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Ich bin Brother Outsider und meine: Viele machen sich Illusionen, was Inklusion angeht

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Porträt Audre Lorde
Audre Lorde (1934-1992), Brother Outsider betrachtet mit den Augen von Sister Outsider, Audre Lorde, was Inklusion faktisch bedeutet.
Foto: Audre Lorde

Berlin (kobinet) Die kobinet-Nachrichten diskutieren, was Inklusion eigentlich ist. Milewski weist der "Aktion Mensch" und anderen nach, wo sie mit ihrer Auffassung von Inklusion falsch liegen. Dies wird dann wieder kommentiert und auf diesem Weg Irriges über Inklusion ausgeräumt. Trotzdem glaube ich, bleibt ein Grundirrtum über Inklusion bestehen. Auf den will ich aufmerksam machen an den Erfahrungen der Bürgerrechtsbewegung in USA und der schwarzen Feministin Audre Lorde.

„Separate but equal“ ähnlich wie Inklusion per Sonderwelten

Wenn die „Aktion Mensch“ und sonstige Träger der Wohlfahrt- und Behindertenhilfe Sondereinrichtungen wie Werkstätten als gelungene Inklusion verkaufen, gibt es dafür in Amerika nach der Sklavenbefreiung bis in das Jahrzehnt um 1960 eine interessante Parallele. Ein paar Geschichtsdaten muss ich vorausschicken. 1863 erfolgte die Emanzipationsproklamation mit der die Sklavenhaltung in den Südstaaten abgeschafft wurde und der amerikanische Bürgerkrieg losging. 1865, nach der Kriegswende zugunsten des Nordens, wurde der 13. Zusatzartikel zur Verfassung verabschiedet, der die Sklavenemanzipation, also die Befreiung der Schwarzen, als ein allgemeines Prinzip bekräftigt. Weil das nur eine folgerichtige Konsequenz des 1. Satzes der Unabhängigkeitserklärung (Decleration of Independence) ist, „all men are created equal“. Allerdings scheitert die Umsetzung, faktisch wird den befreiten Sklaven die staatsbürgerliche Gleichheit und auch z.B. das Wahlrecht verwehrt. In der auf den Bürgerkrieg folgenden Wiederaufbauzeit (Reconstruction) sichert sich der besitzbürgerliche Liberalismus der weißen Mehrheits- und Dominanzgesellschaft seine Vorherrschaft. Das Ergebnis hat der schwarze Schriftsteller James Baldwin 1963 treffend in die Worte gefasst, „hundert Jahre Freiheit ohne Gleichheit“.

Statt Gleichheit oder Gleichberechtigung bekamen die „freien“ Schwarzen Rassentrennung bzw. Segregation. Keine Schwarze auf weiße „Regelschulen“, getrennte Sitzplätze für Schwarze in Bussen und Restaurants. Kein Zugang für Schwarze (off limits) zu vielen anderen öffentlichen Orten oder Veranstaltungen. Kommt euch Behinderten das nicht irgendwie bekannt vor? Wohnen in Extravierteln, genannt Ghettos, Besuch spezieller Schulen etc., in der Sprache der „white supremacy“ hieß das zynisch „seperate but equal“. Wo ist der Unterschied zu Inklusion durch Sondereinrichtungen? Wodurch sich die nichtbehinderte Mehrheitsgesellschaft die Behinderten vom Leib hält.

„Latest slave rebellion“ und letzter Krüppelaufstand

1954 erklärte der Supreme Court, das oberste Gericht der USA, die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig. Die weißen Befürworter der schulischen Segregation und anderer „Seperate-but-equal-Rassentrennungsvorschriften“ (aus der rassistischen Jim-Grow-Gesetzgebungszeit) leisteten hinhaltenden Widerstand. Erst mit dem Protest und unter dem Druck der Bürgerrechtsbewegung, angeführt von Martin Luther King, kam etwas in Bewegung und die Regierung Johnson verabschiedete 1965 die Bürgerrechtsgesetzgebung (den civil rights act und den voting right act). An den elenden, ghettoisierten Lebensverhältnissen der schwarzen Bevölkerung und ihrer diskriminierenden Behandlung seitens der Weißen hat sich aber zuerst kaum etwas und dann bis heute immer nur zäh etwas geändert oder verbessert. Die Zustände, rassistische Polizeigewalt etc., auf die die „Black Lives Matters Bewegung“ reagiert, sind der Beweis dafür. Die staatsbürgerliche Gleichbehandlung und Gleichstellung stehen vielfach noch immer bloß auf dem Papier.

James Baldwin soll die Bürgerrechtsbewegung einmal als „latest slave rebellion“ charakterisiert haben. Weil ihre Anhänger und Aktivistinnen tatsächlich noch als teilweise Unfreie und Ungleiche im Verhältnis zu den Weißen um ihre Rechte und Teilhabe gekämpft haben. Dabei fällt mir schon wieder die Ähnlichkeit zur Krüppelbewegung in Deutschland nach 1970 auf. Da auch nach Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention, in der den Behinderten Inklusion durch „Deinstitutionalisierung“ zugesichert wird, bei uns zahlreiche Sondereinrichtungen fortbestehen, könnte man die dagegen protestierende Behindertenbewegung von heute als letzten Krüppelaufstand bezeichnen. Der sein Ziel erreicht hätte und beendet wäre mit der Abschaffung aller Sonderwelten und dem Abbau der Barrieren beim Zugang zu allen möglichen privaten und öffentlichen Einrichtungen und Angeboten.

Wo stehen wir, wenn das Inklusionsziel im Sinne der UN-BRK verwirklicht ist?

Ich vermute, dass wenn Milewski und andere von „echter Inklusion“ sprechen, sie den Zustand meinen, wenn die UN-BRK in gesellschaftliche Wirklichkeit umgesetzt sein wird. Dann sind die Behinderten ohne nennenswerten Unterschiede zu den Nichtbehinderten Teil dieser Gesellschaft. Teil, der um die Wirtschaft, den „ersten Arbeitsmarkt“ wie um eine Kultstätte organisierten neoliberalen Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft. Um in diesem „Haifischbecken“ (wie Weis sehr zugespitzt formuliert hat), mithalten zu können, müssen Behinderte sich doppelt und dreifach anstrengen, um ihre behindertenbedingten Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Karriere machen, zu den Siegern oder Gewinnern zu gehören, gelingt sowieso nur wenigen, die Masse wird auf die Plätze verwiesen, landet auf Seiten der Verlierer und etliche fliegen ganz raus aus dem Spiel.

Nach Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetzgebung in USA und damit der formalen Absegnung der Farbigen-Inklusion (anlog der Behinderten-Inklusion durch die UN-BRK) hinderte die Schwarzen im Prinzip niemand mehr daran, auch für sich den amerikanischen Traum, etwa „vom Tellerwäscher zum Millionär“, zu verfolgen und zu verwirklichen. Herausgekommen in der Realität ist eine ins kapitalistische System integrierte „schwarze Bourgeoisie“ und das Proletariat der gesellschaftlich marginalisierten Mehrheit der Schwarzen. Auf etwas ähnliches liefe wahrscheinlich auch die neoliberal voll und ganz verwirklichte Behinderteninklusion hinaus, einigen wenigen Behinderten gelingt es, sich nach oben zu boxen, eine führende Position in einem Verband oder einer politischen Organisation zu erringen, mediale Prominenz zu erlangen. Während die große Mehrzahl von ihnen sich im täglichen Überlebenskampf verausgabt und erschöpft.

Darüber wird unter Behinderten nicht oder viel zu wenig gesprochen. Innerhalb des behindertenpolitischen Aktivismus, besonders wenn die Betreffenden ein politisches Amt begleiten (z.B. Behindertenbeauftragte), fixieren sich viele aufs Fit Machen für den allgemeinen Arbeitsmarkt und reden sich die Aussicht schön. Daher wundert es mich nicht, dass sich so viele Behinderte Illusionen machen, was Inklusion angeht. Anstatt sich ohne Scheuklappen mit der Realität zu konfrontieren und zu erkennen, dass auch weiterer Barrierenabbau „echter Inklusion“ nicht näherbringt. Diese durchwachsene und als unbefriedigend empfundene Zustand ist eben das, was in diesem System an Teilhabe und Gleichstellung drin ist. So sieht Inklusion in den Neoliberalismus aus. Das war es an Inklusion und diese notwendige Ernüchterung fasst Weis in den Ausdruck „After Inclusion“.

Auch Behinderte können endlich ungehindert, wenn sie wollen, ihre Haut zu Markte tragen. Oder wie ich mir vorstelle, dass Sister Outsider, Audre Lorde, die Frage nach der Inklusion im Kapitalismus beantworten würde: Alle finden Platz im „Rachen des Ungeheuers“ und niemand wird wegen seiner Behinderung ausgespuckt. Alle werden zwischen den Kauwerkzeugen zermahlen und anschließend im Magen des Monsters verdaut. Fast alle, denn einige wenige erobern, verdienen sich einen Sonderplatz, indem sie selber zu einem Kauwerkzeug werden und durch diese privilegierte Funktion sich noch inklusiver fühlen und stärker mit dem System identifizieren.

Die Meinung von Brother Outsider, der sich keine Illusionen macht.

Lesermeinungen

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6 Lesermeinungen
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Ralph Milewski
30.06.2025 14:30

Jo Bro!

Ich bin Ralph Milewski – eine reale, recherchierbare Person.

Ich schreibe nicht anonym, sondern stehe mit meinem Namen für das, was ich sage. Wer meine Beiträge einordnen will, findet öffentlich zugängliche Informationen über meine Arbeit, meine Perspektive und meinen Hintergrund.

Das unterscheidet mich von jenen, die aus sicherer Deckung heraus Meinungen veröffentlichen – und dabei vielleicht sogar noch auf eine Reaktion hoffen oder einen Diskurs erwarten.

Stephan Laux
29.06.2025 20:23

Um diesen fantastischen Artikel zu vertiefen, empfehle ich Ihnen noch folgende sozialwissenschaftliche Übung:
Servieren Sie auf Ihrer nächsten repräsentativen Feier oder Party dann, wenn die Stimmung sich auf dem vermeintlichen Höhepunkt befindet, ein Portion Schaumküsse. Achten Sie auf die Reaktionen Ihrer Gäste. Zählen Sie dann langsam in Gedanken von 5 aus rückwärts: 5,4,3,2,1,0.

·       „Das Wort ist einfach in meinem Sprachgebrauch verankert“

·       „Zigeunerschnitzel darf man auch nicht mehr sagen!“

·       Irgendeine Geschichte von übertriebenen Diskussionen, wegen kultureller Aneignung

·       „Ich weigere mich (zumindest in bestimmten Kontexten) zu gendern“

·       „Haben wir nicht größere Probleme in Deutschland?“

·       „…LBDGQ oder wie das heißt…“

Haben Sie ein paar dieser Reaktionen sinngemäß wahrgenommen? Garantiert!
So können Sie feststellen, wie tief verwurzelt rassistische Tendenzen, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft (würde Ralph Milewski sagen) sind.
Vielleicht hilft auch diese Kolumne: https://kbnt.org/seghnp9
Beste Grüße
einer „und anderen“
Stephan Laux

Zuletzt bearbeitet am 1 Jahr zuvor von Stephan Laux
Max Wagner
27.06.2025 13:04

Es waren tatsächlich die Republikaner, die für die Abschaffung der Sklaverei gekämpft haben. Und die Demokraten für deren Beibehaltung. Die ersten schwarzen Kongressabgeordneten und Senatsmitglieder waren auch alles Republikaner.
Aber mal etwas anderes, welcher Arbeitsmarkt ist eigentlich inklusiver. Der von Deutschland, oder der von Papua-Neuguinea?

Silvia Hauser
Antwort auf  Max Wagner
28.06.2025 17:42

Gut möglich, dass der deutsche Arbeitsmarkt inklusiver als der von Papua-Neuguinea ist. Keine Ahnung. Aber seit wann ist Papua-Neuguinea unser Vergleichsmaßstab? Von einem postcolonial point of view aus bekommt der Vergleich außerdem eine rassistische Schlagseite.
Gruß Hans-Willi Weis

Max Wagner
Antwort auf  Silvia Hauser
01.07.2025 12:51

Ich würde eher schätzen, dass der Arbeitsmarkt in Papua-Neuguinea inklusiver ist, weil es dort weniger Sonderstrukturen gibt. Aber ich bezweifele, dass es den Menschen dort besser geht.

Stephan Laux
Antwort auf  Max Wagner
29.06.2025 20:27

Papua – Neuguinea! https://kbnt.org/sbikmvx