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Wie steht es um die Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten?

Bild von Hannah Fröhler
Hannah Fröhler
Foto: privat

Berlin (kobinet) Hannah Fröhler studiert Politikwissenschaften und geht derzeit im Rahmen ihrer Masterarbeit der Frage nach, wie es um die Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten steht und was für eine gute Partizipation dieses Personenkreises wichtig ist. Im Interview mit kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul beschreibt sie, worum es dabei geht.

kobinet-nachrichten: Wie soll der Titel Ihrer Masterarbeit genau heißen, in welchem Bereich schreiben Sie diese und vor allem worum soll es dabei gehen?

Hannah Fröhler: In meiner Abschlussarbeit geht es um Selbstvertretung. Ich frage: Wie gut können Menschen mit Lernschwierigkeiten in Deutschland in der Politik mitbestimmten? Ich will wissen, mit welchen Hindernissen Menschen mit Lernschwierigkeiten, die sich auf verschiedene Arten in Politik einmischen, kämpfen müssen. Dabei geht es nicht nur ums Wählen oder darum, dass es keine Abgeordneten mit Lernschwierigkeit gibt. Es geht auch um das Politische im Alltag. Zum Beispiel darum, was es für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwierig macht, sich Meinungen zu bilden und sie laut zu sagen. Es geht auch um die Schwierigkeiten in der Arbeit von Gremien und Vereinen, in denen sich Menschen mit Lernschwierigkeiten für ihre Interessen einsetzten. Ich versuche, die Frage zusammen mit Selbstvertreter*innen in Expert*innen-Gesprächen zu beantworten.

Ich schreibe meine Abschlussarbeit im Arbeitsbereich "Gender und Diversity“. Dort wird beispielsweise zu Sexismus und Rassismus geforscht. Und weil Ableismus, das ist die Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung, auch langsam bei den "-ismus“-Wörtern mitgedacht wird, bin ich da gelandet.

kobinet-nachrichten: Wie sind Sie darauf gekommen, dieses Thema genauer zu untersuchen?

Hannah Fröhler: Als Jugendliche habe ich mich sehr für Umweltpolitik interessiert. Deshalb habe ich darüber gelernt, wie die Umweltbewegung in Deutschland entstanden ist. So habe ich auch über andere soziale Bewegungen gelernt. Zum Beispiel über die Krüppelbewegung. Die kämpferischen, widerständigen Aktivist*innen haben mich sehr begeistert.

Im Studium habe ich mich dann immer mehr mit sozialer Gerechtigkeit und Sozialpolitik beschäftigt. Währenddessen habe ich ehrenamtlich eine Politik-Gruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützt. Dort gab es auch viel Kampfgeist, aber gleichzeitig viel Frust und Ohnmachtsgefühle bezogen auf politische Entscheidungen.

Ich habe festgestellt: Schwierigkeiten politische Entscheidungen mitzubestimmen, kommen nicht von fehlenden Fähigkeiten bei Einzelnen. Viele Teilnehmer*innen der Politik-Gruppe wussten sehr genau, was ihre täglichen Probleme sind und woher sie kommen. Und die Teilnehmer*innen waren auch mutig genug, sich für ihre Interessen einzusetzen. Viel mehr bekam ich das Gefühl, dass ihnen einfach eine Unmenge von Barrieren in den Weg gelegt werden, die zermürben und entmutigen. Obwohl von staatlicher Seite eigentlich mit Sprüchen wie "Demokratie braucht Inklusion“ geworben wird. Das passt nicht zusammen. Deshalb will ich in meiner Forschung den Barrieren, die oft auch etwas versteckt sind, nachspüren.

kobinet-nachrichten: Sie haben mittlerweile mit einigen Akteur*innen in Sachen Selbstvertretung und Partizipation gesprochen. Gibt es schon einige Erkenntnisse oder Eindrücke, die in die Masterarbeit einfließen werden? Und wann wird das Werk fertig sein?

Hannah Fröhler: Mein Eindruck ist, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten oft auf die gleiche Weise an politischer Mitbestimmung gehindert werden, wie Menschen ohne Behinderung. Die Hindernisse sind für Menschen mit Lernschwierigkeiten aber nochmal höher. Ich kann ein Beispiel nennen für die politische Mitbestimmung von Einzelnen und eines für die politische Arbeit von Organisationen, die sich für die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten einsetzten.

Menschen mit Lernschwierigkeiten leben, lernen und arbeiten oft in Sondereinrichtungen. Zum Beispiel in einem Wohnheim. Das Netz der Fremdbestimmung und Abhängigkeiten ist dort so verwebt, dass es schwierig ist, sich daraus zu befreien. Ein Beispiel ist, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten dort manchmal die Fähigkeiten zur Mitbestimmung nicht zugetraut werden. Oder den Unterstützer*innen vor Ort fehlt die Zeit. Oder die Interessen der Einrichtung werden als wichtiger angesehen, als die Interessen der Bewohner*innen und Arbeiter*innen. Oder es fehlt der Kontakt zur Welt außerhalb der Einrichtungen. Wenn Sie sich politisch einmischen: Denken Sie mal drüber nach, wie Sie damit angefangen haben. Ich zum Beispiel bin in einer Gruppe tätig, die sich gegen die schlechte Behandlung von Geflüchteten an der europäischen Außengrenze einsetzt. Ich habe mich davor schon für das Thema interessiert. Aber bei der Gruppe bin ich bloß gelandet, weil mich eine Freundin dahin mitgenommen hat. Politisch mitbestimmen ist eine Sache, die macht man in einer Gemeinschaft.

Die Arbeit von Organisationen, die sich für die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten einsetzen, wird zum Beispiel durch fehlendes Geld behindert. Dieses Problem kennen bestimmt auch ganz viele andere Vereine. Aber es wird eben noch schwieriger, wenn ein Verein eine gute Unterstützung bezahlen muss. Oder wenn die Mitglieder vom Verein wenig Geld haben und einen hohen Mitgliedsbeitrag nicht bezahlen können.

kobinet-nachrichten: Die Partizipation behinderter Menschen in Wissenschaft und Forschung wird immer wieder gefordert und diskutiert. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Hannah Fröhler: Die meisten Interviewpartner*innen haben mir von schlechten Erfahrungen mit Forschung berichtet. Zum Beispiel nicht ernstgenommen werden. Oder nach dem Interview nie wieder von den Forscher*innen zu hören. Oder die Forscher*innen verwenden nur schwere Sprache.

Daher bin ich zunächst dankbar, dass meine Gesprächspartner*innen mir eine Chance geben, es besser zu machen.

Aber ich kann in dieser Arbeit auch nicht alle meine Wünsche für gute Forschung zu Behinderung erfüllen. Meine Gesprächspartner*innen haben bei mir nachgefragt, wie ich die Forschung mache und mir Tipps gegeben: Ein Gesprächspartner hat mich beim Telefoninterview gefragt, ob ich vor Ort mit Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeite. Oder nur in den Interviews Kontakt zu Menschen mit Lernschwierigkeiten habe. Da musste ich schon schlucken und gestehen, dass ich hier vor Ort nicht mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenarbeite.

Aber jetzt arbeite ich an einer Behelfslösung, wie ich über die ganze Zeit der Forschung hinweg Menschen mit Lernschwierigkeiten beteiligen kann.

Am wichtigsten ist mir, keinen Schaden bei den Beteiligten der Forschung anzurichten. Als Schaden sehe ich zum Beispiel: den Beteiligten durch schwere oder diskriminierende Sprache ein schlechtes Gefühl zu geben. Oder Erfahrungen und Meinungen nicht ernstnehmen. Oder den Beteiligten mit Interviews Zeit klauen und sich dann nicht wieder melden.

Ich versuche außerdem, mir immer neue Arbeitsweisen zu überlegen, wie ich den Beteiligten gerecht werden kann. Wir besprechen zum Beispiel, ob ich im Gegenzug für die Beteiligung an meiner Forschung auch was tun kann.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie einen Wunsch für einen zukünftigen Job frei hätten, welchen würden Sie wählen?

Hannah Fröhler: Ich würde gern weiter mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenarbeiten. Zum Beispiel als Unterstützerin. Ein Gesprächspartner hat mir auch dafür einen Tipp gegeben: Menschen die beruflich mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenarbeiten, sollen mit dem Spiegel arbeiten. Er meinte damit, dass ich mich selbst fragen soll: Würde ich gerne so behandelt werden? Ich glaube, es ging ihm um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Allerdings ist eine solche Zusammenarbeit nicht nur vom guten Willen der Einzelnen abhängig. Auch die Umstände in der sogenannten Behindertenhilfe sind wichtig. Dazu gehört zum Beispiel: Können Unterstützer*innen im Interesse der Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen oder spielen die Interessen der Einrichtung die Hauptrolle? Gibt es genug Zeit und Geld für verschiedene Arten der Unterstützung? Können sich die Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Unterstützer*innen selbst aussuchen? Da muss in Deutschland viel verändert werden. Ich bin sicher, dass Selbstvertreter*innen da durch politische Mitbestimmungen auch einiges bewegen können und ich wäre froh, wenn ich das unterstützen könnte.

Berlin (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/selmop4