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Simone Fischer hat als Landesbeauftragte gut Fuß gefasst

Simone Fischer
Simone Fischer
Foto: Axel Dressel

Stuttgart (kobinet) Am 1. Oktober 2021 hat Simone Fischer als Nachfolgerin von Stephanie Aeffner das Amt der Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg angetreten. Nachdem die frühere Behindertenbeauftragte der Landeshauptstadt Stuttgart ihre ersten 100 Tage im neuen Amt überschritten hat, führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul folgendes Interview mit Simone Fischer.

kobinet-nachrichten: Am 1. Oktober 2021 haben Sie das Amt der Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg angetreten. Die ersten 100 Tage sind damit also überschritten. Haben Sie sich in der ministerialen Welt bereits gut eingelebt?

Simone Fischer: Ich habe gut Fuß gefasst. Die Aufgabe ist verantwortungsvoll und umfangreich und bedarf einer gewissen Zeit, um wirklich ganz anzukommen. Noch dazu ist eine Pandemie nicht die beste Zeit zum Einstieg in einen Job, der ja viel vom Netzwerken lebt. Ich bin froh, dass mir die Türen offenstehen und ich gut anknüpfen kann. Es erleichtert das Ankommen und viele Verbindungen habe ich selbst schon mitgebracht.

kobinet-nachrichten: In 100 Tagen kann man zwar noch nicht viel direkt bewirken, aber doch einiges anstubsen. Wo haben Sie bereits gestubst, bzw. etwas erreichen können?

Simone Fischer: Die ersten 100 Tage vergingen wie im Flug. Es ist nicht verwunderlich, da ich die Freude habe, mit so reichhaltigen Themen und vielen engagierten Menschen zu arbeiten. Ich führe Gespräche in den unterschiedlichen Ressorts. Außerdem hatte ich die Möglichkeit, bei einigen Formaten zur Bürgerbeteiligung, inklusiver Bildung und zum Thema Arbeit inhaltliche Impulse einzubringen. Bislang erfüllt das Land die Pflichtquote von fünf Prozent der Beschäftigten mit Schwerbehinderung nicht. Das Kabinett hat bereits vor geraumer Zeit die Voraussetzungen geschaffen, ein entsprechendes Programm aufzulegen. Die Bemühungen sind durch Corona leider ins Stocken geraten. In jedem Fall braucht es jemanden, der sich darum kümmert. Die Stelle wurde jetzt noch einmal ausgeschrieben. Bei einem großen und gut etablierten Podcast konnte ich das Thema Inklusion in der Gesamtbevölkerung platzieren. Besonders hat es mich gefreut, dass ich zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember Menschen mit verschiedenster Behinderungen aus Baden-Württemberg in einem Video zu Wort kommen lassen konnte. Die Sichtbarkeit von Menschen, die behindert werden, die Partizipation und ihre Beteiligung sind mir Auftrag und Herzensanliegen zugleich. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich meine Begeisterung, Menschen zusammenzubringen.

kobinet-nachrichten: Die Corona-Pandemie dominiert nunmehr seit zwei Jahren viele Bereiche des öffentlichen Lebens und überschattet viele andere Fragen. Wie erleben Sie als Landesbehindertenbeauftragte die derzeitigen Herausforderungen?

Simone Fischer: Die Corona-Pandemie hat uns auf dem Weg zur Inklusion zurückgeworfen. Wir müssen in vielen Bereichen wieder richtig Anlauf nehmen, nachbessern und vor allem auch verbessern. Viele Menschen mit Behinderungen erleben Barrieren stärker als zuvor. Sie haben auch jetzt wieder weniger Teilhabemöglichkeiten als der Rest der Bevölkerung. Es gibt Hürden bei den digitalen Angeboten. Inklusion braucht auch Gelegenheiten für persönliche Begegnungen. Sichtbarkeit ist ein wichtiger Baustein, schafft Akzeptanz, Beteiligung, Normalität. Es gibt noch große Unsicherheiten, was die Assistenz und Pflege mit Blick auf die Diskussion um die Impfpflicht betrifft. Gegenüber Menschen, die in besonderen Wohnformen leben, ist man mancherorts wieder in eine Fürsorgementalität, oft über den Kopf der Betroffenen hinweg, verfallen, anstatt beispielsweise in einer WG miteinander zu erarbeiten, was die Vorgaben der Corona-Verordnung eigentlich bedeuten und wie man sie gemeinsam am besten umsetzt. Der Fokus der Bevölkerung bezüglich Menschen mit Behinderungen liegt vielfach auf deren Vulnerabilität. Wir haben vielfach feststellen müssen, dass Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabeansprüche keine Selbstläufer sind.

kobinet-nachrichten: Eigentlich müsste der öffentliche Personennahverkehr seit dem 1. Januar 2022 barrierefrei sein, wie es das Personenbeförderungsgesetz vorschreibt. Die Realität sieht in vielen Regionen anders aus. Wie gestaltet sich die Situation in Baden-Württemberg und was heißt das für Sie als Behindertenbeauftragte?

Simone Fischer: Durch entsprechende Förderungen und Investitionen konnte an vielen Stellen nachgebessert und Barrierefreiheit geschaffen werden. Fest steht, wir kommen zwar voran, aber es gibt noch ganz schön was anzupacken. Barrierefreiheit ist keine Gnade oder "Nice to have". Für viele Menschen ist sie "Must have", um im Alltag zurechtzukommen, Besorgungen zu machen, die Schule am Ort zu besuchen, der Arbeit nachzugehen, beim Sport, im Kino, das Treffen mit Freunden. Barrierefreiheit ist schließlich auch ein Merkmal von Qualität in unserem Land. Dabei endet sie nicht mit einer Rampe oder einem Aufzug. Blinde Menschen brauchen akustische oder taktile Informationen, gehörlose Menschen kommunizieren in Gebärdensprache. Das ist alles möglich, aber leider noch nicht selbstverständlich. Es muss klar sein: Alle sind aufgefordert, die vollständige Herstellung der Barrierefreiheit im ÖPNV voranzubringen, damit wir zeitgemäße Bedingungen haben. Dafür setze ich mich ein. Sie muss auch bei neuen Gesetzesvorhaben berücksichtigt werden. Und es müssen ausreichend Finanzmittel und Planungskapazitäten auf allen staatlichen Ebenen zur Verfügung stehen und zweckgebunden eingesetzt werden. Es ist entscheidend, dass die Planung und Ausführung vor Ort transparent und unter Mitwirkung der Betroffenen erfolgt.

kobinet-nachrichten: Welche Themen bzw. Ziele liegen Ihnen für Ihre weitere Arbeit besonders am Herzen?

Simone Fischer: Wir brauchen noch bessere Zugänge zu Arbeit, Bildung, Gesundheit, Gebäuden, Plätzen, beim Wohnen und ein wertschätzendes Miteinander. Die UN-Behindertenrechtskonvention muss unser Maßstab sein. Jenseits der Pandemie kann ich gut am grün-schwarzen Koalitionsvertrag anknüpfen: Ich freue mich, wenn das Landeskompetenzzentrum Barrierefreiheit demnächst seine Arbeit aufnimmt. Die Fortschreibung des Landes-Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention steht an. Es ist ja ein Querschnittsthema und Vorhaben, das alle Ministerien betrifft und mit Beteiligung stattfinden wird. Das Landes-Behindertengleichstellungsgesetz wird weiterentwickelt. Wichtig sind mir die Bereiche Bildung und Arbeit. Inzwischen hat jedes Kind ein Recht auf Inklusion überall, aber Eltern berichten, dass der Weg in die Regelschule mühsam und lang ist, wenn sie für dieses Recht immer noch hart kämpfen müssen. Wirtschaft und öffentliche Verwaltungen müssen einen inklusiven Arbeitsmarkt als Chance sehen. Gerechte Teilhabe- und echte Wahlmöglichkeiten, unabhängig davon, wo jemand wohnt oder arbeitet, sind mir zentrale Anliegen. Das heißt Unterstützung nach den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Mir ist wichtig, gemeinsam gute Wege und Lösungen zu finden, damit Menschen mit Behinderungen in unserem Land barrierefrei teilhaben, sich beteiligen und selbst ihre Anliegen einbringen können. Inklusion ist unser aller gesellschaftlicher Auftrag.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Simone Fischer: Ich wünsche mir, dass der Gedanke der Inklusion gerade jetzt unser aller Kompass bleibt. Eine inklusive Gesellschaft lebt durch Vielfalt und Akzeptanz, sie schließt alle ein. Wir investieren bei der Barrierefreiheit und Inklusion in eine zeitgemäße und moderne Gesellschaft, in Menschen, ihre Fähigkeiten und in den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist gut investiert. Ich wünsche mir mehr Verbündete – auch ohne Behinderung –, die unsere Belange selbstverständlich mitdenken und offen sind, die Freude daran haben, auch Veränderungen anzustoßen. Die sich mit uns für Verbesserungen im Alltag einsetzen und dies dann auch in ihrem Verantwortungsbereich umsetzen, die Menschen Chancen geben – in ihrem Unternehmen, die individuelles und barrierefreies Wohnen ermöglichen, im Verein, in der Kita und Schule Strukturen schaffen. Dann kommen wir im Einzelfall und als Gesellschaft voran. Wir brauchen eine in jeder Hinsicht barrierefreie und inklusive Gesellschaft.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zu weiteren Infos zum Wirken von Simone Fischer: www.behindertenbeauftragte-bw.de

Stuttgart (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sgmpsz8