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Gesundheitswesen konsequent barrierefrei und inklusiv gestalten

Nicole Romanus
Nicole Romanus
Foto: privat

Kassel (kobinet) Nicole Romanus hat sich im Rahmen ihrer Peer Counseling Weiterbildung beim Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) mit der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen beim Zugang ins allgemeine Gesundheitssystem befasst. Gerade auch im Lichte der nun anstehenden Entwicklung eines Aktionsplans für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen des Bundesministerium für Gesundheit führt kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit der Peer Counselorin ein Interview zum Thema.

kobinet-nachrichten: Sie haben sich im Rahmen Ihrer Peer Counseling Weiterbildung beim Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) mit der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen beim Zugang ins allgemeine Gesundheitssystem befasst. Ein hoch aktuelles Thema, was war Ihnen in Ihrer Hausarbeit für die Weiterbildung dabei besonders wichtig?

Nicole Romanus: Ich nehme wahr, dass der gleichberechtigte Zugang zum Gesundheitssystem für Menschen mit Behinderungen oft nicht gegeben ist. Das betrifft sowohl die mangelnde bauliche Barrierefreiheit von Praxen und Rehakliniken als auch einstellungsbedingte Barrieren von Ärzt*innen, Therapeut*innen und Pflegepersonal. Besonders unübersichtlich wird die Situation, wenn zusätzlich zur Behinderung eine oder mehrere ernste Erkrankungen vorliegen, deren Folgen sich gegenseitig negativ beeinflussen. Das „Standardprogramm“ kann bei diesen Menschen so nicht zur Anwendung kommen, weil hier komplexe Pflege- und Therapiebedarfe entstehen, die viel Wissen, Zeit für Gespräche, Offenheit und „um die Ecke denken“ vom medizinischen Personal verlangen. Genau diese Faktoren sind im Praxis- und Klinikalltag jedoch Mangelware.

kobinet-nachrichten: Sie selbst haben als Rollstuhlnutzerin Erfahrungen bei der Inanspruchnahme einer onkologischen Rehabilitationsmaßnahme gemacht. Wie war das für Sie?

Nicole Romanus: Kurz zusammengefasst war es sehr anstrengend und kraftzehrend für mich, also genau das, was eine Reha nicht sein sollte! Zunächst einmal war der Weg bis zur Inanspruchnahme einer solchen Rehamaßnahme mit Hürden gepflastert, weil ich nur eine Rehaklinik überhaupt ausfindig machen konnte, die sowohl baulich barrierefrei ist als auch Erfahrung mit meiner eher seltenen Krebsart hat. Ich musste über ein halbes Jahr warten bis zum Start der Reha, was sich negativ auf meine Gesundheit auswirkte. Als diese Hürde genommen war, wollte mich die Chefärztin der Rehaklinik wenige Wochen vor dem Starttermin auf Grund meines Pflegegrads für „nicht rehafähig“ erklären, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder arbeitsfähig war. Das Problem von fehlenden Pflegekräften wird so auf behinderte Menschen abgewälzt, die dann als „nicht rehafähig“ etikettiert und aussortiert werden. Die Reha konnte nur unter der Bedingung stattfinden, dass ich eine Assistenz mitbringe.

Bei der Therapieplanung wurden meine Bedarfe auf Grund der Behinderung nicht berücksichtigt, stattdessen sollte ich mich mit dem „Standardprogramm“ für Krebspatienten begnügen und zum Beispiel drei Wochen keinerlei Einzel-Physiotherapie erhalten. Hier musste ich sehr kämpfen, denn drei Wochen ohne jede Therapie hätten meinem Körper nachhaltig geschadet. An manchen Angeboten, zum Beispiel an den Walking-Gruppen durfte ich im Rollstuhl nicht teilnehmen, angeblich zur Unfallverhütung. Das habe ich als diskriminierend erlebt und ich hatte dadurch Schwierigkeiten, mit anderen Patienten locker in Kontakt zu kommen. Ich habe immer wieder das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht, aber einstellungsbedingte Barrieren waren hier so mächtig, dass ich letztlich viel Stress und psychische Belastung dadurch erlebt habe.

kobinet-nachrichten: Sie haben viel Beratungserfahrung, u.a. auch in der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB), welche Rolle spielt die Beratung zu gesundheitlichen Fragen in Ihrer Praxis?

Nicole Romanus: Eine sehr große Rolle: Ratsuchende berichten häufig davon, dass sie immer wieder um nötige und dauerhafte Heilmittelverordnungen kämpfen müssen, selbst wenn auf Grund der Diagnose ganz klar ein langfristiger Bedarf besteht. Oder dass Hausärzte sie nicht ernst nehmen, abweisend, unkooperativ und verständnislos reagieren und oft auch die Auswirkungen einer Behinderung auf den Alltag nicht korrekt einschätzen können. Das wirkt sich häufig negativ aus, wenn diese Hausärzte dann Stellungnahmen zum Beispiel zur Einschätzung des Grades der Behinderung (GdB) zur Notwendigkeit von Hilfsmitteln oder des Pflegegrads abgeben, die damit logischerweise zu falschen Schlüssen und Ergebnissen kommen, so dass die Betroffenen wiederum kämpfen müssen. Bei mindestens der Hälfte der Ratsuchenden bemerke ich, dass durch diese ständigen Belastungen die psychische Gesundheit zusätzlich zur bestehenden Behinderung oder chronischen Erkrankung leidet. Oder dass sie resigniert und erschöpft wegen der vielen Anstrengungen aufgeben und somit soziale Teilhabe und Gesundheitszustand insgesamt in eine Negativspirale geraten.

kobinet-nachrichten: Das Bundesgesundheitsministerium hat sich nun ja endlich auf den Weg gemacht und will einen Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen entwickeln. Was würden Sie gerne in einem solchen Aktionsplan finden?

Nicole Romanus: Zunächst einmal die gesetzliche Verpflichtung zur baulichen und digitalen Barrierefreiheit aller medizinischen und therapeutischen Einrichtungen als Grundvoraussetzung für echte Inklusion und gleichberechtigten Zugang. Dazu gehört auch die Praxisausstattung, zum Beispiel mit barrierefreiem WC, höhenverstellbaren Untersuchungsliegen, flexiblen Untersuchungsgeräten, mindestens einem großen Raum, der Platz für Rollinutzende und Assistenz bietet. Formulare und Aufklärungsbögen sollten sowohl analog als auch digital in einfacher Sprache vorhanden sein, es muss Vorlesefunktionen geben und die Möglichkeit, Schriftgröße und Kontraste anzupassen. Dazu muss endlich mehr Zeit für gute Kommunikation auf Augenhöhe eingeplant und angemessen entlohnt werden. Dieses umso mehr, wenn Sprachbarrieren bestehen und beispielsweise Gebärdensprachdolmetschung oder die Nutzung von Talkern nötig ist. Sensibilisierung und Weiterbildung des medizinischen Personals zur Komplexität beim Vorliegen von mehreren Erkrankungen/Behinderungen würde ich mir sehr wünschen, vor allem auch, dass Menschen mit Behinderung als Experten ihrer Lebenssituation ernst genommen werden und ihnen zugehört wird.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären dies?

Nicole Romanus: Ich würde mir tatsächlich als erstes ein völlig anders strukturiertes Gesundheits- und Sozialsystem wünschen, mit einem ganzheitlichen, individuellen und präventiven Ansatz, das in erster Linie Folgekosten und gesundheitliche Negativfolgen durch ständiges Kämpfen müssen der Betroffenen um ihre Rechte umfassend vermeiden will. Dazu würde eine konsequente Bekämpfung von Armut zählen, denn Armut macht krank. Alles Geld, was heute zum Beispiel in die Verwaltung in den Krankenkassen und Kontrolle durch den Medizinischen Dienst gesteckt wird, sollte Menschen mit Behinderungen direkt zugutekommen können. Hilfsmittelverordnungen sollten grundsätzlich gar nicht mehr geprüft werden, sondern eine hochwertige Versorgung muss umgehend erfolgen, weil nur so gleichberechtigte Teilhabe und Mobilität möglich sind.

Außerdem wünsche ich mir, dass bauliche Barrierefreiheit und ein umfassendes Bewusstsein dafür in allen Lebensbereichen endlich zur gesetzlichen Pflicht wird und dass hierfür notwendige Baumaßnahmen staatlich gefördert werden.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zur Hausarbeit von Nicole Romanus im Rahmen der 23. Peer Counseling Weiterbildung mit dem Thema: Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen beim Zugang ins allgemeine Gesundheitssystem – Erfahrungsbericht einer Rollstuhlfahrerin bei der Inanspruchnahme einer onkologischen Rehabilitationsmaßnahme

Lesermeinungen

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2 Lesermeinungen
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Heidi Eiselein
29.02.2024 20:08

So lange Krankenkasse und die Politik dieses Verhalten der Einrichtungen stillschweigend dulden, wird sich nichts ändern! Außer dass immer mehr Menschen mit Vorerkrankungen und Beeinträchtigungen KEINE Rehabilitationen mehr kriegen, Leistungen verweigert werden und der Betroffene zunehmend vor sich hin vegetiert.
Da wird lieber zugesehen, dass Menschen pflegebedürftig gemacht werden und dann beschwert die Gesellschaft sich über die horrenden Kosten für Pflege und Betreuung…
Ohne ein Instrument das „Hilfe oder Anleitung zur Selbsthilfe“ anbietet und von den Trägern auch bezahlt wird, zahlen wir das Geld kurzfristig einfach aus einem anderen Topf und am Ende addiert die Gesamtsumme des Pflege- und Unterstützungsbedarfs auf ein Vielfaches!!!
So lange der Patient nicht im Mittelpunkt steht und ganzheitlich betreut und behandelt wird, wird es keine Verbesserungen geben.
Das gleiche gilt übrigens auch bei Behörden und Entscheidern. Anträge werden meist „nur“ abgelehnt oder zurückgewiesen weil die Abteilung nicht zuständig sei. Wer jedoch die Zuständigkeit für diesen Antrag hat, wird nicht mitgeteilt. Wissen die das vielleicht selbst nicht?

Heidi Eiselein
29.02.2024 20:00

Diese Probleme der Ablehnung von Menschen mit Vorerkrankungen kenne ich leider. Meine hochgradige Sehbehinderung ist der häufigste Ablehnungsgrund. Obwohl ich weitgehend selbständig zurecht kommen kann, wenn ich die Wege ein paar Mal gegangen bin. Assistenz mitbringen wird meist nicht angeboten und wenn, habe ich selten jemanden der ein paar Wochen mit mir zur Rehabilitation, Anschlussheilbehandlung oder zu einer mehrtägigen Spezialuntersuchung in der Klinik mitbringen könnte.
Absagen wurden mir in den letzten zwei Jahren immer nur telefonisch übermittelt – in der Regel sogar ohne Begründung trotz Nachfrage. Auf das Anfordern einer schriftlichen Begründung wird häufig nicht reagiert oder starke Übertreibungen und falsche Einschätzungen werden vorgebracht…
Die Krankenkasse kümmert sich kaum. Unterstützung, Beratung, Vermittlung wird hier nicht angeboten.
Bei mir wird die Gesamtsituation aufgrund fehlender geeigneter Angebote bzw. Akzeptanz meiner Person inzwischen zunehmend schlechter. Wie hieß noch gleich das Motto der Rentenversicherungen: „Reha vor Rente“?
Für mich nicht. Was schränkt mich bitte so stark an einer psychosomatischen Therapie ein, dass ich vom Krankenhaus 2020 in eine „blindengerechte Einrichtung“ verschoben wurde. Aber selbst hier hat sich kaum einer gekümmert. Der einzige Unterschied: Ich durfte in der Kunsttherapie mit den Farben umgehen wie ich wollte. Ausdrücke und Bilder produzieren wurden außerdem nicht bewertet. Noch nicht einmal beim Ausfüllen von Fragebögen bekam ich Unterstützung! Auch nicht auf Nachfrage…