
Foto: LB Bremen
München / Bremen (kobinet) Hannah Fröhler hat sich im Rahmen der Masterarbeit ihres Studiums der Politikwissenschaften mit der Frage befasst, wie es um die Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten steht und was für eine gute Partizipation dieses Personenkreises wichtig ist. Nun ist sie in der Praxis angekommen und hat den kobinet-nachrichten einen Bericht über den Diskussionsprozess der Münchner "Politikrunde" zugesandt, der dort anhand des Romans Zündeln an den Strukturen über das System der Werkstätten geführt wird. Auch in Bremen steht am 13. März 2024 eine Diskussion mit dem Autor des Romans, Ottmar Miles-Paul, im Kwadrad an. Bisher haben sich 100 Teilnehmende für die Lesung angemeldet. Bis zum 8. März sind weitere Anmeldungen noch möglich, wie das Team des Landesbehindertenbeauftragten von Bremen mitteilte, das die Lesung mit anschließender Diskussion organisiert und u.a. auch eine Dolmetschung in Leichter Sprache und Gebärdensprache organisiert hat.
Folgenden Bericht hat Hannah Fröhler den kobinet-nachrichten zugesandt:
Die Politikrunde
Die Politikrunde trifft sich alle 3 Wochen.
Wir treffen uns im Stadtteilzentrum Kult9 oder im Café Wohnwerk im Stadtteil Neuhausen in München.
Die Runde ist ein Bildungsangebot der OBA (Offenen Behindertenarbeit). Die OBA gehört zur evangelischen Kirche.
Die Runde ist eine Art Stammtisch. Die meisten Mitglieder sind sehr engagierte Menschen mit Lernschwierigkeiten und mit vollen Terminkalendern. Einer ist im Werkstattrat. Andere im Behindertenbeirat von München. Andere gestalten das Leben in Vereinen mit. Aber: Die Runde ist auch offen für neue Leute mit unterschiedlichsten Erfahrungen und Interessen.
Die Runde legt das Programm fest. Wir haben einen Zettel mit den Themen. Die Themen arbeiten wir nach und nach ab. Bei unseren Treffen diskutieren wir. Wir laden Expert*innen ein. Oder wir planen (zurzeit den Protesttag am 5. Mai).
Als hauptberufliche Mitarbeiterin der OBA begleite ich die Runde. Das heißt beispielsweise: Ich organisiere den Raum. Oder sorge dafür, dass wir an Themen dran bleiben. Manchmal bereite ich Themen vor und erzähle der Runde davon. Manchmal stelle ich Kontakte zu Expert*innen oder anderen Interessensvertreter*innen her. Manchmal diskutiere ich auch nur mit.
Diskussion „Zündeln an den Strukturen“
Im letzten Jahr war unser Schwerpunkt das Thema „Arbeit“. Bei einem Treffen haben wir uns über Gewerkschaften informiert. (Die Mitglieder der Runde wollen auch streiken!)
Und natürlich haben wir auch über die Frage „Soll es die WfbMs weiterhin geben?“ gesprochen.
Allerdings landet man bei dieser Frage schnell bei den immergleichen, festgefahrenen Standpunkten. Daher kam das Buch „Zündeln an den Strukturen“ gerade gelegen.
Ich habe der Politikrunde vorgeschlagen: Ich würde das Buch gern vorstellen. Die Zusammenfassung „Es geht darum, dass drei Beschäftigte „ihre“ Werkstatt anzünden.“ reichte und die Mitglieder der Runde waren neugierig.
Ich hab die Gruppe durch die Geschichte geführt. Ich habe besonders die Personen vorgestellt und erklärt, wer was will. Außerdem habe ich stellenweise vorgelesen.
An zwei Stellen wurde die Diskussion besonders lebhaft.
Die Frage „Warum sollte man eine WfbM anzünden?“ war schnell beantwortet. Es brauchte bei den Mitgliedern der Runde nicht besonders viel Fantasie, sich Beweggründe auszudenken: Die meisten der Mitglieder haben auch schlechte Erfahrungen mit Werkstätten und allgemein auf dem Arbeitsmarkt gemacht. Die Beschreibung der Tat als Notwehr gegen die erlebten Ungerechtigkeiten, Fremdbestimmung und Alternativlosigkeit, wurde als sehr treffend empfunden.
Bei der Frage „Was würden wir arbeiten, wenn es die Werkstätten in München nicht mehr gäbe?“ kamen auch sofort jede Menge Ideen: In Geschäften, in Fabriken, bei der Stadtverwaltung…
Es geht weiter
Allerdings haben einige Mitglieder der Politikrunde Angst, ohne WfbMs den Krokodilen auf dem 1. Arbeitsmarkt zum Fraß vorgeworfen zu werden. Obwohl sie die Werkstätten kritisch sehen. Andere arbeiten bereits außerhalb der Werkstatt. Aber oft auch dort unter sehr schwierigen Arbeitsbedingungen. Die Politikrunde diskutiert hier wie so oft mitten in den großen Fragen, die Menschen mit und ohne Behinderung betreffen: Wie wollen wir arbeiten? Wie soll die Arbeitswelt mit der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit von Menschen umgehen?
Die Mitglieder der Politikrunde wollen weiter mit dem Buch arbeiten. Deshalb werden wir unsere Treffen mit einzelnen Zitaten aus dem Buch starten und diese diskutieren.
Außerdem freuen sich die Mitglieder auf eine Veröffentlichung als Hörbuch.
Denn das Buch hat der Runde geholfen, anders über das Thema Werkstätten nachzudenken und zu sprechen.
Aufgrund dieser Rückmeldung über den Diskussionsprozess der Politikgruppe zum Roman und zum Thema hat sich der Autor des Romans Ottmar Miles-Paul für das Treffen am 25. Juni 2024 in München angekündigt. Er freue sich total, dass das Buch eine Anregung zur Diskussion über das Thema Arbeit geliefert habe und noch mehr darauf, mit den Gruppenmitgliedern über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Link zum Interview mit Hannah Fröhler vom August 2021 über ihre Masterarbeit
Nach zwei Online-Lesungen und einer Präsenzlesung in Kassel geht es für Ottmar Miles-Paul am 13. März nach Bremen. Dort findet am 13. März 2024 ab 16:30 Uhr eine Lesung mit Diskussion auf Einladung des Landesbehindertenbeauftragten Arne Frankenstein im Kwadrad statt. Anmeldungen für die Veranstaltung sind noch bis zum 8. März möglich.
Link zu weiteren Infos zur Lesung in Bremen und zur Anmeldung
Link zu Infos zur Lesung in Bremen in Leichter Sprache
Weitere Lesungen und Diskussionen zum Roman sind beispielsweise bereits am 2. Mai in Marburg, am 3. Mai in Mainz, am 17. Mai in Potsdam, am 13. Juli in Luxemburg und am 12. September in Hannover geplant.
Link zu weiteren Infos zum Roman, zu weiteren Lesungen und zu Presseberichten




