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Die Krüppel und die Lahmen? Ab in Speisesaal 1

Bild von einem Waldweg
Ein nicht wirklich barrierefreier Waldweg
Foto: Gracia Schade

Kassel (kobinet) Wenn einer eine Reise tut, dann kann er dem Sprichwort zufolge viel erleben. Wenn eine eine Reha macht, aber auch - vor allem, wenn sie einen Elektrorollstuhl nutzt. Dies zeigt ein ironisch geprägter Zwischenbericht den Gracia Schade den kobinet-nachrichten aus ihrer derzeitigen Reha geschickt hat, bei der sie schon so manches erleben konnte.

Bericht von Gracia Schade

Die Krüppel und die Lahmen? Ab in Speisesaal 1!

Endlich einmal wieder exklusiv leben - in einer Rehaklinik

Den Menschen als Ganzes betrachten – auch in der Gesundheitsversorgung. Hierfür wurden, mit wenigen Mitteln, herausragende Trainingsmöglichkeiten geschaffen.

Doch der Reihe nach: Bewegen wir uns in Richtung meines Zimmers. Zwei nebeneinander liegende Aufzüge führen dorthin. Auf eine Stockwerksansage wurde extra verzichtet, um blinden Rehabilitand*innen die Möglichkeit zur Schärfung ihrer Sinne zu geben. Es bleibt immer spannend, in welcher Etage man landet. Hin und wieder ermöglichen Ausfälle der Elektronik neue Optionen zur Steigerung der Fitness. In Zeiten von Betriebsstörungen empfiehlt man Rollstuhlnutzer*innen, mit einem anderen Aufzug bis in den 6. Stock zu fahren und dann zu laufen. Bislang habe ich großzügig darauf verzichtet und geduldig auf die Wiederinbetriebnahme gewartet.

Beim Betreten des Zimmers fällt als erstes die wunderbare Aussicht ins Auge. Vom achten Stock schaut man in Richtung Wald und erkennt zahlreiche Baumspitzen. Die Brüstungshöhe von etwa 1,30 Meter schränkt das Erlebnis etwas ein. Kleine quadratische Aussparungen in der Aluverkleidung des Balkons lassen das genauere Bild erahnen. Schließlich sollen die Augen der Rehabilitand*innen geschont werden.

Das innenliegende – vermeintlich barrierefreie - Badezimmer ist ein grandios eingerichteter Trainingsort, der viele Muskelgruppen anspricht. Auf engstem Raum, damit man nicht umfallen kann, findet man viele Möglichkeiten der körperlichen Ertüchtigung. Beginnen wir mit den Armen: Das WC wurde extra niedrig montiert, um beim Umsetzen vom Rollstuhl die Muskulatur maximal zu fordern. Level 2 wäre dann der noch niedrigere Duschhocker. Kommen wir nun zur Rumpfmuskulatur. Die Ablage am Waschbecken ist ordentlich hoch, da kann man sich endlich einmal richtig strecken. Zur Vermeidung unnötiger Eitelkeiten von Rollstuhlfahrer*innen ist der Spiegel ausschließlich laufenden Rehabilitand*innen vorbehalten. Der richtige Wohlfühlfaktor kommt aber erst beim Duschen auf. Denn sobald der Wasserstrahl herab fließt, schmiegt sich der Duschvorhang ganz sanft um den Körper. Wellness pur!

Nun schauen wir uns mal das restliche Gebäude an.

Das kognitive Training kommt keinesfalls zu kurz. Eine anspruchsvolle Beschilderung steigert die Hirnaktivität. Und es ist doch völlig logisch, dass zwischen den Räumen B110 und B112 nicht B111 liegt. Sondern, dass sich dieser Raum in einem seitlich gelegenen Flur befindet. Gleichzeitig steigert dies auch die Kommunikation unter den Patient*innen, denn sie unterstützen sich gegenseitig tatkräftig, um rechtzeitig die passenden Örtlichkeiten zu finden.

Wenden wir uns nun der Grundversorgung, sprich dem Essen, zu.

Alle Rehabilitand*innen werden in drei Schichten auf drei Speisesäle aufgeteilt. Ich gehöre zur Spätschicht. Das ermöglicht Stimmtraining am Morgen, denn: Es erfolgt ein herzhafter Aufschrei meinerseits, wenn das Personal, pünktlich zum Ende der Essenszeit, die Tabletts abräumt und dabei meine noch volle Kaffeetasse mitnehmen möchte.

Um einer Überanstrengung von Rehabilitand*innen, die sich mit Krücken oder Rollstuhl fortbewegen, vorzubeugen, wurden besondere Vorkehrungen getroffen.

Unabhängig davon, was im eigenen Therapieplan steht, alle "Krüppel und Lahmen“ müssen im Speisesaal 1 essen gehen. Dort werden sie bedient, ohne Ausnahme. Rollstuhlnutzer*innen werden extra Sitzplätze am Fenster zugeordnet, dort ist es immer schön luftig. Damit alle anderen Rehabilitand*innen nicht neidisch auf diesen Service werden, müssen sie im Nebenraum essen.

Ein wahrhaft exklusiver Service!

Und ich bin so glücklich: Endlich kann ich meinen ökologischen Fußabdruck vergrößern. Nicht nur Marmeladen, Butter etc. sind einzeln verpackt. Nein, auch alle Nachtische. Und wenn das noch nicht reicht, gehe ich in die Cafeteria und hole mir einen Kaffee to go im Pappbecher oder ein Softgetränk in der Plastikflasche.

Zum Essen sei noch gesagt: Sollte es jemals zu Engpässen in der Versorgung mit Möhren kommen, sind daran die Rehakliniken schuld. In allen vegetarischen warmen Speisen lungern mal kleinere, mal größere Stücke rum; sehr zu meiner Freude.

Doch genug vom Innenleben des Gebäudes. Gehen wir hinaus.

Im angrenzenden Wald kann man herrlich trainieren. Mutige nutzen die schmalen steilen Wege, die herab führen und beenden ggf. vorzeitig die Rehamaßnahme. Feige Leute wie ich suchen sich andere Wege in den Wald hinein. Doch aufgepasst! Unvermittelt nähert sich von links ein tolles Fotomotiv: Eine mit Moos bewachsene Wurzel, die aussieht wie eine Schildkröte. Und Zack von rechts: Ein plötzlich auftauchender Hügel, verursacht durch eine Baumwurzel, bringt mich fast seitlich zu Fall. Das trainiert das Herz-Kreislaufsystem!

Bildbeschreibung:

Foto in den Wald hinein. Sonne scheint, kurz vor der Dämmerung. Viel Laub liegt auf dem Boden, die Szene ist von Bäumen umgeben. Rechts ist ein Stück eines Baumes zu sehen. Links daneben die vermeintliche Schildkröte. Links davon ein bemooster Stein.

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scr3469