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Daytrading – genau hingeschaut

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Foto: Irina Tischer

Hamburg (kobinet) Daytrading ist momentan in aller Munde, wenn es um die schnelle Vermehrung von Geld geht. Daytrading wird allerdings noch als neues digitales Hobby diskutiert. Es gibt Banken, die diese Art der Geldvermehrung als Freizeitbeschäftigung propagieren und ihren Kunden anbieten, her tätig zu werden. In aufwendigen Werbespots wird den Verbrauchern signalisiert, dass sie Daytraden nebenbei durchführen könnten. Dies hat die Hamburger Journalistin Hertha-Margarethe Kerz dazu veranlasst, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und den kobinet-nachrichten folgenden Bericht zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen.

Bericht von Hertha-Margarethe Kerz

Daytrading ist momentan in aller Munde, wenn es um die schnelle Vermehrung von Geld geht. Daytrading wird allerdings noch als neues digitales Hobby diskutiert. Es gibt Banken, die diese Art der Geldvermehrung als Freizeitbeschäftigung propagieren und ihren Kunden anbieten, her tätig zu werden. In aufwendigen Werbespots wird den Verbrauchern signalisiert, dass sie Daytraden nebenbei durchführen könnten.

Doch was ist Daytrading eigentlich genau? Beim Daytraden kauft der Trader eine bestimmte Menge identischer Finanzprodukte (beispielsweise 1.000 Aktien einer bestimmten Firma), weil er hofft, dass diese im Laufe des Tages im Wert steigen. Tun sie das, versucht der Trader genau den Zeitpunkt an diesem Tag abzupassen, an dem die Aktien nicht weiter steigen, also ihren höchsten Stand erreicht haben. In diesem Moment verkauft er sie. Die Differenz (Marktbreite genannt), ist sein Umsatz. Da sich die Marktbreite nur im Centbereich pro einzelnem Finanzprodukt bewegt, muss der Trader gleichzetig viele solcher Transaktionen durchführen. Denn die Kurse von Finanzprodukten schwanken minütlich.

Der Trader kauft beispielsweise 1.000 Aktien für je 10,- €, hält sie einige Stunden. Deren Kurs schwankt beständig über den Tag und liegt irgendwann vielleicht bei 10,20 €. Der Traider glaubt, dass sie an diesem Tag nicht weiter steigen werden und verkauft. Jetzt hat er einen Umsatz von 1.000 x 0,20 € = 200,- €. Leicht verdientes Geld.

Es ist aber auch möglich, dass der Preis dieser Aktien fällt und steigt und fällt und die Tendenz mehr zum Fallen neigt. Irgendwann steht der Kurs bei beispielsweise 9,80 €. Aus Erfahrung weiß der Trader, dass der Kurs nicht weiter steigen, sondern eher noch fallen wird. Also verkauft er mit einem Verlust von 0,20 € pro Aktie. 1.000 x 0,20 € = 200,- € macht der Trader nun Verlust.

Um traden zu können, benötigt der Trader ein Konto bei einem Broker. Das ist mit Ihrem Girokonto zu vergleichen. Und wie für Ihr Girokonto muss der Trader eine monatliche Gebühr an den Broker für das Konto zahlen. Außerdem erhält der Broker für jede Transaktion des Traders, also für jeden Kauf oder Verkauf eine Provision, vergleichbar mit der Buchungsgebühr auf Ihrem Konto. Diese Provision fällt bei jeder Kontenbewegung an, egal ob der Trader Gewinn oder Verlust macht. Macht der Trader also die 200,- € Gewinn, werden davon noch die Provision und die anteiligen Kontoführungsgebühren abgezogen.

Macht der Trader Verlust, kommen zu den 200,- € Verlust wiederum noch die Provision und die anteiligen Kontoführungsgebühren und der Betrag erhöht sich.

Weitere Kosten für den Trader sind Verträge bei mindestens zwei Internetanbietern, da es unter keinen Umständen zu einem Internetausfall kommen darf. Weiter benötigt er mindestens zwei Hochleistungscomputer und mindestens sechs, besser noch zwölf Bildschirme um alle Bewegungen auf dem Börsenparkett beobachten zu können.

Bei derart schnellen Geschäften ist es klar, dass der Trader jederzeit die aktuellsten Markt- und Unternehmensdaten benötigt. Frei zugängliche Daten sind jedoch oft schon viele Stunden alt und so greift der Trader auf Echtzeitdaten zu, was selbstverständlich eine Prämie kostet. Dazu kommen Weiterbildungskosten für Seminare im IT-Bereich, über neue Finanzprodukte, Veränderungen im Finanzgeschehen, rechtliche Anpassungen und über die Märkte im Allgemeinen.

Aufgrund der extrem niedrigen Umsatzspannen müssen Trader gleichzeitig viele unterschiedliche Transaktionen durchführen. Rechnen sie nach, wenn Sie 3.000,- € im Monat verdienen, bei 20 Arbeitstagen, verdienen Sie 150,- € am Tag.

Es heißt Daytrading, weil diese Trader die Finanzprodukte immer nur wenige Stunden halten und am Tagesende in aller Regel alles wieder verkauft haben. Dies, weil das Risiko zu groß ist, solche Finanzprodukte über Nacht, wenn sie keine Transaktionen durchführen können, zu halten. Denn am nächsten Morgen kann das Produkt seinen gesamten Wert verloren haben. Die Chancen, dass das Produkt in seinem Wert gleichgeblieben oder gar gesunken ist, ist sehr viel höher, als dass es im Wert gestiegen wäre.

Somit muss der Trader nicht nur sehr viele Trades am Tag durchführen, sondern er muss den Markt genau beobachten und kennen, das Börsengeschehen sehr gut verstehen und über die Entwicklungen der Unternehmen im Bilde sein. Daytrader haben in aller Regel ein Studium in Wirtschaftswissenschaften, Ökonomie oder Finanzen absolviert, aber zumindest eine Ausbildung im Finanzsektor. Nach einer gewissen Lehrzeit (Daytrading ist kein Lehrberuf), kann er am Markt bestehen. Als Laie ist es praktisch unmöglich, nennenswerte Gewinne einzufahren.

Trader müssen auf Nachrichten und Ankündigungen sofort reagieren. Zu vergessen ist dabei nicht, dass Zehntausende von anderen Tradern genauso beobachten und ihrerseits reagieren. So ist nicht auszuschließen, dass der Trader schlechte Finanzprodukte schlicht nicht loswird, also auf ihnen sitzen bleibt. Und den gesamten Gegenwert dieses Trades verliert. Dies geschieht, wenn ein Unternehmen plötzlich in Konkurs geht, wenn das Finanzamt ihm einen Besuch abstattet, wenn ein Aktienbesitzer plötzlich riesige Aktienpakete abstößt oder wenn aus einem Grund die Aktie plötzlich ausgesetzt – also an der Börse nicht mehr gehandelt - wird.

In dem Beispiel oben wären das nicht nur die 200,- €, sondern 10,- € x 1.000 Aktien = 10.000,- €. Diesen Verlust plus die anteiligen Broker- und Kontogebühren, die Transaktionsgebühren, die anteilige Prämie für die Echtzeitinformationen, die anteiligen laufenden Kosten und die beispielhaften 150,- € müsste der Trader wieder auffangen und erwirtschaften.

Übrigens waren die Aktien nur ein Beispiel, weil von Aktien schon jeder etwas gehört hat und sie zum Erklären – aber auch nur zum Erklären – das einfachste Finanzprodukt sind. Trader handeln jedoch mit vielen verschiedenen Produkten. Beispielsweise Indizes wie der DAX-Kurs (Wetten: sinkt oder steigt er und wenn, um wie viele Punkte). Sie handeln mit Kryptowährungen wie Bitcoin und den ca. 300 anderen digitalen Währungen. Aber auch reine Geldwährungen wie Forex oder auch Fx, bei denen eine Währung in eine andere Währung umgetauscht werden, sind sehr beliebt. Die Differenz ist der Gewinn oder Verlust des Traders. Wieso Verlust? Dann tauscht er sie eben nicht? Auch hier können Trader wetten, dass eine Währung zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Wert in einer anderen Währung annimmt. Irrt er sich, hat er Verlust gemacht. Dann gibt es noch das Traden mit Lebensmitteln wie Wetten auf Schweinehälften, Getreide oder Wein und natürlich das fast unüberschaubare Segment der Rohstoffe wie Gold, Silber, Kobalt etc.

Somit ist Daytrading kein Hobby und schon gar kein Zeitvertreib, sondern schlicht ein hochrisikoreicher Job, wie alle Tätigkeiten im Finanzsektor.

Echte Daytrader machen in den ersten Monaten ihres Tuns enorme Verluste. Erst später stellen sich Gewinne ein – eventuell. Denn 75 Prozent aller Trader schaffen es nie in die Gewinnzone.

Gewinnen dagegen tun immer die Broker durch die Kontoführungsgebühr und die Transaktionsgewinne und natürlich die Unternehmen, die die Echtzeitdaten zur Verfügung stellen. Denn wenn sie sehr gute Daten haben, machen sie auch hohe Gewinne, da sie hohe Prämien fordern können. Auch hier gibt es enorme Qualitätsunterschiede dieser Unternehmen und ihrer Daten, die sich direkt auf die Gewinne und Verluste der Trader auswirken.

Machen Trader immer wieder große Verluste, machen sie häufig den Fehler Marging Trading zu praktizieren. Dabei leihen sie sich von ihrem Broker Geld. Geld für weitere Transaktionen. Wie beim Überziehen Ihres Kontos wie bei jedem Kredit erhält der Broker dafür Zinsen. Nur nennt sich das im Tradingbereich "Provision". Viele Trader sind so hoch verschuldet, dass sie auf das sogenannte Skalpieren verfallen. Dabei kaufen sie Aktien in großen Mengen, empfehlen sie aggressiv weiter, damit auch andere Trader kaufen und ihr Preis steigt. Wenn sie glauben, der Preis steige nicht weiter, verkaufen sie so schnell wie möglich. Da es sich häufig um große Aktienpakete handelt, sinkt der Preis nach diesem Verkauf plötzlich wieder und – wenn die anderen Trader Glück haben -, pendelt er sich auf seinem alten Niveau wieder ein. Der Skalpierer streicht die Gewinne ein. Das Nachsehen haben die anderen Trader. Dass sich so ein Verhalten herumspricht, wenn es häufiger geschieht, dürfte klar sein. Nach kurzer Zeit wird dieser Trader von allen Informationen abgeschnitten.

Wenn Sie als Laie auf die Werbung Ihrer Bank hereinfallen und dennoch versuchen wollen zu traden, sollten sie sich umfangreiche Kenntnisse über BWL, VWL, den Finanzmarkt, den weltweiten Finanzmarkt, die unterschiedlichen Börsen und natürlich über das Daytrading aneignen. Auch das Wissen über die Grundzüge der Spieltheorie sind nicht ganz unnütz. Beginnen Sie klein, mit Kleinstbeträgen und einfachen Finanzprodukten.

Hamburg (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/shnort8