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Was passiert im Quarantänefall mit behinderten Arbeitgeber*innen?

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Foto: ht

Kassel (kobinet) Die aktuellen Negativrekordzahlen des Robert-Koch-Instituts mit über 80.000 Corona-Neuinfektionen in Deutschland verunsichert viele Menschen. Gerade behinderte Menschen, die ihre Assistenz selbst im Sinne des Arbeitgebermodells organisieren ergeben sich im Quarantänefall besondere Herausforderungen, um die nötige Assistenz auch weiterhin sicherzustellen. Uwe Frevert von der ergänzenden unabhängigenTeilhabeberatungsstelle des Verein Selbstbestimmt leben in Nordhessen (SliN) hat für die kobinet-nachrichten bei Bernd Roggendorf, einem Beratungskunden, nachgefragt, der bereits einen Quarantänefall managen musste und damit die Herausforderungen in einem solchen Fall kennt.

kobinet-nachrichten: Als zu beratender Kunde der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) des Verein Selbstbestimmt leben in Nordhessen (SliN) haben Sie ja mittlerweile neben den ohnehin schon umfassenden Fragen zum Thema Persönliches Budget vermehrt mit Fragen im Rahmen der Corona-Pandemie zu tun gehabt. Was haben Sie als behinderter Arbeitgeber berücksichtigen müssen?

Bernd Roggendorf: Zunächst musste ich ein Hygienekonzept, also adäquate Schutzmaßnahmen für die Assistenten und mich selbst gemäß vorhalten. Dabei bediente ich mich einfach der Auflistung vom ambulanten Dienst des Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab). Mit Beginn der Impfkampagne ging es um die Bemühungen, überhaupt in eine Priorisierungsliste für meine Person aufgenommen zu werden, als Einsatzleiter meines Assistenzdienstes. Es waren Monate vergangen, weil ich als behinderter Einsatzleiter nicht anerkannt wurde. Letztendlich impfte mich mein Hausarzt. Vernunftgeleitet ließen sich alle meine Assistenten ohne jedes Zureden impfen.

kobinet-nachrichten: Die Beratung behinderter Menschen, die ihre Assistenz selbst organisieren, spielt bei Ihrem Leben eine besondere Rolle. Was passiert, wenn bei jemandem, der seine persönliche Assistenz selbst organisiert, eine Corona-Infektion festgestellt wird und dieser in Quarantäne muss?

Bernd Roggendorf: In meinem konkreten Falle war der Ausgangspunkt der positive PCR-Test eines Assistenten, der schwerwiegende Symptome aufwies. Daraufhin ordnete der Hausarzt weitere PCR-Tests für das gesamte Assistenz-Team an, einschließlich meiner Person. Dies ergab sowohl bei mir, als auch bei zwei weiteren Assistenten positive PCR-Ergebnisse. Wobei wir alle drei zu dem Zeitpunkt noch keine Symptome aufwiesen. Das Gesundheitsamt Kassel ordnete für alle umgehend 14 Tage Quarantäne an. Meine Nachfrage beim Gesundheitsamt, wie mein Assistenzbedarf über 24 Stunden weiterhin gewährleistet werden kann, blieb unbeantwortet. Ahnungs- und Hilflosigkeit wurden offen zugegeben.

Konkret verwies mich das Gesundheitsamt zunächst auf den nächsten Tag, da die Ansprechpartnerin keinen Dienst hatte. Am folgenden Tag wurde mir dann die Kurzzeitpflege, das Krankenhaus, die Arzthotline und der Krankenwagennotdienst als Lösung vorgeschlagen. Wobei es sicher ist, dass die Kurzzeitpflege oder das Krankenhaus bei meiner Tetraplegie und dem Beatmungsgerät ohne meine persönlichen Assistenten völlig überfordert gewesen wären.

Rückfragen bei meinem Hausarzt ergaben, dass symptomlose und als positiv Getestete bei mir als positiv Getestetem arbeiten dürfen. Die Frage des Arbeitsweges war jedoch leider ungeklärt, da keiner der Assistenten über ein Auto verfügt. Diese Antwort hatte ich auch vom Gesundheitsamt sowie beim fab erhalten, da Uwe Frevert von der EUTB in Nordhessen beim Verein SliN in Urlaub war. Zu meinem großen Glück zeigten sich der Rest der Assistenten freiwillig zu Sondereinsätzen bereit.

kobinet-nachrichten: Welchen Handlungsbedarf sehen Sie, damit hier unnötige Krankenhaus- oder Heimaufenthalte im Falle einer Quarantäne verhindert werden können?

Bernd Roggendorf: Diese Situation zeigte mir auf, dass mein isoliertes Arbeitgebermodell ohne irgendeinen institutionellen Rückhalt, zum Beispiel ein ambulanter Pflegedienst wie den des fab oder die selbstorganisierte Kooperation eines Pools von behinderten Arbeitgebern o.ä., schnell Grenzen gesetzt sind.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Kassel (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sgiqr58