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bifos: Emanzipatorische Bildung und Forschung behinderter Menschen

Prof. Dr. Gisela Hermes
Prof. Dr. Gisela Hermes
Foto: privat

Kassel (kobinet) Vor kurzem wurde das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) mit der Kurt-Alphons-Jochheim-Medaille von der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) ausgezeichnet. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach anlässlich dieser Auszeichnung mit Prof. Dr. Gisela Hermes, die nicht nur entscheidend an der Gründung des Instituts von behinderten für behinderte Menschen beteiligt war, sondern über viele Jahre hinweg als Geschäftsführerin des bifos wirkte.

kobinet-nachrichten: Sie sind Gründungsmitglied des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) und waren lange Zeit Geschäftsführerin des Instituts. Welche Überlegungen haben damals zur Gründung des bifos geführt?

Prof. Dr. Gisela Hermes: Das bifos wurde im Jahr 1992, also vor 31 Jahren als Bildungs- und Forschungsinstitut der Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen ins Leben gerufen. Zwei Jahre zuvor hatten sich die Zentren für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in Deutschland zum bundesweiten Dachverband Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) zusammengeschlossen, um die Interessen behinderter Menschen auf politischer Ebene besser vertreten und durchsetzen zu können. Für die Gründung eines „bewegungseigenen“ Bildungs- und Forschungsinstituts gab es verschiedene Motive: So hatten wir gemerkt, dass nur wenige aktive behinderte Menschen zu viele politische Aktivitäten zu stemmen hatten und wir einfach mehr Mitstreiter*innen brauchten, um Behindertenpolitik verändern zu können. Dazu war dringend umfassende Aufklärungs- und Bildungsarbeit notwendig. Wir erkannten, wie wichtig es war, möglichst vielen behinderten Menschen – unabhängig von der Art ihrer Beeinträchtigung – umfassende Informationen zur Führung eines selbstbestimmten Lebens und zur Vertretung der eigenen Interessen an die Hand zu geben.

Auf der anderen Seite wollten wir emanzipatorische Forschung aus der Perspektive behinderter Menschen vorantreiben. Beides war dringend nötig, denn zum einen fehlten behinderten Menschen damals schlichtweg die Möglichkeiten, sich über ihre Rechte zu informieren und oft mangelte es auch an Selbstbewusstsein und Unterstützung, diese gegenüber Behörden oder Angehörigen durchzusetzen. Eine Idee des Vereins war deshalb, dass behinderte Menschen selbst andere behinderte Menschen empowern, damit sie sich trauen, ihre Rechte einzufordern statt sich passiv mit ihrer Situation abzufinden. Und zum anderen fehlten in der deutschen Forschungslandschaft Studien, die die Perspektive behinderter Menschen in den Mittelpunkt stellten und die jene Themen untersuchten, die für uns betroffene Menschen wichtig waren, wie beispielsweise Fragen zur Persönlichen Assistenz oder zur Situation behinderter Mädchen und Frauen. Stattdessen lagen fast ausschließlich Forschungsarbeiten von nichtbehinderten Wissenschaftler*innen über behinderte Menschen vor. Diese beruhten in der Regel auf einer defizitären, medizinischen Sicht auf Behinderung und sahen uns als hilflose Fürsorgeobjekte, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen und über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Uns war wichtig, hier etwas zu verändern, da ja auch politische Programme, in diesem Fall also die ausgrenzende deutsche Behindertenpolitik, zum Teil auf Forschungsergebnissen aufgebaut und legitimiert werden.

Im bifos wollten wir also mit unserer Arbeit behinderte Menschen nach dem Peer-Prinzip (Betroffene unterstützen andere Betroffene) in Seminaren, in Weiterbildungen und auf Tagungen dazu ermutigen und befähigen, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen und sich auch politisch einzumischen. Und auf der anderen Seite wollten wir durch eigene wissenschaftliche Studien und Publikationen unsere Perspektive als behinderte Menschen auf das Leben mit Behinderung in Deutschland sichtbar machen und dadurch Behindertenpolitik verändern. Wir wollten in unseren Studien behinderte Menschen befragen: Wie seht ihr eure Lebenssituation? Was braucht ihr? Was sind eure Vorstellungen, wie das Leben hier in Deutschland sein müsste, damit ihr gut leben könnt und eure Rechte verwirklicht sind?

Mir persönlich bot das bifos 14 Jahre lang die wunderbare Möglichkeit, meine Aktivitäten im Bereich der politischen Selbsthilfe für behinderte Menschen mit dem zu verknüpfen, was mir beruflich lag: Lehre und Forschung.

kobinet-nachrichten: Welche Erfolge aus der Arbeit des bifos sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Prof. Dr. Gisela Hermes: Da gab es aus meiner Sicht zahlreiche großartige Erfolge: Zum einen haben wir das Thema Peer Counseling für behinderte Menschen aus den USA nach Deutschland gebracht, auf unsere Verhältnisse angepasst und eine Weiterbildung zum/zur Peer Counselor*in ISL entwickelt. Diese wird inzwischen zum 25. Mal angeboten und das bifos hat nicht unerheblich dazu beigetragen, dass der Ansatz des Peer Counseling eine politische Anerkennung mit der Implementierung der EUTB (Unabhängigen Ergänzenden Teilhabeberatung) gefunden hat.

Wir konnten außerdem viele Themen anstoßen, die dann später von eigens gegründeten Organisationen / Vereinen weiterverfolgt wurden. Ich erinnere mich an die vom bifos organisierte erste Europäische Tagung behinderter Frauen (1996), auf der ein erstes informelles deutsches Netzwerk behinderter Frauen gebildet wurde. Daraus entstand dann später das Bundesnetzwerk „Weibernetz e.V.“ Auch der Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern (bbe e.V.) ist aus unseren Tagungen hervorgegangen.

Ein Höhepunkt meiner Zeit im bifos war die Sommeruni 2003: Disability Studies: „Behinderung neu denken“ in Bremen. Diese wurde ausschließlich von behinderten Menschen gestaltet und durchgeführt, wie alle bifos-Veranstaltungen. Insgesamt 500 Menschen waren gekommen, um 14 Tage lang über eine riesige Bandbreite an Themen zu diskutieren. Wir waren regelrecht berauscht von der Energie und den Ideen der Teilnehmenden. Von der Sommeruni gingen viele wichtige Impulse für die Disability Studies aus.

Zu erwähnen sind auch unsere Forschungsaktivitäten, insbesondere zu verschiedenen Themen behinderter Frauen, und die Schriftenreihe zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen, über die wir die Perspektiven behinderter Menschen sichtbar machen konnten.

kobinet-nachrichten: Wenn das bifos zum Beispiel 100.000 Euro hätte, welches Vorhaben würden Sie gern umsetzen?

Prof. Dr. Gisela Hermes: In den letzten Jahren wurde der Schwerpunkt stark auf die Bildungsarbeit gesetzt. Ich würde mit 100 000 Euro den Forschungsbereich stärken und zum Beispiel untersuchen, wie die Inklusion im Bereich Arbeit verbessert werden könnte.

kobinet-nachrichten: Was wünschen Sie dem bifos (außerdem) für die kommenden Jahre?

Prof. Dr. Gisela Hermes: Viel frische Power und großzügige Finanztöpfe, damit die bisherige erfolgreiche Arbeit mit mehr Personal weitergeführt und neue Projekte verwirklicht werden können.

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Link zu weiteren Infos zur Auszeichnung des bifos mit der Kurt-Alphons-Jochheim-Medaille