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Sorgenkolumne: Zum „Disability burnout“ – Coming out von Raul Krauthausen

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Hans-Willi Weis mit Telefonhörer und ein Stück Draht in der Hand
Hans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Staufen (kobinet) Mutig von Raul Krauthausen, Deutschlands bekanntestem Behindertenaktivisten, so offen von seiner Erschöpfung und deren persönlichen und gesellschaftlichen Ursachen zu sprechen. Sein Bekenntnis im Newsletter der Neuen Norm hat mich betroffen gemacht, traurig und ratlos. Ratlos, weil ich nicht mehr als meinen Wunsch zum Ausdruck bringen kann, er möge sich ausruhen und erholen und es möge ihm anschließend wieder besser gehen. – Gedanklich ist mir beim Lesen seiner Worte noch so einiges durch den Kopf gegangen, das mitzuteilen an dieser Stelle nicht der geeignete Ort ist. Daher hier in diesem Zusammenhang nur drei gedankliche Assoziationen.

Menschliche Winterkälte

Unter dieser Überschrift erschien im letzten Jahr in den kobinet Nachrichten ein für mich beeindruckender Text von Nicoletta Rapetti, einer sehbehinderte Aktivistin.
https://kobinet-nachrichten.org/2023/12/06/menschliche-winterkaelte-ansichten-vom-rande-der-norm/ Ihre Metapher von der „menschlichen Winterkälte“ spielt auf das Atmosphärische einer Gesellschaft an, deren Mitglieder untereinander einen verzweifelten, psychisch und physisch ruinösen Kampf um Anerkennung führen. Eine Wettbewerbsgesellschaft, aus deren gnadenloser Raserei, sich individuell und kollektiv „nach vorne zu bringen“, sich nach oben und an die Spitze zu arbeiten, eine kleine Zahl an Gewinnern und eine unübersehbare Anzahl von Verlierern hervorgeht. Leider sind auch die Communities der Benachteiligten und Marginalisierten nicht frei von dem entsolidarisierenden und letztlich selbstzerstörerischen Verhaltenszwang der Konkurrenz und des Anerkennungskampfes. So dass sich auch in ihrer Mitte „menschliche Winterkälte“ ausbreitet.

Antidepressiva Kontakt und Dialog

Kontakt ist die elementare Basis alles Weiteren. Kontaktstörung oder gar Kontaktabbruch sind Gift für Zusammenhalt und Solidarität innerhalb der Community und schwächen den behinderten-politischen Aktivismus. Zerfall in kleine Zirkel und sich gegeneinander abschottende Echokammern wie ich es derzeit beobachte, sind Alarmzeichen. Dissens in einzelnen Fragen ist alles andere als eine Katastrophe, Streiten verbindet, solange es um ein gemeinsames Anliegen geht. Kontakt, Dialog und interne Streitkultur sind gleichsam ein Tonikum, sie energetisieren. Erschöpfung und Burnout rühren woanders her.

Ein Lob der Schwäche

Kräftezehrend und erschöpfend ist beispielsweise ein überzogener Leistungsanspruch an sich selbst, die zwanghafte Vorstellung, immer und überall stark sein zu müssen. Glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen, schwächt und macht krank. Für uns Behinderte ist das Thema Schwäche, menschliche Fragilität, Verletzlichkeit und Hinfälligkeit auf andere Weise und in erhöhtem Maße existentiell präsent, als dies für die große Mehrzahl nicht behinderter Menschen der Fall ist. Weswegen mir schon einmal die Idee kam, statt nun auch für uns Behinderte allenthalben Stärke, Belastbarkeit und Resilienz zu reklamieren (meinetwegen auch in Kombination mit Assistenz und Rehatechnik), doch gelegentlich ein Lob der Schwäche anzustimmen. Und zwar vor dem Hintergrund einer auch generellen Schutz- und Schonungsbedürftigkeit alles Lebendigen. Worüber die neoliberale Raubbaugesellschaft an so vielen Stellen rücksichtslos hinweggeht. Es ist nur menschlich, sich die eigene Schwäche einzugestehen und auch öffentlich zu ihr zu stehen, sich stets
seiner Stärke zu rühmen und sie aller Orten als Vorteil auszuspielen, erscheint mir tendenziell unmenschlich.

P.S. Hier nochmals meine eine Weile zurückliegende freundliche Erwiderung auf Krauthausens Beitrag „Ich bin müde“, indem es um frustrierende Erfahrungen in und mit Social Media geht und um die Frage nach alternativen Begegnungsmöglichkeiten.
https://kobinet-nachrichten.org/2024/01/29/raul-krauthausen-ist-muede-und-verfasst-einen-appell-und-ich-habe-ein-paar-fragen-an-ihn/

Lesermeinungen

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Johanne van der med
20.11.2024 12:13

Ich sehe allerdings ein Problem in der Über-Präsenz von Krauthausen: Barrierefreiheit bei der Schule, am Arbeitsplatz, im Museum, überall steht Krauthausen auf dem Programm, als ob er sich da überall auskennen würde (das tut niemand) und der Einzige wäre, der dazu aussagen kann. Das ist ja nicht der Fall: Stattdessen könnte man auch andere Expert*Innen dazu sprechen lassen, die es ausreichend gibt. In diesem Fall nimmt er anderen behinderten Menschen die Möglichkeit, sich ebenfalls zu profilieren und ihn zu „entlasten“.

M. Guenter
Antwort auf  Johanne van der med
24.11.2024 19:21

Hmm,
warum sollten Neurotiker anders handeln? Neurotiker sind wir alle, auch der Raul….
Sich selbst als Sprachrohr des Abendlandes zu verstehen, ist natürlich anmassend, manche sind gedoch so bescheiden nur Fragen zu stellen, statt jede Antwort zu haben – vielleicht lernt er daraus…