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Gedenken an ermordete Menschen im Oberlinhaus: Traurige Spitze eines Eisbergs der Gewalt

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Foto: ISL

Berlin (kobinet) Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) gedenkt heute den ermordeten und verletzten Menschen im Oberlinhaus vor einem Jahr am 28. April 2021. Die ISL betrachtet diese brutale Tat als Spitze eines Eisbergs, der institutionelle und strukturelle Gewalt an Menschen mit Behinderungen verinnerlicht hat. "Ein Jahr ist seit den Morden an den vier Bewohner*innen des Oberlinhauses in Potsdam vergangen, bei denen noch ein weiterer Mensch zudem schwerstverletzt wurde. Deshalb fordern wir die Abschaffung dieser Einrichtungen, welche als geschlossene Sondersysteme Gewalt an Menschen mit Behinderungen regelrecht begünstigen. Nur eine Deinstitutionalisierung kann ein Ende dessen bedeuten", heißt es vonseiten der ISL.

Bei Gewalt in Einrichtungen, die mehrheitlich an behinderten Menschen verübt werde, handele es sich nie um Einzelfälle. "Im ganzen Land werden behinderte Menschen Opfer von Gewalt jeglicher Art. Trotz dessen nimmt die Mehrheitsgesellschaft dies lediglich zur Kenntnis - eine tiefgreifende Empörung bleibt aus. Eigene ableistische und damit einhergehende behindertenfeindliche Gedankenmuster werden nicht hinterfragt. Nein, sie haben sich tief eingebrannt in institutionelle und gesellschaftliche Strukturen", heißt es vonseiten der ISL.

Laut Artikel 16 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) müssen alle Menschen mit Behinderungen aktiv vor Gewalt geschützt werden; alle Vertragsstaaten verpflichten sich dazu "Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch zu verhindern“. Dies alles seien geltende Rechte in Deutschland. "Warum werden sie nicht umgesetzt?" fragt die ISL daher und:

"Warum werden stationäre Settings konstant durch Gesetzesvorhaben gestärkt, während es immer schwieriger wird, ambulant und selbstbestimmt zu leben?

Wir fragen alle Verantwortlichen: Wo bleibt der zugesagte Gewaltschutz?

Wir fragen: Welche Maßnahmen haben die Betreiber*innen dieser Enklaven der Exklusion bislang explizit getroffen, um Gewalt zu verhindern?

Wir fragen: Wann werden die Gewalttaten unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten aufgearbeitet und der Umgang damit nicht nur durch Entmenschlichung und Entwürdigung bei Gedenkfeiern mit weißen Rollstühlen und Regenbogen-Stelen abgearbeitet?

"Wir trauern um Andreas, Christina, Lucille, Martina - und sind gleichzeitig voller Zorn und Wut."

Hintergrundinformationen zu diesen und anderen schrecklichen Geschehnissen findet man auf der heute gestarteten Rechercheprojekt-Seite von AbilityWatch unter #AbleismusTötet.

In einer aktuellen Folge „#93 Ein lebenswertes Leben“ des True Crime Podcasts von den Journalistinnen Paulina Krasa und Laura Wohlers werden die Hintergründe der Tat und die Kritik am Umgang in den Medien darüber thematisiert.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ist eine menschenrechtsorientierte Selbstvertretungsorganisation und die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen. Sie wurde nach dem Vorbild der US-amerikanischen Independent Living Movement gegründet, um die Selbstbestimmung behinderter Menschen auch in Deutschland durchzusetzen.

Berlin (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scev890


Lesermeinungen


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2 Lesermeinungen
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Uwe Heineker
30.04.2022 19:18

es muss nun aber auch darum gehen, dass genauso eine namentliche Erinnerung an die Ermordeten stattfindet, wie auch mit der Tat in Hanau, damit auch dies ins (kollektive) Bewusstsein gelangt

Uwe N.
29.04.2022 09:59

Natürlich ist das, was da passiert ist schrecklich und absolut nicht hinnehmbar! Das steht völlig außer Frage! Jedoch ob es dann der richtige und auch der "beste" Weg ist, dann zu sagen: "Diese Einrichtung sollte man schließen!" das möchte ich doch mal stark in Frage stellen!!!! Es gibt Menschen die auf solche Einrichtungen angewiesen sind!! Wäre es nicht viel Hilfreicher, man würde das Pwersonal entsprechend "schulen"?? Wäre das nicht die weitaus bessere Option?? Wenn ein Metzger einen schlechten Job macht, wird ja auch nicht die Metzgerei geschlossen sondern der Metzger wird geschult!!