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„All inclusive“ und der Zeitpunkt an dem ich endgültig begriff, dass sich die Behindertenhilfe in eine falsche Richtung bewegt.

Stephan Laux sitzt auf einem Steinhaufen vor einem Tunnel in kurzem Hemd und Hosen
Stephan Laux
Foto: Stephan Laux

Villmar - Weyer, Stephan Laux (kobinet) Stephan Laux berichtet in seiner Kolumne über ein „Inklusives“ Kochprojekt der Unternehmerin, Fernsehköchin, Autorin und Politikerin Sarah Wiener.

Das „Mutterhaus meiner Einrichtung lud Mitte 2017 einmal zu einem „inklusiven Bankett“ ein. Der Event wurde von Sarah Wiener initiiert und von der Caritas weitergetragen. Sarah Wiener hatte in der Küche einer Sondereinrichtung, zusammen mit beeinträchtigten Menschen gesund gekocht und das Ereignis auf DVD festgehalten. So entstand einer jener Berichte, die ich wenn sie mir im Fernsehen begegnen gerne wegschalte, weil Sie die Behindertenhilfe als Ort der Inklusion mit lauter glücklichen und zufriedenen Menschen darzustellen suchen.

Jedenfalls wurde diese Aktion von der Caritas dahingehend interpretiert, dass die beeinträchtigten Mitarbeiter der WfbM Küche für ein erlesenes Publikum kochen. Dazu gehörten die Landesvorsitzende des Kostenträgers, Kommunalpolitiker, der Bürgermeister + Gattin, Sponsoren, Geschäftsleitung, Einrichtungsleiter und auf unterster Leitungsebene Leute wie ich.

Die Einladung erreichte mich im Dienstzimmer der Wohnstätte, die ich damals leitete. Also ging ich zu meinen Bewohner*innen, die gerade das Abendessen vorbereiteten und fragte sie, ob wir gemeinsam dieser Einladung folgen sollten. Alle waren dafür.

Als ich dann die sieben Bewohner*innen und mich per Mail anmeldete, erreichte mich am nächsten Tag eine überraschende (aber eventuell doch vorhersehbare) Antwort. Die Einladung gelte ausschließlich für mich. Bewohner*innen könnten leider nicht berücksichtigt werden. Eine Steilvorlage und Ansporn für einen kritischen Geist. So ergab sich ein angeregter Schrift- und Telefonverkehr:

Ich: Aber der Event sei doch inklusiv. So stände es zumindest auf der Einladung.

Gastgeber: Ja, deswegen werden ja auch nichtbeeinträchtigte Menschen eingeladen

Ich: Und beeinträchtigte Menschen ausgeschlossen?

Gastgeber: Nein. Die kochen ja.

Ich: Das hieße also, beeinträchtigte Menschen würden für nicht beeinträchtigte Honoratioren kochen, servieren, abräumen und anschließend noch abwaschen.

Gastgeber: Ja, ehm Nein. Sie würden von Ihren Betreuer*innen unterstützt. Aber das meiste würden sie selbst machen und mittendrin würde auch noch ein Chor singen.

Ich: Ein Chor von beeinträchtigten Menschen?

Gastgeber: Ja! Sie haben wochenlang geübt!

Ich: Aha!

Gastgeber: Kommen Sie jetzt oder nicht?

Ich: Wie gesagt. Ich würde gerne mit meinen Bewohner*innen kommen.

Gastgeber: Dafür fehlen uns leider die Kapazitäten, Wenn jetzt jeder Wohnstättenleiter seine Bewohner*innen mitbringen würde. Also wenn das jetzt jeder machen würde…

Ich: Genau. Dann wäre es Inklusion.

Gastgeber: Aber verstehen Sie doch! Dafür fehlen uns auch die räumlichen Kapazitäten.

Ich: Dann müssten Sie das Konzept vielleicht überdenken.

Gastgeber: So kurzfristig! Wie sollen wir das schaffen?

Ich: Sagen Sie allen Gästen, nach dem Essen: Sie mögen bitte Ihre Tische abräumen und in die Küche kommen um mit Köchen zusammen abzuspülen.

Gastgeber: Wir können doch nicht der Landesvorsitzenden des Kostenträgers sagen, sie solle ihr Geschirr selbst abräumen und spülen!

Ich: Das wäre schon mutig.

Gastgeber: Nein das geht nicht. Kommen Sie jetzt alleine oder gar nicht……?

Ich habe mich dann entschlossen, nicht zum Essen zu kommen. Ich wollte aber die Veranstaltung gerne beobachten. Um mich zu vergewissern ob das wirklich der Stand der Behindertenhilfe ein Jahr nach der Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes ist.

Und so war es dann auch. Die Honoratioren verteilten sich an die gedeckten Tische. Ließen sich von als Oberkellner*innen verkleideten, beeinträchtigten Menschen eine Auswahl von 3 vegetarischen Menüs servieren. Lauschten dem „Gefangenenchor“ und Grußbotschaften und Erfolgsmeldungen aus dem Projekt Inklusion.

Nachdem die „Oberkellner*innen“ das Geschirr zum Spülen abgeräumt hatten. Stellten Sie sich auf die Bühne des Saals und ließen sich applaudieren.

Die Veranstaltung wurde in der lokalen Presse gefeiert. Die Geschäftsleitung endgültig auf mich aufmerksam und der einladende Gastgeber später mein direkter Vorgesetzter .

Stephan Laux Juni 2019