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Reportagereihe “Methoden und Konzepte der Behindertenhilfe“ Heute: „Fachtag «Entwicklungsfreundliche Beziehung nach Senckel / Luxen»“®

Roter Bus
Stephan Laux sitzt in seinem umgebauten, roten Campingbus.
Foto: Stephan Laux

Villmar - Weyer (Kobinet) Auf der Tour, während der Reportagereihe, “Methoden und Konzepte der Behindertenhilfe“, war ich am 19.03.2024, nach Marburg eingeladen. Ein, für die Behindertenhilfe geschichtsträchtiger, Ort. Denn hier wurde 1958 die Lebenshilfe, als Elternverein, gegründet.

Der von Monika Deuter , Henrik Nolte und ihrem Team geradezu perfekt organisierte und moderierte „Fachtag «Entwicklungsfreundliche Beziehung nach Senckel / Luxen»“® fand am 19.03.2024, am Sitz des Bundes- und des Landesverbandes Hessen, der Lebenshilfe statt. Veranstalter war jedoch der Landesverbandes Hessen, der Lebenshilfe.

„Es muss etwa 1986 gewesen sein, als sich die Wege von Ulrike Luxen (Jhg. 1947) und mir kreuzten“, erinnert sich Dr. Barbara Senckel (Jhg. 1948), eine der beiden Erfinderinnen der «Entwicklungsfreundliche Beziehung nach Senckel / Luxen»® (EfB). Damals, etwa 10 Jahre nach der Psychiatrie-Enquête („Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“) und des daraus resultierenden Reformprozesses, stellte sich heraus, dass kaum fundierte und differenzierte Literatur und Handlungsleitlinien für die pädagogische Arbeit mit kognitiv beeinträchtigten Menschen existierte. In ihrer psychologischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Praxis und auch im Beratungskontext für Betroffene und Beteiligte, stellte sich aber, immer mehr, ein Bedarf nach einem , auf entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, basierenden Konzept heraus, aus dem sich schließlich die EfB einwickelte und in vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe etablierte.

Dabei stieß, das Konzept auch immer wieder auf Widerstände. Gerade nach Beginn der Psychiatriereform, beharrten einige Einrichtungen darauf, geistig beeinträchtigten Erwachsenen, wie „normalen“ Erwachsenen zu begegnen. Weder stellte man sich ausreichend Fragen nach ihrer kindlichen Entwicklung , noch nach ihrer Biografie. Noch bis in die 2000er Jahre argumentierten einige Träger der Behindertenhilfe ähnlich. „Auch heute wieder…“ schaltet sich ein Teilnehmer in das Gespräch ein, „…droht die konzeptionelle Arbeit in der Behindertenhilfe, sich auf Schlagworte zu reduzieren! Inklusion, Sozialraumorientierung und Empathie, z.B., hören sich zwar toll an, müssen aber endlich wieder, auch mit fachlichen Inhalten gefüllt werden!“. Dabei konkurriert die EfB gar nicht mit anderen Konzepten und Methoden in der Behindertenhilfe, sondern hilft dabei, in der Zusammenarbeit mit Menschen, mit kognitiv und/oder emotional bedingten Entwicklungsschwierigkeiten, konflikthafte Situationen zu analysieren und pädagogisches Handeln zu erweitern.

Es stellt sich als gar nicht so einfach heraus, ein Interview mit den beiden Pionierinnen dieses Konzeptes zu führen. Immer wieder werden sie von interessierten Teilnehmer*innen, frequentiert und u.a. nach der umfangreichen Literatur zum Thema befragt (siehe Literaturempfehlungen). Zwei Kolleginnen eines Berufskollegs in Nordhessen möchten z.B. das Konzept in ihrer Fachschule etablieren. Hier können Frau Senckel und Frau Luxen auch auf ihre Stiftung SEDiP (Stiftung für Entwicklungsfreundliche Diagnostik und Pädagogik) verweisen. Die gemeinnützige Stiftung koordiniert und veranstaltet u.a. auch Fort- und Weiterbildungen zum Thema. Als Referierende, auch bei diesem Fachtag, fungieren sogenannte Multiplikator*innen, die neben ihrer praktisch Arbeit in der Behindertenhilfe, Fort- und Weiterbildungen zum Thema anbieten. Beim Fachtag in Marburg boten Jutta Quiring, Tanja Rockensüß und Sabine Frehn Workshops, zu folgenden Barrieren, für die Teilhabe von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung an: Psychische Erkrankungen; Geringe soziale Kompetenz und herausforderndes Verhalten; Angst und Angsstörungen.

Barbara Deubener stellte in ihrem Einführungsvortrag das diagnostische Werkzeug, BEP-KI-k(Befindlichkeitsorientierte Entwicklungsprofil für Kinder und Menschen mit Intelligenzminderung) vor, das Teilnehmende in einem weiteren Workshop vertiefen konnten.

Das entwicklungspsychologisch fundierte Diagnostikum basiert auf den Erkenntnissen der EfB und dient als Grundlage der Planung von Teilhabe in der Behindertenhilfe. Es ist komplex und wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig, erfasst es doch die aktuellen Kompetenzen eines Menschen in verschiedenen Entwicklungsbereichen bzw. Entwicklungsdimensionen. In der Praxis stellt es sich jedoch als hilfreiches Tool u.a. zur Erfassung von Entwicklungsaufgaben in der praktischen Arbeit mit Kindern und Erwachsenen mit einer kognitiven Beeinträchtigung heraus.

Dadurch wäre es auch eine naheliegende Alternative, zu den aktuell sehr umstrittenen Bedarfsermittlungsinstrumenten der jeweiligen Kostenträger der Behindertenhilfe. Da sind sich zumindest die Befragten, auf diesem Fachtag einig. Der PIT (personenzentrierter, integrierter Teilhabeplan) in Hessen z.B., frisst deutlich mehr Ressourcen der Beschäftigten und reicht aus sonderpädagogischer Sicht, fachlich kaum an den BEP-KI-k heran. Er scheint als Instrument weniger zur Teilhabeplanung, als zur Kostenermittlung durch die Sachbearbeiter*innen des Kostenträgers zu dienen.

Mit der EfB verbinden die Urheberinnen und Impulsgeberinnen, die Stiftung Sedip, sowie Anwender*innen eine Haltung, die sich u.a. auf eine bedingungslose Wertschätzung und Beziehungsgestaltung des Gegenübers gründet. Das wird schon beim Einstieg in den Fachtag deutlich, bei dem Ulrike Luxen und Barbara Senckel ihr Konzept anhand von Fallbeispielen, unterhaltsam und praxisnah vorstellen.

Wie wichtig es ist, diese Haltung (anzunehmen, zu bewahren), gerade in Zeiten, wie den aktuellen, in denen Ausgrenzung , Ableismus und Vorurteile gegen sozial Schwache und Randgruppen wieder auf dem Vormarsch zu sein scheinen, betonen auch die befragten Teilnehmer*innen und Organisator*innen dieses, rundum gelungenen Fachtages.

In diesem Zusammenhang weist Alexander Mühlberger, Geschäftsführer des Landesverbandes Hessen der Lebenshilfe, noch auf eine wichtige Protestveranstaltung des HEP-Bündnis, am 25. April 2024 in Wiesbaden auf dem Kranzplatz, hin.

Weiter Informationen zur EfB: hier

Literaturempfehlungen: hier

Vielen Dank für die Einladung, die Auskünfte und die Stellungnahmen aller Beteiligten!

Stephan Laux März 2024

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AnnaLutz
21.03.2024 09:13

Wir haben es erlebt, dass die Bedarfsermittler die Leute nichtmal ansehen, sich ihnen nicht zuwenden, sondern Fragen stellen während sie auf den Laptop sehen und gleich mitschreiben.
Der „Besuch“ wurde nicht als positiv erlebt. Nicht nur andere Instrumente sondern auch Haltungen wären erforderlich.