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Gedanken zum Protesttag von Jennifer Sonntag

Jennifer Sonntag zeigt auf Kristall an ihrem Blindenstock
Jennifer Sonntag mit ihrem Blindenstock
Foto: privat

Halle (kobinet) Dass in Potsdam vier behinderte Menschen getötet und ein behinderter Menschen schwer verletzt wurde, das hat auch die Journalistin und Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag tief getroffen. Dazu und auch zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen, zu dem diese Woche viele Aktionen stattfinden, hat sich Jennifer Sonntag einige Gedanken gemacht und diese für die kobinet-nachrichten in die Tasten gehauen.

Beitrag von Jennifer Sonntag

Bei der Barrierefreiheit endlich mal vorankommen! Am 5. Mai ist der Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen. Ein Thema, was mir auf der Seele brennt, ist die medizinische Versorgung behinderter Menschen. Dass wir in der medizinischen Versorgung in wichtigen Teilen vergessen wurden, spitzte sich nicht erst in der Corona-Pandemie zu. Ich wurde zum Beispiel bereits vor Corona immer wieder in gesundheitlichen Notlagen von Kliniken abgelehnt. Mit der Begründung, man habe "dafür" kein Personal, es gäbe Barrieren im Haus, ich könne mich nicht in den Stationen orientieren und die Therapieangebote seien blind nicht nutzbar. Man könnte glauben, von Barrierefreiheit hätte sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor mancher in den letzten 20 Jahren noch nie etwas gehört. Es ist frustrierend, denn ich kann nicht immer nur kämpfen, weil Kampf irgendwann zum Krampf wird. Ich bin ein Mensch, der nicht so gern meckert, sondern lieber macht, aber das muss auf Dauer auch zu etwas führen und darf nicht in blindem Aktionismus enden.

Wer mit mehreren Behinderungen lebt, braucht seine Energie und kann nicht ständig in aktivistischer Bringpflicht für Barrierefreiheit leben. Ich kam mir schon vor über 20 Jahren oft wie meine eigene Sozialarbeiterin vor, die parallel zum eigentlichen Leben alles Mögliche für mich erstreiten musste. Dagegen protestiere ich am meisten, denn ich will einfach irgendwann irgendwie ganz normal dazugehören und nicht aus jeder verschlossenen Tür einen Kampf machen müssen.

Unsere Forderungen waren nie als Wunschzettel gemeint! Es stürzt mich in tiefe Wut und Trauer, dass Menschen aus unserem Personenkreis noch heute in Behinderteneinrichtungen sterben müssen, ob durch tödliche Gewalt oder medizinische Mangelversorgung. Nicht nur die permanente Auseinandersetzung mit dem Thema Triage stürzte viele Menschen mit Behinderung im letzten Jahr in ein kollektives Trauma. Strukturelle Missstände erlauben in Einrichtungen der Behindertenhilfe sogar brutale Morde. Wieviel sollen wir eigentlich noch ertragen?

Und ja, jeder 10. Bundesbürger hat eine Behinderung, rechnet man Beeinträchtigungen und chronische Erkrankungen mit, sind es noch viel mehr. Jeder kann jeder Zeit betroffen sein, wie ich schmerzlich beim Unfall meines "nichtbehinderten“ Partners zu spüren bekam.

Halle (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sbpsuy5