Saar-Brücken
Dr. Stephan Schmider macht Forschung.
Er arbeitet im Projekt INCLUREG.
INCLUREG ist ein Projekt-Name.
Das Projekt hilft Menschen mit Behinderung.
Es geht um gleiche Rechte für alle.
Das Projekt arbeitet in verschiedenen Ländern zusammen.
Stephan Schmider besucht oft Werk-Stätten.
Dort arbeiten Menschen mit Behinderung.
Er macht Gespräche mit den Menschen.
Er stellt Fragen.
Dann wertet er die Antworten aus.
Aus-werten bedeutet: Die Antworten genau anschauen und verstehen.
So lernt er viele Menschen kennen.
Er sieht sie bei der Arbeit.
Die Stimmung ist meistens gut.
Die Mit-Arbeiter mögen das Zusammen-Sein.
Jeder kennt jeden.
Die Menschen helfen sich gegen-seitig.
Aber es gibt auch Probleme.
Man sieht sie nicht sofort.
Aber man spürt sie.
Die Werk-Stätten haben 2 Aufgaben.
Die erste Aufgabe ist wichtig.
Menschen mit Behinderung sollen normale Jobs bekommen.
Das steht in der UN-Konvention.
UN-Konvention bedeutet: Ein Vertrag für Menschen mit Behinderung.
Viele Länder haben unter-schrieben.
Menschen haben das Recht zu arbeiten.
Sie sollen fair bezahlt werden.
Die zweite Aufgabe ist schwer.
Die Werk-Stätten müssen Geld verdienen.
Sie müssen Aufträge erfüllen.
Sie müssen pünktlich liefern.
Sie kämpfen um Kunden.
Dafür brauchen sie gute Arbeiter.
Hier beginnt das Problem.
Die besten Arbeiter könnten normale Jobs bekommen.
Aber dann fehlen sie in der Werk-Statt.
Es ist wie bei einem Fußball-Team.
Die besten Spieler sollen weg-gehen.
Aber das Team soll trotzdem gewinnen.
Beide Seiten haben Recht.
Die Werk-Stätten müssen über-leben.
Firmen wollen pünktliche Lieferung.
Sonst gehen die Aufträge verloren.
Das kostet Geld.
Aber die Menschen verdienen nur wenig.
Oft nur 200 Euro im Monat.
Das ist kein richtiger Lohn.
Es ist Taschen-Geld.
Sie brauchen andere Hilfen zum Leben.
Der normale Arbeits-Markt zahlt mehr.
Arbeits-Markt bedeutet: Dort suchen Menschen Arbeit.
Und Firmen suchen Mit-Arbeiter.
Aber dort ist mehr Druck.
Es gibt weniger Rück-Sicht.
Viele Menschen kommen zurück.
Nicht weil sie versagt haben.
Das System passt nicht für sie.
Die Werk-Stätten stecken fest.
Sie sollen Brücken bauen.
Aber der Arbeits-Markt will die Menschen nicht.
Trotzdem sollen sie Geld verdienen.
Das Problem ist tiefer.
Es geht um unser Menschen-Bild.
Der Humanismus sagt: Jeder Mensch ist wichtig.
Humanismus bedeutet: Alle Menschen haben die gleichen Rechte.
Alle Menschen sind wert-voll.
Menschen sollen frei leben können.
Menschen sollen selbst bestimmen.
Sie sollen sich entwickeln können.
Es gibt eine andere Sicht-Weise.
Sicht-Weise bedeutet: Wie ein Mensch etwas sieht.
Jeder hat seine eigene Meinung.
Sie heißt Post-Humanismus.
Post-Humanismus bedeutet: Nicht nur Menschen sind wichtig.
Auch Tiere und die Natur sind wichtig.
Die Forscherin Rosi Braidotti erklärt das.
Menschen sind nicht das Wichtigste.
Sie sind Teil von vielen Prozessen.
Prozess bedeutet: Abläufe von Arbeiten.
Ein Prozess hat mehrere Schritte.
Die Schritte kommen nach-einander.
Technik und Wirtschaft sind auch wichtig.
In Werk-Stätten sieht man beide Sicht-Weisen.
Humanismus sagt: Der Mensch ist wichtig.
Post-Humanismus sagt: Auch andere Dinge sind wichtig.
Zum Beispiel Geld verdienen.
Und Termine ein-halten.
Eine Lösung gibt es nicht sofort.
Aber man kann beide Ideen nutzen.
Menschen sind wichtig.
Aber auch Technik und Wirtschaft.
Computer können helfen.
Sie können Arbeits-Plätze weg-nehmen.
Aber sie können auch helfen.
Zum Beispiel mit Sprach-Computern.
Oder mit Hilfs-Programmen.
Menschen können neue Fähigkeiten lernen.
So können Werk-Stätten besser werden.
Geld verdienen und Menschen helfen.
Das muss kein Gegensatz sein.
Gegensatz bedeutet: Das Gegen-Teil von etwas.
Wie heiß und kalt.
Man kann beides schaffen.

Foto: ht
Saarbrücken (kobinet) Durch seine Forschung im INCLUREG-Projekt ist Dr. phil. Stephan Schmider häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung unterwegs. Er führte dort Interviews mit den Beschäftigten, stellte Fragen und analysierte diese im Anschluss daran. So lernte er viele Menschen mit Behinderung in ihrer direkten Arbeitsumgebung kennen. Seine Eindrücke und Ansätze zur Verbesserung der Situation schildert er in einem Beitrag für die kobinet-nachrichten.
Zwischen Auftrag und Abgabe – Werkstätten im Spannungsfeld von Inklusion, Ökonomie und Technologie
Beitrag von Dr. phil. Stephan Schmider
Durch meine Forschung im INCLUREG-Projekt bin ich häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung unterwegs. Ich führe dort Interviews mit den Beschäftigten, stelle Fragen und analysiere diese im Anschluss daran. So lerne ich viele Menschen mit Behinderung in ihrer direkten Arbeitsumgebung kennen. Meist ist die Stimmung herzlich und zufriedenstellend, die Mitarbeiter heben häufig hervor, dass ihnen das soziale Miteinander besonders wichtig ist. Dies ist auch eine wichtige Erkenntnis, die ich aus den bisherigen Interviews schließen konnte. Jeder kennt hier jeden und es wird nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt und vor allem sich gegenseitig unterstützt.
Und trotzdem liegt über diesen Orten eine gewisse Spannung, die man nicht auf den ersten Blick sieht aber häufig implizit spüren kann.
Die Werkstätten haben zwei große Aufträge. Der eine ist ethisch und politisch verankert: Menschen mit Behinderung sollen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, wie es auch die UN-Behindertenrechtskonvention festlegt und gerne umgesetzt hätte. Es ist ein Menschenrecht, nicht nur arbeiten zu dürfen, sondern auch unter fairen Bedingungen und mit vollem Lohn und das möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Der andere Auftrag ist wirtschaftlich: Die Werkstätten müssen Aufträge erfüllen, Fristen einhalten, Produkte pünktlich ausliefern. Sie stehen quasi im normalen ökonomischen Wettbewerb und müssen um jeden Kunden kämpfen. Und dafür brauchen sie vor allem eins: gute, verlässliche Arbeitskräfte.
Genau hier beginnt das Dilemma, in dem sie stecken. Die „besten“ Beschäftigten sind häufig genau die, die theoretisch die besten Chancen hätten, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Doch wenn sie gehen, fehlen sie in der Produktion. Es ist wie bei einem Fußballteam, das seine besten Spieler gleichzeitig ins Ausland schicken soll, um dort neue Chancen zu suchen, und dann trotzdem in der heimischen Liga bestehen muss.
Ich verstehe beide Seiten. Aus Sicht der Werkstätten ist es einfach ein Überlebensproblem: Firmenkunden erwarten pünktliche Lieferungen und gute Qualität. Wenn die nicht eingehalten werden, drohen Auftragsverluste und wirtschaftliche Einbußen, was sich wiederrum negativ auf die Ausstattung der Werkstätten auswirkt. Aus Sicht der Beschäftigten, und im Sinne der UN-Konvention, ist es jedoch frustrierend, dass sie in Deutschland in einem „arbeitnehmerähnlichen“ Verhältnis arbeiten, oft für nur etwa 200 Euro im Monat. Das ist kein wirklich fairer Lohn, sondern eher ein Taschengeld, was durch andere Sozialleistungen aufgefüllt werden muss, um überleben zu können.
Und der allgemeine Arbeitsmarkt? Dort warten zwar höhere Löhne, aber auch mehr Leistungsdruck, weniger Rücksichtnahme und häufig weniger soziale Sicherheit. Viele, die den Schritt wagen, kehren nach kurzer Zeit wieder zurück. Nicht, weil sie „versagt“ hätten, sondern weil das System außerhalb nicht für sie gemacht ist.
Die Werkstätten stecken also in einem strukturellen Widerspruch fest: Sie sollen Brücken bauen in einen Arbeitsmarkt, der diese Menschen oft nicht wirklich will, und dabei selbst wirtschaftlich stabil bleiben.
Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen oder sozialpolitischen Argumenten erklären. Es berührt meiner Meinung nach ein tief liegendes Thema, welches philosophisch-kulturell erklärt werden muss: das humanistische Menschenbild, das unserem Handeln und Denken implizit immer zugrunde liegt.
Der Humanismus, der unsere demokratische, westliche Welt prägt, stellt den Menschen als autonomes und selbstbestimmtes Wesen in den Mittelpunkt. Bildung, Teilhabe und persönliche Entfaltung sind hierbei nicht nur individuelle Rechte, sondern Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft. Dieses vor allem durch Wilhelm von Humboldt geprägte Menschenbild beeinflusst seit Jahrzehnten auch die Soziale Arbeit in Werkstätten für Menschen mit Behinderung maßgeblich: Sie sollen mehr sein als Orte der Beschäftigung, nämlich Räume, in denen Persönlichkeiten entwickelt und gebildet werden. Eine sinnvolle und wahrlich humanistische Idee!
Der moderne Posthumanismus im Gegensatz hierzu, wie ihn etwa die Philosophin Rosi Braidotti formuliert, löst diese zentrale Fokussierung auf den Menschen mittlerweile auf. Sie versteht den Menschen nicht länger als Mittelpunkt allen Seins, sondern als Teil eines komplexen Geflechts aus technischen, ökonomischen und machtverwobenen Prozessen. Damit stellt sich auch die Frage, ob Werte wie Würde und Selbstbestimmung tatsächlich universelle Konstanten sind oder lediglich kulturell geprägte Konstrukte. Der Posthumanismus begreift den Menschen also nicht länger als Mittelpunkt allen Seins, sondern als Konstrukt gesellschaftlicher Verknüpfungen. Dieses Spannungsfeld kann auf viele Bereiche der Gesellschaft übertragen werden. Deutlich wird es vor allem in Bereichen wie der sozialen Arbeit, welche stark durch humanistische Ideen geprägt sind.
In der Praxis sozialer Einrichtungen kann auch die posthumanistische Perspektive fruchtbar sein, wenn sie den Blick für Abhängigkeiten, Umweltbezüge oder technologische Möglichkeiten öffnet. Sie birgt aber gleichzeitig auch die Gefahr, dass der individuelle Mensch im Konstrukt funktionaler Abläufe unsichtbar wird, zum Beispiel wenn ökonomische Zwänge den Blick auf die Person verstellen. Dies geschieht meiner Meinung nach in vielen Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Man ist stets im erläuterten Spannungsfeld gefangen und muss schauen wie man am besten damit umgeht.
Aus humanistischer Sicht ist das ein Problem: Der individuelle Mensch, sein Recht auf Entwicklung und Teilhabe, müsste Vorrang haben. Aus posthumanistischer Sicht wird jedoch sichtbar, dass die Werkstatt Teil eines Geflechts aus Marktlogik, Produktionsfristen und institutionellen Rahmenbedingungen ist; ein System also, welches gut gemeinte Absichten in strukturelle Dilemmata verstrickt.
Eine endgültige Auflösung des Spannungsfelds zwischen wirtschaftlichem Druck und Inklusionsauftrag wird es vermutlich in naher Zukunft nicht geben. Doch ein möglicher Weg liegt darin, die Stärken beider Denkansätze zu verbinden: den humanistischen Fokus auf die Würde, Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten jedes Einzelnen, und den posthumanistischen Blick auf die komplexen technischen, ökonomischen und organisatorischen Verflechtungen, in denen sich Werkstätten befinden.
Gerade vor diesem Hintergrund kann auch die Digitalisierung Teil der Lösung sein. Sie birgt Risiken, etwa wenn Automatisierung oder KI einfache Tätigkeiten verdrängen und so Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig eröffnet sie aber auch neue Chancen: Assistenzsysteme, sprach- oder blickgesteuerte Geräte, VR-Brillen für Training und Orientierungshilfen oder barrierefreie Informationssysteme können Zugänge schaffen, die ohne Technik verschlossen blieben. Wenn solche Technologien nicht rein wirtschaftlich, d.h. als Kosteneinsparung, sondern gezielt zur Erweiterung von Teilhabemöglichkeiten eingesetzt werden, können sie helfen, das Dilemma abzumildern: Sie erhöhen die Produktivität und halten den Menschen im Blick. Sie können, richtig eingesetzt, Freiräume kreieren, in denen Beschäftigte Fähigkeiten entwickeln können, die auch außerhalb der Werkstatt relevant sind. Somit fördern sie den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt und behalten das Menschliche dennoch im Fokus.
So könnte die Werkstatt der Zukunft zu einem Ort werden, an dem wirtschaftliche Anforderungen und individuelle Entwicklung keine Gegensätze sind, sondern in einer bewusst gestalteten Balance stehen. Man könnte sich bewusst auf die Werte des Humanismus stützen und gleichzeitig die analytische Schärfe des Posthumanismus nutzen, um reflektiert über die Nutzung digitaler Potenziale nachzudenken.

Foto: ht
Saarbrücken (kobinet) Durch seine Forschung im INCLUREG-Projekt ist Dr. phil. Stephan Schmider häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung unterwegs. Er führte dort Interviews mit den Beschäftigten, stellte Fragen und analysierte diese im Anschluss daran. So lernte er viele Menschen mit Behinderung in ihrer direkten Arbeitsumgebung kennen. Seine Eindrücke und Ansätze zur Verbesserung der Situation schildert er in einem Beitrag für die kobinet-nachrichten.
Zwischen Auftrag und Abgabe – Werkstätten im Spannungsfeld von Inklusion, Ökonomie und Technologie
Beitrag von Dr. phil. Stephan Schmider
Durch meine Forschung im INCLUREG-Projekt bin ich häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung unterwegs. Ich führe dort Interviews mit den Beschäftigten, stelle Fragen und analysiere diese im Anschluss daran. So lerne ich viele Menschen mit Behinderung in ihrer direkten Arbeitsumgebung kennen. Meist ist die Stimmung herzlich und zufriedenstellend, die Mitarbeiter heben häufig hervor, dass ihnen das soziale Miteinander besonders wichtig ist. Dies ist auch eine wichtige Erkenntnis, die ich aus den bisherigen Interviews schließen konnte. Jeder kennt hier jeden und es wird nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt und vor allem sich gegenseitig unterstützt.
Und trotzdem liegt über diesen Orten eine gewisse Spannung, die man nicht auf den ersten Blick sieht aber häufig implizit spüren kann.
Die Werkstätten haben zwei große Aufträge. Der eine ist ethisch und politisch verankert: Menschen mit Behinderung sollen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, wie es auch die UN-Behindertenrechtskonvention festlegt und gerne umgesetzt hätte. Es ist ein Menschenrecht, nicht nur arbeiten zu dürfen, sondern auch unter fairen Bedingungen und mit vollem Lohn und das möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Der andere Auftrag ist wirtschaftlich: Die Werkstätten müssen Aufträge erfüllen, Fristen einhalten, Produkte pünktlich ausliefern. Sie stehen quasi im normalen ökonomischen Wettbewerb und müssen um jeden Kunden kämpfen. Und dafür brauchen sie vor allem eins: gute, verlässliche Arbeitskräfte.
Genau hier beginnt das Dilemma, in dem sie stecken. Die „besten“ Beschäftigten sind häufig genau die, die theoretisch die besten Chancen hätten, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Doch wenn sie gehen, fehlen sie in der Produktion. Es ist wie bei einem Fußballteam, das seine besten Spieler gleichzeitig ins Ausland schicken soll, um dort neue Chancen zu suchen, und dann trotzdem in der heimischen Liga bestehen muss.
Ich verstehe beide Seiten. Aus Sicht der Werkstätten ist es einfach ein Überlebensproblem: Firmenkunden erwarten pünktliche Lieferungen und gute Qualität. Wenn die nicht eingehalten werden, drohen Auftragsverluste und wirtschaftliche Einbußen, was sich wiederrum negativ auf die Ausstattung der Werkstätten auswirkt. Aus Sicht der Beschäftigten, und im Sinne der UN-Konvention, ist es jedoch frustrierend, dass sie in Deutschland in einem „arbeitnehmerähnlichen“ Verhältnis arbeiten, oft für nur etwa 200 Euro im Monat. Das ist kein wirklich fairer Lohn, sondern eher ein Taschengeld, was durch andere Sozialleistungen aufgefüllt werden muss, um überleben zu können.
Und der allgemeine Arbeitsmarkt? Dort warten zwar höhere Löhne, aber auch mehr Leistungsdruck, weniger Rücksichtnahme und häufig weniger soziale Sicherheit. Viele, die den Schritt wagen, kehren nach kurzer Zeit wieder zurück. Nicht, weil sie „versagt“ hätten, sondern weil das System außerhalb nicht für sie gemacht ist.
Die Werkstätten stecken also in einem strukturellen Widerspruch fest: Sie sollen Brücken bauen in einen Arbeitsmarkt, der diese Menschen oft nicht wirklich will, und dabei selbst wirtschaftlich stabil bleiben.
Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen oder sozialpolitischen Argumenten erklären. Es berührt meiner Meinung nach ein tief liegendes Thema, welches philosophisch-kulturell erklärt werden muss: das humanistische Menschenbild, das unserem Handeln und Denken implizit immer zugrunde liegt.
Der Humanismus, der unsere demokratische, westliche Welt prägt, stellt den Menschen als autonomes und selbstbestimmtes Wesen in den Mittelpunkt. Bildung, Teilhabe und persönliche Entfaltung sind hierbei nicht nur individuelle Rechte, sondern Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft. Dieses vor allem durch Wilhelm von Humboldt geprägte Menschenbild beeinflusst seit Jahrzehnten auch die Soziale Arbeit in Werkstätten für Menschen mit Behinderung maßgeblich: Sie sollen mehr sein als Orte der Beschäftigung, nämlich Räume, in denen Persönlichkeiten entwickelt und gebildet werden. Eine sinnvolle und wahrlich humanistische Idee!
Der moderne Posthumanismus im Gegensatz hierzu, wie ihn etwa die Philosophin Rosi Braidotti formuliert, löst diese zentrale Fokussierung auf den Menschen mittlerweile auf. Sie versteht den Menschen nicht länger als Mittelpunkt allen Seins, sondern als Teil eines komplexen Geflechts aus technischen, ökonomischen und machtverwobenen Prozessen. Damit stellt sich auch die Frage, ob Werte wie Würde und Selbstbestimmung tatsächlich universelle Konstanten sind oder lediglich kulturell geprägte Konstrukte. Der Posthumanismus begreift den Menschen also nicht länger als Mittelpunkt allen Seins, sondern als Konstrukt gesellschaftlicher Verknüpfungen. Dieses Spannungsfeld kann auf viele Bereiche der Gesellschaft übertragen werden. Deutlich wird es vor allem in Bereichen wie der sozialen Arbeit, welche stark durch humanistische Ideen geprägt sind.
In der Praxis sozialer Einrichtungen kann auch die posthumanistische Perspektive fruchtbar sein, wenn sie den Blick für Abhängigkeiten, Umweltbezüge oder technologische Möglichkeiten öffnet. Sie birgt aber gleichzeitig auch die Gefahr, dass der individuelle Mensch im Konstrukt funktionaler Abläufe unsichtbar wird, zum Beispiel wenn ökonomische Zwänge den Blick auf die Person verstellen. Dies geschieht meiner Meinung nach in vielen Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Man ist stets im erläuterten Spannungsfeld gefangen und muss schauen wie man am besten damit umgeht.
Aus humanistischer Sicht ist das ein Problem: Der individuelle Mensch, sein Recht auf Entwicklung und Teilhabe, müsste Vorrang haben. Aus posthumanistischer Sicht wird jedoch sichtbar, dass die Werkstatt Teil eines Geflechts aus Marktlogik, Produktionsfristen und institutionellen Rahmenbedingungen ist; ein System also, welches gut gemeinte Absichten in strukturelle Dilemmata verstrickt.
Eine endgültige Auflösung des Spannungsfelds zwischen wirtschaftlichem Druck und Inklusionsauftrag wird es vermutlich in naher Zukunft nicht geben. Doch ein möglicher Weg liegt darin, die Stärken beider Denkansätze zu verbinden: den humanistischen Fokus auf die Würde, Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten jedes Einzelnen, und den posthumanistischen Blick auf die komplexen technischen, ökonomischen und organisatorischen Verflechtungen, in denen sich Werkstätten befinden.
Gerade vor diesem Hintergrund kann auch die Digitalisierung Teil der Lösung sein. Sie birgt Risiken, etwa wenn Automatisierung oder KI einfache Tätigkeiten verdrängen und so Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig eröffnet sie aber auch neue Chancen: Assistenzsysteme, sprach- oder blickgesteuerte Geräte, VR-Brillen für Training und Orientierungshilfen oder barrierefreie Informationssysteme können Zugänge schaffen, die ohne Technik verschlossen blieben. Wenn solche Technologien nicht rein wirtschaftlich, d.h. als Kosteneinsparung, sondern gezielt zur Erweiterung von Teilhabemöglichkeiten eingesetzt werden, können sie helfen, das Dilemma abzumildern: Sie erhöhen die Produktivität und halten den Menschen im Blick. Sie können, richtig eingesetzt, Freiräume kreieren, in denen Beschäftigte Fähigkeiten entwickeln können, die auch außerhalb der Werkstatt relevant sind. Somit fördern sie den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt und behalten das Menschliche dennoch im Fokus.
So könnte die Werkstatt der Zukunft zu einem Ort werden, an dem wirtschaftliche Anforderungen und individuelle Entwicklung keine Gegensätze sind, sondern in einer bewusst gestalteten Balance stehen. Man könnte sich bewusst auf die Werte des Humanismus stützen und gleichzeitig die analytische Schärfe des Posthumanismus nutzen, um reflektiert über die Nutzung digitaler Potenziale nachzudenken.




