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Noch ein langer Weg zur inklusiven Schule obwohl dies allen zugute käme

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Foto: Aktion Mensch

Frankfurt am Main (kobinet) Zu einer inklusiven Schule ist es aus der Sicht von Ute Blessing noch ein langer Weg, obwohl dies allen Schüler*innen zugute käme. Das schreibt sie in einem Bericht über den Weg zu einem inklusiven Lernen und Leben ihrer Tochter Mara Kapelke, die mit vier Jahren erst 10 Worte sprach und heute als Erzieherin arbeitet. Den Bericht hat sie den kobinet-nachrichten zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, um zu zeigen, dass Inklusion möglich ist, so schwer dies zuweilen auch ist. Darauf aufbauend haben die kobinet-nachrichten Mara Kapelke für ein Statement angefragt, welches ebenfalls in den Beitrag mit aufgenommen wurde.

Bericht von Ute Blessing über eine gelungene Inklusion

Kurz nach der Geburt 1994 hatte unsere Tochter Mara immer wieder gesundheitliche Probleme. Besonders problematisch war ihre Sprachentwicklung, nach „Mama“ und „Papa“ sprach sie nichts mehr und verständigte sich mit Zeichen. Zum Glück hatten wir einen Kinderarzt, der dies bemerkte und uns mit Mara schon im Alter von 3 Jahren zur Logopädin schickte.

Da Mara nicht sprach, kam sie als behindertes Kind in den Kindergarten. Mit vier Jahren konnte sie dann dank der Förderung ca. 10 Worte sprechen. In dieser Zeit erhielt sie zweimal in der Woche eine logopädische sowie eine ergotherapeutische Förderung, die von der Krankenkasse übernommen wurde. Zum Schuleintritt konnte unser Kind dann gerade mal Zwei-Wort-Sätze sprechen. Sie kam auf eine Sprachheilschule, den guten Tipp hierzu hatten wir von der Logopädin erhalten. Es war ein gutes Miteinander der Sprachheilschule, der logopädischen Förderung und dem Engagement unsererseits. Vor allem die Motivation von Mara und die vielen Ideen zur spielerischen Förderung brachten den Erfolg. Ein kleines Beispiel: Um mit Mara den richtigen Gebrauch der Artikel „der, die, das“ zu üben, waren auf vielen Gegenständen in unserem Haushalt Punkte geklebt: rot wie der Teller, gelb wie die Tasse und grün wie das Schüsselchen. Und in der Sprachheilschule gab es nicht nur eine hervorragende Sprachförderung, sondern Mara wurde anerkannt und lernte auf verschiedene Arten Lesen und Schreiben mit viel Zeit und Unterstützung.

Doch so gut die Förderung in der Sprachheilschule war, den Kontakt zu ihren Freundinnen im Wohnumfeld verlor sie immer mehr. Das war einer der wichtigsten Gründe, warum wir sie nach der 2. Klasse in der Förderschule auf die Regelschule wechseln und dort eine Klasse wiederholen ließen. Das ging nicht einfach so, sondern wir mussten einen Antrag stellen, den Sonderpädagogischen Förderbedarf auszusetzen. Leider gab es in der Grundschulzeit wie auch nachher auf der Realschule dann kaum noch eine Förderung und wenig Unterstützung. Maras Wahrnehmungsprobleme und Schwierigkeiten mit der Merkfähigkeit schränken sie weiterhin ein und es gab kaum Verständnis dafür. Besonders schwierig war die Fremdsprache, und da Mara nicht in ein Raster wie Legasthenie fiel, gab es auch keinen Nachteilsausgleich. Jeder Vokabeltest war eine 6 und trotz unserer Bitte wurde auf die Benotung nicht verzichtet. Mit Nachhilfeunterricht, ganz viel häuslicher Unterstützung und einer hohen persönlichen Motivation schaffte Mara den Realschulabschluss und sie beendete nach 11 Jahren (!) die regelmäßige logopädische Förderung.

Nach der Schule begann Mara eine Ausbildung zur Erzieherin, in der sie leider wiederum auf nur wenig Verständnis in Bezug auf ihre kognitiven Einschränkungen gestoßen ist. Nach zwei Jahren und dem ersten Abschluss als Sozialassistentin hatte sie die Schnauze voll von der schulischen Ausbildung und wollte erst mal in die Praxis. Da Sozialassistentin in Hessen aber nicht als Beruf anerkannt ist, hatte sie auch mit knapp 100 Bewerbungen keine Chance. In Niedersachsen wurde sie dann gerne genommen und sammelte dort ganz viel Praxiserfahrung und Selbstvertrauen, so dass sie dort dann auch noch ihren Abschluss als Erzieherin machte. Heute ist sie bereits seit einigen Jahren als Erzieherin in einer Krippe tätig. Ihre frühere Sprachbehinderung ist kaum noch zu merken.

In der Kindergartenzeit hätten wir nie gedacht, dass Mara mit ihrer Sprachentwicklungsstörung überhaupt noch reden lernen würde. Wir sind sehr dankbar über die Förderung in verschiedensten Bereichen, auch und vor allem in der Förderschule. In der allgemeinen Schule wurde Mara das Lernen immer wieder sehr schwer gemacht. Zu einer inklusiven Schule scheint es aus meiner Sicht noch ein langer Weg, obwohl dies allen Schüler*innen zugute käme.

Statement von Mara Kapelke

Meine Sprachentwicklungsstörung war für mich nicht immer einfach als Kind, aber durch meine Eltern und die verschiedenen Therapien haben wir als Team alles gut gemeistert.

Meine wichtigste Erinnerung an meine Sprachentwicklungsstörung ist, dass ich sehr früh ständig zu der Logopädie gegangen bin, um da sprachlich besser zu werden. Natürlich war es sehr anstrengend oft nach der Schule direkt weiter in der Logopädie sprechen zu üben, aber durch meine sehr sympathische Logopädin ging das sehr gut, weil sie alles spielerisch und entspannt angegangen ist. Dadurch hatte ich nicht das Gefühl jetzt wirklich zu „lernen“, sondern hatte echt viel Spaß dabei. Besonders an den Gesellschaftsspielen, die dem Lernen dienten, aber trotzdem super viel Spaß gemacht haben.

Was mich öfters zurückgeworfen hat, war die Schule, d.h. die Lehrer oder eher gesagt das Schulsystem, weil man einerseits so eine Sprachentwicklungsstörung noch nicht kannte. Da es keine Legasthenie war, habe ich auch keinen Notenschutz bekommen. Somit habe ich in Diktaten immer wieder eine 6 geschrieben. Manche Lehrer haben mich vor den anderen Schülern auch oft extra unter Druck gesetzt und mich z.B. einfach dran genommen, obwohl ich mich nicht gemeldet hatte. Dann war ich oft sehr verunsichert, weil ich dann sehr angespannt war und keinen richtigen Satz heraus gebracht habe. Es war nicht immer leicht, aber ich habe mich mit der Unterstützung meiner Eltern und meinem Willen bis zum Erreichen des Realabschlusses durchgekämpft. Mittlerweile bin ich auch schon seit fast sechs Jahren eine gute Erzieherin, die die Kinder mit Sprachstörungen verstehen und ihnen helfen kann.

Durch die ganzen schweren Jahre bin ich auch sehr stark und selbstbewusst geworden und sehe mittlerweile auch, was ich alles geleistet habe. Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte dazu beitragen kann, dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt und anderen Kindern auch gut geholfen werden kann.

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M. Guenter
16.05.2024 18:41

Das ist mal wieder ein krasses Beispiel dafür worum es im Diskurs un Integration/inklusive Beschulung nicht ging. Da wurden Eltern vor die „Auswahloption“ gestellt: Entweder eine abgemessene – das betsreitet die Mutter ja gar nicht – Förderung (ich verwende mal den damals aktuellen Begriff, jeder kann sich hier neue Sprachregelungen als personenbezogen und co. dazudenken) oder eben Regelschule mit sozialen Kontakte aus dem Lebensumfeld (statt 15km weiter die „spezialisierte Sonderschule).
Die fachliche Kompetenz der Sonderschullehrer wird ja gar nicht bestritten – schon vor 30 Jahren ging es darum (fachdiskursintern!), diese eben in die Fläche (= in den Regelschulbetrieb zu transferieren). Passiert ist dann aber ein: Entweder oder….
Nebenbei sind es gerade die Schulen für Kinder mit „Sprachbehinderungen“, die als erste aufgelöst wurden – in einzelnen Bundesländern schon vor über 10 Jahren zu 100%.Man kann nur hoffen, dass das Knowhow nicht ebenfalls abgeschafft wurde.
Ganz offen: Ja zum Inklusionsgedanken, aber nein zu einem Vorgehen, wie dem im Beitrag geschilderten oder: „Eine Schule für Alle“ und nicht einfach: „Alle in eine Schule!“ – jedenfalls dann nicht, wenn die strukturellen und personalen Bedingungen dafür nicht stimmen (ohne die familiären Ressourcen und den „Kampfeswillen“ den Frau Kapelke hat, hätte da ansonsten am Ende eine Person ohne Schulabschluss mit der „Option“ WfbM gestanden…).

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