Ich habe es immer mit voller Überzeugung ausgeübt, weil ich gesehen habe, dass man etwas bewegen kann, wenn man dranbleibt, wenn man zuhört und wenn man auf Augenhöhe miteinander spricht. Aber diese Arbeit kostet auch Kraft. Sie fordert einen – körperlich, emotional und manchmal auch seelisch.

In meinem Fall ist irgendwann der Punkt gekommen, an dem ich gemerkt habe, dass ich Gefahr laufe, mich selbst zu verlieren. Wenn man immer nur funktioniert, für andere da ist, kämpft, aufklärt und erklärt, vergisst man leicht, dass man selbst auch Mensch ist, mit Bedürfnissen, mit Grenzen, mit Momenten der Erschöpfung.

Ich gehe mit einem schweren, aber dankbaren Herzen. Schwer, weil ich weiß, wie wichtig diese Arbeit ist und wie viel noch zu tun bleibt. Dankbar, weil ich Teil eines Prozesses war, der Bewegung in die Stadt gebracht hat, der Menschen zum Nachdenken angeregt und der gezeigt hat, dass Veränderung möglich ist.

Ich bleibe Ansprechpartner, solange meine Erfahrung gebraucht wird, und ich werde diese Themen nie loslassen. Aber jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich auf mich selbst achten muss. Denn wer anderen helfen will, darf nicht vergessen, dass er selbst auch wichtig ist.

Infos zum Verein Querschnitte e.V. unter: https://www.querschnitte-ev.de/

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
1 Lesermeinung
Neueste
Älteste
Inline Feedbacks
Alle Lesermeinungen ansehen
Ralph Milewski
26.11.2025 16:02

Ohne Menschen wie Jan Pfeiffer würde sich in vielen Städten gar nichts bewegen. Aber gerade deshalb hat mich dieses Interview irritiert, denn es zeigt unfreiwillig das Grundproblem kommunaler Behindertenpolitik: Teilhabe hängt weiterhin vom Wohlwollen und der Tagesform der Verantwortlichen ab – nicht von verbindlichen Rechten.

Der Text spricht fast ausschließlich von „Haltung“, „Dialog“ und „gemeinsam an einem Tisch sitzen“. Das klingt sympathisch, ersetzt aber nicht, was eigentlich nötig wäre: klare Pflichten und Strukturen, die Barrierefreiheit nicht zur freiwilligen Zusatzleistung machen. In jedem anderen Bereich wäre es völlig unvorstellbar, dass Grundrechte davon abhängen, ob Verantwortliche „bereit“ sind oder es „für machbar halten“. Nur bei Menschen mit Behinderungen scheint es akzeptabel zu sein, dass Teilhabe verhandelbar bleibt.

Und genau hier liegt die Schieflage des gesamten Beiratssystems: Betroffene arbeiten ehrenamtlich, investieren Zeit, Kraft und oft ihre letzte Gesundheit – während Verwaltung und Politik frei entscheiden, was sie übernehmen und was sie ignorieren. Das ist keine Beteiligung auf Augenhöhe, sondern eine höfliche Form der Abhängigkeit. Dass so viele Beiratsmitglieder inzwischen zurücktreten, sollte niemanden überraschen: Man verschleißt die Betroffenen, weil man die Strukturen nicht ändern will.

Ich lese hier viel Idealismus, aber auch eine gefährliche Normalisierung eines Zustands, der in Wahrheit ein demokratietheoretisches Problem ist: Menschen mit Behinderungen haben keine echte Mitbestimmung, sondern dürfen mitmachen, solange sie nicht unbequem werden. Barrierefreiheit wird behandelt wie eine nette Idee, nicht wie ein Recht. Und solange das so bleibt, wird sich am Grundproblem nichts ändern.

Wer Inklusion ernst nimmt, darf sie nicht vom Charakter einzelner Verantwortlicher abhängig machen. Wohlwollen kann man nicht einklagen. Rechte schon.