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ad:bewegt! – Geschichte(n) zum selbstbestimmten Leben im Kontext der Behindertenbewegung

Bild von der Ausstellungseröffnung am 29.5.22
Bild von der Ausstellungseröffnung am 29.5.22
Foto: U. Aurien

Berlin (kobinet) Der Chronist der kobinet-nachrichten aus Berlin Dr. Martin Theben berichtet dieses Mal von einer multimedialen virtuellen Ausstellung über die Geschichte des Berliner Assistenzvereins ambulante dienste e.V., die anlässlich des 40jährigen Bestehens 2021 zu Beginn dieser Woche gestartet ist.

Bericht von Dr. Martin Theben

Die Gründung von ambulante dienste (ad) am 8. Mai 1981 im West-Berliner Mehringhof fällt in die Protest- und Aufbruchstimmung der 70er und 80er Jahre. Erstmals war es nun Menschen mit hohem Hilfebedarf möglich – der Begriff Assistenz musste sich in den kommenden Jahren noch durchsetzen – außerhalb von Heimen und ohne sich den Strukturen eines Pflegedienstes oder einer Sozialstation aussetzen zu müssen, selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben zu können. Die Nutzer*innen von ad sind von Anfang an bis heute an der Auswahl und Anleitung ihrer Helfer*innen selbst und bestimmt beteiligt. Frauen haben das Recht, nur mit Frauen zu arbeiten. Sonst leider keine Selbstverständlichkeit.

Die multimediale Ausstellung gibt einen tiefen Einblick in die Geschichte von ambulante dienste im Besonderen und die Geschichte der Behindertenbewegung im Allgemeinen. Vergangene und aktuelle Herausforderungen werden beleuchtet, zum Beispiel der Protest gegen das UNO-Jahr der Behinderten 1981.

Ein Avatar des im März 2020 verstorbenen Matthias Vernaldi, ehemaliges Vorstandsmitglied und langjähriger Aktivist, führt durch die virtuellen Räume. Gesprochen wird er von Jürgen Hobrecht, der selbst ein Aktivist der Krüppelbewegung gewesen ist und an den Protesten zum Internationalen UNO-Jahr der Behinderten teilgenommen hatte. Er liest auch weitere Texte zur Ausstellung, die es auch in Leichter Sprache gibt.. Die Erzählerin Christine Lander lässt Biografien von drei verstorbenen Assistenznehmer*innen lebendig werden. In Interviews der Filmemacherin Constanze König gehen Uschi Aurien und Charlotte Zach auf einzelne Schwerpunkte ein. Horst Frehe, ebenfalls an den Protesten gegen das UNO-Jahr 1981 beteiligt und später einer der Sprecher*innen des Forums behinderter Jurist*innen führt in kurzen anschaulichen Interviews durch das Labyrinth des Rechte-Dschungels. Als Kuratorinnen zeichnen Laura Voigt und Esther Hornung. Maria Felix Korporal sorgte für die beeindruckende grafische Gestaltung.

Vorstandsmitglied Uschi Aurien berichtet unter anderem über den Werdegang von ambulante dienste, der bis heute sein Wirken immer auch als Teil des behindertenpolitischen Widerstandes versteht. Gerade auch dann, als Mitte der 90ziger Jahre die Einführung der Pflegeversicherung professionelle Strukturen und effizientere Abrechnungsmodelle einforderte. Der Kampf gegen die Pflege-Module, die selbstbestimmtes Leben zu einzelnen Leistungskomplexen verhackstückten, wurde zu einer enormen Herausforderung. Gemeinsam mit Aktiven der Arbeitsgemeinschaft Selbstbestimmt Leben schwerstbehinderter Menschen e.V., in der sich 1992 behinderte Arbeitgeber*innen organisiert hatten, zusammengeschlossen im Bündnis Selbstbestimmtes Leben, schaffte es ad, den Leistungskomplex 32, Persönliche Assistenz, zu entwickeln.

All dies und noch vielmehr erzählt diese wunderbare Ausstellung, deren Besuch allen dringend empfohlen wird.

Link zur virtuellen Ausstellung und zu weiteren Infos