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Ein Antikriegshörspiel, 30 Jahre nach Srebrenica

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
Betroffenheit ist zu schwach ausgedrückt für das, was in einem vorgeht, hört man diesen Erzählstimmen zu
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) In Hans-Günther Heidens spannendem Bericht über eine entscheidende Etappe der deutschen Behindertenbewegung, die Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes im Jahr 1994, findet sich die Überschrift "Von Gandhi und Martin Luther King lernen". Was heißt es für Behinderte, sich auf diese Vorbilder zu berufen? Das frage ich mich an dieser Stelle, nicht im speziell behindertenpolitischen Kontext. Sondern im allgemeinpolitischen Zusammenhang der Rückkehr des Themas Krieg auf die politische Agenda. Also in Anbetracht einer uns alle hierzulande betreffenden Kriegsgefahr. Sowie des uns wohl zurecht in Angst und Schrecken versetzenden medialen Anschauungsunterrichts, was die grausame Realität des Krieges für die unmittelbar Betroffenen bedeutet. Eine unmenschliche Realität, vor der uns die Politik bewahren möchte durch Vorbereitung auf sie mittels Aufrüstung und Remilitarisierung. – Wären Gandhi und Martin Luther King da mitgegangen? Nein, nach allem, was wir über sie wissen. Gewaltloser Widerstand war Gandhis Losung und auch die von Martin Luther King, der zusammen mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung energisch gegen den Vietnam-Krieg protestierte.

Sich in behindertenpolitischen Gleichstellungsangelegenheiten, in unserem gruppenspezifischen Eigeninteresse also, „mit Liebe, mit Wahrheit, mit leidenschaftlicher Rationalität und mit militanter Entschlossenheit“ auf „den Geist“ dieser beiden großen Vorbilder berufen, mag legitim sein. Passt nach meinem Dafürhalten jedoch nicht zusammen mit konstantem Schweigen über gegenwärtige Kriege und Kriegsgefahren und die dabei drohende Entmenschlichung auf Seiten aller Beteiligten. Wenn Sehende (anders als ich, ein Erblindeter) sagen, ich kann mir diese Bilder nicht oder nicht nicht länger ansehen – beispielsweise infolge von „Kriegshandlungen“, verhungernde Kinder und Frauen oder Propagandavideos von ausgemergelten Geiseln, die ihr Grab schaufeln –, ich muss da wegschauen und mich mit was anderem beschäftigen, so kann ich es nachempfinden. Dies muss allerdings nicht Schweigen und Verdrängen zur Folge haben.

Erzählen ist eine Form der Konfrontation mit einer an sich unerträglichen Wirklichkeit, die es ermöglicht, sich mit einer solchen Wirklichkeit zu konfrontieren und dennoch standzuhalten. – Ein Antikriegshörspiel nannte die Sprecherin beim Deutschlandfunk das Hörspiel „Ich zählte meine Leben nur noch in Sekunden“. Ein Theaterstück am Hamburger Thalia-Theater liegt ihm zugrunde. Es erzählen drei reale, historisch verbürgte Zeitzeugen bzw. Beteiligte. Die Stimme eines überlebenden Opfers der Massenerschießungen, die eines der unmittelbar an der Ausführung des Verbrechens beteiligten Täter und die Stimme eines der holländischen „UN-Blauhelme“, die das genozidale Massaker im jugoslawischen Bürgerkrieg (zwischen Serben und Bosniaken) hätten verhindern sollen.

https://www.hoerspielundfeature.de/srebrenica-hoerspiel-ueber-das-kriegsverbrechen-von-1995-100.html