Marburg (kobinet)
Viele Menschen kamen zur Ausstellung.
Die Ausstellung heißt: Verfolgung behinderter Menschen im National-Sozialismus.
National-Sozialismus bedeutet: Eine böse Idee von früher.
Nazis hassten andere Menschen-Gruppen.
Es geht um Nazi-Euthanasie in Marburg.
Euthanasie bedeutet: Menschen töten.
Die Nazis töteten Menschen mit Behinderung.
Sie sagten: Diese Menschen sind wert-los.
Das war ein schlimmes Verbrechen.
Es kamen mehr Menschen als gedacht.
Im Ausstellungs-Saal waren 70 Plätze.
Das waren zu wenig Plätze.
Die Mitarbeiter stellten mehr Stühle auf.
Trotzdem mussten viele Menschen stehen.
Alle blieben bis zum Ende da.
Das Programm war sehr bewegend.
Die Ausstellung ist im katholischen Begegnungs-Haus KA.RE.
Begegnungs-Haus bedeutet: Ein Ort zum Treffen.
Dort treffen sich verschiedene Menschen.
Sie reden miteinander.
Sie machen zusammen Aktivitäten.
Das ist in der Biegen-Straße 18 in Marburg.
Die Ausstellung geht bis zum 30. Oktober 2025.
Franz-Josef Hanke berichtet über die Ausstellungs-Eröffnung.
Ober-Bürgermeister Dr. Thomas Spies warnte die Menschen.
Er sagte: Wir sehen wo es endet.
Das passiert wenn Hass regiert.
Das passiert wenn Menschen schlecht behandelt werden.
Das passiert wenn Menschen abgewertet werden.
Menschen wurden nach ihrer Nützlichkeit bewertet.
Ihre Würde wurde zerstört.
Der Ober-Bürgermeister war beeindruckt.
Die Ausstellung zeigt auch Dokumente aus Marburg.
Sie zeigt Informationen zur Marburger Verfolgungs-Geschichte.
Bernd Gökeler ist der Initiator des Ausstellungs-Projekts.
Initiator bedeutet: Eine Person mit einer Idee.
Diese Person macht den ersten Schritt.
Sie beginnt ein neues Projekt.
Er fragte das Publikum: Wer bestimmt was normal ist?
Wer bestimmt was nicht normal ist?
Er stellte weitere Fragen.
Er fragte: Was bringt euch zu der Erwartung?
Dass der Saal für euch bestuhlt ist?
Warum haltet ihr das für selbstverständlich?
Dass jemand die Stühle vorher hinstellt?
Wir nennen diese Menschen Assistenten.
Assistenten bedeutet: Helfer.
Sie unterstützen andere Menschen.
Sie helfen bei der Arbeit.
Sie helfen im Alltag.
Gökeler sitzt im Rollstuhl.
Für ihn ist der nicht bestuhlte Saal besser.
Er kann frei seinen Platz wählen.
Er fragte das Publikum direkt.
Warum gelten Standard-Stühle als selbstverständlich?
Er muss seinen Rollstuhl aufwendig beantragen.
Menschen reden über die Kosten der Behinderten-Hilfe.
Gökeler zeigte wo das hinführt.
Menschen werden als Kosten-Faktor abgewertet.
Kosten-Faktor bedeutet: Wie viel Geld braucht man.
Man rechnet aus: Was kostet etwas.
Man überlegt: Ist das zu teuer.
Von da ist es nur ein kleiner Schritt.
Bis zur menschen-verachtenden Nazi-Ideologie.
Pfarrer Markus Blümel arbeitet im Team vom KA.RE.
Er berichtete von einer Exkursion nach Fulda.
Exkursion bedeutet: Ein Ausflug mit einer Gruppe.
Man will etwas Neues lernen.
Zum Beispiel besucht man ein Museum.
Er war mit seinen Firmlingen dort.
Firmlinge bedeutet: Junge Menschen in der Kirche.
Sie bereiten sich auf die Firmung vor.
Die Firmung ist ein Fest.
Die jungen Menschen sind meist 14 bis 16 Jahre alt.
Eine Teilnehmerin hatte eine Behinderung.
Er musste mit ihr nach barrierefreien Zugängen suchen.
Sie suchten in Gebäuden und Gast-Stätten.
Das hat seinen Blick geschärft.
Die katholische Kirche hat eine Pflicht.
Sie soll an Bischof Graf von Galen anknüpfen.
Der war Bischof in Münster.
Er verurteilte die Nazi-Euthanasie 1941.
Er sagte mit scharfen Worten: Das ist unmenschlich.
Dr. Wolfgang Form ist Historiker.
Er stellte den Ausstellungs-Teil über Marburg vor.
Die Arbeits-Gruppe im Marburger Netzwerk stellte ihn zusammen.
Das Netzwerk ist für Demokratie.
Das Netzwerk ist gegen Rechts-Extremismus.
Rechts-Extremismus bedeutet: Eine gefährliche Meinung.
Diese Menschen denken nicht alle sind gleich wichtig.
Die sogenannte Euthanasie fiel nicht vom Himmel.
In der Ausstellung ist ein Zeit-Strahl.
Dort stehen Entwicklungs-Schritte und Maß-Nahmen.
Von 1907 bis 2025.
Die systematische Verfolgung begann 1933.
Angeblich unnütze Esser wurden verfolgt.
Es begann mit Zwangs-Sterilisierung behinderter Menschen.
Zwangs-Sterilisierung bedeutet: Menschen können keine Kinder mehr bekommen.
Das wurde gegen ihren Willen gemacht.
Das war ein Verbrechen.
Im alten Amts-Gericht war das Erb-Gesundheits-Gericht.
Erb-Gesundheits-Gericht bedeutet: Ein Nazi-Gericht.
Es entschied über behinderte Menschen.
Es war in der Universitäts-Straße.
Es sprach bis 1945 mindestens 164 Urteile.
Die Urteile wurden in der Frauen-Klinik umgesetzt.
Bei Männern in der Urologie.
Das konnte damals niemandem verborgen bleiben.
Mindestens 333 Menschen aus Marburg wurden ermordet.
Das war zwischen 1939 und 1945.
Sie wurden in der Tötungs-Anstalt Hadamar ermordet.
Sie kamen aus fast allen Stadt-Teilen Marburgs.
Jeder kannte ein Kind oder eine Tante.
Die wurden weg-gebracht.
Alle müssen davon gewusst haben.
An die Marburger Euthanasie-Opfer wird erinnert.
Mit der Installation Steine gegen das Vergessen.
Für jedes Opfer gibt es einen Namen-Zug.
Mit Geburts-Datum und Tag der Ermordung in Hadamar.
Das wird auf einem Back-Stein angebracht.
Die Station entstand mit Unterstützung.
Vom Lebenshilfe-Werk Marburg-Biedenkopf.
Es wird auch an Opfer der NS-Zwangs-Sterilisation erinnert.
Die Steine sind alle ungefähr gleich groß.
Aber alle haben eine unterschiedliche Form.
Gökeler nennt sie Lehr-Mal.
Nach dem Ausstellungs-Ende am 30. Oktober sollen sie auch an anderen Orten in Marburg zu sehen sein.
Latoya Reitzner sang zwischen den Reden.
Sie half den Menschen beim Durch-Atmen.
Sie sang 3 Mal.
Ihre Titel bezogen sich auf die Themen.
Zum Beispiel The Sound of Silence.
Gebärden-Sprach-Dolmetscher begleiteten die Veranstaltung.
Es gibt auch Texte in leichter Sprache.
Und Audio-Guides für die Ausstellung.
Junge Menschen sollen an das schwierige Thema heran-geführt werden.
Die Veranstaltenden suchten Freiwillige.
Für Peer-Rund-Gänge.
Peer-Rund-Gänge bedeutet: Junge Menschen führen andere junge Menschen.
Sie zeigen die Ausstellung.
Sie erklären die Themen.
5 junge Leute kamen zur Ausstellungs-Eröffnung.
Sie bekamen großen Applaus.
Weitere Freiwillige werden noch gesucht.
Alle wichtigen Informationen zum Projekt finden Interessierte online.
Hier ist der Link zur Internet-Seite
Eugenik bedeutet: Eine böse Idee von früher.
Menschen wollten entscheiden: Welche Menschen gut sind.
Welche Menschen schlecht sind.
Das war sehr gefährlich.

Foto: privat
Marburg (kobinet) Der Andrang zur Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel "Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus" zur Nazi-"Euthanasie" in Marburg war größer als erwartet. "Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses 'KA.RE.' reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am 22. August 2025 stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung 'Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus' ist bis Donnerstag, 30. Oktober 2025 im Katholischen Begegnungshaus 'Ka.Re' in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen." Darauf macht Franz-Josef Hanke in seinem Beitrag über die Ausstellungseröffnung für die kobinet-nachrichten aufmerksam.
Nicht normal – Bewegende Ausstellungseröffnung zur Nazi-„Euthanasie“ in Marburg
Beitrag von Franz-Josef Hanke
Der Andrang zur Ausstellungseröffnung war größer als erwartet. Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses „KA.RE.“ reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am Freitag (22. August 2025) stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“ ist bis Donnerstag (30. Oktober) im Katholischen Begegnungshaus „Ka.Re“ in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen. Sie ergänzt die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ,Euthanasie‘-Morde“ um einen Ausstellungsteil der Arbeitsgruppe „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“ im „Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ über „Euthanasie“ in Marburg.
„Wir sehen, wo es endet, wenn Hass und Hetze, wenn Unmenschlichkeit und Abwertung von Menschen regieren“, warnte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Wir sehen, was passiert, wenn Menschen nach ihrer ,Nützlichkeit‘ bewertet und ihre unveräußerliche Würde mit Füßen getreten wird.“ Besonders beeindruckt zeigte sich der Oberbürgermeister von der Ergänzung der Wanderausstellung durch Dokumente und Informationen zur Marburger Verfolgungsgeschichte. „Nirgends ist die Notwendigkeit von Demokratie so handgreiflich sichtbar wie hier.“
Der Initiator des Ausstellungsprojekts ging das Thema grundlegender an: „Wer bestimmt eigentlich, was normal ist und was nicht?“ Diese Frage nahm Bernd Gökeler zum Anlass für weitere Fragen an das Publikum: „Was bringt sie eigentlich zu der Erwartung, dass der Saal hier für sie bestuhlt ist? Wieso halten Sie es für selbstverständlich, das jemand – wir nennen sie Assistenten – die Stühle vorher hinstellen und hinterher wieder abräumen?“
Ihm als Rollstuhlfahrer biete der nicht bestuhlte Saal die Möglichkeit einer freien Platzwahl. er fragte das Publikum direkt, warum die Ausstattung mit Standardstühlen als selbstverständlich gelte, wohingegen er seinen Rollstuhl aufwendig beantragen müsse. Debatten über die Kosten der Behindertenhilfe rückte Gökeler mit seinen Ausführungen dahin, wo Menschen als angeblicher „Kostenfaktor“ abgewertet werden und von wo aus es nur noch ein kleiner Schritt ist bis hin zur menschenverachtenden Nazi-Ideologie.
Pfarrer Markus Blümel vom Team des „Ka.Re.“ berichtete von einer Exkursion seiner Firmlinge nach Fulda, wo er mit einer behinderten Teilnehmerin nach barrierefreien Zugängen zu Gebäuden und Gaststätten habe suchen müssen. „Das hat meinen Blick geschärft“, erklärte er. Die Katholische Kirche sieht der Pfarrer in der Pflicht, an das Beispiel des Münsteraner Bischofs Clemens August Kardinal Graf von Galen anzuknüpfen, der die sogenannte „Euthanasie“ der Nationalsozialisten 1941 mit scharfen Worten als unmenschlich gegeißelt hatte.
Den – von Mitgliedern der Arbeitsgruppe im Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zusammengestellten – Ausstellungsteil über Marburg stellte der Historiker Dr. Wolfgang Form bei der Ausstellungseröffnung kurz vor: Die sogenannte „Euthanasie“ sei nicht vom Himmel gefallen, berichtete er. Auf einem Zeitstrahl seien in der Ausstellung entsprechende Entwicklungsschritte und Maßnahmen zwischen dem Jahr 1907 bis hin zum Jahr 2025 vermerkt.
Begonnen habe die systematische Verfolgung angeblich „unnützer Esser“ mit der Zwangssterilisierung behinderter Menschen 1933. Im Alten Amtsgericht an der Marburger Universitätsstraße habe das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ bis 1945 mindestens 164 Urteile gesprochen, die dann in der Frauenklinik und – bei Männern – in der Urologie umgesetzt wurden. Das könne damals niemandem verborgen geblieben sein, erklärte Form.
Mindestens 333 Marburgerinnen und Marburger wurden zwischen 1939 und 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Sie kamen aus fast allen Stadtteilen Marburgs, berichtete Form. „Jeder kannte ein Kind oder eine Tante, die weggebracht wurden“, erläuterte der Historiker. „Alle müssen davon gewusst haben.“
An die Marburger „Euthanasie“-Opfer wird mit der Installation „Steine gegen das Vergessen“ erinnert. Für jedes Opfer wird der Namenszug mit Geburtsdatum und dem Tag der Ermordung in Hadamar auf einem Backstein angebracht. Die Station ist mit Unterstützung des Lebenshilfewerks Marburg-Biedenkopf entstanden. Zudem wird an die Opfer der NS-Zwangssterilisation erinnert.
„Die Steine sind zwar alle ungefähr gleich groß, haben aber alle eine unterschiedliche Form“, erläuterte Gökeler. Er bezeichnete sie als „Lehrmal“, das nach dem Ausstellungsende am 30. Oktober auch an anderen Orten in Marburg zu sehen sein sollte.
Mit eindringlichem Gesang verhalf Latoya Reitzner den Anwesenden zwischen den Reden dreimal zum Durchatmen. Dabei bezogen sich ihre Titel wie „The Sound of Silence“ auf die Themen, die bei der Vernissage zuvor oder im Anschluss behandelt wurden. Gebärdensprachdolmetscher begleiteten diese Veranstaltung ebenso wie Texte in Leichter Sprache und Audioguides die Ausstellung.
Um junge Menschen an das schwierige Thema heranzuführen, hatten die Veranstaltenden Freiwillige für „Peer-Rundgänge“ gesucht. Fünf junge Leute waren aus diesem Grund zur Ausstellungseröffnung gekommen und wurden dort mit großem Applaus bedacht. Weitere Freiwillige werden noch gesucht. Alle wichtigen Informationen zu dem Projekt finden Interessierte online auf http://www.marburgmachtmit.de/eugenik

Foto: privat
Marburg (kobinet) Der Andrang zur Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel "Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus" zur Nazi-"Euthanasie" in Marburg war größer als erwartet. "Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses 'KA.RE.' reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am 22. August 2025 stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung 'Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus' ist bis Donnerstag, 30. Oktober 2025 im Katholischen Begegnungshaus 'Ka.Re' in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen." Darauf macht Franz-Josef Hanke in seinem Beitrag über die Ausstellungseröffnung für die kobinet-nachrichten aufmerksam.
Nicht normal – Bewegende Ausstellungseröffnung zur Nazi-„Euthanasie“ in Marburg
Beitrag von Franz-Josef Hanke
Der Andrang zur Ausstellungseröffnung war größer als erwartet. Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses „KA.RE.“ reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am Freitag (22. August 2025) stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“ ist bis Donnerstag (30. Oktober) im Katholischen Begegnungshaus „Ka.Re“ in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen. Sie ergänzt die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ,Euthanasie‘-Morde“ um einen Ausstellungsteil der Arbeitsgruppe „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“ im „Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ über „Euthanasie“ in Marburg.
„Wir sehen, wo es endet, wenn Hass und Hetze, wenn Unmenschlichkeit und Abwertung von Menschen regieren“, warnte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Wir sehen, was passiert, wenn Menschen nach ihrer ,Nützlichkeit‘ bewertet und ihre unveräußerliche Würde mit Füßen getreten wird.“ Besonders beeindruckt zeigte sich der Oberbürgermeister von der Ergänzung der Wanderausstellung durch Dokumente und Informationen zur Marburger Verfolgungsgeschichte. „Nirgends ist die Notwendigkeit von Demokratie so handgreiflich sichtbar wie hier.“
Der Initiator des Ausstellungsprojekts ging das Thema grundlegender an: „Wer bestimmt eigentlich, was normal ist und was nicht?“ Diese Frage nahm Bernd Gökeler zum Anlass für weitere Fragen an das Publikum: „Was bringt sie eigentlich zu der Erwartung, dass der Saal hier für sie bestuhlt ist? Wieso halten Sie es für selbstverständlich, das jemand – wir nennen sie Assistenten – die Stühle vorher hinstellen und hinterher wieder abräumen?“
Ihm als Rollstuhlfahrer biete der nicht bestuhlte Saal die Möglichkeit einer freien Platzwahl. er fragte das Publikum direkt, warum die Ausstattung mit Standardstühlen als selbstverständlich gelte, wohingegen er seinen Rollstuhl aufwendig beantragen müsse. Debatten über die Kosten der Behindertenhilfe rückte Gökeler mit seinen Ausführungen dahin, wo Menschen als angeblicher „Kostenfaktor“ abgewertet werden und von wo aus es nur noch ein kleiner Schritt ist bis hin zur menschenverachtenden Nazi-Ideologie.
Pfarrer Markus Blümel vom Team des „Ka.Re.“ berichtete von einer Exkursion seiner Firmlinge nach Fulda, wo er mit einer behinderten Teilnehmerin nach barrierefreien Zugängen zu Gebäuden und Gaststätten habe suchen müssen. „Das hat meinen Blick geschärft“, erklärte er. Die Katholische Kirche sieht der Pfarrer in der Pflicht, an das Beispiel des Münsteraner Bischofs Clemens August Kardinal Graf von Galen anzuknüpfen, der die sogenannte „Euthanasie“ der Nationalsozialisten 1941 mit scharfen Worten als unmenschlich gegeißelt hatte.
Den – von Mitgliedern der Arbeitsgruppe im Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zusammengestellten – Ausstellungsteil über Marburg stellte der Historiker Dr. Wolfgang Form bei der Ausstellungseröffnung kurz vor: Die sogenannte „Euthanasie“ sei nicht vom Himmel gefallen, berichtete er. Auf einem Zeitstrahl seien in der Ausstellung entsprechende Entwicklungsschritte und Maßnahmen zwischen dem Jahr 1907 bis hin zum Jahr 2025 vermerkt.
Begonnen habe die systematische Verfolgung angeblich „unnützer Esser“ mit der Zwangssterilisierung behinderter Menschen 1933. Im Alten Amtsgericht an der Marburger Universitätsstraße habe das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ bis 1945 mindestens 164 Urteile gesprochen, die dann in der Frauenklinik und – bei Männern – in der Urologie umgesetzt wurden. Das könne damals niemandem verborgen geblieben sein, erklärte Form.
Mindestens 333 Marburgerinnen und Marburger wurden zwischen 1939 und 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Sie kamen aus fast allen Stadtteilen Marburgs, berichtete Form. „Jeder kannte ein Kind oder eine Tante, die weggebracht wurden“, erläuterte der Historiker. „Alle müssen davon gewusst haben.“
An die Marburger „Euthanasie“-Opfer wird mit der Installation „Steine gegen das Vergessen“ erinnert. Für jedes Opfer wird der Namenszug mit Geburtsdatum und dem Tag der Ermordung in Hadamar auf einem Backstein angebracht. Die Station ist mit Unterstützung des Lebenshilfewerks Marburg-Biedenkopf entstanden. Zudem wird an die Opfer der NS-Zwangssterilisation erinnert.
„Die Steine sind zwar alle ungefähr gleich groß, haben aber alle eine unterschiedliche Form“, erläuterte Gökeler. Er bezeichnete sie als „Lehrmal“, das nach dem Ausstellungsende am 30. Oktober auch an anderen Orten in Marburg zu sehen sein sollte.
Mit eindringlichem Gesang verhalf Latoya Reitzner den Anwesenden zwischen den Reden dreimal zum Durchatmen. Dabei bezogen sich ihre Titel wie „The Sound of Silence“ auf die Themen, die bei der Vernissage zuvor oder im Anschluss behandelt wurden. Gebärdensprachdolmetscher begleiteten diese Veranstaltung ebenso wie Texte in Leichter Sprache und Audioguides die Ausstellung.
Um junge Menschen an das schwierige Thema heranzuführen, hatten die Veranstaltenden Freiwillige für „Peer-Rundgänge“ gesucht. Fünf junge Leute waren aus diesem Grund zur Ausstellungseröffnung gekommen und wurden dort mit großem Applaus bedacht. Weitere Freiwillige werden noch gesucht. Alle wichtigen Informationen zu dem Projekt finden Interessierte online auf http://www.marburgmachtmit.de/eugenik




