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Berlin (kobinet) Ein Aufklärungsvideo auf Instagram und YouTube der Deutschen Gehörlosen Jugend (DGJ) weist auf einen gesellschaftlich übersehenen Missstand hin: Nur maximal 10 Prozent aller tauben Kinder haben von Geburt an Zugang auf die Gebärdensprache. "Dabei sind die gravierenden und bleibenden Folgen der Sprachlichen Deprivation längst wissenschaftlich belegt. Wie kann es sein, dass so viele Taube Kinder von dieser grundlegenden Fähigkeit zu kommunizieren ausgeschlossen werden?" heißt es in einer Presseinformation der Deutschen Gehörlosen Jugend.
Am 23. Mai 2024 wurde ein Animationsvideo von der Deutschen Gehörlosen Jugend veröffentlicht. In dem Video wird die Sprachentwicklung von einem hörenden und einem tauben Kind visuell dargestellt: Im Vergleich zum tauben Kind baut sich das hörende Kind durch ungehinderte Kommunikation einen grosen Vorsprung in der Sprachentwicklung aus. Diese wiederum stößt auf Kommunikationsbarrieren und fällt zuruck. Am Ende des Videos wird dargestellt, wie wichtig die Gebärdensprache für eine gesunde Bindung zwischen dem tauben Kind und dessen Elternteil ist. Die Umsetzung des Videos wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie von Das Zukunftspaket gefordert.
Die Gesellschaft und die Öffentlichkeit gehen davon aus, dass an Schulen für taube Kinder und Jugendliche mit Gebärdensprache gelehrt wird. Eltern würden entsprechende Kurse besuchen, um die Kommunikation mit ihrem tauben Kind zu ermöglichen. Dies ist leider ein Trugschluss. Entgegen der Studienlage wird von mehrheitlich hörenden Fachleuten in der Medizin und Pädagogik grundsätzlich vom Einsatz der Gebärdensprache abgeraten. Stattdessen werden taube Kinder und Jugendliche einem langwierigen Prozess unterzogen, die Lautsprache zu erlernen. Zur Unterstützung dessen werden Hörhilfen eingesetzt, die immer häufiger operativ erfolgen müssen (Cochlea Implantate). Leider können solche Therapien keine vollständige Erfolgsgarantien bieten, heißt es in der Presseinformation der Deutschen Gehörlosen Jugend.
„Das Video, das die lebenslangen Folgen der Sprachlichen Deprivation aufzeigt, stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Notwendigkeit eines frühzeitigen Zugangs zur Gebärdensprache klar belegen. Forschungen, wie die Studie von Penicaud et al. (2012), dokumentieren strukturelle und bleibende Veränderungen im Gehirn durch verzögerte Erstspracherwerbung bei Tauben Personen. Studien von Pluta et al. (2021) sowie Katelaar et al. (2012) zeigen auf, dass Kinder mit Cochlea Implantaten Rückstände in der psychosozialen Entwicklung aufweisen. Viele weitere Forschungen belegen psychosoziale, kognitive und sprachliche Folgen durch die Sprachliche Deprivation, indem Tauben Kindern die Gebärdensprache entzogen wird. Wie lange müssen diese alarmierenden Studien ignoriert werden, bevor gehandelt wird?“, fragt sich die Deutsche Gehörlosen Jugend. „Länder wie die USA, Schweden, Island, Finnland und Neuseeland erkennen bereits die Gebärdensprache als Erstsprache fur Taube Kinder an. Für sie ist ein früher und ungehinderter Zugang auf die Gebärdensprache eine Notwendigkeit, aber auch ein Menschenrecht entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention. In Deutschland ist der Zugang auf die Gebärdensprache nicht verpflichtend und wird weiterhin von Fachleuten verhindert und die längst veröffentlichten Studien weitgehend ignoriert. So finden hier Menschenrechtsverletzungen weiterhin statt, nicht sichtbar und abgeschieden von der Gesellschaft. Wie können Taube Menschen ihre Rechte einfordern, wenn ihnen die grundlegende Fähigkeit zur Kommunikation systematisch verwehrt wird?“
Die Deutsche Gehörlosen Jugend e.V. fordert von der Gesellschaft sogenannte Fachleute der Medizin und Pädagogik und die Politik endlich zu handeln und diesen Missstand aufzuheben: Lautsprache sollte als optionale Ergänzung betrachtet werden, die parallel oder nach dem Erwerb der Gebärdensprache gefordert wird. So kann sichergestellt werden, dass Taube Kinder nicht den Risiken der Sprachlichen Deprivation ausgesetzt sind. Sie erhalten so optimale Chancen fur ihre sprachliche und kognitive Entwicklung. Fehlt diese kann es eine verminderten Lebensqualität der Tauben Erwachsenen bedeuten und zu erheblichem beruflichen Hindernisse führen. Eine gesellschaftliche Teilhabe wird damit zwangslaufig nicht ermöglicht und das widerspricht dem Gedanken der Inklusion. Wie können wir dann von Inklusion sprechen, wenn Taube Menschen von grundlegenden Rechten ausgeschlossen werden?
Das Video hat bereits 289.000 Aufrufe erreicht und wurde über 2.500 Mal auf Instagram geteilt, was die breite Unterstützung und das gestiegene Bewusstsein zeigt (Stand 27.05.2024, 14:00). Die Communities der Tauben Menschen in Deutschland versuchen schon seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit auf den Missstand hinweisen, doch die bestehenden strukturellen Diskriminierungen hindern sie immer noch daran. Wie können Taube Kinder, Jugendliche und junge Menschen ihr volles Potenzial entfalten, wenn ihnen die grundlegende Fähigkeit zur Kommunikation verwehrt wird? Und weiter heißt es in der Presseinformation: „Wir, die Deutsche Gehorlosen Jugend e.V., hoffen, dass dieses Video endlich nicht mehr auf taube Ohren treffen, sondern ihnen die Augen öffnen.




