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Sonnenschein und dunkle Wolken am Reisehimmel

Blick über die Spree auf dern Berliner Hauptbahnhof
Berlin - Hauptbahnhof
Foto: H. Smikac

BERLIN (kobinet) Nach zwei Jahren vieler Einschränkungen beginnt die Zeit des Reisens und der Fahrten zu Erholung und Entspannung wieder. Sehr viele und immer mehr Menschen benötigen für diese "schönste Zeit des Jahres" jedoch auch barrierefreie Bedingungen. Mit dem Blick auf den fünften Mai, dem bundesweite Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, der in diesem Jahr zum 30. Mal stattfindet, hatte das ABiD-Institut Behinderung und Partizipation zu einem Rundtisch-Gespräch zum Thema "Barrierefreier Tourismus in Deutschland" eingeladen.

Ziel der Beratungen war es, darüber zu diskutieren, was zu tun ist, um bei der Entwicklung des barrierefreien Tourismus deutlich schneller voranzukommen sowie zu beraten, in welcher Form eine Zusammenarbeit von Behindertenorganisationen und weitere an diesem Thema Interessierter künftig stattfinden kann.

Grundlage der umfangreichen Aussprache bildete die Tatsache, dass es durchaus eine ganze Reihe von passenden Angeboten für die unterschiedlichsten Ansprüche von Barrierefreiheit gibt. Diese Möglichkeiten sind, das wurde in der Aussprache mehrfach betont, jedoch sehr verschieden und entsprechen häufig nicht ganz dem Umfang an Barrierefreiheit, der in den Broschüren oder bei telefonischen Nachfragen versprochen wird. Allgemein wurde dabei festgestellt, dann man sich, wenn man Ansprüche an die Barrierefreiheit hat, Reiseziele nicht einfach aussuchen kann sondern unter jenen Angeboten auswählen muss, die zur Verfügung stehen.

Einen breiten Raum der Gespräche am Runden Tisch nahmen die Gesichtspunkte ein, die erklären sollen, weshalb sich die Entwicklung des barrierefreien Tourismus in Deutschland so langsam vollzieht. In diesem Zusammenhang wurde tiefe Empörung darüber geäußert, dass die Erfüllung des Gesetzes, den Öffentlichen Personennahverkehr barrierefrei zu machen, bereits seit einem Jahr überfällig ist. Sehr unzufrieden äußerten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ebenso über die Verwirklichung solcher gesetzlicher Vorgaben wie der UN-Behindertenrechtskonventionen oder solcher Forderungen wie jene der Magdeburger Erklärung aus dem 63. Treffen der Behindertenbeauftragten von Bund und Ländern. Weder in der Anhörung des Tourismusausschusses des Deutschen Bundestages zu den Perspektiven des Tourismus noch in der Anhörung zur Tourismusstrategie war der barrierefreie Tourismus erwähnt worden. Zwar haben die tourismuspolitischen Sprecher der Koalitionsfraktionen auf Anfrage erklärt "...den barrierefreien Umbau in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens, vor allem bei der Mobilität, vorantreiben. Hierfür werden wir auch ein Bundesprogramm Barrierefreiheit auflegen, dass ab 2023 greift." - am Runden Tisch wurde das Versprechen aber nicht mit Optimismus aufgenommen.

Wie breit barrierefreie touristische Angebote tatsächlich vorhanden sind, lässt sich nur abschätzen. Bei einigen Tourismusmarketing Organisationen gibt es eine breit gefächerte Angebotspalette. Das jedoch seit mehreren Jahren arbeitende Projekt "Reisen für Alle" verfügt gegenwärtig über rund 2.500 Einträge - für eine breite Auswahl barrierefreier Tourismusangebote, ist das doch sehr wenig. Bei einer Betrachtung der Hintergründe für diesen Stand zeigt sich, dass sich nur sehr wenige der touristischen Anbieter überhaupt für Barrierefreiheit interessieren. Der Anteil jener, die sich wirklich mit Barrierefreiheit beschäftigen und sich für die Barrierefreiheit einsetzen liegt nach den Erfahrungen der Erheberinnen und Erheber des Projektes "Reisen für Alle" im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Als notwendig für die Unterstützung beim Schaffen von Barrierefreiheit erweisen sich offensichtlich auch Förderprogrammen. Hilfreich wäre es offenbar ebenso, wenn die Architektinnen und Architekten besser für barrierefreies Bauen geschult wären und es so wirksamer praktisch unterstützen könnten.

Bei allen guten Beispielen sowie auch hinsichtlich der unübersehbaren Rückstände ist, das wurde am Runden Tisch mehrfach unterstrichen, die Einbindung all jener unentbehrlich, die von den Barrieren letztlich betroffen sind oder sein werden. Neben klaren politischen Rahmenbedingungen und dem Einhalten der gesetzlichen Vorgaben ist das Einbeziehen aller von Behinderung und Barrieren Betroffenen von entscheidender Bedeutung - das ist eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Runden Tisches. In dem Zusammenhang hat sich ganz offensichtlich auch das Fehlen der NatKo seit ihrer Auflösung vor drei Jahren negativ ausgewirkt. Diese Kordinationsstelle war ein Ansatz für den gemeinsamen Abbau von Barrieren unter Einbeziehung jener, die letztlich von den Barrieren betroffen sind. Mit der Ausflösung der NatKo wurde der weiteren Verwirklichung des Grundsatzes "Nichts über uns, ohne uns" der Boden entzogen, was sich nachteilig auswirkt. Aus dieser Erfahrung heraus wurde am Runden Tisch die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft "Barrierefreier Tourismus" vorgeschlagen, welche beim Deutschen Behindertenrat gebildet werden könnte.

Im Ergebnis der Beratungen am Runden Tisch hatten sich Feststellungen und Forderungen heraus kristallisiert, welche der ehrenamtliche Direktor Dr. Ilja Seifert in sechs Forderungen zusammengefasst hat. Die "kobinet Nachrichten" hatten bereits darüber berichtet. Für alle, die mehr über das ABiD-Institut Behinderung & Partizipation erfahren möchte, können dazu auf dieser Internetseite mehr nachlesen.

BERLIN (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/skmpvx8