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Projekt „Djamila“ erfolgreich beendet

Aisima, eine junge behinderte Frau, war erste Fahrgästin des Rollibusses
Aisima, eine junge behinderte Frau, war die erste Fahrgästin
Foto: André Nowak

Berlin (kobinet) Der Journalist Siegurd Seifert war eine Woche lang mit einer kleinen Delegation in Kirgisistan unterwegs. Die Delegation hat dort u.a. einen Rollibus übergeben und viele Kontakte mit Menschen mit Behinderungen gehabt. Seine Gedanken über die Menschen, das Land und den Einsatz des Projektes "Djamila“, das nun erfolgreich beendet wurde, hat Siegurd Seifert in einem Bericht aufgeschrieben, den er den kobinet-nachrichten zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt.

Bericht von Siegurd Seifert

Ich werde seit meiner Rückreise aus Kirgisistan oft gefragt: "Und wie war es?“ Die Antwort ist lapidar: "Fremd“. Ich war nicht vorbereitet, auf das, was mich in Kirgisistan erwartete. Aber beginnen wir am Anfang.

Vor rund drei Jahren fand in Berlin eine Konferenz des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland (ABiD) mit Teilnehmern aus den sogenannten postsowjetischen Staaten statt. Am Rande dieses Treffens äußerte Schukurbek Kutschkakow, der Vorsitzende der kirgisischen Behindertenvereinigung KROI, die Bitte, seinem Verein einen Rollibus zu besorgen. André Nowak vom ABiD griff die Idee auf, sammelte Geld und half dem KROI, einen Antrag an die deutsche Botschaft in Bischkek zu stellen.

Drei Jahre später war der Bus gekauft, stand vor der Tür einer Einrichtung und wurde in Anwesenheit von reichlich politischer Prominenz und Medienvertretern übergeben. Peter Halle, unser Spezialist in Sachen Fahrdienst, wies die Fahrer in die Sicherung eines Rollstuhls ein und nahm mit einem von ihnen die Jungfernfahrt vor.

Zum weiteren Ablauf gehörte eine Konferenz mit Vertretern aus verschiedenen Behindertenverbänden und aus Ministerien der kirgisischen Regierung, der Besuch einiger Behindertenwerkstätten und schließlich den Besuch der Gedenkstätte Ata Bejit. Gerade an diesem Ort wurde die grausame Geschichte des Landes überdeutlich: 1916 ließ der Zar hunderttausende Kirgisen erschießen, hinter vorgehaltener Hand spricht man von einem Genozid. In den 40er Jahren wurden massenhaft Menschen während der politischen Säuberungsaktionen unter Stalin erschossen und selbst in jüngerer Vergangenheit kam es zu solchen Repressalien gegenüber der eigenen Bevölkerung.

Und damit komme ich zu meiner Einschätzung, warum mir Kirgisistan fremd vorkam. Ich habe unwahrscheinlich warmherzige und gastfreundliche Menschen kennengelernt. Ich habe aber auch Behindertenwerkstätten besucht, die diesen Namen nicht verdienen. Es gibt einen öffentlichen Nahverkehr, in dem behinderte Menschen überhaupt keine Rolle spielen. Wir haben im Stadtbild der Hauptstadt nicht einen einzigen Menschen mit einem Rollstuhl, einem Langstock oder einem Rollator gesehen. Das wäre ihnen angesichts des sehr schlechten Zustandes der Gehwege auch nicht gut bekommen.

Andererseits ist Bischkek eine moderne, quirlige Hauptstadt. Junge Leute ohne Ende, hochmoderne Kaufhäuser, die eher Lichttempeln des Konsums gleichen und in denen kaum eine europäische Marke fehlt. Dagegen der Basar Osch, in dem man fast alles und in reichlichen Varianten für kleines Geld findet. Eine Taxifahrt quer durch die ganz Stadt kostete uns umgerechnet lediglich 3,50 Euro.

Also ist alles schlecht in diesem Land? Auf gar keinen Fall, Kirgisistan ist ein Land im Umbruch. Wir lernten das Kinder-Rehabilitierungszentrum "Ümüt-Nadeschda“ kennen, in dem behinderte Kinder betreut werden, die sonst kaum eine Chance auf Bildung hätten. Es handelt sich um eine rein privat finanzierte Einrichtung. Oder unser ständiger Begleiter Esrin, der durch einen Stromschlag selbst behindert wurde, und sich nicht mit dem Angebot staatlicherseits zufrieden gab und selbst eine Organisation für junge Menschen gründete. In ihr lernen die Mitglieder einen Beruf und können sich so auf ihr Leben vorbereiten. Oder Inna, die junge Pädagogin, die sich ebenfalls um die Bildung benachteiligter Kinder und Jugendlicher bemüht.

Eines ist mir in diesen Tagen bewusst geworden: Diese zarten Pflänzchen bedürfen der Pflege, der Aufmerksamkeit und Hilfe. Und die muss auch von uns kommen, durch materielle Hilfen wie dem Rollibus, aber auch durch Konferenzen, auf denen dann nicht jedes Mal von vorn die Geschichte des Verbandes erzählt wird, sondern auf denen sich mit konkreten Einzelthemen beschäftigt wird. Mit der Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel, damit solche positiven Ansätze und engagierte Menschen nicht unentdeckt bleiben.

Berlin (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sglu245