Werbung:
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Banner kobinet unterstützen
Cartoon Phil Hubbe Ausschnitt Rolli liest kobinet
Springe zum Inhalt

Triage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Blumenbeet
Triage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Foto: JL

Berlin (kobinet) Wer gestern Morgen die Online-Zeitungen durchblätterte, fand in Zeitungen aus dem gesamten Bundesgebiet eine Meldung des DPA (Deutsches Presseamt) zu der Frage, wie es um die an- und ausstehenden Schulöffnungen aussieht. Politiker*innen und Verbändevertreter*innen fordern eine zügige Rückkehr zum Normalunterricht unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregelungen wo nötig.

Es wird sich besorgt gezeigt, wie es um die schulische und die psychische Zukunft der Kinder und Jugendlichen bestellt ist. Auch wird darauf verwiesen, dass die Pandemie und die daraus resultierenden Schulschließungen, bzw. der Online-Unterricht, sowohl die psychische, als auch die körperliche Gesundheit junger Menschen maßgeblich gefährdet und langfristig Leben schädigt.

Im Zuge dieser wichtigen, aber meines Erachtens nach auch dramatisierenden, Debatte, ist eine Aussage des BVKJ-Sprechers (Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte), Jakob Maske, zu lesen, die er bei der „Rheinischen Post“ machte. Diese lautet wie folgt:

„Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt. Wer nicht suizidgefährdet ist und „nur“ eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen.“

Triage? Der Begriff Triage, beschreibt einen Prozess in der Notfallversorgung, bei dem Menschen mit geringerer Lebenserwartung im Notfall und bei zu wenig medizinischen Versorgungsmöglichkeiten, eine Behandlung verwehrt werden kann. Dies tritt insbesondere in Kriegs- und Katastrophensituationen auf. Der Begriff fand im Laufe der Pandemie besondere Aufmerksamkeit unter dem Gesichtspunkt, dass auf Grund überfüllter Corona-Stationen Menschen nicht mehr ausreichend versorgt werden könn(t)en. Gründe hierfür können unter anderem fehlendes Personal oder fehlende Beatmungsgeräte sein.

Die Frage, welchen Menschen eine maximale gesundheitliche Versorgung zu steht und unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen diese verwehrt werden können, ist eine ethisch höchstbrisante und eine gesellschaftlich höchstrelevante. An ihr zeigt sich, wie eine Gesellschaft den Wert von Leben definiert. Was kann es für eine wichtigere Diskussion geben. Ich will diesen wichtigen Prozess, der aufzeigt, wie wir als Gesellschaft leben wollen und wer gehört wird, wenn es um die Frage geht wie ein gutes gemeinsames Leben aussieht, an dieser Stelle nicht zur Debatte stellen. Wobei sich hierüber auch unendlich schreiben ließe.

Was mich aber doch trifft, ist wie in der Diskussion um Schulöffnungen, meines Erachtens nach plötzlich, dieser heikle Begriff Triage` Anwendung findet und so auf diversen Online-Zeitungen unreflektiert abgedruckt wird. Es ist zweifelhaft ob der Begriff Triage hier in irgendeiner Form treffend ist. Vielmehr entsteht bei mir der Eindruck er wird an dieser Stelle instrumentalisiert, um Aufmerksamkeit zu erheischen und sich in den Debatten Gehör zu verschaffen. Triage als Begriff impliziert die Entscheidung über Leben und Tod, das sollte nicht vergessen werden.

Gleichzeitig kann ich mir nur die Frage stellen, wie diese Kausalität gestrickt wird. Fehlende schulische Bildungsangebote auf Grund von coronabedingten Schulschließungen - zu vollen Kinder- und Jugendpsychiatrien… Wenn der Weg von hier nach da wirklich so kurz ist, müsste genau das der Skandal sein. Nicht nur das, sondern eigentlich müsste man sich fragen, warum diese Gesellschaft so wenige oder offensichtlich teilweise unpassende Angebote hat, um notleidende Kinder und Jugendliche angemessen zu unterstützen.

Ist die Antwort auf zu wenig Schule wirklich Kinder- und Jugendpsychiatrie? Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule keine guten Leistungen zeigen, es zu angespannten Situationen mit anderen Kindern oder mit der Familie und den Lehrer*innen kommt, zu wenig Zeit an der frischen Lust verbracht wird oder zu illegalen und legalen Substanzen im frühen Alter gegriffen wird, ist das für alle Beteiligten eine potentielle Belastung. Jede*r wünscht sich eine ruhige und nicht zu auffallende Familie, die im besten Fall noch beruflich erfolgreich ist und diverse andere bürgerlich positiv besetzte Kriterien erfüllt. Wenn von diesen Normen abgewichen wird, geht die Suche nach pädagogischen und anderen, nicht selten medizinisch-psychiatrischen, Unterstützungsformen los. Als letztes Glied und bei anhaltender Ratlosigkeit, steht die Psychiatrie.

Was soll also die Konsequenz aus der von Herrn Maske getroffenen Aussage sein? Kinder- und Jugendpsychiatrien brauchen mehr Plätze? Denn von einem Normalbetrieb in Schulen ist auf kurze Sicht nicht auszugehen.

Gleichzeitig kann ich mich nur wundern, wie bei solch einer skandalisierenden Pauschalaussage, über grundlegende Problemstellungen mühelos hinweggegangen wird. Dass Familien unterer Einkommensschichten von den Folgen der Pandemie ungleich gravierender betroffen sind, ist hinlänglich bekannt. Sicherlich liegt die Lösung nicht nur allein im Geld, aber die Bürokratisierung von Unterstützungsleistungen stellt für viele das größte Hindernis dar Unterstützungsangebote frühzeitig in Anspruch zu nehmen. Ganz zu schweigen von der Stigmatisierung die auf einen wartet, wenn man bekannt machen muss, dass man auf Hilfe angewiesen ist.

Was weder Familie noch Schule leisten kann, muss durch andere Unterstützungsformen geleistet werden. Es kann doch die Psychiatrie nicht DIE Alternative sein. Schon gar nicht helfen skandalisierende Aussagen die eine kurzlebige Öffentlichkeit bedienen und dann im Hauruckverfahren altbekannten Strukturen ihre Mittel sichern.

Berlin (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sdgxz18