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„Einigkeit und Recht und Frechheit…“ Eine Kolumne über Zerrüttung.

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Foto Flagge Deutschland über dem Reichstagsgebäude im Wind
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Foto: Irina Tischer

Villmar - Weyer (Kobinet)

Villmar - Weyer (Kobinet) In einer seiner letzten Ausgaben stellte ‚DER SPIEGEL‘ in seinem Leitartikel die Frage: "Warum die Ampel (-regierung) nur noch streitet?“

Stephan Laux hat den Artikel nicht gelesen, weil er die Frage mit 3 Buchstaben beantworten konnte (seine Antwort fängt übrigens mit F an und hört mit P auf). Lieber verfasste er eine Kolumne über die Zerrüttung innerhalb der Behindertenszene und der Protagonist*innen, die diese Szene umgibt.



Als ich, Anfang der 80er begann in der Behindertenhilfe tätig zu werden, war ich naiv. (Dieser Satz kommt übrigens in fast jeder meiner Kolumnen, so oder so ähnlich, mindestens ein Mal vor). Diese Naivität hielt, mehr oder weniger intensiv, bis zu Beginn der Corona-Krise an. Bis dahin dachte ich tatsächlich, der Großteil der in der Behindertenhilfe Tätigen bestände aus einem Personenkreis, den über 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Thüringen wohl heute als „links-grün versifftes Bildungsbürgertumsgesocks“ bezeichnen würden. Ich wähnte mich auf der sicheren und richtigen Seite.

Damals konnte man politische Gesinnungen noch an Äußerlichkeiten festmachen. Langhaarige Latzhosen- und Nickelbrillenträger und bunt gewandete Birkenstockträgerinnen waren linke Ökos. Nazis trugen Springerstiefel und hatten eine Glatze. Mit ihnen hatte man im Berufsumfeld der Behindertenhilfe wenig zu tun. Man war sich einig und ein gewisser, fast schon revolutionärer Geist wehte durch die langen Gänge der Sondereinrichtungen.

Ich erinnere mich an einen Einrichtungsleiter, der gegenüber des damaligen Trägers der Einrichtung, dem LWV, Hessen bei fragwürdigen Entscheidungen des Trägers argumentierte, das könne er gegenüber seiner Belegschaft nicht durchsetzen, das würden die nicht mitmachen. Und dann wurde diese Entscheidung zurückgenommen und durch einen aus ebendieser Belegschaft kommenden ersetzt.

Heute erscheinen mir viele Einrichtungen eher als „Erfüllungsgehilfen“ einer äußerst fragwürdigen Umsetzung der UN Behindertenkonvention und des BTHG.

Ebendieser Einrichtungsleiter sagte auch nach der Corona-Pandemie, diese Pandemie sei in Deutschland vor allem auch eine Epidemie der „Vollpfosten“ gewesen. Obwohl es während dieser vollkommen neuen Situation auch viele fragwürdige Entscheidungen von Verantwortlichen in der Politik gegeben hätte, sei doch der Schutz, sogenannter vulnerabler Gruppen, zu denen Menschen mit Behinderungen eindeutig zählen, nun mal oberstes Gebot. Neben der Tragik der Pandemie selbst, sei es tragisch, dass man aus ihr nichts gelernt habe. Z.B. dass Sondereinrichtungen ein willkommener Herd für allerlei Viren und Bakterien seien. Der Einrichtungsleiter wurde 2022 in den Ruhestand versetzt.

Vulnerabel sind Menschen mit Behinderung auch gegenüber politischer Entwicklungen, wie die in Thüringen, in Sachsen und demnächst wohl auch in Brandenburg. Mit diesem Einrichtungsleiter hat die Behindertenhilfe einen Beschützer mehr verloren.

Ich beobachte aktuell in meinem näheren Umfeld, das immer noch aus ehemaligen Kollegen und Kolleginnen besteht oder aus jungen Menschen, die sich für einen Beruf in der Behindertenhilfe entschieden haben, dass jeglicher kritische oder gar revolutionäre Geist, schon im Keim erstickt wird. Die betreffenden Einrichtungen haben keinerlei Interesse an echtem und kritischem Engagement. Sie engagieren auch keine Berater wie mich, die kritische Kolumnen und Bücher schreiben.

Aus einer Gemeinschaft von „links-grün versifften Bildungsbürgertumsgesocks“ ist eine Truppe von „Besitzstandswahrern und Bedenkenträgern“ geworden, die das Feld den neoliberalen Sozialmanagern überlässt.

Auch in der Berater-Fortbildungsszene der Behindertenhilfe scheint eine knallharte, neoliberale Konkurrenz zu herrschen. Von Solidarität ist auch hier wenig zu spüren. Jede und jeder proklamiert für sich, das richtige Rezept und die dazugehörige Literatur erfunden zu haben, wie mit behinderten Menschen umzugehen ist. Ob nun entwicklungsfreundlich, personenzentriert, nach Marte Meo, phänomenologisch oder anthroposophisch. Damit ist eine Menge Geld zu verdienen. Im besten Falle suchen sich Einrichtungen das Beste aller Konzepte und Methoden heraus.

Auch wenn es um die Unternehmenskultur in Einrichtungen der Behindertenhilfe geht, verlassen sich Sondereinrichtungen zunehmend auf Anbieter bzw. Beratungsfirmen, die sich schon in der freien Wirtschaft, etwa bei Siemens oder Bayer profiliert haben. Leitungen in diesen Sondereinrichtungen sind immer öfter Betriebswirtschaftler*innen anstatt Sonderpädog*innen oder Sozialarbeiter*innen. Mittlerweile könnte man meinen, die Behindertenhilfe wird „vom Markt geregelt“ anstatt von engagierten, pädagogisch, fachlich und menschlich kompetenten und solidarischen Mitarbeiter*innen.

Und wie sieht es mit der Solidarität oder der Zerrüttung, innerhalb der Behindertencommunity und deren Aktivistenszene aus? Meine Beobachtungen sind auch hier sicher bzw. hoffentlich nicht repräsentativ. Aber besteht nicht auch bei uns die Gefahr von Kompetenz- und Hierarchiegerangel. Ich kenne Fälle, bei denen Behindertenbeiräte und Aktivisten um die Deutungshoheit von Barrierefreiheit streiten. Darum, wer sich jetzt mehr oder effizienter um Veränderungen in der Region bemüht hat. Wer oder was mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat. Oder auch Fälle, in denen Behindertenbeiräte komplett zerstritten sind und sich gegenüber benachbarten Beiräten oder Aktivisten abgrenzen.

Kann es sein, dass Zerrüttung und Spaltung gerade irgendwie im Trend liegen (weil’s die Regierung gerade vormacht)? Wo doch jetzt Einigkeit (Solidarität) und Recht (UN BRK) und Frechheit (konstruktive Kritik) angesagt wären.

Da machen mir die Kobinet Nachrichten echte Hoffnung!

Nachdem ich Anfang der 80er begann in der Behindertenhilfe tätig zu werden, wähne ich mich endlich wieder auf der sicheren und richtigen Seite!

Danke!

Stephan Laux September 2024

Lesermeinungen

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Heidi Eiselein
08.09.2024 09:38

Danke für das in Erinnerung bringen unserer Nationalhymne…
Ich habe den Eindruck, dass Sondereinrichtungen, Kostenträger und andere Dienstleister Co-Abhängig sein. Der eine kann oder will nicht ohne den anderen.
Mit der UN-BRK und einem Selbstbestimmten Leben hat das allerdings wenig zu tun, den die Sondereinrichtungen bieten ein „Schema F“ an.
Egal ob das meilenweit am Bedarf vorbei geht!
Diese bestehenden Strukturen sind halt bei allen professionellen (?) Akteueren eingefahren und bequem. Man kennt sich und die „Maßnahme“ ist schnell abgewickelt.

Das Menschen, die Strukturen suchen, die Ihren Wünschen, BEdürfnissen und im Rahmen ihrer Fähigkeiten individueller Unterstützung oder Förderung erkämpfen müssen, finde ich von den Behörden sehr kurzfristig gedacht!

Den Hilfe zur Selbsthilfe ist langfristig günstiger als Jahrezehntelange Versorgung der Betroffenen.

Bernd Kittendorf
03.09.2024 19:14

Lesenswert. Danke für die Kolumne über Zerrüttung.

Marion
03.09.2024 14:54

Mir fehlt da irgendwie der Bezug zur Ampel, die jetzt alles „richten“ soll, was die Union nicht geschafft hat?

Am Ende nützt das Herumhacken auf der Ampel nur den Rechtspopulisten, die damit weiterhin Wähler*innen gewinnen.

Demokratie ist eben kein Zweck zur Heilung, Demokratie muss gelebt werden, was mit Forderungen nur selten der Fall ist.