
Foto: Stephan Laux
Villmar - Weyer (Kobinet)
Villmar - Weyer (Kobinet) In seinen Kolumnen ist Stephan Laux dafür bekannt, dass er die Arbeit der Behindertenhilfe auch kritisch sieht. Gerne berichtet er darüber was, seiner Meinung nach, in diesem Bereich alles fehlt oder falsch läuft. In seinem neuen Projekt 2024 berichtet er von Methoden und Konzepten, die die Behindertenhilfe in den letzten 40 Jahren weitergebracht haben. Also auch von dem, was gut gelaufen ist und noch läuft. Dafür lädt er sich auf Fachtage der Behindertenhilfe ein, die sich mit eben diesen Themen befassen. In diesem Zusammenhang will er versuchen, in unregelmäßigen Abständen, auf kobinet über verschiedene Methoden und Konzepte der Behindertenhilfe, Bericht zu erstatten.
Heute berichtet er vom Fachtag „Marte Meo“ in Köln: Marte Meo – was gibt es Neues?“
„Beobachtung ist das Schlüsselwort!“, sagt Maria Aaarts (Jhg. 1950), die Begründerin, dieser Methode zur Entwicklungsunterstützung. Maria Aarts beobachtet schon, seit Ihrem 4 Lebensjahr, Menschen und deren Interaktion untereinander. So berichtete es ihr zumindest ihre Mutter, die neben Maria noch 13 weitere Kinder großzog.
Der Name Marte Meo, ist aus dem Lateinischen abgeleitet und bedeutet sinngemäß etwas „aus eigener Kraft“ erreichen.
Die Methode zur Entwicklungsunterstützung vermittelt praktische Kenntnisse mit Hilfe von Videoaufnahmen von Alltagsinteraktionen. Mit Marte Meo lernen Menschen Möglichkeiten zu sehen, um Entwicklungsprozesse im Alltag anzuregen und zu unterstützen
Der Fachtag am 14.03. war schnell ausgebucht, berichtet Frau Dr. Hild – Berg, die neben der Leitung der Akademie auch für die Personalentwicklung der Diakonie Michaelshoven zuständig ist. Er findet bereits im 9, Jahr statt und ist so zu einer Art Tradition im Großraum Köln geworden. Im Bereich der Kindertagesstätten der Einrichtung sind so gut wie alle Mitarbeitenden, in der Methode geschult. Das wird auch in den Interviews mit einigen Teilnehmenden deutlich. Marte Meo wird hier außergewöhnlich geschätzt und birgt auch ein hohes Maß an Identifikation mit der Diakonie Michaelshoven und mit der Haltung, die hinter dieser Methode steckt.
Maria Aaarts gestaltet den Fachtag alleine. Informationen über Anwendungsbereiche und Entwicklungen aus erster Hand, quasi. Von 10.00 bis 16.00 Uhr dauert die Veranstaltung. Mit kurzen Pausen zum kollegialen Austausch und um sich am Kuchenbuffet zu stärken. Mir fällt auf, dass Frau Aarts im gesamten Vortrag kein einziges Fremdwort oder Fachausdrücke verwendet. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass ihr die Teilnehmer*innen, über die gesamte Zeit der Veranstaltung gebannt zuhören, Wahrscheinlich spielt auch ihr herrlicher, niederländische Akzent und Ihr außergewöhnlicher Humor eine Rolle dafür, dass der Fachtag einen hohen Unterhaltungswert besitzt. Doch natürlich geht es vor allem um den Inhalt von Maria Aarts Vortrag. Sie verwendet kleine Videos, die sie in kurzen Sequenzen analysiert und kommentiert. Dabei erzählt sie immer wieder von Begegnungen und Anekdoten, die sie in den 59 Ländern in denen Marte Meo praktiziert wird, erlebt hat. So wird auch deutlich, welch breites Spektrum Marte Meo in den letzten 40 Jahren eingenommen hat. Ursprünglich für Kinder entwickelt, findet die Methode mittlerweile in vielen pädagogischen, therapeutischen und Beratungskontexten Anwendung. Von Kindertagesstätten über die Behindertenhilfe bis aktuell, sehr erfolgreich, in der Arbeit mit Menschen mit Demenzerkrankungen. Marte Meo Therapeuten, auch das zeigen die Videobeispiele, handeln stets äußerst zugewandt, konsequent ressourcenorientiert und reflektiert. Dafür braucht es aber auch eine gewissenhafte Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich, erzählt Heike Bösche, Marte Meo Supervisorin und Ausbilderin. Hier schaffen Einrichtungen, wie die Diakonie Michaelshoven die Rahmenbedingungen. Sie nutzten dabei einen Synergieeffekt, indem sie eigene Mitarbeitende dafür qualifiziert, andere Kolleg*innen fortzubilden. An der Veranstaltung nahmen Menschen aller Berufsgruppen der Behinderten und Eingliederungshilfe, Mitarbeitende aus der Altenhilfe und aus Schulen für Pflege und pädagogische Berufe, aus dem Großraum Köln, teil.
Hier einige Stimmen der Teilnehmenden:
Kirstin und Ursula sind Lehrerinnen am Berufskolleg bzw. an einer Fachschule für Sozialpädagogik. Ursula ist überzeugt von Marte Meo und möchte ihre Kenntnisse der Methode auffrischen und weiterentwickeln. Sie hört, wie viele hier, Maria Aarts gerne zu. In Ihrer Schule wird die Methode unterrichtet und im praktischen Tun analysiert und vertieft. Sie schätzt daran, dass Alltagssituationen und nicht etwa Verhaltensauffälligkeiten ins Zentrum rücken. Kirstin verspricht sich von der Methode und der damit verbundenen, wertschätzenden und individualisierten Kommunikation, die Betreuungssituation von Menschen mit Hilfebedarf zu verbessern. Marte Meo ist Teil Ihres Unterrichtes und bei der Begleitung von Praktika.
Sven und Daniel sind Erzieher im letzten Ausbildungsjahr. Während des praktischen Teils ihrer Ausbildung arbeiten sie in einer Kindertagesstätte. Der Fachtag wurde ihnen von Lehrkräften und Kolleg*innen empfohlen. Im Unterricht haben sie von Marte Meo noch nichts gehört. Sie erhoffen sich, dass die Methode, Teil der Ausbildung wird.
Das wünscht sich auch Maria Aarts im Interview, in dem ich sie nach der Verbreitung ihrer Methode, in der deutschen Behindertenhilfe frage.
Sie geht noch weiter und fordert den Einzug der Methode in Studiengänge der sozialen Berufe. Dabei beklagt sie aber auch eine zunehmende Akademisierung und Verwissenschaftlichung, in der Betreuung hilfebedürftiger Menschen. Bei Ihren Reisen, auch durch Deutschland hätte sie eine Menge an Talent, für diese Methode, quer durch alle Berufsschichten festgestellt. Mit manchen typischen Marte Meo Begriffen wie „Goldmine“ oder „Happ – Happ Moment“ könnten manche Akademiker wenig anfangen. Auch gebe es in Deutschland immer noch einige daten- und versicherungsrechtliche Bedenken, die manche Träger und Einrichtungen fürchteten. Die sich aber durch gut recherchierte Einwilligungsbestätigungen und den verantwortungsvollen Gebrauch des Videomaterials ausräumen ließen.
Mit Marte Meo lassen sich lassen sich Entwicklungsprozesse aktivieren und reaktivieren. Darin waren sich alle Befragten, meiner kurzen Exkursion zum Thema einig. Die Methode hat einen stark reflektierenden Aspekt und hinterfragt und verbessert pädagogisches und begleitendes Handeln. Vor allem aber berücksichtigt, begünstigt und entwickelt sie die Selbstwirksamkeit und -wahrnehmung der Betroffenen. Und das macht Marte Meo zu einem wertvollen Instrument in der Behindertenhilfe und in allen unterstützenden Bereichen.
Vielen Dank für die Einladung, Auskünfte und Stellungnahmen aller Beteiligten!
Stephan Laux März 2024
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