
Foto: Stephan Laux
Villmar - Weyer (kobinet) Der Begriff wird inflationär benutzt. Niemand, der sich behindertenpolitisch äußern möchte, kommt um ihn herum. Verkommt der Begriff zu einer Art Modewort, so ähnlich wie die kleine Schwester der Inklusion, die Empathie? Darum sorgt sich Stephan Laux anlässlich des 25. Jahrestages der Umbenennung der Aktion Sorgenkind in Aktion Mensch in seiner neuen Kolumne.
Vor dem 1. März 2000, als die Aktion Mensch noch Aktion Sorgenkind hieß, war der Begriff Inklusion im sozialpolitischen Kontext wenig präsent. Damals gab es Wum und Wendelin und Wim Thoelke. Die Werkstätten für behinderte Menschen hießen „Beschützende oder Reha-Werkstätten“.
Ab 2006, als die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat, muss dann wohl die Aktion Mensch auf die Idee gekommen sein, sich inoffiziell „die Rechte am Begriff Inklusion zu sichern“. Denn seitdem scheint sie die Deutungshoheit darüber zu haben. Wenn man das Internet mit der Definition beauftragt, werden einem bevorzugt Ergebnisse des Vereins angezeigt.
Würde mich jemand nach dem Stand der Inklusion in Deutschland fragen, käme ich in Verlegenheit. Ich höre und lese von etlichen Projekten, die sich als inklusiv bezeichnen oder die angeblich die Inklusion in Deutschland fördern. Was das genau meint und wer für sich in Anspruch nimmt, Förderer der Inklusion in Deutschland zu sein, macht die Widersprüchlichkeit der real existierenden Inklusion deutlich.
Wenn also die Aktion Mensch die Deutungshoheit des Begriffes für sich beansprucht, dann wäre die Inklusion in Deutschland ein auf Almosen basierendes System. Abhängig von der Spendenbereitschaft (oder Glücksspielsucht) wohlwollender Teile der Gesellschaft.
Sicher profitiert auch die Lebenshilfe von der Aktion Mensch. Volkswirtschaftlich würde die Lebenshilfe vielleicht als einer der „Big – Player“ im Inklusionsgeschäft gelten. Sie ist jedenfalls die größte Interessengemeinschaft im Bereich der Behindertenhilfe. Ihr Einsatz, und das meine ich in keiner Weise polemisch oder zynisch, ist geradezu unermüdlich. Und deshalb hätte die Lebenshilfe durchaus das Recht, die Deutungshoheit über die Inklusion für sich zu proklamieren. Aber auch sie ist abhängig vom Wohlwollen gesellschaftlicher und politischer Entscheidungsträger. Und sie muss diesen sogar entgegenkommen, um beim Thema Inklusion minimale Erfolge zu erzielen. Um z.B. sogenannte Inklusionsbetriebe zur Kooperation zu bewegen, wirbt sie mit der Einsparung der Ausgleichsabgabe und bietet den potenziellen Arbeitgebern auf dem sogenannten 1. Arbeitsmarkt indirekt an, die Lohnnebenkosten zu übernehmen, weil die betreffenden Mitarbeiter*innen offiziell in den Werkstätten für behinderte Menschen angestellt bleiben.
Auch der größte deutsche Sozialverband VDK könnte für sich in Anspruch nehmen, einer der Hauptdarsteller in Sachen Inklusion zu sein. Ihn eint allerdings mit vielen anderen Darstellern das Feiern von Ereignissen und Veranstaltungen wie den Paralympics und Special Olympics als inklusive Events. Was Ralph Milewski nicht nur in seinem letzten Beitrag nun aber eindeutig widerlegt hat.
Die Darsteller im (Entschuldigung) „Inklusionstheater“ eint auch die Aussage, dass Inklusion ein schwieriger und langwieriger Prozess ist. Eine Aussage, die wir seit der Erfindung des Begriffes hören und hinnehmen. Seit diesem Zeitpunkt haben wir uns immer weiter von der eigentlichen Bedeutung der gleichberechtigten Teilhabe an allen politischen und gesellschaftlichen Prozessen und Entscheidungen entfernt. Wir sind weiter denn je davon entfernt, behinderte Menschen nicht als Randgruppe oder Minderheit, sondern als Teil der Gesellschaft zu begreifen. Inklusion ist immer noch ein an Bedingungen geknüpftes Zugeständnis und keine gesellschaftliche und politische Haltung.
Die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland lässt befürchten, dass sich die Falschen der Definition von Inklusion annehmen und im schlimmsten Fall das Projekt für gescheitert erklären. Um dann auf alte Strukturen, wie bestimmte Sondereinrichtungen zurückzugreifen, von denen noch zu viele vorhanden sind.
Deshalb ist es unabdingbar, dass Betroffene selbst die Deutungshoheit über die Inklusion zurückgewinnen. Inklusion ist nämlich so individuell wie die Betroffenen selbst und daher unmittelbar mit dem Begriff Selbstbestimmung verbunden. Jeder Mensch sollte für sich selbst entscheiden können oder in die Lage versetzt werden, wie er wo inkludiert werden will und wo er die Teilhabe verweigert.
Sonst wird die Inklusion wieder zu einem echten Sorgenkind!
Stephan Laux, März 2025





Hallo Stephan,
Du musst dich nicht entschuldigen für den Ausdruck „Inklusionstheater“. Außerdem: Der bevorstehenden Krieg wird das Inklsionstheater beenden. Er lässt Inklusion Wirklichkeit werden, sein massenhaftes Töten und Sterben schießt die Behinderten nicht aus.
Gruß Hans-Willi
Ist die Aktion Mensch nicht die Beschäftigungstherapie für Nicht-Behinderte, die immer das Richtige wollen? Natürlich exzellent bezahlt. Aber ich verrate ihnen kein Geheminis: Die Aktion Mensch hat ihren guten Ruf vor allem bei Nicht-Behinderten, es kümmert sie relativ wenig, ob Behinderte sie kritisieren oder nicht. Hat nicht neutlich jemand geschrieben, dass sie sich das Wohlwollen bzw. Stillschweigen der Verbände durch Fördermittel erkauft?
Haha, das könnte von mir sein. Ist schon komisch, wenn man sagt, dass man mehr Personen mit Behinderung einstellen möchte, aber eine blinde Volontärin gehen lässt, obwohl genügend Arbeit für sie da wäre. Die Aktion Mensch ist eben ein Kind der Integrationszeit wie die Wohlfahrtsverbände, das kann sie nicht ablegen.
Puh ja, aber ist das nicht ein generelles Problem in Deutschland. Wenn ich mir die ganzen Barrierefreiheits-Agenturen in Deutschland anschaue (Anatom5, Tollwerk, DIAS GmbH), die keine einzige Person mit Behinderung beschäftigen, aber so in touch mit ihnen sein wollen, dann glaube ich, dass wir im Prinzip noch im Fürsorgegedanken gefangen sind. Man darf nicht vergessen, dass all die Personen, die in diesen Organisationen Verantwortung tragen in den 70ern und 80ern sozialisiert wurden, das können sie einfach nicht ablegen. Jetzt gibt es wieder ein A11y-Club-Event in würzburg, bei der vermutlich wieder keine behinderte Person als Speaker eingeladen wird, wetten? Und wenn, darf sie nicht als Experte, sondern nur als Betroffene sprechen. Trauriges Beispiel waren die letzten Veranstaltugnen des Rheinwerk-Verlages.