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Keiner kann kontinuierlich kämpfen: Eine Behinderung ist keine Bringschuld

Franz-Josef Hanke
Franz-Josef Hanke
Foto: Franz-Josef Hanke

Marburg/Lahn (kobinet) Passend zur derzeitigen Kampagne für ein gutes Barrierefreiheitsrecht hat der blinde Journalist Franz-Josef Hanke den kobinet-nachrichten einen Kommentar zugesandt, den er nach der Wahl zum Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Marburg verfasst hat, weil die Ergebnisse nur als Grafik und damit für ihn als blinder Mensch nicht zugänglich präsentiert wurden. "Als Journalist bin ich in Marburg hauptberuflich seit 35 Jahren tätig. marburg.news mache ich seit nunmehr 21 Jahren. Manche Menschen in der Pressestelle sind kaum älter als meine Berufserfahrung", schreibt Franz-Josef Hanke und ärgert sich darüber, dass er immer wieder zum Kämpfen für Barrierefreiheit gezwungen wird.

Kommentar von Franz-Josef Hanke

"Behindert ist man nicht; behindert wird man." Dieser Spruch lässt die wahren Beeinträchtigungen eines Lebens mit Behinderung nur sehr ansatzweise erahnen.

"Blind sein, heißt kämpfen", hat mir der Literatur-Nobelpreisträger Jose Saramago einmal gesagt. Es ist ein Zitat aus seinem Buch "Stadt der Blinden". Darin benutzt er Blindheit als Metapher für die mangelnde Bereitschaft oder Fähigkeit zu mitmenschlichem Verhalten.

Als Blinder muss ich diese "Blindheit" im übertragenen Sinn seit Jahren nahezu jeden Tag wieder und wieder erdulden. Immer wieder werde ich gezwungen, meine Bedürfnisse einzufordern. Immer wieder muss ich gegen ausgrenzendes Verhalten protestieren.

Manchmal bin ich müde vom Kämpfen. Manchmal bin ich wütend über diese Ignoranz. Denn immer wieder schieben mir meine ignoranten Mitmenschen die Bringschuld zu, dass ich gefälligst zu erklären habe, was ich benötige.

Blind sein bedeutet dann, sprechen zu müssen und dabei geduldig umgehen zu müssen mit Unverstand und Egoismus. Die Behinderten sollen gefälligst Geduld haben und freundlich sein gegenüber denjenigen, die ihnen nicht entgegenkommen!

Sicherlich kann kein Behinderter verlangen, dass Nichtbehinderte genau wissen, was er gerade braucht. Sicherlich kann keine Behinderte voraussetzen, dass ihre Mitmenschen alle ihre Bedürfnisse kennen, ohne dass sie sie ihnen erklärt.

Aber das ständige "Fordern-Müssen" nervt ebenso wie das ständige "Erklären-Müssen" und das ständige "Bitten-Müssen". Eine Behinberung kostet auch ohne dergleichen schon genug Kraft, um nicht auch noch um jede Kleinigkeit immer mit freundlichem Lächeln souverän kämpfen zu können.

Manchmal tut Wut einfach gut.

Sicherlich sollten Behinderte ihren Mitmenschen ebenso mit Respekt gegenübertreten, wie sie selber auch Respekt erwarten dürfen. Aber Respekt heißt auch, dass zumindest Bedienstete von Behörden oder Firmen ihnen einmal etwas entgegenkommen und fragen, wie sie behilflich sein können. Respekt heißt vor allem aber, dass sie Erklärungen dann auch ernst nehmen!

Wütend macht mich, dass ich auf Probleme wieder und wieder und dann trotzdem immer wieder noch einmal wieder hinweisen muss, ohne dass sie angepackt würden. Wenn ich dann schließlich wirklich wütend bin, dann dedeutet man mir, man habe das doch nicht wissen können. Dabei hätte man es wissen müssen!

In der Rolle des wutschnaubenden Kritikasters sehe ich mich gar nicht gern.

Aber in der Rolle des erbarmungsheischenden Bittstellters sehe ich mich noch viel weniger. Wann endlich werden die Menschen in den Behörden verstehen, dass die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) ihren behinderten Mitmenschen elementare Menschenrechte garantiert, deren Einhaltung letztlich allen Menschen ein Leben in Würde gewährleisten soll?

Behinderte werden von vielen Zeitgenossen entweder als Supermänner gesehen, die "trotz ihrer Behinderung" dies und das "ganz toll" können, oder aber als erbarmungswürdige Wesen, die nichts können und deren angebliches "Leiden" nur Mitleid erweckt. Mitgefühl statt Mitleid wäre jedoch angebracht.

Mitgefühl hieße, dass ein Mensch nicht um alles tagtäglich immer kämpfen müsste.

Marburg/Lahn (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/schn578