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Geflüchtete mit Behinderung von Benachteiligung bedroht

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Foto: omp

Berlin (kobinet) Derzeit erreichen die Sozialberatung des ABiD pro Woche rund fünf Nachrichten von ukrainischen Flüchtlingen, die sich per Mail informieren lassen möchten. Wie der Leiter des ehrenamtlichen Angebots des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland (ABiD), Dennis Riehle, in einer aktuellen Aussendung berichtet, drehe es sich dabei vor allem um Fragen über den Anspruch auf Leistungen: "Letztendlich herrscht auch bei den Behörden weiterhin ein gewisses Chaos, weil niemand so genau weiß, welcher Träger für die finanzielle Unterstützung von Geflüchteten aus dem Kriegsgebiet zuständig ist. Durch die Übernahme des angesprochenen Personenkreises aus dem Geltungsbereich des Asylbewerberleistungsgesetzes in das Sozialgesetzbuch II – also in die sogenannten Hartz IV-Leistungen – ändert sich normalerweise auch der Ansprechpartner von den Kreis- und Stadtverwaltungen zu den Jobcentern“.

Doch diese Transformation sei bislang noch nicht überall erfolgreich umgesetzt worden, "sodass manche Flüchtlinge von einer Behörde zur nächsten geschickt werden, weil Unklarheit herrscht, wer nun im Speziellen für Menschen aus der Ukraine verantwortlich ist“, so der 37-Jährige psychosoziale Berater, der davon ausgeht, dass die Betreuung in einigen Regionen zumindest noch übergangsweise durch die Sozialämter erfolgen wird und erst nach und nach eine Übergabe an die gemeinsamen Träger von Kommunen und Arbeitsagentur erfolgt. "Daneben ist weiterhin die Suche nach Wohnraum für die Flüchtlinge eine Herausforderung vieler Gemeinden. Hierzu erhalten wir Anfragen aus der gesamten Bundesrepublik, wohin man sich als Flüchtling gerade bei Ankunft in Deutschland wenden kann. Und nicht zuletzt ist die Nachfrage nach unserer Psychologischen Beratung sehr hoch, denn die Eindrücke aus dem Kriegsgebiet lassen die hier ankommenden Menschen nicht in Ruhe“, so Riehle, der auch in Traumabewältigung weitergebildet ist. "Hier vermitteln wir an spezialisierte Psychotherapeuten vor Ort und bieten eine erste seelsorgerliche Unterstützung per Mail, die bereits vielen Betroffenen eine wesentliche Hilfe scheint“.

Ein zunehmendes Problem stelle auch die Ausgabe vom Allernötigsten dar. "Nicht nur aufgrund des Krieges sind die 'Tafeln‘ und andere Hilfsvereine seit langem an der Belastungsgrenze. Es fehlen Lebensmittelspenden, aber auch freiwillige Engagierte“, erklärt Riehle und betont: "Die Ehrenamtlichen haben teilweise über Wochen durchgearbeitet. Sie sind echt erschöpft. Und mit der zunehmenden Gewöhnung an die Bilder des Krieges fehlt es auch an neuen Mitarbeitern, die sich in den bürgerschaftlichen Dienst stellen. Immerhin haben viele von ihnen mittlerweile selbst große Probleme, aufgrund der Inflation und der angespannten wirtschaftlichen Lage über die Runden zu kommen. Man muss attestieren, dass wir in einer höchst prekären Situation stecken, was die Betreuung von Flüchtlingen, gleichsam aber auch sozial schwacher Bundesbürger betrifft“.

Er führt weiterhin aus: "Besonders behinderte und chronisch kranke Menschen – egal, ob sie nun aus Deutschland, der Ukraine oder anderen Ländern der Welt kommen – sind in erheblichem Maße von Armut und Ausgrenzung bedroht. Denn sie wissen oftmals nichts von ihren Rechten und erhalten deshalb nicht die Nachteilsausgleiche, die ihnen eigentlich zustehen würden. Und der Staat verlässt sich in der Begleitung dieser Personen zu sehr auf die freiwilligen Hilfsstrukturen von Vereinen und Initiativen, das birgt enormes Potenzial für Verwerfungen in sich“.

Die erkennbare Desorientierung vieler Kriegsflüchtlinge in allen Bereichen stelle laut Riehle auch das Versorgungsystem auf eine Probe: "Nicht nur, dass aufgrund von Sprachbarrieren ankommende Ukrainer nicht wissen, wohin sie sich wenden können, um öffentliche oder zivilgesellschaftliche Förderung zu erhalten. Auch der zweifelsohne komplexe Sozialstaat in Deutschland – der selbst unsere eigenen Bürger allzu oft vor Rätsel stellt – bedeutet ein großes Hindernis, das es nach Eintreffen in der Bundesrepublik zu verstehen und bewältigen gilt. Hierbei wollen wir eine erste Orientierung sein“, so der Integrationsberater weiter, welcher abschließend auch davor warnt, Flüchtlinge aus der Ukraine besserzustellen als Asylsuchende aus anderen Krisengebieten: "Wir müssen verhindern, dass hier eine Zwei-Klassen-Flüchtlingsgesellschaft entsteht, die zu Neid und Missgunst führt. Der soziale Friede muss bei aller Tragik in der Ukraine gesichert bleiben“, sagt Riehle, der für alle Hilfssuchenden (ob Flüchtling oder nicht) kostenfrei und überregional ansprechbar ist: Kontakt per E-Mail unter: [email protected].

Handicap International und die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) laden am 22. Juni von 16:00 bis 18:00 Uhr zu einer digitalen Informationsveranstaltung mit dem Titel "Mit einer Behinderung in Deutschland: Was sind meine Rechte? Wo bekomme ich Hilfe? Austausch für Menschen mit Behinderung aus der Ukraine“ ein. Expert*innen berichten über das deutsche Hilfesystem für Menschen mit Behinderung, über grundlegende Rechtsansprüche und Rechtszugänge. Zudem stehen sie ausführlich für Fragen zur Verfügung. Die Veranstaltung findet via ZOOM statt. Sie wird in Russisch und Ukrainisch übersetzt.

Link zur Ankündigung der Veranstaltung und zur Anmeldung im kobinet-Bericht zur geplanten Veranstaltung

Link zur Datenbank zur Vermittlung von Unterkünften und Beförderungsmöglichkeiten für geflüchtete behinderte Menschen www.hilfsabfrage.de

Berlin (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/soqsvx2