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Fünf Jahre Gefängnis für Vergewaltigungen in Werkstatt für behinderte Menschen

Goldene Statue Justitia mit Schwert und Waage
Justitia
Foto: Sang Hyun Cho auf Pixabay

Neu-Ulm (kobinet) Wie wichtig ein konsequenter Gewaltschutz und eine entsprechende Verfolgung von Straftaten in der Behindertenhilfe ist, zeigt auf's Neue ein aktueller Fall aus einer Behindertenwerkstatt aus dem Kreis Neu-Ulm. Im Prozess wegen einer Vergewaltigung und Misshandlungen von Menschen in einer Behindertenwerkstatt im Kreis Neu-Ulm ist der Angeklagte am 1. Juni zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, wie der Südwestrundfunk in seinem Online-Angebot auf SWR AKTUELL berichtet.

"Wie ein Sprecher des Landgerichts Memmingen weiter mitteilte, sah es das Gericht als erwiesen an, dass sich der frühere Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt rund 40 Mal an Menschen vergangen hat, die in der Einrichtung im Kreis Neu-Ulm lebten beziehungsweise arbeiteten", heißt es in dem Bericht weiter.

Link zum Bericht in SWR AKTUELL

Dies wirft sich natürlich auch die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass der frühere Mitarbeiter überhaupt so viele Taten in der Werkstatt für behinderte Menschen verüben konnte, ohne dass dem frühzeitig Einhalt geboten wurde.

Das Thema Gewaltschutz spielte auch bei den Inklusionstagen am 31. Mai und 1. Juni eine wichtige Rolle. In Deutschland leben derzeit rund 200.000 erwachsene Menschen mit Behinderungen in Wohneinrichtungen. Rund 330.000 Menschen sind in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt. Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel hat sich dabei u.a. für einen konsequenten Gewaltschutz bei Angeboten der Behindertenhilfe stark gemacht und auf seine gemeinsam mit der Monitoringstelle UN-Behindertenrechtskonvention beim Deutschen Institut für Menschenrechte erarbeiteten Handlungsempfehlungen zum Gewaltschutz hingewiesen.

Link zu den Publikationen des Bundesbehindertenbeauftragten mit den Handlungsempfehlungen in verschiedenen Formaten

Neu-Ulm (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/slnwy30


Lesermeinungen


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7 Lesermeinungen
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Alexander Drewes
03.06.2022 17:33

Der Teufel steckt - wie so häufig - im Detail. Weshalb bedarf es überhaupt einer Gewaltschutzprävention in Einrichtungen?
Ganz offensichtlich - das wurde und wird bei der Heimenquete immer deutlicher - gab und gibt es in Deutschland eine umgreifende Kultur des Wegsehens, wenn es sich um Gewalterfahrungen von beeinträchtigten Menschen in Einrichtungen handelt.
Insofern können sich gerade die kirchlichen Träger, aber eben leider nicht nur diese, einer langjährigen Verschweigenskultur des Negierens, Beschwichtigens und Herunterredens von - gerade auch sexualisierter - Gewalterfahrung berühmen.
Juristisch war dem über Jahrzehnte schon deshalb schwer beizukommen, weil man allzu häufig an der Glaubwürdigkeit der als Zeugen auftretenden Opfer gezweifelt oder dieselben schlichtweg nicht ernst genommen hat.
Insofern mag der Ansatz, den R. Tripp von Hephata hier darstellt, durchaus in die richtige Richtung gehen.
Was mir entscheidend fehlt, ist eine Ombudsfunktion, zudem sind mir die Selbstbeteiligungsrechte der betroffenen beeinträchtigten Menschen nicht ansatzweise hinreichend plausibel dargestellt.
Grundsätzlich brauchen wir - lassen wir die Diskussion um Heimeinrichtungen für beeinträchtigte Menschen einmal beiseite (hierzu habe ich mit Hephata vor Jahr und Tag bereits einmal einen Straß ausgefochten) - eine vollständige Kultur der Offenheit.
Wenn wir mittlerweile - die mediale Öffentlichkeit war diesbezüglich vor kurzer Zeit in Hessen wieder einmal vernehmbar - schon wieder die Diskussion führen, ob sich Einrichtungen für beeinträchtigte Menschen mit dem touristischen Aspekt einer Kommune vertragen, hilft es einzig und allein, so viel Offenheit und Öffentlichkeit in das Gemeinweisen zu tragen, um die Notwendigkeit von segregativen Einrichtungen überhaupt begründen zu können.

Alexander Drewes
Antwort auf  Alexander Drewes
03.06.2022 17:37

Daneben: Während mir das Strafmaß auf den ersten Blick hin halbwegs einleuchtend erscheint, bin ich auf die Begründung des Landgerichts Memmingen dann durchaus gespannt sein. Ich fürchte, vor allem semantisch wird man das Urteil - wie in Strafsachen beeinträchtigte Menschen betreffend üblich - wieder "in Grund und Boden" kritisieren müssen.

RTripp
Antwort auf  Alexander Drewes
04.06.2022 20:21

Sie fragen: "Weshalb bedarf es überhaupt einer Gewaltschutzprävention in Einrichtungen?" Eine Gegenfrage: Warum stellen Unternehmen Compliance-Richtlinien auf, warum erlassen Vereine und andere gesellschaftliche Gruppen Richtlinien zur Prävention vor sexualisierter Gewalt? Selbst im Bereich der persönlichen Assistenz soll es Übergriffe geben.

Alexander Drewes
Antwort auf  RTripp
12.06.2022 20:58

Sehr geehrter Herr Tripp,

Sie haben augenscheinlich meinen Ansatz nicht verstanden.
Wenn ich davon ausginge, dass Regelungen gar nicht notwendig wären, hätten wir das Dilemma, über das der Beitrag schreibt, in dieser Form, in der es leider vorliegt, ja gar nicht.
Mein Ansatz ist ja durchaus ein anderer: Zum einen weist Ihr Gewaltschutzkonzept - darauf habe ich explizit im vorherigen Beitrag bereits hingewiesen - eine wesentliche Beteiligung der Betroffenen gerade nicht auf. Zudem ist auch nicht nachvollziehbar, an welche unabhängige Instanz sich die Betroffenen wenden könnten, sofern sie mit entsprechenden Gewalterfahrungen konfrontiert sind.
Insofern verortet sich Ihr Gewaltschutzkonzept - so löblich es auch klingen mag - letztlich auf Nebenkriegsschauplätzen, indem man die potenziellen Täter auf Ihr mögliches Tatverhalten aufmerksam macht, nicht hingegen die Opferperspektive - und um diese geht es einzig und allein im vorliegenden Fall - umfassend stärkt.

Mit bestem Gruß

Alexander Drewes, LL.M.

Uwe N.
03.06.2022 12:32

Hallo zusammen.
Ansich ja ein guter Beitrag... Ansich würde ich das auch alles so unterschreiben! Das einzige was mir ziemlich sauer aufstößt:

Warum findet man in solchen Artikeln nie, was dagegen getan werden kann um so etwas zu Verhindern?? Bitte nicht falsch verstehen. Es ist durchaus wichtig das man solche Artikel, gerade wenn es um Missbrauch behinderter Menschen geht, zu Publizieren. Auch gerne Kristallklar und mit dem Gebührendem Ansatz der Wut und fassungslosigkeit.... Aber das hilft halt niemandem weiter...... Lösungsansätze zur Verhinderung wären schön..... So etwas wie "Regelmäßiges Überprüfen" oder "Regelmäßige Schulungen" was das Thema angeht um die Betreuer und Angestellten im Gebiet der behindertenhilfe zu Sensibilisieren!!

Sonst wird sich vermutlich nie etwas verändern und wir lesen solche Artikel in regelmäßigen Abständen.....

RTripp
Antwort auf  Uwe N.
03.06.2022 15:10

Hallo Uwe N.,
ich denke schon, dass sich in den letzten Jahren etwas getan hat. Als Beispiel möchte ich aus meiner Einrichtung berichten, in der ich früher mit Menschen mit Unterstützungsbedarf gearbeitet habe und in der ich seit einigen Jahren Heilerziehungspflegerinnen, Erzieherinnen und Heilpädagoginnen ausbilde. Folgendes tun wir zur Prävention:

  • Jeder der bei uns ausgebildet wird und ausbildet oder mit Klientinnen in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern tätig ist, muss ein qualifiziertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.
  • In unserer Einrichtung (Schule und in der Arbeit mit Menschen mit Unterstützungsbedarf) gibt es schriftlich fixierte, verbindliche Richtlinien über sexuelle Rechte und Pflichten, die für alle gelten.
  • In der Ausbildung werden in verschiedenen Unterrichtseinheiten die Themen sexualisierte und körperliche Gewalt und der Umgang mit herausforderndem Verhalten thematisiert, theoretisch und praktisch.
  • Ab dem Sommer wird eine Kollegin mit Behinderung anfangen, die längere Zeiten in Pflegeheimen verbracht hat und Gewalterfahrungen gemacht hat. Sie wird ihre Erfahrungen mit in den Unterricht einbringen.
  • Wir haben unter anderem Kontakt mit Wildwasser, einer Initiative gegen sexualisierte Gewalt und pro familia, die bei uns Unterrichte zu den genannten Themen gestalten.
  • Wir laden regelmäßig Menschen mit Unterstützungsbedarf ein, die unseren Schülerinnen selbst ihre Sicht der Dinge darstellen und erzählen, wie sie sich den Umgang mit ihnen wünschen.

Das waren einige Elemente, die der Prävention von sexualisierter und körperlicher Gewalt dienen. Dennoch bin ich nicht so vermessen zu behaupten, dass damit das Risiko auf Null reduziert wird und alles gut wäre.
R. Tripp, Hephata Akademie, Schwalmstadt

Uwe N.
Antwort auf  RTripp
07.06.2022 13:02

Zunächst mal:
Herzlichen dank, für die ausführliche Antwort!!

Ich finde es ja Super, was sie da Letztlich auf die Beine stellen und wollte ja auch nicht sagen, dass sich so gar nichts verändert hat in den letzten Jahren.......... AAAAAAAAAAABER:

Bei allem Einsatz und Aufwand der da betrieben wird. Mir fehlt eine kleine, aber für mein dafürhalten extrem wichtige Information.......
Wie oft wird das ganze ÜBERPRÜFT und von wem??

Ich habe seit 1989 mit dem feld der behindertenarbeit zu tun und stelle immer wieder fest: es wird zwar viel getan, aber nix davon wird irgendwann mal überprüft!!
Und wenn dann doch mal etwas Überprüpft wird, wird es Wochen vorher angekündigt, so dass man alle "Stolperstreine" gegebenenfalls aus dem Weg räumen kann........
Eine Überprüfung bei der der Prüfer JETZT und vor allem OHNE VORANKÜNDIGUNG kommt, wäre da Sinnvoller.
Ich rede hier von GESAMTÜBERPRÜFUNG von Wohneinrichtungen. Mir geht es nicht ausschließlich um Übergriffigkeiten. Da sehe ich Überprüfungen auch eher als schwierig an.
Hier müsste mit den Klienten gearbeitet werden. Auch das wird ja Leider in der Regel viel zu wenig und viel zu Selten getan.
Hier müssten die Klienten bestärkt werden, sich zu Melden, wenn Dinge passieren, die ihnen nicht zusagen!

Auch ein "Anpassen" des gesamtsystems könnte durchaus Hilfreich sein!
Unabhängig von der Personaldichte sollte und MUSS gewährleistet sein, dass Pflege immer vom gleichen geschlecht gemacht wird. Ich denke, so könnte einiges schon im Keim erstickt werden........

Und Bitte:
Sehen sie es nicht als "persönlichen Angriff, ich sage nur was ich denke!!