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Probefahrt des 5-Uhr-Clubs mit neuen S-Bahnen in der Region Hannover

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Foto: ht

Hannover (kobinet) Der 5-Uhr-Club für Menschen mit und ohne Behinderung der Volkshochschule (VHS) Hannover hat am 5. Mai eine Probefahrt mit der neuen S-Bahn in der Region Hannover unternommen und die Ergebnisse festgehalten. Ulrike Ernst vom 5-Uhr-Club hat folgenden Bericht über die Probefahrt geschrieben, der aufzeigt, warum die Beteiligung behinderter Menschen in Planugnsprozessen so wichtig ist und mit welchen Hürden sich behinderte Menschen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) immer noch rumschlagen müssen.

Bericht von Ulrike Ernst vom 5 Uhr Club in Hannover

Tempo machen für Inklusion – barrierefrei ans Ziel. Nach Corona sind die Gruppen geschrumpft und weniger aktiv. Wenn schon keine Protestveranstaltung in Hannover – wollten wir wenigstens passend zum Thema individuelle Mobilität einen kleinen Ausflug machen. Dabei fällt man als Gruppe von Menschen mit Behinderungen immer auf!

Wir trafen uns um 17 Uhr am Hauptbahnhof in Hannover und starteten ganz entspannt zu Gleis 13, wo die ausgesuchte Linie 3 der neuen S-Bahn Richtung Hildesheim abfahren sollte. Der Fahrstuhl zum Gleis war in Ordnung und so warteten wir oben auf dem Bahnsteig.

Dabei entdeckten wir auf Gleis 14 eine neue S-Bahn der Linie 6, die nach Celle fährt. Bei ihr sahen wir die Klappen an allen Türen, die den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug überbrücken. Total ebenerdig – Super!

Außer uns warteten noch 2 einzelne Personen im Rollstuhl an unterschiedlichen Plätzen auf die S-Bahn Linie 3. Es gibt zwei Fahrradbereiche und einen für Rollstuhlnutzende. Eventuell sind diese für individuelle Bedarfe besser geeignet

Unsere S-Bahn fuhr frühzeitig ein. Es gab genug Zeit den Wagenteil mit dem übergroßen Rollstuhlsymbol zu entdecken. Unsere erfahrene Rollstuhlfahrerin schaffte es, selbst mit langem Arm den Knopf für die Türöffnung zu drücken. Sie meinte allerdings in Eile würde ihr das nicht gelingen. Evtl. sind dabei in etwa 2 Meter Abstand auf beiden Seiten der Tür vorhandene Knöpfe hilfreich, wenn man parallel am Zug entlang fährt?

Große Enttäuschung verursachte die kleine etwa 5-6 cm hohe Stufe, die nach dem Öffnen der Tür bei diesem Fahrzeug sichtbar wurde,. Eine andere Rollstuhlfahrerin kam deswegen ohne Hilfe nicht in die S-Bahn. Man braucht Erfahrung, Mut und Schwung, um solche Stufen zu überwinden.

Für Menschen mit Sehbehinderung bzw. Blindheit empfiehlt sich weiter ein großer Schritt, um nicht zu stolpern.

Im Wagen ist der Aufstellplatz begrenzt. Wendemanöver funktionieren nur mit sehr wendigen Rollstühlen, wenn man alleine ist. Je nach Art des Rollstuhls können eventuell zwei Rollstühle dort stehen. Doch dann wird Ein- und Aussteigen schwierig. Die Durchfahrt zum Aufstellplatz ist eventuell zu eng für breitere Rollstühle.

Die Klappsitze beim Rollstuhl-Aufstellplatz sind für Gehbehinderte schwierig. Die dahinter liegenden erhöhten Sitzplätze zu erklimmen dauert zumindest eine Weile. (Eventuell ist ein anderes Abteil flacher erreichbar, dann aber ohne Rufanlage)

Den Weg zur barrierearmen Toilette versuchte unsere Protagonistin erst gar nicht. Er schien ihr zu knapp bemessen. Ein Anwesender mit Gehbehinderung war sehr enttäuscht, weil bei der Toilette der zweite klappbare Stützgriff fehlt. Wer auf der falschen Seite gelähmt ist, kann so die Toilette nicht nutzen.

Sehr gut lesbar und informativ fanden die Sehenden die Fahrziel-Anzeigen. Auch die akustischen Informationen fanden wir gut. Die Signaltöne beim Schließen der Türen waren sehr laut.

Während der kurzen Fahrt von etwa 15 Minuten entdeckten wir einen gelben Rufknopf, der tatsächlich eine Verbindung zur Zugführer*in herstellt. Sowie einen blauen Knopf mit Rollstuhlsymbol, der wohl für die Ankündigung des Ausstiegs gedacht ist.

Angekommen in Lehrte gab es die nächste Überraschung: Diesmal war der Bahnsteig etwa 5-6 cm höher als der Zug. Ein No-Go wie wir von Verkehrsplanern wissen.

In der Lehrter Bahnhofsanlage funktionierte der Fahrstuhl Richtung „Rathaus“ nicht. Zum Glück kamen wir auf der anderen Seiten in Richtung „Neues Zentrum“ aus dem Tunnel nach oben.

Gestärkt durch ein Eis fuhren wir zurück. Die Tatsache, dass man sich durch die Klappen zwischen Zug und Bahnsteig etwas sicherer bei der Nutzung der S-Bahn fühlt, ist nicht zu bestreiten. Aber die kleinen Stufen beim Ein- und Ausstieg sind unschöne Hindernisse, die wohl je nach S-Bahn-Zug und Bahnhof verschieden ausfallen.

Wir hatten eine extrem ruhige Zeit für unsere Probefahrt gefunden. Bei mehr Fahrgästen könnte die beengte Situation im Zug – man kann nicht zu einer anderen Tür durchfahren – plus der durch kleine Höhenunterschiede erschwerte Ein- und Ausstieg stressig werden. So unser Resümee – das durch das leckere Eis in Lehrte deutlich freundlicher ausfiel. Wir kamen ans Ziel und fanden die Ansicht bestätigt, das ein Test in einer Gruppe doch ein guter Beginn ist.

Die Hannoversche S-Bahn müsste in naher Zukunft vergleichbar der üstra Übungstage anbieten, die helfen Unsicherheit abzubauen.

Wir fragen uns, warum Fahrgäste mit Rollstuhl, die an der Planung mitwirken, wie bei der üstra in Hannover, vor der Ausschreibung nicht beteiligt waren? In Zeiten von DIN Normen scheint deren Umsetzung nicht garantiert. Wie wir hörten, sollen die extra angeschafften Fahrzeuge ab Juni auf allen S-Bahn-Strecken in der Region Hannover für 12 Jahre verkehren.

Die Versäumnisse bei der Planung können im Alltag so manchen Mangel an Komfort und Zeitverluste für Fahrgäste bewirken und das kann nicht Ziel der ÖPNV Träger sein.

Ob die Mängel noch beseitigt werden können, muss geklärt werden.

Anscheinend trotzen Fahrgäste mit Mobilitätseinschränkungen den Widrigkeiten im Alltag mit individuellen Wegen der Nutzung. Das ist doch ermutigend!