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Störfaktor im Wahllokal?

Jennifer Sonntag mit Führhund Paul
Jennifer Sonntag mit Führhund Paul
Foto: privat

Halle (kobinet) Die blinde Journalistin Jennifer Sonntag hatte sich auf die diesjährige Europa- und Kommunalwahl gut vorbereitet. Für die Europawahl gab es eine Wahlschablone für blinde Menschen und eine zugehörige CD. Sie konnte sich im Vorfeld in Ruhe einhören und eintasten. Für die Kommunalwahl gab es das leider nicht. Aber das Problem war dann letztendlich eine Wahlhelferin ohne Gespür und Kenntnis über die Rechte von Menschen, die einen Assistenzhund nutzen. Deshalb hat Jennifer Sonntag den folgenden Bericht über eine ihr verleidete Wahl an die kobinet-nachrichten geschickt.

Bericht von Jennifer Sonntag

Ich hatte mich auf die diesjährige Europa- und Kommunalwahl gut vorbereitet. Für die Europawahl gab es eine Wahlschablone für blinde Menschen und eine zugehörige CD. Ich konnte mich im Vorfeld in Ruhe einhören und eintasten. Für die Kommunalwahl gab es das leider nicht.

Im Wahllokal war ein Wahlhelfer auch ehrlich erfreut, das Hilfsmittel für blinde Menschen tatsächlich einmal im Original zu sehen. Ihm war schon bekannt, dass die oberste rechte Ecke am Wahlzettel deshalb fehlt, um blinden Menschen das selbstständige Einlegen zu ermöglichen. Er erklärte kurz den Ablauf und dass meine Begleitperson nicht mit in die Kabine dürfe, er mich aber für die Kommunalwahl unterstützen würde, da dafür ja keine Schablone vorgesehen war.

Plötzlich fuhr eine zweite Wahlhelferin sehr unwirsch dazwischen, ob das hier mal ein bisschen schneller vonstatten gehen könne, sie habe schließlich Angst vor Hunden. Ich war überrumpelt. Mein Blindenführhund war als solcher gekennzeichnet und bislang immer mit im Wahllokal. Es ist eine Errungenschaft, dass wir Menschen mit Behinderungen und unsere Hilfsmittel auch beim Wählen teilhaben können und wir uns nicht mehr verstecken müssen. Natürlich habe ich Verständnis für Ängste und es hätte sicher eine andere kommunikative oder räumliche Lösung gegeben, als mich wegzutreiben.

Ich lebe zusätzlich zu meiner Blindheit mit einer schweren neurologischen Erkrankung, mit ME CFS. Gleichzeitig bin ich auf meinen Tastsinn angewiesen. Ich hatte keine Zeit, mich zu sortieren oder zu orientieren, wie es meine Behinderungen erfordert hätten. Der Wahlhelfer hätte mir in der Kabine assistieren müssen. „Schnell von Statten“ wäre das nicht gegangen. Aber in mir setzte spontan das alte Muster ein: Ich fühlte mich als Störfaktor. Ich kannte diese Art von Druck und allzu oft waren andere Personen auch noch in den Reigen eingestiegen. Ich hörte mich reflexartig sagen: „Ok, dann verzichte ich auf die Kommunalwahl.“

Dabei war mir gerade in unserer Region wegen des unerträglichen Rechtsrucks und der damit verbundenen Behindertenfeindlichkeit die Kommunalwahl so wichtig. Ich hatte mich seit Wochen damit befasst, mich dem Anlass entsprechend schick gemacht und auch bewusst den Blindenführhund mitgenommen. Auch mein Begleiter war spontan mit diesem Wegscheuchen überfordert. Erst im Nachhinein erklärte er mir die visuellen Zusammenhänge der Situation, die mir selbst als Einordnung fehlten. Das ist für blinde Menschen oft ein zusätzliches Problem, dass wir nicht mit offenem Visier spielen können und kommunikativ nichts falsch machen wollen. Ich fühle mich manchmal in solchen Momenten regelrecht ausgeliefert und werde erst im Nachhinein wütend. Ich denke, man hätte das für alle gut lösen können, ohne einen Menschen mit gravierenden Behinderungen derart unter Druck zu setzen und ihn in seiner Wahlmöglichkeit zusätzlich einzuschränken.

Da ich ein verständnisvoller Mensch bin, habe ich das Bedürfnis der Frau über meines gestellt. Das sollte aber nicht das Anliegen einer Wahlhelferin sein. Wahlhelfende müssen darüber informiert sein, dass auch Menschen mit Behinderungen ins Wahllokal kommen können, mit allem, was dazugehört. So wären auch hundeängstliche Helfer*innen besser vorbereitet und könnten sich in einer solchen Situation in Absprache mit ihren Kolleg*innen entsprechend herausnehmen. Ich werde zukünftig auf Briefwahl setzen. Schade, denn so verschwinden Menschen mit Behinderungen wieder aus dem Stadtbild in die Unsichtbarkeit. Gerade die Reaktion des netten Wahlhelfers, der sich darüber gefreut hatte, die Wahlschablone für blinde Menschen wirklich in Anwendung zu sehen, zeigte ja wie wichtig es ist, dass wir präsent sind.

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